Biohandel

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Nahrungsmittelpreise

Bioläden sind nicht immer teurer. Doch sollten sie das auch kommunizieren?

Die Preissteigerungen bei Lebensmitteln bekommt insbesondere der Naturkostfachhandel zu spüren: Die Kundschaft bleibt aus oder kauft weniger. Dabei sind Bioläden mitunter günstiger als mancher Discounter.

Zum Auftakt der Biofach an diesem Dienstag gab es süß-saure Nachrichten für den Naturkostfachhandel. Die gute Botschaft: Im ersten Halbjahr gaben Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland 35 Prozent mehr für Bio-Frischeprodukte aus als im ersten Halbjahr 2019, wie die BÖLW-Vorstandsvorsitzende Tina Andres bei der Eröffnungs-Pressekonferenz der Messe mitteilte. Grund seien insbesondere Steigerungen bei der Absatzmenge gewesen.

Die weniger gute Nachricht jedoch ist: Bio kauften viele Menschen zuletzt verstärkt im LEH oder Discount, und dort eher die günstigeren Handelsmarken. Das spürt auch und vor allem der Fachhandel – die Kundschaft bleibt aus oder kauft weniger. Laut den Zahlen des aktuellen BioHandel-Umsatzbarometers gingen die Umsätze von Anfang Januar bis Ende Juni 2022 um 14,9 Prozent gegenüber den ersten sechs Monaten des Vorjahres zurück. Der Grund scheint vor allem ein Vorurteil zu sein: Wenn alles teurer wird, kann man sich den Einkauf im Bioladen erst recht nicht mehr leisten. Doch ist das wirklich so?

Vor allem die steigende Inflation zwingt viele Menschen, beim Einkaufen genauer auf den Preis zu schauen. Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke verteuerten sich im Juni für die privaten Haushalte um 11,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) Mitte Juli mit. Grund dafür sind unter anderem ein Mangel an Rohstoffen und Verpackungsmaterialien sowie gestiegene Kosten für Fracht, Energie und Löhne – vieles davon verursacht durch den Klimawandel sowie die Corona-Pandemie und zusätzlich forciert durch den Krieg in der Ukraine. Berechnungen der Allianz zufolge haben sich die Preise für landwirtschaftlich erzeugte Lebensmittel in der Eurozone im vergangenen Jahr um 31 Prozent verteuert. Für 2022 rechnet der Versicherungskonzern mit einem weiteren Anstieg der Preise um 23 Prozent.

In Deutschland stellt sich die große Mehrheit der Verbraucherinnen und Verbraucher darauf ein, künftig noch mehr Geld für Lebensmittel ausgeben zu müssen. Laut einer gerade erst veröffentlichten repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des Lebensmittelverbands Deutschland und der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) befürchten 90 Prozent der Bundesbürger weiter steigende Lebensmittelpreise. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass es dabei aber mitunter deutliche Unterschiede zwischen konventionell hergestellten und Bio-Erzeugnissen gibt.

Entwicklung der Verbraucherpreise bei Bio- und konventionell hergestellten Lebensmitteln

Zahlen der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft (AMI) zufolge hat sich konventionelle Frischware in den ersten sechs Monaten des Jahres im Vergleich zu 2021 um durchschnittlich acht Prozent verteuert. Bei Bio betrug die Steigerung der Verbraucherpreise demnach nur 5,2 Prozent. Die größten Preistreiber waren Kartoffeln und Rindfleisch, die der AMI zufolge auch am konventionellen Markt Spitzenpositionen belegten. Bei Jungbullen hatten die konventionellen Erzeugerpreise die Bio-Preise zwischenzeitlich sogar überholt. Auch die Erzeugerpreise für konventionelle Milch entwickelten sich der AMI zufolge seit Anfang 2021 dynamischer als für Bio-Milch.

Im Naturkostfachhandel sind die Preise zwar ebenfalls gestiegen, sagt Fabian Ganz vom Marktforschungsunternehmen Biovista. Doch auch dort fallen Aufschläge mitunter moderater aus als im LEH und Discount. Laut Biovista-Daten kostete das Sonnenblumenöl einer großen Bio-Firma Anfang 2020 noch 5,99 Euro, im Herbst 2021 dann 6,40 Euro und im Mai dieses Jahres 7,10 Euro – eine Preissteigerung von insgesamt etwas mehr als einem Euro. Bei anderen Fachhandelsanbietern beträgt der Mehrpreis laut Biovista noch weniger.

Bio-Fachhandel ist teilweise günstiger als der Discount

Im Vergleich dazu explodierten die Preise für konventionelles Sonnenblumenöl im LEH und Discount förmlich. Medienberichten zufolge verteuerte sich das Produkt der Marke „Herr Edelmann“ von 1,39 pro Liter im Herbst 2021 auf 4,99 Euro im Mai – ein Aufschlag von 3,60 Euro pro Flasche. Bei Aldi Süd war das günstigste konventionelle Sonnenblumen-Öl in einer Frankfurter Filiale zuletzt für 3,99 Euro ausgeschrieben. Zum Vergleich: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite verkauft Bio-Filialist Denns einen Liter seiner Eigenmarke derzeit für 3,58 Euro.

Bei anderen Fachhandelssortimenten zeigt sich den Biovista-Daten zufolge ein ähnliches Bild: Das Müsli eines großen Herstellers etwa verteuerte sich seit Anfang 2020 um einen Euro. Und bei der vermeintlich teuer gewordenen Naturkosmetik blieb der Preis bei manchen Produkten nahezu gleich, andere kosteten im Mai 2022 einen Euro mehr als knapp zweieinhalb Jahre zuvor.

Günstiger als der Discount ist der Fachhandel derzeit auch bei Bio-Milch. So erhöhte sich der Liter-Preis für Vollmilch bei einem der größeren Fachhandelsanbieter während der ersten Corona-Hochphase 2020 von 1,30 Euro auf 1,40 Euro, machte dann im Herbst 2021 einen weiteren Sprung auf gut 1,50 Euro und stieg im Laufe 2022 bis Mai auf rund 1,60 Euro an. Bei Aldi kostet ein Liter Vollmilch der Eigenmarke „Gut Bio“ nach der kürzlich verkündeten Preiserhöhung um fast 50 Prozent auf 1,69 Euro nun neun Cent mehr als im Fachhandel. Bioland beziffert einen vollkostendeckenden Verkaufspreis für Bio-Rohmilch auf Erzeugerebene derzeit zwischen 68 und 73 Cent je Kilogramm.

Auch versteckte Preiserhöhungen im Naturkostfachhandel kann Fabian Ganz bei Milch nicht erkennen – im Gegenteil: Ein Großhändler hat den Biovista-Zahlen zufolge zu Beginn des Jahres das 250 Milliliter-Gebinde Milch seiner Eigenmarke aus dem Sortiment genommen und bietet jetzt stattdessen ein Vier-Liter-Gebinde an – zu einem günstigeren Preis pro Liter. „Natürlich summieren sich auch geringe Preiserhöhungen und sorgen für einen höheren Bon an der Kasse“, sagt Fabian Ganz. Aber die Steigerungen liegen zum Teil deutlich unter denen des LEH.

Sollte Fachhandel mit Preisen werben? Ja und nein!

Aus Sicht der Bioläden stellt sich nun womöglich die Frage: Sollte man offensiv damit werben, dass die Preise für viele Produkte im Bioladen weniger stark steigen oder sogar mitunter günstiger sind als im LEH oder beim Discounter?

Ja, sagt Achim Spiller, Professor für Lebensmittel- und Agrarprodukte-Marketing an der Georg-August-Universität Göttingen. Die aktuelle Entwicklung im Lebensmitteleinzelhandel sei „eine Chance für den Bio-Fachhandel, sein Preisimage zu verbessern“, sagt er im Interview mit BioHandel. Verbraucherinnen und Verbraucher seien derzeit besonders preissensibel und hochgradig verunsichert durch die Inflation, steigende Preise und der Angst vor Energienachzahlungen, so Spiller, der seit 2020 auch Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbrauchschutz ist. Deshalb sei es für den Bio-Fachhandel „eine gute Gelegenheit, zu kommunizieren, dass die Preisabstände (zum LEH und Discount, die Red.) im Moment teils gar nicht so groß sind“. Spiller rät Bio-Händlerinnen und -Händlern dazu, jetzt aktiv Werbung zu betreiben und nicht einfach darauf zu vertrauen, dass die Kunden weiterhin von sich aus in ihren Laden kommen.

Übertreiben sollten es die Läden mit einer preisgetriebenen Werbung aber auch nicht: „Qualität und Preis gehören bei Bio zusammen“, sagt Spiller. Er empfiehlt Bioläden deshalb unter anderem, zu kommunizieren, wenn Verbandsware besonders günstig angeboten werden könne. Oder dass es Tierwohl für einen besonders geringen Aufschlag gebe. Auch Milchprodukte eigneten sich dazu, über den Preis zu argumentieren, weil Verbraucherinnen und Verbraucher hier „eine einigermaßen gute Preiskenntnis“ hätten, so Spiller. „Das ist beispielsweise bei Frischmilch, Butter oder jungem Gouda der Fall.“

Anders als Achim Spiller rät Manuel Wätjen, Experte für Preisstrategien und Vertriebsoptimierung bei der Unternehmensberatung Vocatus, den Fachhändlern dazu, das Thema Preis nicht stärker in den Vordergrund zu rücken. Für sinnvoller hält er es, den Mitarbeitern mit direktem Kundenkontakt „Argumentationshilfen an die Hand zu geben, damit sie angemessen reagieren können, wenn sie im Laden auf die steigenden Preise angesprochen werden“, sagt er im Interview mit BioHandel. „Zumindest bei einigen Referenzprodukten sollten sie darüber informieren können, um wieviel Prozent die Preise für Rohstoffe und Verpackungen gestiegen sind und wie sehr die höheren Transport- und Energiekosten ins Gewicht fallen. Das sorgt für Vertrauen, Verständnis und Glaubwürdigkeit.“

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Wie lange die derzeitige Entwicklung noch anhalten wird, ist schwer abzuschätzen. Der BNN geht davon aus, dass der Preisabstand zwischen konventionellen und Bio-Lebensmitteln „in den kommenden Wochen weiter schmelzen wird“, so Geschäftsführerin Kathrin Jäckel im Interview mit Schrot&Korn.

Ein Grund dafür, dass die Preise für Bio-Lebensmittel bislang weniger stark gestiegen sind als die von konventionell hergestellten Produkten, sind unter anderem die oftmals regionalen Bezugsquellen für Rohstoffe. „Wer kurze Transportwege hat, ist klar im Vorteil“, sagt Fabian Ganz im Hinblick auf die gestiegenen Benzin- und Frachtkosten. Ein weiterer Vorteil von Bio ist der Verzicht auf synthetische Dünger und Pestizide, deren Beschaffung sich ebenfalls deutlich verteuert hat. Hinzu kommen langfristige Liefervereinbarungen, die Bio-Hersteller und -Erzeuger bereits geschlossen hatten, bevor die Preise durch die Decke gingen. Doch insbesondere dieser Vorteil hat ein Verfallsdatum.

Ein bekannter Hersteller von Gewürzen, Kräutern und Tee hat die meisten Preise für die Ernten in diesem Jahr bereits erhalten. „Die Preissteigerungen sind zum Teil deutlich und gehen bis zu 20 Prozent“, teilt das Unternehmen auf BioHandel-Anfrage mit und betont, dass es ihm in dieser besonderen Krisenzeit nicht darum gehe, mit seinen jahrelangen Partnern „möglichst langfristige Kontrakte zu machen, die aufgrund aktueller Änderungen nicht eingehalten werden können, ohne dass landwirtschaftliche Betriebe gefährdet werden.“ Das sei kontraproduktiv, „da die Zukunft unserer landwirtschaftlichen Partner so nicht gesichert werden kann.“

Experten rechnen mit Nachholeffekten bei Ladenpreisen

Im Mai sind die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte aus Deutschland Destatis zufolge um 36 Prozent höher gewesen als ein Jahr zuvor. Im April betrug der Unterschied plus 40 Prozent. Das ist deutlich mehr als die knapp zwölfprozentige Verteuerung der Verbraucherpreise im Juni. „Die Einzelhandelspreise für Lebensmittel spiegeln bei weitem nicht die gestiegenen Preise für die Herstellung wider“, schreibt die Allianz in ihrem Ende Mai veröffentlichten Report „European food inflation: and the looser is the consumer“.

Die Marktbeobachter gehen davon aus, dass es im Lebensmittelhandel insgesamt zu Nachholeffekten kommen werde. Die Vergangenheit habe bereits gezeigt, dass bei einer starken Inflation die Handelspreise mit einigem Abstand zu den Herstellungspreisen anzögen. „Die hohe Inflation in Verbindung mit dem Rückgang des Lebensmittel-Absatzes in den Geschäften nach der Pandemie wird Druck auf die Rentabilität des europäischen Lebensmitteleinzelhandels ausüben“, schreibt die Allianz und prognostiziert eine „allgemein hohe Umwälzung auf die Verbraucherpreise“.

In Deutschland dürften die Menschen in Zukunft also noch genauer auf den Preis schauen. Laut der Civey-Studie für den Lebensmittelverband Deutschland und die BVE achten 67,4 Prozent der Befragten in erster Linie darauf, was das Produkt kostet. „Noch im aktuellen Ernährungsreport des Bundesministeriums steht der Geschmack an erster Stelle. So, wie es nahezu immer war“, so Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der beiden Verbände. „Aber der Erhebungszeitraum war zu Beginn des Krieges. Jetzt, über drei Monate später, sind die Kriegsfolgen deutlich spürbar und die Menschen stellen offenbar ihre Bedürfnisse darauf ein.“ Die gute Nachricht: Das Thema Nachhaltigkeit ist laut der Umfrage auch in der aktuellen Krisensituation für jeden vierten Kunden weiterhin ein wichtiges Thema. Und: Immerhin fast jeder Dritte (30,3 Prozent) achtet auch jetzt am ehesten auf Bio-Qualität beim Einkaufen.

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