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Interview

„Bio ist keine Marke“

Benny Haerlin warnt vor den negativen Folgen des Bio-Wachstums. Statt mehr Effizienz und Produktionssteigerung braucht es für ihn eine Rückbesinnung auf die Werte des Ökolandbaus. Bio soll wieder Bewegung werden.

14.01.2018 vonLeo Frühschütz

Benny Haerlin warnt vor den negativen Folgen des Bio-Wachstums. Statt mehr Effizienz und Produktionssteigerung braucht es für ihn eine Rückbesinnung auf die Werte des Ökolandbaus. Bio soll wieder Bewegung werden.

Herr Haerlin, der biologische Landbau wächst, doch dieses Wachstum schafft auch Probleme. Gibt es für Bio Grenzen des Wachstums?

Bio soll als Vorbild für die gesamte Landwirtschaft wachsen. Dort, wo es nur wächst, um Märkte möglichst preisgünstig zu versorgen, verliert es den Vorbildcharakter. Die Bio 3.0 Debatte ist ein gutes Beispiel. Deutlicher als je zuvor wurde da von Kundschaft gesprochen, von den Kompromissen, die man machen müsse, der Ertragslücke, die man schließen müsse.


Also besser nicht wachsen?

Doch, aber nur so schnell, wie die Lösungen auch weiter in die richtige Richtung weisen. Es geht nicht um Dezitonnen, sondern um gesund Ernährte pro Hektar gesunden Bodens. Wachstum um den Preis sich immer stärker öffnender Kreisläufe, reduzierter Fruchtfolgen und undurchschaubarer Wertschöpfungsketten ist letztlich nicht nachhaltig.


Aber Bio definiert sich nicht über Lösungen, sondern über die Produktionsstandards der EU-Öko-Verordnung und die entsprechenden Zertifikate.

Nur in dem Maße, in dem Kunden nicht mehr wissen, wem sie vertrauen können, brauchen sie Zertifizierungen und Logos als Orientierung. Entscheidend ist die Frage: Ist Bio eine Marke oder ist Bio eine gemeinsame Bewegung von Verbrauchern, Erzeugern, Verarbeitern und Händlern. Auf ein Logo reduziert verliert Bio mit der Zeit seine Überzeugungsfähigkeit und Innovationskraft.


Also sind wir auf dem Weg dazu, nur noch Marke zu sein?

Die Gefahr besteht. Erzeuger und Händler müssen wieder deutlicher machen, wozu wir Bio brauchen – für Artenvielfalt, Klimaschutz, Bodenfruchtbarkeit, Agrar[-]ökologie, Gesundheit. Und benennen, wieviel es noch zu tun gibt, für Bio, Produktion und Verbrauch.


Werben nicht Edeka und Rewe genug mit diesen Bio-Vorteilen?

Wo klären Edeka und Rewe denn die Kunden über die Nachhaltigkeitsprobleme der Landwirtschaft auf? Die Branche braucht eigene Kommunikationswege mit der Kundschaft. Da sehe ich die Verbände in der Pflicht; aber auch einen Fachhandel, der sagt: „Wir sind Bio“ und nicht „Wir führen auch Bio“. Was die Biobewegung zu Glyphosat, zum Höfesterben, zum Insektensterben sagt, reicht nicht. Da sind Umweltverbände und manche Parteien oft stärker. Ich zweifle, ob Bio momentan am Puls der Zeit ist.


Wie und wo schlägt denn der Puls der Zeit?

Ich erlebe auf den Wir-haben-es-satt-Demos und anderswo, dass jungen Menschen bio zwar wichtig ist, aber eher selbstverständlich. Praktisch bewegen sie Themen wie Solidarische Landwirtschaft, neue Vermarktungsstrukturen, Lebensmittel retten, Permakultur. An solchen Pionierpunkten ist die Bio-Bewegung nicht als treibende Kraft, als Hefe der Veränderung erkennbar.


Stellen Sie sich vor, Sie haben einen 100-Quadratmeter Bioladen, in der nächsten Straße steht ein DM und nicht viel weiter weg ein großer Biofilialist. Was machen Sie?

Ich versuche, konkrete Höfe als Partner vorzustellen, übernehme die Verteilstelle einer Solawi, suche Nischen und baue meine Community auf, auch im Internet. Wo ich überhaupt nicht konkurrenzfähig bin, teile ich das mit. Ich diskutiere mit der Kundschaft über die Zukunft der Landwirtschaft und die Rolle von Bio für Umwelt, Gerechtigkeit und Wohlstand, lokal und global.

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