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Machbarkeits-Studie

Klimaneutrales Deutschland bis 2035 ist möglich

Das Wuppertal Institut hat für die Klima-Aktivisten von Fridays for Future erarbeitet, was Deutschland beitragen müsste, um die 1,5-Grad-Grenze einhalten. Das Fazit: Die Maßnahmen sind herausfordernd, aber nicht unmöglich.

16.10.2020 vonLeo Frühschütz

Die Machbarkeits-Studie des Wuppertal Instituts zeigt: Wenn wir wirklichen Klimaschutz wollen, müssen wir Industrie, Infrastruktur und Landwirtschaft radikal umbauen.

Das Wuppertal Institut hat für die Klima-Aktivisten von Fridays for Future erarbeitet, was Deutschland beitragen müsste, um die 1,5-Grad-Grenze einhalten. Das Fazit: Die Maßnahmen sind herausfordernd, aber nicht unmöglich.

Im Oktober hat die Fridays for Future-Bewegung gemeinsam mit dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie für eine Studie zur Erreichbarkeit des selbst gesetzten 1,5-Grad-Ziels aus dem Pariser Klimaabkommen veröffentlicht. Die finanziell von der GLS-Bank unterstützte Studie trägt zusammen, was Deutschland in den kommenden 15 Jahren tun muss, um seine Klimaziele noch zu erreichen.

Die Staatengemeinschaft hatte auf der Klimakonferenz in Paris Ende 2015 das Ziel beschlossen, die Erderwärmung möglichst auf unter 1,5 Grad zu begrenzen. Für Deutschland würde das bedeuten, dass wir noch 4,2 Milliarden Tonnen CO2 aus fossilen Quellen ausstoßen dürften. Derzeit sind es pro Jahr 700 Millionen Tonnen, das heißt, in sechs Jahren hätte Deutschland bereits die 1,5-Grad-Grenze gerissen.

Sozial-ökologischer Umbau und Energiewende notwendig

Um das zu verhindern müssten sich die deutschen Treibhausgasemissionen in den nächsten fünf bis sechs Jahre halbieren. 2035 müsste Deutschland dann komplett CO2-neutral wirtschaften. Das wäre aus technischer und ökonomischer Sicht zwar extrem anspruchsvoll, grundsätzlich aber möglich, lautet das Fazit des Berichts. Der ganze Umbau müsse sozial-ökologisch gestaltet werden und dürfe die soziale Ungleichheit nicht verstärken.

Für die Energiewende braucht es laut Bericht einen deutlich größeren und schnelleren Ausbau von Windenergie und Photovoltaik von 25 bis 30 Gigawatt pro Jahr. 2018 und 2019 waren es nur 6 Gigawatt jährlich. Zusätzlich müssten klimaneutrale Energieträger wie Wasserstoff importiert werden.

Kreislaufwirtschaft zur Reduzierung fossiler Grundstoffe

In der Industrie dürften wegen der langen Lebensdauer nur noch Anlagen installiert werden, die auch Treibhausgas-neutral betrieben werden können. Fossile Industriekraftwerke müssten durch erneuerbare Energien ersetzt und Heizsystemen für Dampf und Wärme elektrifiziert werden. Um fossile Grundstoffe in der chemischen Industrie zu verringern, brauche es mehr Kreislaufwirtschaft und nachhaltige biogene Alternativen. Um Herstellungsprozesse auf Wasserstoff umzustellen, seien hohe unterstützende Investitionen seitens des Staates notwendig.

Massiver Umbau der Infrastruktur und energetische Gebäudesanierung

Für die Mobilitätswende schlägt der Bericht vor, den öffentlichem Verkehr, Rad- und Fußweginfrastrukturen und Sharing-Angeboten massiv auszubauen, um „die Verkehrsleistung des Umweltverbunds bis 2035 zu verdoppeln“. Gleichzeitig sollte das Autofahren durch Tempolimits, höhere Preise für das Parken und eine Umverteilung von Straßenraum weniger attraktiv werden. Die Fahrzeuge müssten schnell elektrifiziert und für LKW Oberleitungstrassen auf Autobahnen gebaut werden. Bis 2035 soll dann der letzte Verbrennungsantrieb auf synthetische Kraftstoffe umgestellt sein.

Um Wärme zu sparen müssten bis 2035 jährlich circa vier Prozent aller Gebäude energetisch saniert werden. Derzeit liegt die Quote bei einem Prozent. Wärmepumpen, solarthermische Kollektoranlagen oder grüne Nah- bzw. Fernwärme sollen möglichst schnell fossile Brennstoffe ersetzen.

Die Studie gibt es als Zusammenfassung und als kompletten Bericht zu lesen.

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