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GERECHTIGKEIT IM ÖKO-LANDBAU | TEIL 3

Theresia Sanktjohanser: „Etwas zu ändern, bedeutet oft auch, seine Komfortzone zu verlassen“

Wie steht es um die Gerechtigkeit im Öko-Landbau? Trainees aus dem Programm Ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft haben sich dazu für BioHandel umgehört. Theresia Sanktjohanser, die den Fleischwarenhersteller Quint führt, spricht im dritten Teil über Wertschätzung und Respekt entlang der Wertschöpfungskette – und erläutert, warum die Vermarktung des ganzen Tieres eine Herausforderung ist.

14.06.2021 vonCathrin Bardenheuer

Theresia Sanktjohanser (geb. Quint), geschäftsführende Gesellschafterin des Familienbetriebes Quint

Wie steht es um die Gerechtigkeit im Öko-Landbau? Trainees aus dem Programm Ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft haben sich dazu für BioHandel umgehört. Theresia Sanktjohanser, die den Fleischwarenhersteller Quint führt, spricht im dritten Teil über Wertschätzung und Respekt entlang der Wertschöpfungskette – und erläutert, warum die Vermarktung des ganzen Tieres eine Herausforderung ist.

Was verstehen Sie unter Gerechtigkeit in der Ökobranche?

Unter Gerechtigkeit in der Ökobranche verstehe ich, dass alle Beteiligten innerhalb der Wertschöpfungskette mit der Wertschätzung und dem Respekt berücksichtigt werden, den es braucht, um ökologische Lebensmittel herzustellen.

Wo sehen Sie „Brennpunkte“ innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette?

Die Herausforderung im Fleischbereich bei Verbandsware ist einerseits die Sicherstellung einer regionalen Ferkelzüchtung und andererseits der Erhalt eines regionalen Schlachtprozesses. Die Umstellung der Schweinemastbetriebe auf Bioland ist unter anderem abhängig von der Verfügbarkeit von Ferkeln in der Branche. Die Züchtung muss an die Haltungsanforderungen der ökologischen Landwirtschaft angepasst werden. Vorhandene Schlachtprozesse müssen regional erhalten werden, damit sich die Transportwege nicht verlängern.

Durch einen Mangel an Aufklärung fehlt oft die Wertschätzung gegenüber den Produkten.

Eine große Rolle spielt natürlich auch der Konsument. Solange dieser nicht zu schätzen weiß, was er auf dem Teller hat, ist es schwierig eine faire Behandlung innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette zu gewährleisten. Durch einen Mangel an Aufklärung fehlt oft die Wertschätzung gegenüber den Produkten. Dazu gehört unter anderem die gesamte Verwertung des Tieres: „from nose to tail“. Viele Teilstücke, beziehungsweise deren Verarbeitung sind 3dem Verbraucher nicht mehr bekannt. Um Wertschätzung und Respekt gegenüber dem Lebensmittel (das Mittel zum Leben) zu erhalten, benötigt der Konsument eine andere Aufklärung und Bildung zum gesamten Thema Ernährung. Sowohl die Landwirtschaft als auch die Herstellung und Verarbeitung der ökologischen Lebensmittel müssen einen bewussteren Umgang erfahren.

Was sind die größten Herausforderungen auf Ihrer Stufe der Wertschöpfungskette?

Eine große Herausforderung ist die Vermarktung des ganzen Tieres. Verbraucher sind es gewohnt, dass beispielsweise Schweineschnitzel immer und in ausreichender Menge verfügbar sind. Dass das Schwein nicht nur aus Schnitzel besteht und was mit den übrigen Teilstücken passiert, rückt in den Hintergrund. Hier besteht das Risiko, in ein ähnliches System zu verfallen wie die konventionelle Fleischwirtschaft. Wo weniger nachgefragte Teilstücke mehr oder weniger einfach verschwinden und irgendwo auf dem Weltmarkt vermarktet werden.

Was wären konkrete Lösungsansätze und -vorschläge?

Ein Ansatz ist die Aufklärung und Bildung der Verbraucher. Damit sollte man spätestens in der Schule beginnen. Ich sehe aber auch die Gastronomie in der Rolle aufzuklären. Die Gastronomie hat die Möglichkeit, die Vielfalt der Fleischwaren wieder in den Fokus der Verbraucher zu bringen. Durch beispielsweise variierende Speisekarten, wo das angeboten wird, was verfügbar ist, wenn man das ganze Tier verarbeitet. So kann auch der Verbraucher lernen und seinen Horizont erweitern. Eine weitere wichtige Schnittstelle, die Wertschätzung weiterzugeben, ist die Vermarktung an den Endverbraucher. Innerhalb der Wertschöpfungskette sollten alle Glieder eng zusammenarbeiten und im Idealfall hat jedes Glied auch mal einen Einblick in die anderen Stufen der Wertschöpfungskette gehabt. So sieht auch der Verkäufer am Ende das Produkt nicht nur als Produkt, sondern als Wertschöpfung. Viele Verkäuferinnen und Verkäufer in dieser Branche verkaufen das Fleisch, haben aber selbst noch nie einen Schlachtbetrieb von innen gesehen oder wissen, wie Landwirtschaft funktioniert. Bei den Direktvermarktern ist das anders. Daran sollte sich auch der große Handel orientieren.

Wirtschaft und Politik müssen enger zusammenrücken.

Wie kann die Ökobranche eine Vorreiterrolle für andere Wirtschaftsformen einnehmen?

Die Ökobranche hat schon eine Vorreiterrolle. Sie muss es nur stärker kommunizieren. Es gibt bereits Restaurants und auch Kantinen in der Biobranche, die ihre Speisekarte wechselnd anpassen, die ökologisch regionale Speisen verarbeiten und dementsprechend ihr Angebot der Warenverfügbarkeit anpassen.Im Konventionellen wird weniger hinterfragt, auch durch mangelnde Transparenz. Die Ökobranche ist hingegen kleiner und geschlossener und dadurch auch transparenter.

Was ist der wichtigste Hebel um etwas zu verändern? Muss alles gesetzlich geregelt werden oder welche anderen Wege sollten beschritten werden?

Ich denke man kann Menschen durch Aufklärung überzeugen. Denn Aufklärung trägt dazu bei, Hintergründe zu verstehen. Jedoch bedeutet etwas zu ändern oft auch seine Komfortzone zu verlassen. Wenn die Notwendigkeit diese zu verlassen von Einzelnen nicht erkannt oder als unbequem empfunden wird, sind gesetzliche Vorgaben manchmal durchaus sinnvoll. Wirtschaft und Politik müssen enger zusammenrücken. Die Richtlinien der Verbände sind im eigentlichen Sinne nur Prinzipien und Leitlinien, die über den gesetzlichen Standard hinausgehen. Das Problem ist, dass es immer Einzelne gibt und geben wird, die ausschließlich ökonomisch denken und handeln. Somit kann ein Leitbild ins Wanken geraten. Verbandsware hat heute bereits einen höheren Stellenwert als das gesetzliche EU-Bio. Ein starker Verband steht für den ökologischen Mehrwert im Gegensatz zum gesetzlichen Standard.

Wo sehen Sie Möglichkeiten selbst (privat und beruflich) zur Gerechtigkeit im Ökolandbau beizutragen?

Ein wichtiger Punkt ist das Ehrenamt. Ich bin selber im Bioland-Verband aktiv. Für mich ist die Verbandsarbeit eine ausgezeichnete Möglichkeit zum Netzwerken, Austauschen und sich neues Wissen anzueignen. Und so bekommt man auch die Chance sich für Gerechtigkeit im Ökolandbau einzusetzen. Ein weiterer Punkt ist das Engagement in den Schulen, dort an die Jugend heranzutreten und aufzuklären.

Hintergrund zur Interviewreihe

Im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts des 17. Traineeprogramms Ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft setzt sich ein fünfköpfiges Team (Raphael Pierro, Carla Proetzel, Cathrin Bardenheuer, Laura Kehl und Katharina Tietz) mit dem Thema Gerechtigkeit in der Biobranche auseinander. Hintergrund ist das starke und schnelle Wachstum der Biobranche in den vergangenen Jahren – von einer Nische hin zu einem beachtlichen Wirtschaftssektor. Findet sich der Ursprungsgedanke der Gerechtigkeit, wie in den IFOAM-Prinzipien verankert, trotz des Wandels in der Branche wieder? Um verschiedene Perspektiven und den nötigen Handlungsbedarf aufzuzeigen sowie konstruktive Lösungsvorschläge zu erarbeiten, hat das Trainee-Teams einige Akteure und Akteurinnen aus den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette befragt.

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