Biohandel

Wissen. Was die Branche bewegt

GERECHTIGKEIT IM ÖKO-LANDBAU | TEIL 7

„Die Bewegung darf nicht zu einer Branche der üblichen Wirtschaftsdenkweise verkommen“

Johannes Huober beobachtet mit Sorge das schnelle Wachstum innerhalb der Bio-Branche. Damit ziehe ein konventionelles und mechanistisches Denken ein, sagt der Geschäftsführer der Erdmann Hauser Getreideprodukte GmbH im Interview.

Was verstehen Sie unter Gerechtigkeit in der Ökobranche?

Gerechtigkeit ist nicht nur am Marktpreiserlös zu bemessen, obgleich ein gerechter Preis in der Landwirtschaft, aber auch in der Herstellung von hochwertigen Lebensmitteln, unabdingbar ist. Wir müssen uns im Klaren sein, dass der Preis im Grunde nur Werte vermittelnd, nicht Werte schaffend ist.

Wenn Geld nur da ist, um mit Waren wiederum mehr Geld zu machen, kehrt sich die Tauschwirtschaft in ihr Gegenteil. Das führt dazu, dass sich der Mehrwert des Erzeugers im Preis nicht wiederfindet. Für den Ökolandbau ist diese Verkehrung fatal! Denn hier wird ein großer Mehrwert erzeugt. Mit Blick auf die massive Marktausweitung der Ökobranche macht mir das Sorgen. Denn auch wenn wir innerhalb der Ökobranche auf gesunden Verhältnissen aufbauen, so bedienen wir einen kranken Markt mit falschen Voraussetzungen.

Wo sehen Sie Brennpunkte innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette? Wo liegen die Herausforderungen auf Ihrer Stufe der Wertschöpfungskette?

Bei Gerechtigkeit handelt es sich um eine menschliche Tugend, die unser Handeln bestimmt. Das Kriterium der Gerechtigkeit liegt in der Gesamtheit der Wertschöpfungsglieder, die füreinander da sind. Wenn wir nur einen Teil des Ganzen im Bewusstsein haben, werden wir uns unbewusst in unserem egoistisch angetriebenen Handeln immer gegen das Ganze, die Wertschöpfungskette selbst, richten. Es geht also darum, dass wir die immanente Sozialität innerhalb der arbeitsteiligen Wirtschaft entdecken lernen.

Der Brennpunkt innerhalb der Wertschöpfungskette liegt meines Erachtens nicht nur in dem Recht, das den einzelnen Gliedern der Wertschöpfungskette zukommen muss, sondern auch in der Pflicht, die ein einzelnes Glied gegenüber dem Ganzen hat. Das nennen wir Verantwortung. Und diese speist sich aus der Einsicht in das Ganze. Daran sollte sich die Biobranche orientieren.

Verantwortung speist sich aus der Einsicht in das Ganze.

Erdmann Hauser ist Lebensmittelhersteller und wurde vor mehr als 30 Jahren aus der Verantwortung gegenüber den Erneuerungsimpulsen der biologisch-dynamischen Landwirtschaft begründet. Als Verarbeitungspartner der biologischdynamisch wirtschaftenden Bauern der Region sehe ich die größte Herausforderung in der Erzeugung und Aufbereitung der Erzeugnisse. Denn eine möglichst günstige und effiziente Aufbereitung und Logistik von kleinen Partien in der Region kommt allen Wertschöpfenden zugute.

Mit Sorge blicke ich auf das schnelle Wachstum, das dazu führen wird, dass wir uns auch in Biobetrieben zunehmend spezialisieren und nur einseitige Großbetriebe aufbauen. Damit zieht ein konventionelles und mechanistisches Denken in den Anbau ein. Wir können die Probleme nicht mit dem Denken lösen, das sie herbeigeführt hat.

Auch als Lebensmittelhersteller stehen wir in diesem Spannungsfeld und kämpfen um die Anerkennung. Die Rationalisierung geht mit einem gewissen Zwang der Absatzausweitung einher. Was hier nicht auf der Stecke bleiben darf, ist das Handwerk eines Lebensmittelherstellers mit besonderem Qualitätsverständnis. Sonst ist man austauschbar und die Qualität, was Bio ausmacht, bleibt auf der Strecke.

Was wären konkrete Lösungsansätze/-vorschläge?

Einen Ansatz finde ich darin, dass wir in der Lebensmittelbranche unsere Rohstoffe nicht als „Rohstoff“ – ein Terminus Technicus des Einkaufs – begreifen sollten. Wenn wir die Rohstoffe und auch Zutaten von den Lebensvorgängen her betrachten, so sind das Erzeugnisse, die nur durch die Kultivierung und verständnisvolle Pflege des Menschen da sind. Erdmann Hauser setzt daher auf feste Rahmenpreise, die wir mit den Bauern gemeinsam vereinbaren. Zudem berücksichtigen wir im Getreidepreis die dafür notwendige Ökozüchtung.

Die kulturelle und pflegerische Arbeit der ökologischen Getreidezüchtung kann sich aber nur bedingt im Preis wiederfinden, weshalb wir mit der Erdmann Hauser-Saatgutkampagne schon seit mehr als 20 Jahren die unabhängige Züchtungsarbeit mit einer freien Zuwendung aus dem Jahreserlös unterstützen. Getreide ist für uns kein anonymer Rohstoff, den wir möglichst günstig einkaufen, sondern ein Kulturgut, das wir aus Verantwortung für den Erhalt der Vielfalt und die Grundlage des Lebendigen heraus fördern und pflegen wollen.

Wie kann die Ökobranche eine Vorreiterrolle für andere Wirtschaftsformen einnehmen?

Die Ökobranche ist aus einer Bewegung entstanden. Sie ist ursprünglich auf ein Gefühl und auf eine Empfindung zurückzuführen. Damit meine ich die Empathie für den Mitmenschen und das Leben. Die Bewegung darf nicht zu einer Branche der üblichen Wirtschaftsdenkweise verkommen, sondern muss dafür Sorge tragen, dass sie als Impuls die Gesellschaft bewahrt und damit belebt. Der Impuls muss bis in die praktische Arbeit des handelnden Menschen hineinwirken. Das geht nicht restriktiv, über Normen und Gesetze, sondern nur indem an das freie handelnde Menschenwesen und seine Verantwortung gegenüber der Gesamtgesellschaft appelliert wird.

Wir dürfen die Inhalte, die wir als Ökohersteller haben, nicht dem handelsüblichen Rabattmechanismus Preis geben oder das Bedürfnis der Menschen durch künstliche Kaufanreize und unsachliche Werbung pushen. Das setzt voraus, dass wir unseren Blick um die gesamtgesellschaftlichen und weltwirtschaftlichen Probleme und Widersprüche unseres Systems erweitern. Nur wenn wir den Menschen auch als Menschen ansprechen und nicht in ihm einen Kunden mit gewissen Reizmechanismen sehen, können wir neue, dem Menschen gerechte und adäquate Handelsformen gewinnen.

Was ist der wichtigste Hebel, um etwas zu verändern? Muss alles gesetzlich geregelt werden (z.B. Gesetz gegen den unlauteren Handelswettbewerb) oder welche anderen Wege sollten beschritten werden?

Wie schon angedeutet, kommen wir mit Vorschriften und restriktiven Maßnahmen nicht weiter. Nur wenn wir den einzelnen Menschen auch wirklich mehr Vertrauen schenken und an den mündigen und verantwortungsvollen Bürger appellieren, kann daraus auch Verantwortung kommen. Nur da, wo Einhalt geboten werden muss, braucht es dann Gesetze.

Wie können Öko-Prinzipien zu mehr Gerechtigkeit beitragen?

Die Prinzipien einer gerechten und gesunden Ökonomie sind ja im Grunde unser aller Anliegen. Aus der Sache heraus können diese Prinzipien bis an den Kunden kommuniziert werden. Indem durch uns Bio-Lebensmittelhersteller Arbeitsgemeinschaften mit den Bauern, den Erzeugern, entstehen und sich durch den Naturkosthandel eine Kundschaft mit besonderen Bedürfnissen und Interessen entwickelt, bildet sich eine Gemeinschaft, in der die Werte Gesundheit, Sorgfalt, Ökologie und Gerechtigkeit gelebt und in die Gesellschaft getragen werden.

Zusammengefasst ist dies eine erweiterte, soziale Hygiene und Qualität, die auf dem Einsichtsvermögen des Einzelnen in das Ganze beruht. Dieses Einsichtsvermögen kann nur durch eine ganzheitliche Bildung des Menschen erweckt und gefördert werden. Dafür braucht es in erster Linie einen Paradigmenwechsel in der Bildung und nicht restriktive Maßnahmen, die nicht auf Verständnis stoßen werden

Wo sehen Sie Möglichkeiten selbst (privat und beruflich) zur Gerechtigkeit im Ökolandbau beizutragen?

In erster Linie in der Wertschätzung gegenüber jedem einzelnen Menschen, der in der Wertschöpfungskette beteiligt ist. Die Wertschätzung für hochwertige Nahrungsmittel und besondere Qualität bringt auch die Bereitschaft mit sich mehr Geld für die Lebensmittel auszugeben. Zudem kann man auch anfangen auf das ein oder andere egoistische Bedürfnis zu verzichten. Der Verzicht fängt im Privaten an und kann auch auf das Unternehmen bezogen werden, das sich aus Einsicht selbst beschränken und verzichten kann. Das ist die notwendige Voraussetzung zur Gerechtigkeit im und unter Unternehmen.

Setzen Sie sich mit konkreten Handlungen aktiv für mehr Gerechtigkeit in der Ökobranche ein?

Erdmann Hauser setzt sich in vielerlei Weise für mehr Gerechtigkeit in der Ökobranche ein. Neben festen Rahmenpreisen für unsere Landwirte und der Förderung unserer Saatgutkampagne haben wir eine (eigene) Bildungsinitiative ins Leben gerufen und auf dem angegliederten Riedhof der Firmengemeinschaft Huober Brezel und Erdmann Hauser aufgebaut. Der Riedhof dient als freie Kultur und Bildungsarbeit. Weiterhin integrieren wir Menschen mit Behinderung in den unterschiedlichen Manufakturbereichen.

Hintergrund zur Interviewreihe

Im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts des 17. Traineeprogramms Ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft setzt sich ein fünfköpfiges Team (Raphael Pierro, Carla Proetzel, Cathrin Bardenheuer, Laura Kehl und Katharina Tietz) mit dem Thema Gerechtigkeit in der Biobranche auseinander. Hintergrund ist das starke und schnelle Wachstum der Biobranche in den vergangenen Jahren – von einer Nische hin zu einem beachtlichen Wirtschaftssektor. Findet sich der Ursprungsgedanke der Gerechtigkeit, wie in den IFOAM-Prinzipien verankert, trotz des Wandels in der Branche wieder? Um verschiedene Perspektiven und den nötigen Handlungsbedarf aufzuzeigen sowie konstruktive Lösungsvorschläge zu erarbeiten, hat das Trainee-Teams einige Akteure und Akteurinnen aus den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette befragt.

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