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Auch Nestlé macht mit

Wie „Food for Biodiversity“ Artenvielfalt bei der Lebensmittelerzeugung sichern will

67 Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität liegen bei dem noch jungen Verein auf dem Tisch. Zu den Gründungsmitgliedern gehören Lebensmittelkonzerne, Umweltverbände und Standardgeber wie Naturland oder Fairtrade.

11.03.2021 vonHorst Fiedler

Weltweit sind rund eine Million Arten vom Aussterben bedroht. Vor allem die konventionelle Landwirtschaft steht diesbezüglich in der Kritik.

67 Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität liegen bei dem noch jungen Verein auf dem Tisch. Zu den Gründungsmitgliedern gehören Lebensmittelkonzerne, Umweltverbände und Standardgeber wie Naturland oder Fairtrade.

Ein hohes Quantum an Artenvielfalt ist erst durch Landwirtschaft möglich geworden. Doch die inzwischen weitgehend industrialisierten Anbauprozesse kehren die Entwicklung ins Gegenteil: Nach einem Bericht des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) sind weltweit rund eine Million Arten vom Aussterben bedroht. Auch in Deutschland ist der Trend negativ. Vor allem die konventionelle Landwirtschaft, die hierzulande auf rund 90 Prozent der Flächen Lebensmittel erzeugt, steht in der Kritik. Biodiversität dürfte auf vielen Höfen noch ein Fremdwort sein. Das soll sich nach dem Willen des Vereins ändern.

Zu den Gründungsmitgliedern von Food for Biodiversity zählen die Unternehmen des Lebensmittelsektors Rewe Group, Kaufland, Lidl und Nestlé, die Standard-Organisationen Fairtrade Deutschland, Rainforest Alliance und Naturland, die Umweltverbände Global Nature Fund, Naturschutzbund Deutschland (Nabu), Bodensee-Stiftung und das Forschungsinstitut für den ökologischen Landbau (FiBL) sowie als Fördermitglieder die Unternehmensverbände Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL) und die Biodiversity in Good Company-Initiative.

Weitere Mitglieder – auch Vertreter der Landwirtschaft – seien willkommen. Bei Handelsbetrieben ist „Einkaufsverantwortung“ erforderlich – also könnten zum Beispiel aus der Biobranche auch Großhändler mit Eigenmarken und Betriebe wie Alnatura die Geschicke des Vereins mitbestimmen.

Mitglied werden

Wer an einer Mitgliedschaft im Verein Food for Biodiversity interessiert ist, wendet sich zum Beispiel per E-Mail an Stefan Hörmann vom Global Nature Fund.

Anhand der Life Food & Biodiversity Empfehlungen kann sich jeder vorab ein Bild machen, wie hoch die Anforderungen sind, die in folgende Themenbereiche untergliedert wurden:

  • Standard- und Unternehmenspolitik
  • Biodiversitätsmanagement
  • Sehr gute fachliche Praxis
  • Lebensmittelhandel und Lebensmittelhersteller
E-Mail schreiben

Grundlagen für Aktionsplan bereits erarbeitet

Eine erste Aufgabe der Mitgliederversammlung wird es sein, ein sogenanntes Basis-Set zu verabschieden, das 67 Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität beinhaltet. Sie fußen auf Analysen von 54 Standards und Beschaffungsrichtlinien von Unternehmen, die auf ihre Relevanz für den Biodiversitätsschutz untersucht wurden. Die Ergebnisse sind im Baseline Report aus dem Jahr 2017 zusammengefasst. Die daraus entwickelten Handlungsempfehlungen

wurden zum Teil schon erprobt. EU Life und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt haben die umfangreiche Studie gefördert, die bezüglich der Biodiversität viele Mängel bei Standards und Unternehmen festgestellt hat.

Umsetzung in Pilotprojekten bis 2023

Gemeinsam mit Erzeugern werden die Unternehmen und Standards des Vereins Food for Biodiversity das Basis-Set in Pilotprojekten anwenden und die Umsetzung der Maßnahmen dokumentieren – vor allem bei landwirtschaftlichen Produkten, deren Anbau besonders risikoreich für die biologische Vielfalt ist. 2023 soll das Basis-Set gegebenenfalls überarbeitet und mit einem konkreten Zeitplan zur Berücksichtigung in ausdrücklich allen Lieferketten verabschiedet werden.

Ein weiteres Defizit aus dem Baseline-Report: „Wir haben die analysierten Standards gefragt, ob sie ihren Vertragsbauern, den Zertifizierern und anderen Zulieferern Schulungen zu Aspekten der Biodiversität anbieten. Die Rückmeldungen hierzu bestätigen, dass das Thema Biodiversität bei den momentanen Fortbildungen nicht behandelt wird.“ In den Vereinszielen ist deshalb auch die Fortbildung zu finden.

Die Mitglieder von „Food for Biodiversity“ wollen einen Beitrag zur Erreichung der Vereinsziele leisten, indem sie

  • den Schutz und die Förderung von Biologischer Vielfalt in ihren Strategien, Richtlinien und Projekten verankern.
  • Kriterien für den Schutz und die Förderung von Biodiversität entlang der Lieferkette in Einkaufs- und Standardvorgaben implementieren. Landwirte sollen bei der Umsetzung der Kriterien und entsprechender Maßnahmen unterstützt werden.
  • ein Monitoring zur Entwicklung der Biodiversität auf landwirtschaftlichen Betrieben umsetzen. Basierend auf den Ergebnissen werden Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität weiterentwickelt.
  • Fortbildungen zur Biodiversität für Mitarbeitende, Landwirte, landwirtschaftliche Berater und Auditoren durchführen, Verbraucher in Deutschland für den Wert der biologischen Vielfalt für die Lebensmittelproduktion sensibilisieren sowie das Angebot und die Nachfrage von entsprechenden Produkten fördern.
  • Last but not least werden sich die Mitglieder auch für bessere politische Rahmenbedingungen zur Stärkung des Schutzes der Biologischen Vielfalt einsetzen.

Jedes Mitglied setzt die Kriterien des Vereins in eigenen Projekten um. An den Verein, der von der Bodensee-Stiftung und dem Global Nature Fund koordiniert wird, ist nur ein umsatzabhängiger Mitgliedsbeitrag zu entrichten. Fördermitgliedschaften ohne Stimmrecht sind ebenfalls möglich.

Der Vorstand besteht aus:

  • Marion Hammerl (Global Natur Fund/Bodensee-Stiftung),
  • Andrea Schwalber (Nestlé),
  • Nadja Kasperczyk (FibL),
  • Landwirt Peter Zens vom Erlebnisbauernhof Gertrudenhof GmbH (Biodiversity in Good Company).

Nestlé testet Empfehlungen für Weizenanbau

Prominentestes Mitglied im Verein Food for Biodiversity ist zweifellos Nestlé. Der weltgrößte Lebensmittelhersteller ist bereits mit Projekten in Italien und Spanien unterwegs. Dort sorgt er in Tomatenanbaugebieten zum Beispiel für Nistkästen für Fledermäuse, die auch zur Schädlingsbekämpfung beitrügen, wie Nachhaltigkeits-Managerin Andrea Schwalber, die auch Vorstandsmitglied des Vereins ist, im Gespräch mit BioHandel erläutert. Die Renaturierung von Gewässerrandstreifen sei eine weitere Maßnahme zugunsten der Biodiversität. Bezogen auf das EU-Life-Projekt „Insektenfreundliche Regionen“ testet Nestlé gemeinsam mit Weizen- und Gemüselieferanten Handlungsempfehlungen. Derzeit habe der Konzern nachhaltige Beschaffungsproramme für 14 strategisch wichtige Rohstoffe, bei denen Handlungsbedarf bestehe, so Schwalber.

Einen festdefinierten Anteil zur Förderung der Biodiversität gibt es bei Nestlé im Budget für nachhaltige Beschaffungsprogramme nicht, so dass sich kein Vergleich zum Umsatzvolumen herstellen lässt. Die Maßnahmen, die meist in Zusammenarbeit mit NGOs geplant würden, finanziere der Konzern von Fall zu Fall.

Stets berücksichtigt werde die Wirtschaftlichkeit eines Vorhabens. So strebe der Konzern auch keine Umstellung auf ökologischen Landbau bei seinen Anbau-Partnern an. Die Rahmenbedingungen dafür seien nicht gegeben, zumal Nestlé seine Rohstoffe weltweit einkaufe. Und selbst in Deutschland tut sich der Konzern mit Bio schwer: Die Produktion der einst von Bioläden vertriebenen Wagner Bio-Pizza wurde bald nach der Übernahme eingestellt.

Beschaffungsrichtlinien engen Spielraum ein

Nach Angaben von Alexander Antonoff, Pressesprecher bei Nestlé Deutschland, liegt der Schwerpunkt auf Verbesserungen bei der konventionellen Landwirtschaft. Änderungen der Beschaffungsrichtlinien müssten am Ende auch global gelten – das lasse sich bei der konventionellen Bewirtschaftung eher realisieren als einen Bio-Standard als Vorgabe zu wählen. So gehöre zum Beispiel die Reduzierung von Pestiziden zu den Zielen des Konzerns bei der Rohstoffbeschaffung.

Dem Vernehmen nach ist Glyphosat auch ein Thema bei der Entscheidung über das Basis-Set, also dem Aktionsplan des Vereins. Man kann gespannt sein, ob die Mitglieder dem Ackergift vorzeitig die Rote Karte zeigen.

Öko-Landbau bedeutet nicht automatisch „optimale“ Biodiversität

In einer Stellungnahme des Anbauverbandes Naturland heißt es: „Der Öko-Landbau leistet durch seine Wirtschaftsweise bereits einen erheblichen Beitrag zur Bewahrung der Artenvielfalt in unseren Agrarlandschaften. Zugleich sieht Naturland als Öko-Verband es als seine Aufgabe an, hier noch mehr zu tun – auch und gerade im Bündnis mit anderen gesellschaftlichen Akteuren.“ Ein Beispiel sei die bereits seit zwei Jahren bestehende Kooperation mit dem Landesbund für Vogelschutz (LBV): #wirsindZukunft.

Der Verein Food for Biodiversity bringe unterschiedlichste Partner entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Lebensmittelsektors zusammen. „Es ist wichtig, dass hier die Öko-Bäuerinnen und Öko-Bauern, die am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, auch von Anfang an mit am Tisch sitzen. Denn sie erzeugen unsere Lebensmittel und auf ihren Wiesen und Feldern entsteht die Artenvielfalt. Deshalb ist Naturland der Einladung, sich in diesem breiten Netzwerk zu engagieren, gerne gefolgt.“

Aus dem Biobereich ist auch die Assoziation ökologische Lebensmittelwirtschaft (AöL) dem Verein beigetreten. Allerdings als förderndes Mitglied mit dem Ziel, die eigenen Mitgliedsbetriebe für einen Beitritt zu ermuntern. „Ich bin zuversichtlich, dass der Verein erfolgreich sein wird“, sagt Renate Dylla, stellvertretende Geschäftsführerin. Über die Ziele von Food for Biodiversity habe sie die AöL-Mitglieder bereits unterrichtet.

Lebensmittelbranche ist von Biodiversität abhängig

Das sich abzeichnende Engagement der Lebensmittelindustrie (weitere Konzerne sollen ihr Interesse angemeldet haben) kommt vielleicht nicht von ungefähr. Denn die Lebensmittelbranche mit der Landwirtschaft als wichtigstem Akteur wird in der EU-Biodiversitätsstrategie 2030 als einer der drei Wirtschaftssektoren genannt, die am meisten von Biodiversität abhängig sind. Der Verein Food for Biodiversity und seine Mitglieder wollen deshalb einen relevanten Beitrag leisten, um die Ziele der deutschen und der europäischen Biodiversitätsstrategie, des Übereinkommens zur Biologischen Vielfalt (CBD) sowie die UN-Ziele für Nachhaltige Entwicklung zu erreichen.

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