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Landwirtschaft

Weltweit fehlen Saisonkräfte

Nicht nur fehlende Erntehelfer machen Bio-Betrieben zu schaffen, hier und anderswo. Manche Märkte ändern sich und die Ärmsten trifft die Coronakrise am stärksten.

31.05.2020 vonLeo Frühschütz

Nicht nur fehlende Erntehelfer machen Bio-Betrieben zu schaffen, hier und anderswo. Manche Märkte ändern sich und die Ärmsten trifft die Coronakrise am stärksten.

Erntehelfer ist eigentlich ein irreführender Begriff. „Das sind erfahrene Arbeiter, die wissen was sie machen müssen und harte Arbeit auf dem Feld gewöhnt sind“, erklärt Naturland-Pressesprecher Markus Fadl. 300.000 dieser Arbeiter kommen üblicherweise im Frühjahr aus Rumänien, Polen, Ungarn oder der Ukraine nach Deutschland. Doch die Grenzen sind dicht. Nach Protesten aus der Landwirtschaft erlaubte die Bundesesregierung, dass im April und Mai je 40.000 Arbeiter eingeflogen werden dürfen. Rund 20.000 waren im März schon im Land.

Große Hilfsbereitschaft

Damit fehlen 200.000, die durch inländische Hilfskräfte ersetzt werden müssen. Menschen mit gutem Willen aber meist ohne Erfahrung und Ausdauer. Diese Probleme haben auch Bio-Betriebe und das nicht nur beim Spargel. Es müssen auch Erdbeeren und Kirschen geerntet werden. In den Gartenbaubetrieben müssen die vorgezogenen Jungpflanzen aufs Feld, die Tomaten im Gewächshaus hochgebunden werden und vieles mehr.

„Die Betriebe nutzen die bestehenden Portale für deutsche Helfer oder suchen in ihrem Umkreis. Ich habe auch von einem Fall gehört, in dem mehrere Betriebe in einer Region sich zusammengeschlossen haben, ein Flugzeug chartern und ihre bewährten Arbeitskräfte einfliegen lassen“, sagt Markus Fadl. „Da wird viel improvisiert und nach Lösungen gesucht.“ Große Spezialisten, die Hunderte von Helfern brauchen, sind unter Bio-Betrieben selten. „Wir haben viele mittlere Betriebe, die vor allem mit Festangestellten arbeiten“, sagt Bioland-Sprecher Gerald Wehde. Diese bräuchten für Arbeitsspitzen eine handvoll Saisonkräfte. Doch auch die müssen neu organisiert werden, wenn altgediente Arbeiter nicht einreisen dürfen. Bioland und Demeter starteten eigene Portale, um Hilfen zu vermitteln. „Die Hilfsbereitschaft der Menschen hat die Nachfrage der Betriebe weit überstiegen“, sagt Wehde. Wichtig sei die Hilfe nicht nur auf dem Feld. Auch Ausfall wegen Krankkheit und Quarantäne könne ein Problem werden, bei dem Betriebe Hilfe brauchen. Als großes Risiko sieht es Wehde, wenn aus diesen Gründen Verarbeiter wegbrechen, die regional eine große Bedeutung haben.

Es wird viel improvisiert und nach Lösungen gesucht.

Markus Fadl, Naturland

Der konventionelle Milchmarkt steht durch Corona extrem unter Druck, denn die Hälfte der konventionellen Milch geht in den Export und der ist weitgehend weggebrochen, ebenso die Absätze in die Außer-Haus-Verpflegung. Das wird auf den Erzeugerpreis durchschlagen. Bio-Milcherzeuger können dagegen mit stabilen Preisen rechnen. „Der Bio-Milchmarkt ist ein weitgehend regionaler Markt“, erklärt Gerald Wehde. Die Abhängigkeit von Großverbrauchern und Exporten sei gering. Einbrüche hätten durch die steigende Nachfrage im Einzelhandel ausgeglichen werden können.

Soforthilfe für Landwirte

Dennoch geht es vielen Betrieben schlecht. Die genossenschaftlich organisierte Molkerei Berchtesgadener Landhat ihren Landwirten eine Soforthilfe von 1.000 Euro ausgezahlt. Denn andere Einnahmequellen der oft kleinen Betriebe wie Urlaub auf den Bauernhof seien weggebrochen. Die Preise für Holz aus der Waldbewirtschaftung seien gesunken und bei vielen Nebenerwerbslandwirten falle wegen Kurzarbeit das zweite Einkommen weg.

Auch auf den konventionellen Fleischmärkten fallen die Preise. Für Bio-Rindfleisch meldet Stephanie Lehmann vom Biokreis unterschiedliche Tendenzen: Die Nachfrage nach Altkühen sei hoch, weil viel Bio-Hackfleisch eingekauft werde. „Dagegen haben die Fleischrinderhalter Probleme, ihr Fleisch zu verkaufen, weil die Abnehmer aus der Gastronomie fehlen.“ Andree Höping, der bei Davert den Rohstoffhandel leitet, sagt, die Betriebe seien nervös, „weil der Preisdruck nach wie vor groß ist und keine großen Überschüsse erzielt werden können, um gegebenenfalls höhere oder zusätzliche Ausgaben aus der Coronakrise zu decken“. Noch (Mitte April) stehe das Getreide gut auf den Feldern, „aber es fehlt langsam immer mehr die Feuchtigkeit im Boden“. Spätestens Anfang Mai sollte es reichlich geregnet haben, damit die Ernte gut wird. Das gilt auch für die Gemüseanbauer und die Grünlandbetriebe.

Helfer fehlen überall

Saisonkräfte fehlen auch in Spanien, dem wichtigsten Lieferanten für Bio-Frischgemüse. Arbeiter aus Marokko dürfen nicht einreisen und den im Land lebenden Arbeitsimmigranten machen die Kontaktbeschränkungen das Leben schwer. Gemeinsame Fahrten aufs Feld im Kleinbus etwa sind nicht erlaubt. Doch die Betriebe produzieren. „Es gibt saisonbedingte Knappheiten, aber insgesamt läuft die Versorgung“, heißt es beim Frische-Importeur Naturkost Schramm. „Die Belieferung aus Italien funktioniert gut“, sagt RapunzelSprecherin Eva Kiene. Dass es dennoch zu Engpässen komme, sei immer noch den Hamsterkäufen geschuldet.

Saisonkräfte fehlen auch in anderen Anbaugebieten. „Der Einkauf ist sehr aufwändig zur Zeit, da sich abzeichnet, dass die Ernten 2020 durch die Ausgangssperren in einigen Ländern, z.B. Indien, nicht komplett eingeholt werden können“, heißt es in der aktuellen Rundmail des Kräuterspezialisten Heuschrecke. Die Teekampagne meldete, dass die Teegärten in Darjeeling und Assam wochenlang geschlossen waren und dort seit Mitte April nur mit einem kleinen Teil der Arbeiter geerntet werden darf.Neben den Problemen auf dem Feld gibt es bei Erzeugnissen von außerhalb der EU auch Schwierigkeiten mit der Logistik. Häfen haben geschlossen, Behörden arbeiten langsamer als sonst oder gar nicht. Beim Fairhandelshaus Gepa heißt es, die Auswirkungen seien je nach Partner und Land sehr unterschiedlich. Im Vordergrund steht bei den Importeuren weniger die Lieferfähigkeit als die Sorge, wie hart die Coronakrise ihre Partner treffen wird. „Die Volkswirtschaften von Mexiko, Honduras, Peru und Guatemala sind zu 60 bis 80 Prozent informell“, erklärt Kleber Cruz Garcia, der den Kaffee-Einkauf der Gepa leitet. „Die Mehrheit der Bevölkerung lebt von dem, was sie am Tag verdient.“

Gepa sammelt Spenden

Und das geht gegen Null, wennAusgangsbeschränkungen die Wirtschaft lahmlegen. Nicht nur in Südamerika, sondern in allen Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Gepalässt auf ihrer Webseite ihre Handelspartner über die Situation vor Ort berichten. Und sie sammelt gemeinsam mit ihrem Gesellschafter MisereorSpenden, um denen unter die Arme zu greifen, die von der Coronakrise am härtesten betroffen sind.

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