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Biofach und Vivaness

So haben Teilnehmer das Biofach E-Special erlebt

„Überwältigend“, „nervenaufreibend“, „zeitraubend“: Das digitale Messeduo kam bei den Branchenakteuren ganz unterschiedlich an. Trotz technischer Probleme wollen die Veranstalter weiterhin auf digitale Inhalte setzen.

03.03.2021 vonKatrin Muhl

Statt wie in den Jahren zuvor durch Messehallen zu schlendern, verfolgten die Teilnehmer Biofach und Vivaness dieses Mal am Bildschirm.

„Überwältigend“, „nervenaufreibend“, „zeitraubend“: Das digitale Messeduo kam bei den Branchenakteuren ganz unterschiedlich an. Trotz technischer Probleme wollen die Veranstalter weiterhin auf digitale Inhalte setzen.

Eigentlich hätte sich die internationale Bio-Branche Mitte Februar im Nürnberger Messezentrum getroffen. In zwölf Hallen hätten sich Zehntausende durch Produkte probiert, mit Bekannten geplaudert und neue Kontakte geknüpft. Am Ende hätten die meisten von ihnen das Gelände mit wunden Füßen verlassen. Aufgrund der Corona-Pandemie fand die Biofach dieses Mal aber digital statt. Alle Hallen blieben leer, die Füße unversehrt. BioHandel hat nachgefragt, wie Aussteller und Fachbesucher das Biofach E-Special erlebt haben.

Viele Aussteller äußerten sich froh darüber, dass die Messe überhaupt stattgefunden hat, und sie ihre Produkte oder Dienstleistungen Fachleuten aus der ganzen Welt präsentieren konnten. „Die Biofach hat einiges auf die Beine gestellt, um der Branche den Frühjahrstreff so gut es geht zu ermöglichen“, teilt Weinimporteur Peter Riegel mit. Kathrin Jäckel, Geschäftsführerin des Bundesverbands Naturkost Naturwaren (BNN), gratuliert der Biofach für die „insgesamt wirklich sehr gelungene“ digitale Veranstaltung.

Die Messe Nürnberg habe „alles dafür getan, möglichst viel Messegeschehen“ auf die digitale Plattform zu bringen, sagt Thomas Wedmann, Geschäftsführer beim Bio-Großhändler „Die Regionalen“. Eine „echte Biofach“ konnte das E-Special aber nicht ersetzen, findet Demeter-Vorstand Alexander Gerber. „Doch die digitale Messe war für uns auf jeden Fall eine gute Möglichkeit, die Zeit bis zur nächsten Biofach zu überbrücken.“

Biofach E-Special in Zahlen

3 Tage
775 Sessions verteilt auf Kongress, Ausstellerpräsentationen und Roundtables
700+ Teilnehmer in der Session „Der deutsche Bio-Markt – Zahlen, Fakten, Analyse 2021“
1.442 Aussteller aus aller Welt
13.800 registrierte Teilnehmer aus 136 Ländern
400.000+ Chatnachrichten
10.000+ Video-Meetings

Quelle: Nürnberg Messe

Kongress besonders gut besucht

Als „gut besucht, bunt und vielfältig“ beschreibt Berater Manuel Pick das virtuelle Veranstaltungsprogramm. Was andere über den Kongress sagen, untermauert seinen Eindruck. Fabian Ganz, Vertriebsleiter bei Biovista, berichtet, sein jährlich stattfindender Vortrag sei dieses Mal „deutlich besser besucht worden als regulär“. Bei den Demeter-Veranstaltungen seien ebenfalls „deutlich mehr Teilnehmer*innen als sonst“ gezählt worden, teilt Alexander Gerber mit. Der Verbandschef überlegt: „Vielleicht wären einige davon persönlich nicht extra auf die Messe nach Nürnberg gekommen?“

Der Anbauverband Biokreis wollte mit Online-Veranstaltungen Publikum auf sein Ausstellerprofil aufmerksam machen, und war damit erfolgreich. „Wir hatten im Schnitt mehr als 50 Teilnehmende in jeder Veranstaltung“, berichtet Pressesprecherin Stephanie Lehmann. Der BNN zählte teilweise 250 Teilnehmer pro Session, für Geschäftsführerin Kathrin Jäckel „überwältigend“ und unter „normalen“ Biofach-Umständen „kaum möglich“.

Leider waren wenige Ladner dabei.

Thomas Wedmann, „Die Regionalen“

Dass die digitale Messe offenbar Chancen für Diskussionsrunden und Info-Veranstaltungen bietet, hat auch Martina Romanski von der Naturland Zeichen GmbH beobachtet. „Die Veranstaltungen, die Naturland angeboten hat, waren durchweg gut besucht“, bilanziert die Geschäftsführerin für Marketing und Kommunikation.

Bei Bioland hätten besonders die Veranstaltungen rund um das 50-jährige Jubiläum des Bio-Anbauverbands „guten Anklang“ gefunden, sagt Pressesprecher Gerald Wehde. Gleichzeitig bedauerte er, dass die Funktion zur persönlichen Kontaktaufnahme auf der Messe-Plattform „nur sehr selten genutzt“ worden sei. „Die Hürde scheint hier etwas zu hoch.“ Auch „Die Regionalen“ hatten „deutlich weniger Kontakte als sonst“, berichtet Geschäftsführer Thomas Wedmann. Die Veranstaltungen seien gut besucht worden, „leider waren wenig Ladner*innen dabei“.

Kontakte knüpfen fällt schwer

Insgesamt hat der Regionalen-Chef den Eindruck, „dass nur sehr wenige Einzelhändler*innen die Messe besucht haben“. Stephan Becker, Geschäftsführer des Naturkosmetik-Herstellers Cosmondial, geht es ähnlich. „Der Austausch fand eher mit anderen Ausstellern statt“, teilt er mit. Berater Manuel Pick sagt: „Die Aussteller, die ich gesprochen habe, haben sich eher zurückhaltend bis enttäuscht zum Thema Standbesuche geäußert.“ Auch Bio-Großhändler Bodan konnte die Ladnergespräche „an einer Hand abzählen“, teilt Iris Koch, Mitglied der Bodan-Geschäftsleitung, mit. Sie vermutet: „Die Ladner sind vor Ort in ihren Verkaufsstellen stark gefordert, haben wenig Zeit und Muße, sich inspirieren zu lassen.“

Allerdings gibt es auch positive Rückmeldungen: Um Ladner zur Teilnahme an seinen Veranstaltungen zu motivieren, hat der Bio-Hersteller Bauck Messe-Freikarten und Musterpakete mit Bauckwaren verteilt. „Das hat etwas gebracht, einige sind gekommen“, berichtet Hannes Öhler, Leiter Marketing und Kommunikation. Auch Peter Riegel zieht beim Thema „Standbesuch“ ein positives Fazit: Dem Weinimporteur sei es gelungen, Kontakte mit potenziellen Neukunden zu knüpfen, „die normalerweise aufgrund der Weitläufigkeit der Messe nicht auf Riegel aufmerksam geworden wären“.

Wichtige Bestandteile einer Lebensmittel-Messe sind online nicht gleichwertig erlebbar.

Dorothea Knobloch, Alnatura

Zu den Einzelhändlern, die dem E-Special ferngeblieben sind, gehört das Inhaber-Ehepaar Baeck vom Bioladen Hollerbirl in Neustadt an der Waldnaab. Den beiden Ladnern fehlte die persönliche Begegnung bei der digitalen Veranstaltung: „Was wir an der Biofach schätzen, ist die Zusammenkunft mit den Menschen, mit denen wir in Kontakt stehen und das war dort leider nicht gegeben“, erklärt Franz Josef Baeck.

Dorothea Knobloch aus dem Alnatura Produktmanagement hat sich für das E-Special vor den Bildschirm gesetzt. Ihr Fazit: Riechen, schmecken, fühlen – „wichtige Bestandteile einer Lebensmittel-Messe sind online nicht gleichwertig erlebbar.“ Auch Demeter-Vorstand Alexander Gerber vermisste es, Produkte „zu schmecken, auszuprobieren, in der Hand zu halten“. Manuel Pick fehlte „die Buntheit und das Rummelige“.

Weil ihn die Nutzeroberfläche der Plattform nicht zum Netzwerken einlud, hat Simon Döring von der Kommunikationsberatung Klaus Braun wenig Zeit mit dem E-Special verbracht. BNN-Geschäftsführerin Kathrin Jäckel findet dagegen, die Veranstalter hätten „beeindruckend viele Wege gefunden, die Messe ins Digitale zu transformieren“. Dennoch: Das E-Special könne die persönliche Begegnung, den spontanen Standbesuch und sich ergebende Gespräche im Fachhandelsforum „auf Dauer nicht ersetzen“.

„Chatnachrichten zeigen, wie kommunikativ die Branche war“

„Allein die vielen Video-Calls und Chatnachrichten – mehr als 400.000 – die die 13.800 Teilnehmer an den drei Veranstaltungstagen ausgetauscht haben, zeigen, wie kommunikativ die Branche auch im digitalen Format unterwegs war.

Doch zu 100 Prozent ersetzen kann die digitale Kommunikation zum Beispiel die persönliche Begegnung, aber auch das sinnliche Erlebnis, das Biofach und Vivaness ebenfalls sind, nicht. Umso dankbarer sind wir, dass die Branche 2021 mit uns diesen Weg einer digitalen Ausgabe des Messe-Duos gegangen ist.

Und umso mehr freuen wir uns heute schon, darauf, wenn wir uns alle 2022 in Nürnberg zu Biofach und Vivaness persönlich wiedersehen.“

Petra Wolf, Mitglied der Geschäftsleitung, Nürnberg Messe

Kämpfe mit der Technik

Durch die Digitalisierung der Messe traten Probleme auf, die Aussteller und Teilnehmer von der Vor-Ort-Veranstaltung nicht kennen. Die „holperige Technik“ habe ein intuitives Messeerlebnis verhindert, bemängelt Naturland-Geschäftsführerin Martina Romanski. Auf Thomas Maier, Geschäftsführer des Bio-Saftherstellers Beutelsbacher, wirkte die Nutzerführung „umständlich“ und „zeitraubend“. Man sei beim Gang durch die Hallen wesentlich schneller, als wenn man „sich mühsam durch die Webauftritte verschiedener Aussteller scrollt“. Bei Bioland hatte man den Eindruck, „dass die Plattform häufig überlastet war“, teilt Pressesprecher Wehde mit.

Wie Wehde außerdem berichtet, sei bei manchen Sessions wenige Minuten vor dem Start nicht klar gewesen, ob sie stattfinden, oder nicht. „Diese Ungewissheit war für Teilnehmer und Aussteller gleichermaßen unangenehm.“ Den Naturkosmetikhersteller Cosmondial hätten die technischen Probleme bei den Schulungen „Teilnehmer gekostet“, teilt Geschäftsführer Stephan Becker mit.

Man hat gemerkt, dass die Veranstalter unter Hochdruck an der Plattform gearbeitet haben.

Hannes Öhler, Bauck

Bei Bauck kam die Plattform bis auf „kleinere Probleme“ gut an, „war aber etwas ruckelig beim Einpflegen“, sagt Hannes Öhler. Für Ina Hiester von Organic Services sei die Messevorbereitung aus Ausstellersicht „teilweise nervenaufreibend“ gewesen. Es habe manchmal lange gedauert, bis Profiländerungen auf der Plattform ersichtlich wurden, „und wenige Tage vor Messestart war plötzlich ein Video verschwunden“, erzählt sie. Saskia Lackner, Referentin Kommunikation bei der Bohlsener Mühle, lobt die Umfrage-Funktion, die „sehr gut funktioniert“ und „gutgetan“ habe. Iris Koch von Bodan hätte sich wie manch andere mehr Zeit für die Vorbereitung und Eingabe der Inhalte gewünscht. Auch ein Musterbeispiel für den digitalen „Messestand“ wäre ihrer Ansicht nach hilfreich gewesen. „Zum Zeitpunkt der Ausstelleranmeldung konnten wir und noch nicht recht vorstellen, wie der Auftritt am Ende konkret aussehen wird.“

Cosmondial-Chef Becker kritisiert, dass er „allgemein kaum Support bei technischen Problemen“ erhalten habe. Aus Sicht von Ina Hiester gab das Support-Team „sein Bestes“. Hannes Öhler sieht das ähnlich: „Man hat gemerkt, dass die Veranstalter bis zum Schluss unter Hochdruck an der Plattform gearbeitet haben.“

„Ausdrücklich bei unseren Kunden entschuldigen“

„Das E-Special war die bestmögliche Alternative in Pandemie-Zeiten für die Veranstaltung vor Ort und wir freuen uns sehr, dass wir eine Veranstaltung dieser Größenordnung – auch vom Datenvolumen betrachtet – erfolgreich digital abbilden konnten.

Eine digitale Plattform wie die des Biofach und Vivaness 2021 E-Special bringt bei einer Premiere aber natürlich neue Herausforderungen mit sich, insbesondere im technologischen Bereich. Und so kam es unter anderem bei ca. 5 Prozent der Teilnehmer aufgrund technischer Probleme zu zeitlichen Verzögerungen beim Onboarding, wofür wir uns auch nochmal ausdrücklich bei unseren Kunden entschuldigen wollen.

Generell nehmen wir als Veranstalter viel Inspiration für die konzeptionelle Weiterentwicklung der Veranstaltungen in Nürnberg mit. Zum Beispiel, um über digitale Elemente die Reichweite von Biofach und Vivaness in der Zukunft deutlich zu erhöhen und damit für unsere Kunden weitere Mehrwerte zu schaffen.“

Petra Wolf, Mitglied der Geschäftsleitung, Nürnberg Messe

Viele Unternehmen erlebten das Befüllen des digitalen „Messestands“ also als herausfordernd. Wie Berater Christoph Spahn beobachtete, seien aber etliche „agil und experimentierfreudig“ an die Aufgabe herangegangen. Antje Steglich von der Ölmühle Moog sagt: „Wir haben kleine Videos gedreht anstatt Plakate und Messewände zu entwerfen, haben kleine, digitale Gesprächsrunden anstatt großer Veranstaltungen geplant.“

Peter Riegel Weinimporte hat mit dem digitalen Biofach-Auftritt „viel dazu gelernt“, berichtet der Geschäftsführer. Für die nächste Präsenzmesse könne er sich vorstellen, virtuelle Elemente zu integrieren. Cosmondial will Online-Schulungen künftig stärker nutzen, teilt Geschäftsführer Stephan Becker mit.

Die Biofach 2021 hat gezeigt, wie die digitale Zukunft aussehen kann.

Ina Hiester, Organic Services

Bei Bauck habe das E-Special die Basis für weitere digitale Veranstaltungen gelegt. Zum Beispiel könne Video-Material zu Produkten weiterverwendet werden, erklärt Hannes Öhler. Ina Hiester von Organic Services, resümiert: „Insgesamt denke ich, dass die Biofach 2021 vielen gezeigt hat, wie die digitale Zukunft – bzw. Gegenwart – aussehen kann.“

Hoffen auf ein Wiedersehen

Für alle, die sich sonst die Füße wund laufen, endete die digitale Biofach mit „viereckigen Augen“. Im nächsten Jahr soll es ein Wiedersehen im Nürnberger Messezentrum geben, wünscht sich die Branche. „Wir hoffen sehr, dass es im nächsten Jahr wieder möglich sein wird, sich persönlich auf der Biofach zu treffen“, teilt etwa Lukas Nossol, Leitung Unternehmenskommunikation bei Dennree, mit. Andere, wie Martina Romanski von Naturland, bevorzugen wiederum ein hybrides Veranstaltungsformat, um die Vorteile beider Varianten nutzen zu können. „Damit wir zugleich mit all jenen in der Welt verbunden sind, für die der Weg zu weit ist.“ Auch die Nürnberg Messe will in Zukunft auf digitale Messe-Inhalte setzen, teilt Geschäftsführungsmitglied Petra Wolf mit. „Um die Reichweite zu erhöhen und unseren Kunden weitere Mehrwerte zu bieten.“

Das nächste Mal trifft sich die internationale Bio- und Naturkosmetik-Branche vom 15. bis 18. Februar 2022.

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