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Gastkommentar von Sibylle Albrecht

Bio-Produkte im LEH können auch eine Chance sein

Bio im LEH wird immer stärker. Darüber kann sich der Fachhandel ärgern, oder trotz der Herausforderungen positiv in die Zukunft blicken – wie Sibylle Albrecht, Ladeninhaberin und Beraterin für die Bio-Branche.

11.08.2020 vonSibylle Albrecht

Seit eineinhalb Jahren besteht die Partnerschaft von Lidl mit Bioland.

Bio im LEH wird immer stärker. Darüber kann sich der Fachhandel ärgern, oder trotz der Herausforderungen positiv in die Zukunft blicken – wie Sibylle Albrecht, Ladeninhaberin und Beraterin für die Bio-Branche.

Ein Jahr Partnerschaft mit Bioland und schon mehr als 50 Bioland-Artikel im Sortiment – Lidl feiert sich selbst. Im Februar war es ein Jahr her, dass die Kooperation zwischen Lidl und Bioland für großen Aufruhr in der Branche sorgte. Jan Plagge reiste in seiner Funktion als Bioland-Präsident durch Deutschland, stellte sich der aufgebrachten Bio-Community, erklärte sich, sorgte für Transparenz.

Honig zum Einkaufspreis

Gewachsene regionale Beziehungen und ein regionales Sortiment könnten als Alleinstellungsmerkmal für den Bio-Fachhandel dienen. Ist das so? Im Laufe des vergangenen Jahres schickte mir eine Mitarbeiterin ein Bild aus einem Supermarkt. Dort stand der Bioland-Honig unseres regionalen Lieferanten. Das wäre weiter nicht erwähnenswert, hätte einem das Preisschild nicht die Tränen in die Augen getrieben.

Der Honig wurde nahezu zu unserem Einkaufspreis verkauft. Aus einer anderen Quelle kommt mir das Statement eines Filialleiters aus dem konventionellen Einzelhandel zu Ohren: „An regionalen Bio-Produkten müssen wir nichts verdienen. Sie sind für uns nur Marketing!“ Alles Einzelfälle? Ich erlebe es immer wieder – kaum haben wir ein regionales Produkt für uns entdeckt, steht es über kurz oder lang in einem der umliegenden Supermärkte und das oftmals zu Preisen, bei denen wir nicht mithalten wollen und auch nicht können.

Um Missverständnissen vorzubeugen – ich finde es gut, dass Bio in der Gesellschaft angekommen ist. Bio-Produkte im konventionellen Handel sind auch eine Chance für mehr Kunden im Fachhandel. Trotz der positiven Branchenentwicklung im vergangenen Jahr und der sicher für viele Akteure der Branche enormen Umsatzzuwächse als Folge von Corona – wir befinden uns nach wie vor in einer Krise.

Die Umsatzrenditen vieler kleiner und mittlerer Läden kennen seit Jahren nur eine Richtung – nach unten! Regionale Sortimente alleine helfen uns da nicht weiter! Die Art wie wir unsere Zusammenarbeit über die Handelsstufen hinweg organisieren, die über die Jahre gepflegte Individualität des Fachhandels drohen zum Stolperstein zu werden. Aber sind Vielfalt, Individualität, Glaubwürdigkeit, Einkaufserlebnis, persönliche Ansprache nicht genau die Merkmale, die unsere Kunden an uns schätzen? Sind Individualität und Effizienz unvereinbar?

Unsere kleine Bio-Welt löst sich auf

In meiner Funktion als Beraterin für die Biobranche habe ich viele konventionelle Akteure kennen gelernt. Die Wertebasis im konventionellen Handel ist in einigen Bereichen für mich mehr als fragwürdig.

Gleichzeitig beobachte ich, dass es im konventionellen Handel vielversprechende Ansätze gibt, die es kleinen Fachhändlern ermöglichen könnten ihre Existenz langfristig zu sichern, und das ganz ohne die eigenen Werte und die Individualität aufgeben zu müssen. Der Zukunftsforscher Matthias Horx schreibt im Rahmen der Coronakrise: „Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert ... Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zu-sammen, deren Formung wir zumindest erahnen können.“

Auch unsere kleine Bio-Welt, wie wir sie kennen, löst sich auf. Matthias Horx bietet uns dafür eine Übung an, mit der er in Visionsprozessen für Unternehmen gute Erfahrungen gemacht hat. Dabei schaut er von der Zukunft aus zurück ins Heute. Er nennt das REG-nose im Gegensatz zur PRO-Gnose.

Biofach 2025 – wir werden uns wundern

Wir stellen uns vor, es ist das Jahr 2025. Es ist wieder Biofach. Wir sitzen im Fachhandelstreff oder bei Bioland und trinken Kaffee. Wie wird das wohl sein? Welchen Menschen werden wir dort begegnen? Welche Akteure sind verschwunden? Welche vielversprechenden neuen Ideen haben sich etabliert? Über was werden wir uns im Jahr 2025 rückblickend wundern?

Wir werden uns wundern. Regionale und nationale Kooperationen, die viele 2020 für unmöglich gehalten haben, sind heute gelebte Praxis. Das, was uns damals als Verzicht auf Individualität erschien, hat uns ganz neue Möglichkeiten eröffnet.

Wir sind 2025 als Branche in der Lage, Werte im Lebensmittelhandel mit zu bestimmen und zu gestalten. Unseren Mitarbeitern können wir einen Stundenlohn zahlen, der deutlich über Mindestlohn liegt. Damit ist faire Bezahlung auch im Bio-Fachhandel angekommen.

Am Ende des Monats ist selbst bei kleinen Fachhändlern noch Geld übrig, das wahlweise für Zukunftsinvestitionen, den eigenen Urlaub oder die Alterssicherung herhalten kann. Eingeführte, erfolgreiche Läden werden inzwischen mit einer soliden finanziellen Basis, auf relativ aktuellem (technischen) Stand an mögliche Nachfolger übergeben.

Waren wir früher oft auf uns gestellt, wenn es darum ging eine erfolgreiche Marketing-Strategie zu entwickeln und umzusetzen, das Sortiment immer aktuellen Trends anzupassen, rechtliche Fragen zu klären oder wegen Corona Mund- und Spuckschutz zu beschaffen, haben wir einen starken Branchenverband im Rücken, der viele Themen, die alle betreffen, für uns vorbereitet.

Regional haben sich Kooperationen gebildet, die Kunden, Erzeuger und den Handel einbeziehen. Kleinere Läden haben Genossenschaften gegründet und unterstützen sich im Urlaubs- oder Krankheitsfall gegenseitig personell. Einige Großhändler arbeiten auf logistischer Ebene zusammen und haben ihre Spezialisierungen ausgebaut.

So geht Zukunft!

Zu schön, um wahr zu sein? Sicher bedeutet das für uns alle Veränderung. Aber haben wir das nicht gerade in der Corona-Welt meisterlich eingeübt? Rückwärts staunen statt vorwärts Probleme wälzen! So geht Zukunft! Ich jedenfalls freue mich drauf.

Sibylle Albrecht besitzt selbst einen Bioladen und ist darüber hinaus als Beraterin in der Branche tätig.

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