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BÖLN-Studie

Bio-Siegel spielt für viele Weinkäufer keine Rolle

Die Mehrheit der deutschen Weintrinker legt keinen Wert auf Bio. Nicht wenige halten ein entsprechendes Siegel gar für Verbrauchertäuschung, zeigt eine Studie des BÖLN. Hersteller und Händler von Bio-Weinen stellt das vor Herausforderungen.

In den vergangenen Jahren führten die Deutschen stets eine Weltrangliste an: Nirgendwo sonst trank die Bevölkerung mehr Bio-Wein als hierzulande. Auch im vergangenen Jahr lag die Biertrinker-Nation hier vorne – wenn auch nur noch knapp vor Dauerverfolger Frankreich. Stimmen die Zahlen und Prognosen, die der französische Bio-Winzerverband Sud Vin Bio gemeinsam mit dem britischen Marktforschungsinstitut IWSR regelmäßig veröffentlicht, dann trinkt sich das Nachbarland in diesem Jahr zum ersten Mal auf Platz 1.

Dass die Deutschen sich so lange an der Spitze dieser Weinrangliste halten konnten, überrascht. Denn eine aktuelle Untersuchung des BÖLN attestiert ihnen eine gewisse Abneigung gegen Wein aus ökologischem Anbau. „Das Attribut ,Bio' spielt im Prozess der Weinkaufentscheidung keine Rolle“, heißt es dort. Für die Studie haben Wissenschaftler der Hochschule Geisenheim unter anderem Interviews mit Winzern und Einzelhändlern, darunter auch Bio-Ladner, geführt sowie Weinkonsumenten repräsentativ befragt.

Ein Ergebnis: Die meisten Konsumenten sind „Bio“ gegenüber „sehr skeptisch“ eingestellt. Außerdem wissen sie wenig über die Zertifizierung, heißt es in der Studie. „Dies führt zu einer Ablehnung gegenüber Bio-Wein, gerade bei der älteren, männlichen Zielgruppe.“

Deutsche trinken jedes Jahr mehr Bio-Wein

Lediglich vier Prozent von insgesamt 1375 befragten Weintrinkern gab demnach an, regelmäßig Wein mit einem Bio-Siegel zu kaufen. Dabei gibt es erhebliche Unterschiede in den Altersgruppen. Bei der „Generation Y“, die zwischen 1981 und 1995 geboren ist und der anschließenden „Generation Z“ überwiegt jeweils der Anteil der Bio-Weinkäufer. Bei den älteren Generationen ist es umgekehrt.

Dass die Deutschen regelrechte Bio-Wein-Verweigerer sind, geben öffentliche Zahlen nicht her. Im Gegenteil: Den Marktforschern von IWSR zufolge trinken sie jedes Jahr mehr ökologisch hergestellten Rot-, Weiß- oder Rosé-Wein. Die Zahl der konsumierten Flaschen stieg demnach von 85 Millionen im Jahr 2013 auf 152 Millionen 2020. Laut Berechnungen von Nielsen für das Deutsche Weininstitut kletterte im vergangenen Jahr der Umsatzanteil von Bio-Weinen am Gesamtweinmarkt auf vier Prozent. Und auch die Bio-Quote im deutschen Weinbau legte zuletzt auf 10,6 Prozent zu und war damit leicht höher als die der gesamten Bio-Landwirtschaft, die 2020 bei 10,5 Prozent lag.

Doch anders als bei Lebensmitteln, bei denen Verbraucher bewusst auf Bio-Siegel achten, zählen am Weinregal andere Dinge. Für die Mehrheit der Weintrinker sind beim Kauf Preis, Weinqualität, Sorte, oder das Image eines Weinguts wichtiger als der Nachweis der ökologischen Herstellung. Da verwundert es nicht, dass laut der Studie lediglich sechs Prozent das Ecovin-Siegel des Bundesverband Ökologischer Weinbau kennen.

Romantische Vorstellungen von der Weinproduktion

„Als reiner Spezialverband für Weinbau besetzen wir eine Nische und nur eine Produktgruppe“, erklärt Ecovin-Geschäftsführerin Petra Neuber gegenüber BioHandel den geringen Bekanntheitsgrad des Güte-Siegels. „Zudem sind die Weingüter die Marke, die gekauft wird, Ecovin ist nur der Zusatz.“ Dennoch sei sie schon etwas überrascht, „dass nach 36 Jahren Ecovin nur sechs Prozent der Weintrinker das Ecovin-Siegel kennen“. Deutlich bekannter waren den Befragten aufgrund ihrer Verbreitung die Siegel des Bundes (74 Prozent) und der großen Anbauverbände Bioland, Demeter und Naturland (zwischen 46 und 23 Prozent).

Hinzu kommt, dass gerade einmal 60 Prozent der Weinkonsumenten wissen, dass es Bio-Wein gibt. Das Getränk werde „generell als ,natürliches‘ Produkt angesehen und daher die Notwendigkeit von Bio nicht erkannt“, schreiben die Wissenschaftler. Dass auch Bio-Winzer Pflanzenschutzmittel einsetzen, um ihre Trauben vor Insekten, Pilzen oder Unkraut zu schützen – wenngleich sie mit Kupfer, Schwefel oder Bienenwachs keine chemisch-synthetischen Mittel spritzen –, habe Teilnehmer der Studie überrascht.

„Weinkonsumenten besitzen eine romantische Vorstellung von der Weinproduktion und sind sich dessen Aufwand nicht bewusst“, so die Autoren. Folglich sind sie auch nicht bereit, die Mehrkosten dafür zu tragen. 2017 lag IWSR zufolge der durchschnittliche Preis für eine verkaufte Flasche konventionell erzeugten Weines in Deutschland bei 3,23 Euro. Im Vergleich dazu war eine Flasche Bio-Wein für 5,31 Euro deutlich teurer.

Was Händler tun können

Mangelndes Wissen über Bio und die Bio-Weinproduktion fanden die Forscher aber auch bei den Weinhändlern. „Das verhindert eine aktive Nachfrage und Verständnis für höhere Preise und behindert gleichzeitig eine Aufklärung der Konsumenten“, so ihr Fazit.

Aus den Ergebnissen der Studie leiten die Autoren Handlungsempfehlungen vor allem für die Hersteller ab, wie die Vermarktung von Bio-Wein verbessert werden könnte. Aber auch Händler könnten etwas tun, um den Verkauf anzukurbeln.

Unter anderem raten die Studienautoren dazu, in der Kommunikation den Fokus auf die Fakten des Bio-Weinbaus zu richten, ohne allzu sehr in die Tiefe zu gehen. Dabei sollten verstärkt Werte thematisiert werden, um Kaufentscheidungen emotionaler zu gestalten. Vor allem bei der jüngeren und weiblichen Zielgruppe könne Aufklärung und Konfrontation mit den Fakten zu einer erhöhten Kauf- und Zahlungsbereitschaft von Bio-Wein führen.

Bei Bio-Wein aus Deutschland empfiehlt die Studie, auf Premiumqualität zu setzen und die Herkunft in den Mittelpunkt zu stellen. Denn der deutsche Bio-Wein sei in der Masse international auf Dauer nicht wettbewerbsfähig, weil dessen Anbau aufwendiger und teurer sei als in anderen Ländern.

Kommentare

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Markus Maaß

Mhhh,
die Redaktion hat es leider nicht geschafft, den -scheinbaren- Widerspruch zwischen Studie und Absatzzahlen aufzulösen. Ich glaube, der Schlüssel liegt im Weinmarkt als solchem: Viele Weingüter (egal ob bio oder konv) verkaufen hohe Mengen direkt, sogar hier im Norden inkl. persönlicher Auslieferung an die Kundschaft. Bei diesem Segment wird wie bei jeder Direktvermarktung eher der Hof und noch viel mehr die Person im Mittelpunkt stehen. Also fragt keiner nach Siegeln oder Qualitäten.
Im Bioladen gibt es idealer Weise keinen konventionellen Wein, aber meist ist der bioFH dann auch einer der größeren Weinanbieter vor Ort, wenn man die Ramschregale des LEH mal wegläßt. (da blitzen dann hier an zwei bis drei Flaschen unter gut 500 (* y) ein Biosiegel und das bei Qualitäten, die wir nicht mal zum Kochen benutzen würden) Es gibt sicherlich gute Weinangebote im LEH, aber das gilt doch wohl eher: die Ausnahme bestätigt die Regel
Der Abverkauf im Weinfachhandel hat (wie auch der LEH) idR kein großes Interesse an Bio oder sogar gegenläufiges Interesse: Wenn Bio das Beste wäre, wäre der Rest des eigenen Sortimentes ja eher Nepp, so blöd ist dann doch selten einer. Und einem Weinhändler gelingt es auch ohne bio ganz gut, alle Bedürfnisse mit klasse Marge zu bedienen.
Nicht zuletzt geht viele Bio-Flaschen-Weine in die Gastro, ist es für den cleveren Gastronom doch hier ohne Biozertifizierung möglich, sich ein Biomäntelchen anzuziehen: die Flaschenweine zeigen seinen (angeblichen) Anspruch und strahlen auf das (konventionelle) Speisesortiment ab.

Da ist dann auch schon fast klar, dass Ecovin keiner kennt (die anderen Biosiegel ja auch wohl eher von Lebensmitteln als vom Wein), weil das (kein) Siegel prominent abgebildet wird (außer ggfs Demeter) und an den Stellen, wo es Biowein gibt (BioFH und Weingüter) eh nicht die Frage ist, ob bio oder nicht.

Auch die Aussage zum Gesamtmarkt sind merkwürdig schräg: Klar ist es so, dass „die Mehrheit der deutschen Weintrinker keinen Wert auf Bio legt“, dass tun ja auch nicht die Lebensmittelkonsumenten, wir liegen ja noch irgendwo zwischen 5 und 10%. Was wäre es krass, wenn die Mehrheit Wert auf bio läge….. (sollen wir die Nachfrage mit dem Personal aus dem LEH bedienen?)
Aber hier liegt ja auch nicht das -angebliche- Problem. Und wenn ich sehe, wo der normale Konsument Bio und dann in welcher Qualität findet (egal ob älter, jünger, Frau oder Mann oder divers), dann brauchen wir uns doch auch nicht wundern, dass niemand von den LEH Stammkunden Biowein für etwas Erstrebenswertes hält.
Da wäre dann doch eher eine Imagekampagne hilfreich, wenn im Fernsehen zukünftig ausdrücklich Biowein genossen würde und jedes Mal der Hinweis käme, dass damit Hochwasser von jedem Weintrinker bekämpft werden könnte.

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