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Bio und sein Preis

Zu teuer? Häufig geht es beim Thema Bio-Lebensmittel um diese Frage. Doch da verändert sich gerade etwas. Und es könnte erst der Anfang sein.

19,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor kosteten im Oktober Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke in Deutschland. Die Preissteigerungen betreffen auch den Naturkostfachhandel, wenngleich auch weniger stark als bei den konventionellen Anbietern. Tatsächlich sinkt momentan der Preisabstand zwischen konventionellen und Bio-Lebensmitteln, weil Bio sich weniger stark verteuert. Jüngstes Beispiel: Kartoffeln.

Gründe für günstigeres Bio sind unter anderem die Energiepreise und die Kosten für Kunstdünger, die die konventionelle Produktion teurer machen. Und zum Teil auch deutliche Unterschiede bei den Preisaufschlägen. So haben insbesondere die Discounter zuletzt den verstärkten Zulauf von preissensiblen Verbraucherinnen und Verbrauchern dazu genutzt, ihre Preise anzuheben. Der Discount war die einzige Vertriebsform, die seit Januar mit Bio ein Umsatzplus einfahren konnte. Bis August waren es 13,2 Prozent, im September war das Plus immerhin noch einstellig, wie Daten der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) zeigen.

„Bio leidet unter dem Hochpreisimage“, erklärte Katrin Zander, Professorin für Agrar- und Lebensmittelmarketing, Mitte Oktober bei den Öko-Marketingtagen die Wanderbewegung von Käufern aus dem Fachhandel und LEH hin zu Discountern. Angesichts der angespannten Wirtschaftslage tendieren Verbraucher dazu, beim Einkaufen zu sparen. Zumindest glauben sie, dass sie sparen. Denn Bio ist zum Teil günstiger als konventionelle Ware. „Wir zahlen zurzeit 62 Cent für Demeter-Milch, während der Preis für konventionelle Milch bei 65 Cent liegt,“ sagte Friedemann Vogt, Geschäftsführer der Molkerei Schrozberg, auf der gleichen Veranstaltung.

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Um 30 Prozent Bio bis 2030 zu erreichen, müssen noch viel mehr Verbraucher von Bio überzeugt werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der LEH. Und der hat seine ganz eigenen Strategien.

„Ist Bio zu teuer?“ übertitelte Katrin Zander ihren Vortrag. Ihr Fazit: Nein, ist es nicht. Preise können zwar ein wichtiges Kaufhemmnis sein, aber Zahlungsbereitschaft hänge mehr davon ab, welchen Mehrwert oder Nutzen Verbraucherinnen und Verbraucher von einem Produkt erwarten. Ein wichtiger Entscheidungsfaktor sei das Vertrauen, das Kunden in den Verkäufer oder das Produkt setzen. Das zeige sich beispielsweise bei der Direktvermarktung. Zahlungsbereitschaft – und damit auch die Bereitschaft, Bio zu kaufen – steige mit emotionaler Bindung und guter Kommunikation. Katrin Zander empfiehlt, den Mehrwert von Bio zu kommunizieren und Bio in den konventionellen und modernen Medien zu erklären.

Schon seit längerem unterstützt die Biobranche Forderungen, die „wahren Preisen“ anzugeben. Die Argumentation: Bio-Lebensmittel sind teurer als konventionelle, weil konventionelle Erzeuger und der Handel die Kosten, die beispielsweise durch extensive Nutzung von synthetischem Dünger entstehen, externalisieren und die Allgemeinheit dafür aufkommen muss. Während Bio-Erzeuger beispielsweise geringere Erträge einfahren, weil sie auf Kunstdünger verzichten und damit der Allgemeinheit durch Umweltschäden verursachte Kosten ersparen.

Rudolf Bühler, Co-Veranstalter der Öko-Marketingtage und seit 40 Jahren Agraringenieur, fordert zum einen eine Pestizid- und Stickstoffsteuer und das Verursacherprinzip. Wer also Böden und Wasser verunreinigt, soll zumindest indirekt für den verursachten Schaden bezahlen. Und er fordert, den Landwirten ihre externen Leistungen nach Vorbild des Carbon-Farming zu vergüten. Wer durch seine Bewirtschaftungsform Humus aufbaut und Klimagase bindet, soll dafür bezahlt werden. Beispielsweise mit CO2-Zertifikaten, die andere Unternehmen zur Kompensation von Treibhausgas-Emissionen kaufen können.

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Bioläden sind nicht immer teurer. Doch sollten sie das auch kommunizieren?

Die Preissteigerungen bei Lebensmitteln bekommt insbesondere der Naturkostfachhandel zu spüren: Die Kundschaft bleibt aus oder kauft weniger. Dabei sind Bioläden mitunter günstiger als mancher Discounter.

„Lebensmittelpreise müssen wahre Preise sein“, forderte auch Marion Hoffmann von Lehmann Natur. Der BNN schlägt schon seit längerem vor, die Mehrwertsteuer für Bio-Lebensmittel zu senken. Der Verein True Cost Economy hat im September eine Petition an den Deutschen Bundestag in Gang gebracht, die null Prozent Mehrwertsteuer auf EU-Lebensmittel fordert. Burkhard Schmied, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, sieht das skeptisch: Die nicht ganz so erfolgreiche Senkung der Energiepreissteuer im Juni habe gezeigt: Man kann die Händler nicht verpflichten, die Einsparungen durch niedrigere Steuern an die Kundschaft weiterzureichen. Schmied plädiert eher dafür, „andere Produkte zu verteuern“.

Man könnte die Regionalwertleistungen an Landwirte auszahlen, zusätzlich zum Preis für die Rohware. Das schlägt Johannes Ehrnsperger, Geschäftsführer der Neumarkter Lammsbräu vor. Der Bio-Bierbrauer erfasst und bewertet seit einiger Zeit in einem Pilotprojekt die Nachhaltigkeitsleistungen von Bio-Landwirten, die die Brauerei beliefern. Das könne die Landwirte motivieren, ihre Bemühungen um Nachhaltigkeit weiter zu verbessern, so Ehrnsperger.

Johannes Huober, Geschäftsführer des Getreideverarbeiters Erdmannhauser, berichtete, das Unternehmen berechne neuerdings ebenfalls die Regionalwertleistungen seiner Lieferanten. Der Gründer der Regionalwert Leistungen GmbH, Christian Hiß, hat sich hingesetzt und ein passendes Online-Tool und Vergütungsmodelle entwickelt. Sein Credo: „Wir müssen Leistungen für die Umwelt aus dem Produktpreis rausholen“.

Das konsequente Streben hin zu wahren Preisen könnte womöglich irgendwann dazu führen, dass Bio auf breiter Front und dauerhaft günstiger ist, als konventionelle Ware. Doch damit käme auch eine neue und große Herausforderung auf die Akteure zu: nämlich den Verbraucherinnen und Verbrauchern wider des Gelernten zu erklären, dass billiger gleichzeitig auch besser ist.

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