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Kathrin Jäckel im Interview

„Planet-Score und Eco-Score sind zwei gegensätzliche Konzepte“

Die Diskussion über ein Nachhaltigkeitssiegel ist in vollem Gange. Kathrin Jäckel, Geschäftsführerin des Bundesverband Naturkost Naturwaren, über den Label-Dschungel und die Gründe dafür, weshalb der BNN den Planet-Score auf Lebensmitteln befürwortet.

22.04.2022 vonKatrin Muhl

Kathrin Jäckel: „Wir sind nah an den Wünschen der Verbraucher:innen dran.“

Die Diskussion über ein Nachhaltigkeitssiegel ist in vollem Gange. Kathrin Jäckel, Geschäftsführerin des Bundesverband Naturkost Naturwaren, über den Label-Dschungel und die Gründe dafür, weshalb der BNN den Planet-Score auf Lebensmitteln befürwortet.

Frau Jäckel, derzeit wird viel über eine Nachhaltigkeitskennzeichnung für Lebensmittel diskutiert. Gibt es denn nicht schon genug Produkt-Labels?

Kathrin Jäckel: Als Vertretende von Bio-Unternehmen auch aus dem Bereich Herstellung sehen wir es natürlich auch kritisch, immer neue Labels auf die Produkte zu bringen, denn die Gefahr, dass dies die Verbrauchenden überfordern könnte, schwingt mit. Da der BNN auch den Handel vertritt, sind wir jedoch auch nah an den Wünschen der Verbrauchende dran. Angesichts des aktuellen Label-Dschungels wünschen sich die Verbrauchenden mehr Orientierung. Diesem Wunsch kommt die Politik auf EU-Ebene bereits nach. Daher stellt sich uns im Augenblick weniger die Frage nach dem Ob, sondern vielmehr nach dem Wie.

Was ist denn seitens der EU hier konkret geplant?

Die EU-Kommission plant, im Rahmen der Farm-to-Fork-Strategie bis 2024 konkrete Vorgaben für ein einheitlich geregeltes Nachhaltigkeitslabel zu entwickeln. Ziel ist es, die Verbrauchende in die Lage zu versetzen, sich für nachhaltig hergestellte Lebensmittel entscheiden zu können sowie Greenwashing zu verhindern. Die EU-Kommission reagiert hier auf den deutlichen Wunsch der Verbrauchenden. Mehr als die Hälfte der EU-Bürger wünschen sich mehr Angaben dazu, welche Umweltauswirkungen ihre Lebensmittel haben.

Der BNN hat sich in der Diskussion um Nachhaltigkeitslabels für Lebensmittel klar für den Planet-Score ausgesprochen. Warum?

Der BNN setzt sich für den Planet-Score ein, um Greenwashing-Labels wie dem Eco-Score wirksam zu begegnen. Nach unserem Kenntnisstand ist nur der Planet-Score bisher in der Lage, eine umfassende und zugleich transparente Bewertung von Lebensmitteln vorzunehmen. Ein wesentlicher Vorteil des Planet-Score gegenüber dem Eco-Score besteht darin, dass der Planet-Score die Lebenszyklusanalyse zusätzlich korrigiert und zudem um fehlende Indikatoren erweitert. Der Planet-Score ist im Vergleich zu anderen Labels einzigartig. Durch die zusätzliche Darstellung der einzelnen Bewertungskriterien Pestizide, Biodiversität, Klima und Tierwohl versetzt der Planet-Score Verbrauchernde in die Lage, eine individuelle, ihren eigenen Kriterien entsprechende Kaufentscheidung zu treffen.

Erweiterte Lebenszyklusanalyse (LCA)

Der Planet-Score und der Eco-Score verwenden als Grundlage die Daten der französischen Agribalyse-Datenbank, in der der ökologische Fußabdruck von Produkten (sogenannter „Product Environmental Footprint“ – PEF) registriert ist. Bei PEF handelt es sich um eine Lebenszyklusanalyse (LCA), die die potenziellen Umweltwirkungen und die Energiebilanz von Produkten während des gesamten Lebensweges betrachtet.

Der BNN kritisiert die PEF-Methodik, weil sie insbesondere auf der Ebene der Agrar- und Lebensmittelsysteme die Öko-Bilanz nicht vollumfänglich abbilde. Daher sei es dem Verband zufolge notwendig, die LCA-Daten mit weiteren Indikatoren zu ergänzen, um transparent über alle positiven und negativen Auswirkungen der Lebensmittelproduktion informieren zu können.

Der BNN befürwortet deshalb den Planet-Score, weil dieser im Gegensatz zum Eco-Score die LCA korrigiere und fehlende Indikatoren ergänze. Diese erweiterte Lebenszyklusanalyse könne dem Verband zufolge die Umweltauswirkungen aussagekräftiger und vollständiger abbilden.

Hat das System auch Schwächen?

Das hängt ganz von der Erwartungshaltung ab. Der Planet-Score bewertet die ökologische Nachhaltigkeit von Lebensmitteln. Bisher ist die soziale Komponente der Nachhaltigkeit hier noch nicht berücksichtigt. Zudem hat der Planet-Score dieselbe Schwäche, die alle aktuell in der Nachhaltigkeitsdebatte diskutierten Labels haben: Sie basieren zunächst auf generischen Daten. Im Gegensatz zu spezifischen Daten, die individuell eingepflegt werden, sind generische Daten verallgemeinernd. Der Planet-Score ist allerdings in der Lage, weil er mit einer erweiterten Lebenszyklusanalyse arbeitet, solche individuellen Daten auch in gewisser Weise zu berücksichtigen.

Lidl hat im vergangenen Jahr in Deutschland den Eco-Score getestet. Was kritisieren Sie am Eco-Score?

Unsere zentrale Kritik ist: Der Eco-Score fördert eine intensive Land- und Lebensmittelwirtschaft.

Warum ist das so?

Der Grund liegt darin, dass der Eco-Score bei seiner Bewertung keine Korrektur in der Lebenszyklusanalyse (LCA) vornimmt. Die reine LCA fördert intensive landwirtschaftliche Praktiken, sowohl im Anbau als auch bei der Tierhaltung. Das liegt darin, dass alle schädlichen Auswirkungen auf das Kilogramm des Produktes heruntergebrochen werden.

Könnten Sie das an einem Beispiel konkretisieren?

Ja, gerne. Um die Punktzahl der LCA zu verbessern, müssen die Tiere so kurz wie möglich und auf so wenig Fläche wie möglich leben. Ebenso müssen Weizen oder Wein für gute Umweltpunktzahlen mit dem maximalen Ertrag produziert werden, der nur mit intensiven konventionellen Methoden, also durch den Einsatz von Pestiziden oder mineralischen Stickstoffen und auf Gebieten mit entsprechendem Ertragspotenzial erreichbar ist. Die positiven Auswirkungen der biologischen oder extensiven Produktion auf die Umwelt und das Tierwohl werden hingegen bei der LCA gar nicht berücksichtigt. Da der Eco-Score keine Korrektur in der LCA vornimmt, gelten die Kritikpunkte an der LCA genauso für den Eco-Score.

Neue Labels und Plattformen sollen das Einkaufen nachhaltiger machen

Die Discounter Lidl und Netto wollen ihren Kunden mit neuen Nachhaltigkeits-Labels mehr Orientierung beim Einkauf geben. Das Land Bayern tüftelt derweil an einem „Nachhaltigen Einkaufsassistenten“.

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In Frankreich testet Lidl den Planet-Score. Bei der Veranstaltung „Lidl im Dialog“ zeigte sich der Discounter offen für „das Beste aus beiden Varianten“. Was halten Sie von einer solchen Mischvariante?

Der Planet-Score ist aus unserer Sicht derzeit die beste Variante, um Greenwashing-Labels wie dem Eco-Score in der Lebensmittelwirtschaft zu begegnen. Mit dem Planet-Score und dem Eco-Score stehen sich zwei gegensätzliche Konzepte gegenüber, da wird es schwierig, das Beste aus beiden Varianten zu verknüpfen. Der Eco-Score fördert eine intensive Land- und Lebensmittelwirtschaft. Das Konzept des Planet-Scores setzt gezielt auf die ökologische Transformation. Dementsprechend bewertet der Planet-Score extensive Landwirtschaftspraktiken besser als intensive Landwirtschaft, das gilt auch für Tierhaltungspraktiken.

Ist die optimale Lösung vielleicht noch gar nicht gefunden?

Wir befinden uns in Deutschland derzeit noch ganz am Anfang der Diskussion um die Nachhaltigkeitskennzeichnung von Lebensmitteln. Bisher liegen auch noch nicht einmal Informationen seitens der EU-Kommission vor, was für ein Label es grundsätzlich werden soll: Klima-, Umwelt- oder Nachhaltigkeitslabel. Auch die Label-Formate, die es bereits gibt, befinden sich in der Testung.

In jedem Fall ist die Diskussion um „das beste Nachhaltigkeitslabel“ in vollem Gange. Was muss passieren, dass diese auch Früchte trägt?

Für uns ist klar, dass der Weg zur ökologischen Transformation auch über veränderte Ernährungsgewohnheiten führt, doch dazu braucht es klare Informationen. Die Politik hat im Koalitionsvertrag klar das Ziel ausgegeben, die Land- und Lebensmittelwirtschaft ökologisch zu transformieren. Wir wünschen uns, dass sie dieses selbst gesteckte Ziel auch ernst nimmt und den kommenden Prozess konsequent steuert. Statt die Entwicklung dem privatwirtschaftlichen Wettbewerb zu überlassen, sollte die Bundesregierung über die verschiedenen Modelle aufklären, Studien beauftragen und den Prozess durch ein wissenschaftliches Gremium begleiten lassen.

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