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Herstellerporträt

Was Demeter-Felderzeugnisse (anders) macht

Auf Messen müssen Mitarbeitende immer wieder erklären, wie die Firma hinter Marken wie „Natural Cool“, „bio inside“, „Wild Ocean“ eigentlich arbeitet. Die Antwort ist eine Erfolgsgeschichte.

23.11.2021 vonSylvia Meise

Zwei Männer, ein gemeinsames Ziel: Lazaro Campuzano (l.) und Albrecht Denneler

Auf Messen müssen Mitarbeitende immer wieder erklären, wie die Firma hinter Marken wie „Natural Cool“, „bio inside“, „Wild Ocean“ eigentlich arbeitet. Die Antwort ist eine Erfolgsgeschichte.

Rups! Maschine an und schon kullern Kartoffeln übers Förderband. Hoppeln über die Bürstenrolle, dass es nur so staubt, und passieren eine Schleuse, wo Minis, Übergroße oder Verzweigte mit lustigen Beulen und Nasen aussortiert werden. Was aus ihnen wird? „Die landen im Schweinefutter“, antwortet Albrecht Denneler, Landwirt und Mit-Geschäftsführer des Dottenfelderhofs in Bad Vilbel. Hinter ihm steht Lazaro Campuzano von Demeter-Felderzeugnisse. Zwei Männer, derselbe prüfende Blick, dasselbe Ziel seit Jahrzehnten: Hochwertige Bio-Lebensmittel auf den Markt bringen.

Vielfalt durch Rotation

Albrecht Denneler schaltet die Maschine ab und führt raus auf die Felder. Ein Gang über den Hof und das Gelände soll verdeutlichen, was die Demeter-Felderzeugnisse ausmacht. Auf 210 Hektar gibt es hier eine große Vielfalt von Weißkohl über Rote Bete, Lauch und Kartoffeln bis Äpfel, Tomaten, Mais und Möhren.

Albrecht Denneler an der Kartoffelsortiermaschine: Knollen, die es nicht in den Laden schaffen, werden zu Schweinefutter.

Hin und wieder geht es an einem Feld mit unscheinbarem Grünzeug vorbei – Luzerne, ein Futterklee. Albrecht Denneler erklärt, wie dieser als Gründünger Stickstoff in den Boden trägt. Ist er abgeerntet, wird auf diesen Flächen nächstes Jahr Weizen, anschließend Roggen und dann Feldgemüse wachsen. Solche Rotation auf dem Acker ist das Gegenteil von intensiver Landwirtschaft. Extensiv, ohne Pestizide und synthetische Dünger – das Markenzeichen des Ökolandbaus. Aber eben auch eine Herausforderung für die Vermarktung.

Weltweit erste Bio-Erzeugergemeinschaft

Deshalb gründete in den 1970er-Jahren der Dottenfelderhof mit anderen Demeter-Betrieben die weltweit erste Bio-Erzeugergemeinschaft. Gemeinsam konnten sie regelmäßig Möhren, Kartoffeln oder Kohl liefern und trotzdem hatte jeder Hof jedes Jahr andere Feld- oder Hackfrüchte auf dem Acker. Das Konzept funktionierte. So gut, dass sie immer mehr Zeit brauchten, um den Vertrieb zu organisieren. Wieder wählten sie sie eine gemeinsame Lösung: die Vertriebsgesellschaft Demeter-Felderzeugnisse.

Lazaro Campuzano erläutert das Besondere: „Es ist keine Genossenschaft, denn dann müssten die Landwirte 100 Prozent ihrer Ernte an uns liefern.“ Das aber sei nie das Ziel gewesen. Das Konzept sah vielmehr vor, jedem auch eigene Vermarktungswege offen zu halten. „Die Erzeuger sind Gesellschafter der Firma, ohne materielle Anteile zu besitzen. Was wir erwirtschaften, wird umgehend reinvestiert. Das funktioniert, weil es keinen einzelnen Eigentümer gibt, der sagen könnte: ‚Ich will meine Rendite haben.‘ Es ist eine sich selbst gehörende Firma.“ Vom Konzept profitieren besonders Bauernhöfe, die weder eine Großstadt in der Nähe noch eine gute Verkehrsanbindung haben. Aus eigener Kraft könnten sie nicht bestehen, in der Gemeinschaft schon.

Häufel-Technik und Agroforst beim Dottenfelderhof

Der Dottenfelderhof hingegen trägt sich problemlos selbst. Er liegt im Einzugsgebiet Frankfurts und konnte seine Direktvermarktung so erfolgreich entwickeln, dass er kein Lieferant mehr ist, sondern wichtiger Impulsgeber, wie Lazaro Campuzano betont. Inwiefern? Albrecht Denneler nennt als Beispiel, dass der Hof nicht nur Kartoffeln nach der Häufel-Technik auf Dämmen anbaut, sondern alle Erzeugnisse, sogar den Salat.

Denneler stellt sich ins Möhrenfeld und erläutert die Kulturtechnik, die sich andere hier abgucken können: „Die Rüben haben mehr Platz, um lang und schön zu wachsen, bei Starkregen steht das Wasser in den Furchen, nicht in den Pflanzen und bei Trockenheit halten die Dämme die Wurzeln feucht.“ Als weiteres Beispiel deutet er auf die frisch gepflanzte Baumreihe quer zum Acker: „Wir haben hier Edelkastanie, Walnuss, Hasel, Eberesche und vieles mehr, die wie Windbrecher wirken und gleichzeitig ein Biotop bilden werden.“ Agroforst ist der Fachbegriff dafür.

Albrecht Denneler: „Die Rüben haben mehr Platz, um lang und schön zu wachsen“.

Außerdem wird auf dem Hof samenfestes Demeter-Saatgut gezogen, das hauptsächlich an die Mitgliedshöfe der Demeter-Felderzeugnisse geht. Der Landwirt führt weiter über die Felder und erläutert: „Solche Maßnahmen zu entwickeln und zu erproben, ist unsere Aufgabe. Das können wir jedoch nur, da wir neben dem produktiven Betrieb einen gemeinnützigen Schwerpunkt mit der Landbauschule haben. Das kann nicht jeder Betrieb leisten.“

Führung und Kommunikation in zweierlei Händen

Mit ihrem Engagement leisten alle an Demeter-Felderzeugnisse Beteiligten einen wichtigen Beitrag für lebendige Böden, sauberes Grundwasser sowie Artenschutz. Deswegen wurde das Unternehmen in diesem Jahr mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis für die Förderung von Biodiversität ausgezeichnet. Entgegengenommen hat ihn der Geschäftsführer Klaus-Dieter Brügesch. Er hat Demeter-Felderzeugnisse aufgebaut und konnte bald die ersten von mittlerweile 65 Mitarbeitenden einstellen. Bis heute kümmert er sich um die Erzeuger und das Personal. Der Vater zweier Töchter und engagierte Demeter-Experte ist jedoch kein Rampenmensch, sondern lieber im Hintergrund aktiv.

Zum Kommunikator und Neuausrichter der Firma hat sich der gebürtige Spanier Lazaro Campuzano entwickelt, der nach seinem Landwirtschaftsstudium 1994 bei Demeter-Felderzeugnisse anfing. Sehr bald habe er nach neuen Absatzmöglichkeiten gesucht, erinnert er sich. Damals hatte die Vertriebsgesellschaft Abnehmer, die Babykost, Konserven oder Saft aus ihrer Rohware herstellten – aber niemanden, der Bio-Tiefkühlkost produzierte. Lazaro Campuzano hatte die Nische gefunden, die keinen der Bestandskunden vergraulen, aber zusätzliche Möglichkeiten eröffnen würde.

Lazaro Campuzano mit seinen Kolleginnen Lucia Alfageme-Reichel (l.) und Sina Maul beim Probieren von Kartoffelkroketten in der Testküche von Demeter-Felderzeugnisse.

Was sein Unternehmen heute von anderen TK-Anbietern unterscheidet? „Wir wissen genau, woher Getreide, Kartoffeln oder Gemüse kommen, weil wir mit den Landwirten in engem Kontakt sind. Ich glaube, es gibt keine zweite Marke, die vom Ursprung bis zum Endverbraucher eine derart durchgehende Linie hat. Andere kaufen zu, möglichst tiefgefroren, und packen es unter ihrem Namen ab. Wir nicht.“

Unternehmen mit Erklärungsbedarf

Dass dennoch vielen unklar bleibt, was Demeter-Felderzeugnisse eigentlich macht, weiß Lazaro Campuzano von den Messen. Das Größte sei für ihn, wenn er dort gute Rückmeldungen auf die Produkte bekomme. Aber wie es genau funktioniert, müsse er immer erklären. Tatsächlich wirkt die Firma mit ihren Marken „Natural Cool“, „bio inside“, „Wild Ocean“, „defu – Bio Tierfutter“ oder „Rachelli-Eis“ auf den ersten Blick wie ein Hersteller. Dabei sitzen die Mitarbeitenden in dem modernen Bürogebäude im hessischen Alsbach-Hähnlein eher vorm Computer.

Je besser die Planung, desto größer der Reinfall, lautet ein gemeines Sprichwort – und die Felderzeugnisse-Macher haben auch das mehrmals erlebt. Es komme vor, dass plötzlich jemand die gesamte Linie kopiert, oder dass Kunden sicher geglaubte Aufträge stornieren, erzählt Lazaro Campuzano. „Wenn man uns zu verstehen gibt, woanders sei die Ware billiger, bin ich sehr enttäuscht. Da frage ich mich dann, wo ist die Partnerschaft? Dadurch sind uns schon manche Aufträge weggebrochen.“

Es hänge immer an Personen und das sei recht unberechenbar geworden, bedauert er. Dagegen helfe ein breiter Kundenstamm – und manchmal ein neues Produkt, das andere nicht haben, und mit dem man gleichzeitig die frei gewordene Rohware verarbeiten kann.

Kontinuität und Vertrauen

Während Klaus-Dieter Brügesch den Kontakt zu deutschen Landwirten pflegt, ist Lazaro Campuzano, der neben Deutsch auch Spanisch, Englisch und Französisch beherrscht, bei jenen aus EU-Ländern in seinem Element. Nächste Woche wird er nach Spanien fahren. „Urlaub und Arbeit verbinden“, sagt er. Seine Ehefrau kennt das und bleibt lieber zuhause. Von zehn Tagen sind bereits sechs verplant – für Hofbesuche, und weitere Termine.

Solche Treffen sind für ihn essenziell: „Seit Ausbruch der Pandemie fahre ich zum ersten Mal wieder hin. Die Bauern müssen wissen, ob alles noch beim Alten ist und unsere Zusagen noch stehen“, sagt Lazaro Campuzano. EU-Bauern als Erzeuger auf der Liste zu haben sei ein wesentlicher Aspekt des Geschäfts. „Aus unserer Philosophie heraus verkaufen wir nicht nur etwas nach Spanien oder Frankreich, wir kaufen dort auch ein. Das verschafft uns Respekt bei den Landwirten.“

Arbeitsteilung: Geschäftsführer Klaus-Dieter Brügesch kümmert sich vorrangig um deutsche Partner in der Landwirtschaft (hier im Bild der Dottenfelderhof), während Lazaro Campuzano viel bei Partnern in anderen EU-Ländern unterwegs ist.

Gemeinschaft, Umweltbildung und Tierwohl sind der gesamten Mitarbeiterschaft bei Demeter-Felderzeugnisse wichtig. Deswegen gibt es unter anderem einen betriebseigenen Garten mit Hühnern und Bienen. Gibt es Arbeiten, wie etwa den Bau einer Voliere, legen alle Hand an. Außerdem unterstützt der Betrieb die Renaturierung brachliegender Grünflächen zu Streuobstwiesen, organisiert Vorträge an Schulen und lädt Schulklassen zur Besichtigung von Erzeugerhöfen ein.

Ein Herzensprojekt von Lazaro Campuzano ist die Gründung der „Ökomodellregion Südhessen“. Als Fachbeirat will er dafür sorgen, dass die Region Impulse bekommt, „dass sich auch hier etwas bewegt“. Seine Familie vernachlässigt er trotzdem nicht. Er schaut auf die Uhr und lächelt: „Noch Fragen? Nein? Dann fahre ich zum Essen nach Hause.“

Drei Fragen an Lazaro Campuzano

Welchen Stellenwert hat der Fachhandel für Sie?

Er ist unser wichtigster Kunde. Manche können zwar nur kleine Mengen ordern, aber gerade an ihnen liegt uns. Deswegen setzen wir auf Kundenvielfalt und beliefern Abnehmer großer und kleiner Mengen, sowie die Gastronomie.

Was unterscheidet Sie von konventionellen Betrieben?

Die Zielsetzung: Es geht um partnerschaftliches Wachsen, nicht Gewinnmaximierung. Wir wollen, dass die ganze Kette profitiert: Der Landwirt, dem wir den Vertrieb abnehmen, der Hersteller, der Biohändler, und nicht zuletzt der Verbraucher. Er soll ein ehrliches Produkt bekommen, das gut schmeckt und preislich akzeptabel ist.

Führt dieses Konzept in die Zukunft?

Sicher. Wir wachsen stetig, und damit kommen auch immer neue Aufgaben. Aktuell ist die Nachhaltigkeit der Verpackungsfolien unser Thema. Wir wollten sie gern kompostierbar haben, doch nach unserer Recherche ist genau das problematisch. Jetzt lassen wir eine Folie aus Abfall – unseren Kartoffelschalen – herstellen. Das ist zwar Polyethylen, aber nicht aus Erdöl und sogar recyclingfähig.

Zahlen – Daten – Fakten

Gründung: 1992 Demeter-Felderzeugnisse GmbH

Firmenstandort: Alsbach

Mitarbeiter: 65 (davon 1 Azubi, 47 Frauen)

Erzeuger: ca. 200 Landwirte

Frauen in Führungspositionen: 7

Sortiment: TK-Gemüse, TK-Obst, TK-Pizzen, TK-Fisch, Eis. Futter für Haustiere

Produkte: über 200 Einzelhandelsprodukte

Umsatz 2021: voraussichtlich 53 Millionen Euro (Vorjahr: 51 Millionen Euro)

Stammkapital: 102.300 Euro

Lager: 2.500-3.000 Paletten-Stellplätze

Geschäftsführung: Klaus-Dieter Brügesch

Website: www.felderzeugnisse.de

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