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Sortimentsrichtlinien

Kosmetikverband schießt gegen den BNN – und kündigt die ANN an

Wegen offener Fragen zu seiner Zertifizierungspraxis droht der Kosmetikverband Icada aus den Sortimentsrichtlinien des BNN zu fallen. Dort kündigte man nun die „Arbeitsgemeinschaft Naturkost und Naturwaren“ (ANN) an, inklusive eigener Richtlinien. Der BNN erklärt seine Sicht der Dinge.

30.09.2021 vonMichael Stahl

Naturkosmetik im Fachhandel: BNN und Naturkost-Süd prüfen regelmäßig die Standards, die durch die gemeinsamen Sortimentsrichtlinien anerkannt werden.

Wegen offener Fragen zu seiner Zertifizierungspraxis droht der Kosmetikverband Icada aus den Sortimentsrichtlinien des BNN zu fallen. Dort kündigte man nun die „Arbeitsgemeinschaft Naturkost und Naturwaren“ (ANN) an, inklusive eigener Richtlinien. Der BNN erklärt seine Sicht der Dinge.

Als sich am heutigen Donnerstag die Teilnehmer zum zweiten und letzten Tag der Veranstaltung „Naturkosmetik Messe Kongress“ virtuell zusammenfanden, ging es in Vorträgen unter anderem um Hormone in der Kosmetik, das Lieferkettengesetz oder um „Wirkstoffe mit anti Covid-Wirkungs-Nachweis in der Fachliteratur“. Über das wohl brisanteste Thema auf dem vom Kosmetikverband Icada veranstalteten Kongress wurde bereits am Vortag referiert – von Icada-Geschäftsführer Reinhold Brunke. Das Thema seines Vortrags war: „Icada-Gutachten zu den kritikwürdigen BNN-Sortiments-Richtlinien“.

Icada wirft dem Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) und Naturkost-Süd (NK-Süd) vor, mit ihren gemeinsamen Sortimentsrichtlinien bestehende Gesetze zu verletzen, Handel und Verbraucher in die Irre zu führen, kleine Unternehmen wirtschaftlich auszugrenzen und dass sie damit womöglich „das hochwertige Ansehen des Naturkost- und Naturwaren-Handels schädigen“. Was die Teilnehmer des Vortrags erwartete, kann man sich bereits seit drei Wochen auf Youtube anschauen. BioHandel hat den BNN um eine Stellungnahme zu einzelnen Punkten gebeten.

In dem 30-minütigen Video, das am Mittwoch auch auf dem Icada-Kongress gezeigt wurde, geht Brunke auf die Kritikpunkte ein. Dabei geht es auch um Fragen in einem Fragebogen, mit dem BNN und NK-Süd regelmäßig die Standards prüfen, die im Naturkosmetikbereich durch die gemeinsamen Sortimentsrichtlinien anerkannt werden. Zuletzt taten sie das im Sommer 2020, teilte der BNN auf BioHandel-Anfrage mit. Alle Standardgeber beantworteten demnach die Fragen, auch Icada, ohne daran etwas zu kritisieren. Das hat sich inzwischen geändert.

Icada

Icada bezeichnet sich selbst als internationalen Verband für präparative und apparative Kosmetik sowie Nahrungsergänzungsmittel, der kleine und mittelgroße Hersteller in Europa betreut und deren Interessen vertritt. Demnach gehören dem Verband über 650 Mitgliedsfirmen an. Icada vergibt außerdem ein Label für Bio- und Naturkosmetik und verspricht dabei einen geringen Zertifizierungsaufwand.

Zur Icada-Webseite

In ihrem Fragebogen wollten BNN und NK-Süd etwa wissen, ob die Standardgeber Antitranspirants auf Aluminiumbasis erlauben. In seinem Video erklärt Brunke, dass bereits im November 2019 ein wissenschaftlicher Beirat auf EU-Ebene Entwarnung gegeben habe für den Aluminiumeinsatz in der Kosmetik. Die Frage sei für ihn daher eine „Verunglimpfung relativ unbedenklicher Stoffe“.

Auch beim BNN wisse man um die wissenschaftliche Einschätzung, derzufolge die Aufnahme von Aluminium über die intakte Haut gering und im Vergleich zu anderen Wegen wenig relevant sei, teilt der Verband mit. Unabhängig davon sei die neurotoxische Gefahr von Aluminium an sich in der Fachwelt jedoch unumstritten, so der BNN. Außerdem stehe noch eine wissenschaftliche Klärung aus, ob bestimmte Aluminiumsalze als toxisch zu bewerten sind. „Da der Verdacht entsprechend noch nicht ausgeräumt ist, scheint aus unserer Sicht zumindest Vorsicht und ein Überblick angemessen“, rechtfertigt der BNN seine Frage an die Standardgeber.

Weitere Fragen zur Tierversuchsfreiheit verwendeter Rohstoffe oder zu einem Mindestanteil an zertifiziert ökologischen Inhaltsstoffen kritisiert Brunke unter anderem als „Verbraucherirreführung“ beziehungsweise „nicht sachgerecht formuliert“.

So gebe es nach Kenntnis von Icada „keine Rohstoffe ohne Prüfung am Tier“. Der BNN teilt unter Verweis auf die EU-Kosmetikverordnung mit, dass seit 2009 EU-weit Versuche am Tier für kosmetische Produkte und Bestandteile kosmetischer Produkte verboten seien und einige Naturkosmetik-Standards auch Tierversuche in Ländern außerhalb der EU ausschlössen. „Um einen Überblick über die Aktivität der Standardgeber in diesem Bereich zu erhalten, haben wir dies bei den Standardgebern abgefragt“, teilte der BNN mit. Die Frage nach den ökologischen Inhaltsstoffen diente dem BNN zufolge in erster Linie dazu, „einen Überblick zu erhalten, inwieweit die Standards ihre Richtlinien bzw. Ansprüche an Produkte, an Inhaltsstoffe aus kontrolliert biologischem Anbau knüpfen“.

Unklare Zertifizierungspraxis

In den Sortimentsrichtlinien von BNN und NK-Süd stößt sich Brunke unter anderem an der Vorgabe, dass Produkte, die die Richtlinien erfüllen wollen, durch unabhängige Stellen kontrolliert und zertifiziert sein müssen. Laut Brunke sei das derzeit nicht so. „Zahlreiche Zertifizierer zertifizieren ihre Mitglieder und Kunden selbst“, sagt er in seinem Vortrag. Dazu der BNN: „Aus Sicht der Sortimentsrichtlinien ist es ein entscheidendes Qualitätsmarkmal, dass Standardgeber und Kontrollstelle nicht dasselbe Organ sind.“ Dies sei ein zentrales Kriterium, um Interessenskonflikten bestmöglich vorzubeugen. „Dabei wird die unabhängige Zertifizierung durch akkreditierte Kontrollstellen getrennt vom Standardeigner durchgeführt. So ist es unter anderem bei der EU-Öko-Verordnung geregelt und auch bei den im Rahmen der Sortimentsrichtlinien anerkannten Naturkosmetik-Standards, wobei wir Icada hier, bis zur Klärung der offenen Fragen nicht mit hinzuzählen können.“

Bei den „offenen Fragen“ geht es um die Zertifizierungspraxis von Icada. BNN und NK-Süd sahen sich hier zum Nachhaken veranlasst, nachdem der Kosmetikverband auf einem Kongress im Oktober des vergangenen Jahres für eine „,Icada-Zertifizierung ohne Kosten‘ auf Grundlage von Eigenbestätigungen der Hersteller“ geworben hatte, wie der BNN mitteilte. „Wir haben Icada im Juni 2021 eine einjährige Frist (bis Juni 2022) zur Beantwortung und Klärung der offenen Fragen eingeräumt. Sollten die offenen Fragen bis dahin nicht geklärt werden können, würde Icada im Rahmen der Sortimentsrichtlinien nicht mehr als Standard im Bereich Naturkosmetik anerkannt werden können“, so der BNN. Sollte es soweit kommen, müssten die im BNN organisierten Naturkostfachhändler Produkte mit Icada-Label auslisten.

Statt die Fragen zu beantworten kritisiert Icada eine „Beamtenmentalität“ beim BNN und fehlendes Vertrauen in die naturverbundenen Kosmetikfirmen. Diese hätten einen Lizenzvertrag unterschrieben und bürgten dafür, dass alles, was in den Normen steht, ordentlich gemacht werde, so Brunke. Ihm zufolge schätze der BNN außerdem die Marktdynamik nicht richtig ein. Denn die Konkurrenz lege Schummeleien schnell offen, so Brunke. „Auch die Verbraucherschutzorganisation in Brüssel recherchiert akribisch. Die amtliche Überwachung in Deutschland und Österreich ist sehr streng. Kein Produkt, dass fälschlicherweise Naturkosmetik auslobt, kann sich lange im Markt halten, ohne bei diesen Kontrollen aufzufallen“, sagt Brunke und lehnt eine „Überwachung durch private Organisationen“ ab.

Icada befürchtet Ausgrenzung kleiner Hersteller

Der BNN sieht das anders: „Jede,Schummelei‘, die sich im Sortiment eines Fachhandelsgeschäftes finden würde, brächte einen enormen Schaden für das betroffene Geschäft und das Verbrauchervertrauen insgesamt. Insofern liegt es im Interesse von Ladnerinnen und Ladnern, hier nicht zu warten, bis der Markt solche Risiken regelt, denn dann ist der Schaden bereits angerichtet.“ Die Sortimentsrichtlinien seien im Übrigen auch kein Überwachungsorgan, sondern eine Leitlinie, an der sich Händler für die Zusammenstellung ihrer konsequent biologischen und nachhaltigen Sortimente orientieren könnten.

Brunke befürchtet, dass die Kosten für ein Label und die regelmäßigen Zertifizierungen, die die Sortimentsrichtlinien von BNN und NK-Süd vorsehen, vor allem die kleinen Naturkosmetikhersteller ausgrenze und die großen Firmen bevorzuge. Dazu der BNN: „So wie auch eine Bio-Zertifizierung nicht einmalig erfolgt und dann ,lebenslang‘ gilt, gehört es aus unserer Sicht auch zur guten Praxis in der Naturkosmetik, dass die Produkte regelmäßig re-zertifiziert werden. Deshalb ist die Kontroll- und Zertifizierungspraxis ein wichtiger Punkt bei der Anerkennung von Standards durch die Sortimentsrichtlinien.“

Bis zum Start der Icada-Konferenz am Mittwoch hatte der Kosmetikverband die Fragen zu seiner Zertifizierungspraxis laut BNN nicht beantwortet. Stattdessen nimmt Icada die Diskrepanzen zum Anlass, scheinbar neue Wege zu gehen: Mitte September verkündete der Verband die Gründung der „Arbeitsgemeinschaft Naturkost und Naturwaren“ (ANN).

Die soll unter anderem eigene Sortimentsrichtlinien erstellen, als politische Interessenvertretung fungieren, Seminare zu Naturkost und Naturkosmetik organisieren und Qualitätskontrollen durchführen – also all das, was der BNN bereits tut. Laut Tagungsprogramm wollte Icada-Geschäftsführer Brunke am Mittwoch die Arbeitsgemeinschaft vorstellen, im Livestream zum Kongress war dieser Veranstaltungspunkt jedoch nicht zu sehen.

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