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Gerechtigkeit im Öko-Landbau | Teil 1

„Es braucht viele starke Frauen, die ihr Ding machen“

Wie steht es um die Gerechtigkeit im Öko-Landbau? Trainees aus dem Programm Ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft haben sich dazu für BioHandel umgehört. Im ersten Teil der Interview-Reihe kommt Anna Kenner zu Wort. Seit sie Betriebsleiterin ist, spielt Geschlechtergerechtigkeit für sie eine große Rolle.

16.04.2021 vonRedaktion

In ihrer Solawi legt Anna Kenner großen Wert auf Gerechtigkeit: für Geschlechter, Tiere und Verbraucher.

Wie steht es um die Gerechtigkeit im Öko-Landbau? Trainees aus dem Programm Ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft haben sich dazu für BioHandel umgehört. Im ersten Teil der Interview-Reihe kommt Anna Kenner zu Wort. Seit sie Betriebsleiterin ist, spielt Geschlechtergerechtigkeit für sie eine große Rolle.

Frau Kenner, was verstehen Sie unter Gerechtigkeit in der Ökobranche?

Anna Kenner: Das Gleiche wie für die gesamten Branche: vor allem gerechte Löhne und Gerechtigkeit für Tiere, sprich eine artgerechte Haltung. Und Generationengerechtigkeit, also dass so gewirtschaftet wird, dass die nächste Generation auch noch eine Perspektive auf dieser Erde hat. Seit ich Betriebsleiterin bin, spielt auch Geschlechtergerechtigkeit eine große Rolle für mich. Hier stoße ich im Alltag immer wieder an Grenzen, vor allem in den Köpfen. Und was ich auch sehr wichtig finde, ist eine gerechte Weltwirtschaft und Klimagerechtigkeit. Wir sollten Landwirtschaft in Europa so betreiben, dass auch Bauern in allen Teilen der Erde eine Zukunftsperspektive haben.

Hat die Ökobranche nicht mehr Verantwortung?

Ja schon, in dem Sinne, dass die Verbraucher das so erwarten. Aber das Ziel muss ja sein, dass sich in der Landwirtschaft insgesamt was ändert.

Wo sehen Sie „Brennpunkte“ innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette?

In unserer Solawi wurde gerade eine Diskussion über eine gerechte Entlohnung angestoßen – deshalb ist das auf jeden Fall ein „Brennpunkt“, mit dem ich mich zurzeit beschäftige. Da können wir bei uns auf jeden Fall noch daran arbeiten, wie wir eine aufwändige, tiergerechte Haltung für unsere Kühe und faire Löhne für unsere Mitarbeiter und uns realisieren. Im Moment zahlen wir auch nur Mindestlohn bzw. den noch viel niedrigeren Azubilohn.

Das Thema Geschlechtergerechtigkeit begegnet mir im Alltag und auch im Austausch mit Kolleginnen sehr viel. Es kann nicht sein, dass Betriebsleiterinnen auch im Jahr 2021 noch Überraschung und Verwunderung hervorrufen.

Tiergerechtigkeit liegt mir persönlich sehr am Herzen und ich denke, da ist die Ökobranche im Vergleich mit der konventionellen Tierhaltung schon relativ weit. Aber da fällt mir eine große Ungerechtigkeit gegenüber den Verbrauchern ein. Wenn die Ökoverbände weiterhin in dem Maße mit glücklichen Tieren, insbesondere Kühen, auf grünen Wiesen werben wollen, wie sie es zurzeit tun, dann sollten sie das auch endlich in die Richtlinien aufnehmen. Jede Kuh geht gerne auf eine Weide, auf der es auch Gras zu fressen gibt!

Was wären konkrete Lösungsansätze?

Vieles kann der Öko-Landbau nicht ohne die konventionellen Kollegen lösen – die Arbeitsfalle von Milchviehbetrieben, Löhne für Saisonarbeitskräfte und Schlachthofmitarbeiter – allerdings sollte die Ökobranche diese Fragen offensiv angehen und diskutieren. Ich glaube, die Solawis könnten da einen wichtigen Impuls geben, gerade weil die Landwirtinnen und Verbraucher hier in einem direkten Austausch sind.

Wie gesagt, in unserer Solawi wurde das Thema gerade angestoßen und ich bin gespannt, was sich da entwickelt. Was die Geschlechtergerechtigkeit angeht, braucht es, denke ich, viele starke Frauen die ihr Ding machen, sich gegenseitig stärken und zeigen, dass frau Landwirtschaft genauso gut kann! Mein Tipp zur Vernetzung: das Emanzipatorische Landwirtschaftsnetzwerk (Infos per E-Mail).

Anna Kenner und ihr Team.

Was ist der wichtigste Hebel um etwas zu verändern?

Muss alles gesetzlich geregelt werden (z.B. Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb) oder welche anderen Wege sollten beschritten werden? Ja, ich denke tatsächlich, dass es in manchen Fällen nur noch gesetzlich geht. Etwa die Arbeiter in den Schlachthöfen oder die Bäuerinnen beziehungsweise die Biomolkereien gegenüber den Discountern – da gibt es so ein starkes Machtgefälle durch die Marktkonzentration, dass man da politisch unbedingt eingreifen muss.

Auch formal muss sich was ändern, etwa der Status als „Mitarbeitende Familienarbeitskraft“, der finanziell das Modell des alleinigen Betriebsinhabers zementiert. Gerade in der ökologischen Landwirtschaft ist der Wunsch nach einem gemeinschaftlich getragenen Hof groß – und dabei ist eine gleichberechtigte Stellung von zwei Personen schon schwierig genug.

Wie können Öko-Prinzipien zu mehr Gerechtigkeit beitragen?

Für eine Umsetzung müssen konkrete Kriterien entwickelt und allgemeine und schwammige Formulierungen vermieden werden. Vielleicht wird das auf Verbandsebene ja auch getan. Als kleiner, bäuerlicher Direktvermarktungsbetrieb sehen wir uns relativ unabhängig von den Verbänden. Wir gehen mit unserer Art zu wirtschaften ja über die Vorgaben der Richtlinien hinaus. Und wir haben sehr engen Kontakt mit den Menschen, die unsere Produkte essen, und produzieren nur zu einem sehr geringen Teil für einen anonymen Markt. Dadurch ist die Zertifizierung durch einen bestimmten Verband für uns gar nicht so wichtig.

Aber ich würde mir trotzdem wünschen, dass sich die Bioverbände mehr für den Erhalt der bäuerlichen Strukturen in der Landwirtschaft einsetzen und das nicht nur auf dem Flyer. Die Kooperation von Bioland mit Lidl beispielsweise fand ich da nicht sehr überzeugend.

Wo sehen Sie Möglichkeiten, selbst (privat und beruflich) zur Gerechtigkeit im Öko-landbau beizutragen?

Wie gesagt, unser Ziel steht: Unsere Mitarbeiter sollen langfristig deutlich mehr als Mindestlohn bekommen. Und ich hoffe sehr, dass das so klappt – und für uns auch noch was übrig bleibt. Gleichzeitig versuchen wir, unsere Tierhaltung weiterhin artgerecht zu gestalten. Und natürlich versuche ich durch meine Arbeit nach außen zu zeigen, dass auch Frauen Betriebsleiterinnen sind!

Zurzeit sind wir vor allem auf den Betrieb und unseren Zwerg konzentriert, aber ich würde gerne wieder mehr agrarpolitisch machen – da aber auch weniger biospezifisch und mehr mit der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. In der Gegend gibt es coole kleine Betriebe, die nicht Bio sind (und es aus verschiedenen Gründen nicht werden), aber trotzdem die Kühe immer auf die Weide lassen und gut behandeln. Und die auf jeden Fall erhaltenswert sind. Mir geht es mehr um Strukturen und Rahmenbedingungen für die gesamte Landwirtschaft, die sich ändern müssen – Stichwort GAP-Zahlungen.

Hintergrund zur Interviewreihe

Im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts des 17. Traineeprogramms Ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft setzt sich ein fünfköpfiges Team (Raphael Pierro, Carla Proetzel, Cathrin Bardenheuer, Laura Kehl und Katharina Tietz) mit dem Thema Gerechtigkeit in der Biobranche auseinander. Hintergrund ist das starke und schnelle Wachstum der Biobranche in den vergangenen Jahren – von einer Nische hin zu einem beachtlichen Wirtschaftssektor. Findet sich der Ursprungsgedanke der Gerechtigkeit, wie in den IFOAM-Prinzipien verankert, trotz des Wandels in der Branche wieder? Um verschiedene Perspektiven und den nötigen Handlungsbedarf aufzuzeigen sowie konstruktive Lösungsvorschläge zu erarbeiten, hat das Trainee-Teams einige Akteure und Akteurinnen aus den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette befragt.

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