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Edeka zeigt wahres Gesicht

Sie geben vor, Lebensmittel zu lieben. Doch jetzt haben Edekaner mit ihrem Slogan „Essen hat einen Preis verdient – den niedrigsten“ überzogen. Bauernproteste und ein Shitstorm auf Twitter waren die Folge.

28.01.2020 vonHorst Fiedler

Während die Edeka-Zentrale mit Demeter über die bundesweite Nutzung der Markenrechte verhandelt, zeigt der Regionalverbund Minden-Hannover, wo die Prioritäten der Genossenschaft liegen: im Niedrig- und Dumpingpreis. Große Plakate sollten Kunden darauf aufmerksam machen, dass sie am Montag am besten zu Edeka gehen, um sich für die Woche mit billigen Lebensmitteln einzudecken. Als Werbe-Ikone konnte Komiker Otto Waalkes gewonnen werden, der als authentischer Ostfriese die Region verkörpert wie kein anderer.

Doch der große Abverkauf dürfte ins Stocken geraten sein, denn in der Nacht zu Montag blockierten Bauern mit ihren Traktoren das Edeka-Lager in Wiefelstede (Kreis Ammerland) und machten ihrem Ärger Luft: Die Preispolitik von Edeka geht zu ihren Lasten, denn wenn Essen den niedrigsten Preis verdient hat, ist eine faire Entlohnung nicht mehr möglich. Inzwischen wurden die Plakate abgehängt, der Protest, auch über Twitter, hat sich offenbar ausgezahlt.

Supergeiler Mann mit rotem Pinsel

Doch jetzt von einem einmaligen Ausrutscher einiger übermotovierter Werbe-Strategen ohne Feingefühl zu sprechen, würde zu kurz greifen. Vieles deutet auf eine wohlüberlegte Strategie von Edeka insgesamt hin. Denn spätestens seit Anfang des Jahres schwänzelt wieder der supergeile Mann mit rotem Pinsel durch die Edeka-Werbewelt und macht durch "Streichen der Preise" auf Schnäppchen aufmerksam. Und die Edeka-Tochter Netto wird mehr und mehr auf Aldi-Preisniveau getrimmt. Der größte deutsche Lebensmittelhändler scheint hier zum großen Sprung anzusetzen, um die Preisführerschaft zu übernehmen.

Schauspieler Friedrich Lichtenstein im Edeka-Spot "Supergeile Preise – frisch lackiert"

Höchste Zeit für Einpreisung

Wo Bauern sind, ist bekanntlich auch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Sie zeigt Verständnis für ihre Probanden und hat sie ins Kanzleramt zu Gesprächen eingeladen. Dorthin hat die Kanzlerin laut Lebensmittelzeitung auch die Handelskonzerne am 3. Februar bestellt, um ihnen wegen der Preise ins Gewissen zu reden. Wie die beiden das Problem lösen werden, ist schon jetzt absehbar: Die Verbraucher werden einmal mehr aufgefordert, nicht die billigsten Lebensmittel zu kaufen.

Dabei wäre jetzt die Gelegenheit, sich dafür einzusetzen, dass die Einpreisung aller verursachten Klima- und Umweltschäden in die Preise der konventionellen Lebensmittel endlich erfolgt. Dann gäbe es nämlich gar keine Billiglebensmittel mehr und Bio wäre sogar am günstigsten. Und dann könnte der alte Mann von Edeka mit einem grünen Pinsel durch die Edeka-Werbewelt wandeln und zurecht lauthals rufen „seehr, seehr supergeil!“.

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