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Menschen - Prof. Dr. Claus Leitzmann

Menschen Prof. Dr. Claus Leitzmann (Mai 1998) Prof. Dr. Claus Leitzmann verabschiedet Sein Appell: "Essen Sie vollwertig und mit Genuß!" Doris Freund "Wer seine Träume verwirklichen will, darf nicht schlafen," mit diesem Aphorismus verabschiedete Professor Dr. Claus Leitzmann seine Gäste ans voll-wertige Buffet und verriet zugleich einiges über sein Lebensmotto. Der sogenannte Vollwert-Papst feierte am 6. Februar offiziell Abschied von der Gießener Universität
30.04.1998
Menschen Prof. Dr. Claus Leitzmann (Mai 1998) Prof. Dr. Claus Leitzmann verabschiedet Sein Appell: "Essen Sie vollwertig und mit Genuß!" Doris Freund "Wer seine Träume verwirklichen will, darf nicht schlafen," mit diesem Aphorismus verabschiedete Professor Dr. Claus Leitzmann seine Gäste ans voll-wertige Buffet und verriet zugleich einiges über sein Lebensmotto. Der sogenannte Vollwert-Papst feierte am 6. Februar offiziell Abschied von der Gießener Universität

Menschen Prof. Dr. Claus Leitzmann (Mai 1998)

Prof. Dr. Claus Leitzmann verabschiedet

Sein Appell: "Essen Sie vollwertig und mit Genuß!"

Doris Freund

"Wer seine Träume verwirklichen will, darf nicht schlafen," mit diesem Aphorismus verabschiedete Professor Dr. Claus Leitzmann seine Gäste ans voll-wertige Buffet und verriet zugleich einiges über sein Lebensmotto. Der sogenannte Vollwert-Papst feierte am 6. Februar offiziell Abschied von der Gießener Universität und - wie sich im Laufe der Veranstaltung dann doch nicht mehr verheimlichen ließ - seinen 65. Geburtstag. Der Nachmittag stand unter dem Motto "Reflexionen - Visionen." 13 Wegbegleiter gaben ihre Wünsche für die Zukunft preis und damit den Gästen im Audimax manchen Impuls - ganz im Sinne des scheidenden Professors.

Prominenz war erschienen - auch aus der Szene. Unter anderem Professor Hardy Vogtmann vom Hessischen Landesamt für Regionalentwicklung, Landwirtschaft und Landentwicklung in Kassel, Thomas Männle vom Verband für Unabhängige Gesundheitsberater (UGB), Professorin Dr. Angelika Meier-Ploeger von der Fachhochschule in Fulda, für den BNN-Hersteller Klaus Wagener, für die Neuform der sich ebenfalls verabschiedende Hans Walter Goll, Mühlenbauer Wolfgang Mock, Wolfgang Puchner (früher Qualitätsbeauftragter im BNN, jetzt als Kontrolleur in Sachen Bio beim Institut für Marktökologie), Rainer Roehl vom Umweltamt Frankfurt - unmöglich, alle zu nennen.

Besonders gespannt waren die Gäste auf das angekündigte "Dr. Dr. Heimiper Quartett", das den "Leitzmännischen Lebenslauf" referieren sollte. Es entpuppte sich dann als Söhne und Töchter des Ehepaars Leitzmann, die für viele wirklich Neues verrieten. Wer wusste bisher, dass Claus Leitzmann der beste deutsche Gärtnerlehrling war? Tochter Heidi kommentierte: "Typisch für die Lebenseinstellung unseres Vaters, der immer bis an die eigenen Grenze geht."

Sohn Mike schilderte dann den USA-Trip, der eigentlich nur auf ein Jahr angelegt gewesen war - und dann kam wie so oft alles doch ganz anders. Dort nämlich konnte Leitzmann nach einer Prüfung studieren. 1957 begann er als Student für Botanik, bekam "dank leichtsinniger Familienplanung drei Kinder, was ohne Versicherung und Einkommen dank Ausdauer, guter Gesundheit und mit etwas Glück auch gutging." 1962 war Leitzmann Diplom-Chemiker und bekam ein Doktoranden- Stipendium in Minneapolis. 1963 wurde die jüngste Tochter geboren, 1964 war der Magister dran, 1967 die Promotion in Molekularbiologie in Kalifornien.

Auf Einladung der Rockefeller-Stiftung gingen die sechs Leitzmänner 1969 nach Bangok - wie Sohn Peter berichtete. In Thailand unterrichtete der 1933 in der Lüneburger Heide geborene Claus Leitzmann Biochemie - "und da kam dann die Ernährungskomponente dazu." 1971 zog die Familie ins Landesinnere - "eine besonders glückliche Zeit mit Forschen, Publizieren, Reisen."

Nicht nur dem Heimweh von Frau Leitzmann kam schließlich das Angebot der Uni im hessischen Gießen entgegen, von dem Tochter Rita berichtete. 1974 zog die Familie in ein altes Haus in Laubach im Vogelsberg, vier Jahre später war Claus Leitzmann Professor für Ernährung in Entwicklungsländern. Formal ging er bereits 1995 mit 62 Jahren in den Ruhestand, gab allerdings mangels Nachfolgeregelung weiter Vorlesungen und betreute Studenten und Projekte wie zuvor.

"Wenn ich Studenten der Ernährungswissenschaft fragte, warum sie zu uns wollten, war die häufigste Antwort: wegen Claus Leitzmann - und das mit überraschtem Unterton ob der Frage." So schilderte Professor Dr. Ing. Elmar Schlich, Dekan im Fachbereich Ernährungs- und Haushaltswissenschaft, seine Erfahrungen. Die geschäftsführende Direktorin des Instituts für Ernährungswissenschaft, Professor Dr. Ingrid-Ute Leonhäuser, bestätigte: "Sie haben diesen Studiengang geprägt."

Professor Dr. Ulrich Oltersdorf von der Bundesforschungsanstalt in Hohenheim unterstrich als Leitzmann-typisch, wie er im ganzheitlichen Konzept der Ernährungsökologie das Positive der Verschiedenheit zu sehen lehrte. Seine Vision: "Wir suchen nicht mehr auf Molekularebene nach Lösungen, sondern sehen den Menschen." Seine Einschränkung: "Gäbe es mehr Leitzmänner und Leitzfrauen, könnten wir optimistischer in die Zukunft sehen."

Professor Heiner Lange von der Poliklinik Gießen, ein Diabetologe, bezeichnete Leitzmann und die Zusammenarbeit mit ihm als Glücksfall. Für die Zukunft meint er: "Junge Mitarbeiter und neue Ideen sind der Stoff, der aus Visionen Wirklichkeiten werden läßt."

Dr. Ingrid Hoffmann, die sich mit Dr. Karl von Koerber die Moderation des Nachmittags teilte, würdigte "ihren Prof" in einem bunten Auftritt vieler ehemaliger Mitarbeiter als aufgeschlossenen toleranten Menschen, der unkonventionelle Inhalte als Chance erkennt, konsequent seine Linie verfolgt, dabei aber nie dogmatisch wird, der wissenschaftliche Fakten praxisnah umsetzen kann. Koerber, der seit 23 Jahren mit Leitzmann zusammenarbeitet, charakterisierte ihn als "außergewöhnliches Vorbild" - die Zustimmung im Saal war sichtbar.

Professor Dr. Andreas Bodenstedt vom Institut für Agrarsoziologie in Gießen formulierte prägnant: "Qualität von Nahrung leichter eingängig machen, Zusammenhänge zwischen Aktivität, Ernährung, Wohlbefinden besser klarmachen, im Zusammenwirken von natur- und sozialwissenschaftlicher Forschung einsichtig machen, welche Verhaltensänderungen unsererseits dazu beiträgen und notwendig sind, um allen Menschen Zugang zu ausreichend Nahrung zu eröffnen." Thomas Männle, mit Leitzmann im UGB immer noch eng verbunden, war deutlich visionär: "Ernährungsabhängige Krankheiten gehen zurück und werden unbekannt." Dr. Meier-Ploeger, Leitzmanns dritte Doktorandin, sah voraus: "Der Mensch hat ein Gefühl entwickelt für das richtige Lebensmittel zur richtigen Zeit."

Am reichlichen, natürlich vollwertigen und weitgehend kontrolliert biologischem Buffet (von Harald Rühl, einem Leitzmann-Diplomanden und Besitzer des Lokals "Safran" in Gießen gestaltet) bewiesen die vielen hungrigen Gäste, dass sie auf dem Weg dahin sind. Folgen sie Leitzmanns Schlusswort, werden sie dabei vorankommen. "Bleiben Sie gesund und wachsam, essen Sie vollwertig und mit Genuß, denken Sie positiv und global, handeln sie lokal und nachhaltig."

Ein Nachfolger für den engagierten Ernährungsökologen ist noch nicht gefunden. Die Eden-Stiftung, Finanzier der Professorenstelle, hat beschlossen, die Stelle erst im Jahr 2000 neu auszuschreiben.

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