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Lebensmittelkennzeichnung

Braucht Bio den Nutri-Score?

Der Nutri-Score ist in Supermärkten und Discountern immer öfter zu entdecken. In der Biobranche überwiegt die Skepsis, weil das Label viele Vorteile von Bio nicht abbildet. Aber was tun, wenn Kunden nach dem Nutri-Score fragen.

22.04.2021 vonKatja Niedzwezky

Was kommt in den Einkaufskorb? Der Nutri-Score soll die Entscheidung einfacher machen.

Der Nutri-Score ist in Supermärkten und Discountern immer öfter zu entdecken. In der Biobranche überwiegt die Skepsis, weil das Label viele Vorteile von Bio nicht abbildet. Aber was tun, wenn Kunden nach dem Nutri-Score fragen.

Der Nutri-Score soll die gesündere Wahl beim Einkauf erleichtern, denn im Schnitt essen wir zu viel Salz, Zucker und zu viele gehärtete Fette – und insgesamt oft mehr, als der Körper braucht. Gerade hochverarbeitete konventionelle Lebensmittel wie Tiefkühlpizza, Fertiggerichte oder Eiscreme haben oft viele Kalorien und sind recht salzig. Ein rotes E oder ein oranges D auf der Vorderseite der Verpackung warnen dann zu Recht: Nur gelegentlich und in Maßen genießen!

Es gibt aber auch Lebensmittel, die Teil einer vollwertigen Ernährung sein sollten, aber niemals auf einen grünen und damit besseren Nutri-Score kommen können. Ein Beispiel sind Pflanzenöle, die zwar essenzielle Fettsäuren enthalten, die der Körper nicht selbst herstellen kann, aber wegen ihres Kaloriengehalts ein rotes E erhalten.

Ursache dafür ist der Nutri-Score-Algorithmus, der positive und negative Aspekte miteinander verrechnet. Ein hoher Kaloriengehalt, viel Zucker, viel Salz, der Gesamt-Fettgehalt und der Anteil gesättigter Fettsäuren sorgen für eine höhere Punktzahl und damit für einen schlechteren Score. Der Wert lässt sich verbessern, wenn gleichzeitig viel Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte oder Nüsse enthalten sind. Der Anteil von Ballaststoffen und Proteinen wirkt sich ebenfalls positiv aus, aber in geringerem Maße.

Nutri-Score: Umstrittene Nährwertampel

Hoher Ballaststoffgehalt wird nicht honoriert

Für die Biobranche sind das nicht die einzigen Kritikpunkte: So honoriert der Nutri-Score einen hohen Ballaststoffgehalt von mehr als 4,7 Prozent nicht. Dabei gilt ein Produkt laut der Health-Claims-Verordnung erst mit einem Anteil von mehr als sechs Prozent als „ballaststoffreich“. Das benachteiligt Bio-Produkte wie Knäckebrot, Crunchies oder Pasta, in denen oft viel Vollkorn steckt.

Auch ernährungsphysiologisch wertvolle Ölsaaten wie Sesam und Sonnenblumenkerne werden anders als Nüsse nicht zur positiv gewerteten Obst- und Gemüsekomponente gezählt, sondern verschlechtern aufgrund ihres Fettgehalts den Score sogar. Gefriergetrocknete Früchte, Mehl aus Hülsenfrüchten sowie ein hoher Anteil ungesättigter Fettsäuren in ökologischen Aufstrichen, Saucen und Feinkost-Salaten verbessern die Bewertung ebenfalls nicht.

BNN startet Fachhandels-Kampagne zum Nutri-Score

Der Nutri-Score benachteiligt Bio-Lebensmittel erheblich, findet der Bundesverband Naturkost Naturwaren. Flyer, Plakate und digitale Inhalte sollen Bioladen-Kunden darüber aufklären.

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Besserer Score dank Zusatzstoffen

Für den größten Unmut sorgt jedoch die Tatsache, dass konventionelle Lebensmittelhersteller den Nutri-Score mit Hilfe von mehr als 300 Zusatzstoffen verbessern können. Denn Zusatzstoffe gelten nicht als „nährwertrelevant“ und werden daher vom Algorithmus ignoriert. So lässt sich etwa der von Natur aus zuckerhaltige Fruchtanteil in Joghurt mit Hilfe synthetischer Aromen und Süßstoffe reduzieren.

„Ökoland verzichtet weitestgehend auf Zusatzstoffe sowie bei allen Produkten über die gesetzlichen Vorgaben hinaus auf Nitritpökelsalz, Aromen und Hefeextrakt. Solche Aspekte finden keine Berücksichtigung, sind aber für viele Verbraucher ebenso wichtig“, sagt Marlene Hansen vom Produkt- und Qualitätsmanagement bei der Ökoland GmbH Nord. Viele Bio-Lebensmittel seien durch die Beschränkung der Zusatzstoffe natürlicher, aber gehaltvoller als konventionelle Vergleichsprodukte und schnitten somit beim Nutri-Score schlechter ab. Ihr Fazit: „Für eine echte Vergleichbarkeit greift die Berechnung zu kurz.“

In der bestehenden Form benachteiligt der Nutri-Score natürliche Produkte. Das ist Irreführung der Verbraucher.

Jurek Voelkel, Voelkel

Jurek Voelkel, Geschäftsführer Marketing und Vertrieb bei der Naturkostsafterei Voelkel, betont, dass man dort durchaus über den Nutri-Score nachgedacht habe, weil das Unternehmen immer an maximaler Transparenz interessiert sei. „Aber in der bestehenden Form benachteiligt der Nutri-Score natürliche Produkte. Das ist Irreführung der Verbraucher und führt zu einer wettbewerbsverzerrenden Bevorteilung von konventionellen – und vor allem stark industriell prozessierten – Lebensmitteln.“

Auch bei der Allos Hof-Manufaktur gibt es Bedenken: „Einen Nachbesserungsbedarf sehen wir darin, dass die Vorteile von Bio-Lebensmitteln, wie die Verwendung von natürlichen Zutaten und der Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide bei dieser Bewertung aktiv berücksichtigt werden“, sagt Marketingdirektorin Sandra Spremberg.

Auch Krunchy-Hersteller Barnhouse verzichte bis auf Weiteres auf die Nährwertampel, sagt Marketingleiter Andreas Bentlage. Man müsse „aber natürlich die zukünftige Entwicklung beobachten“.

Zwergenwiese nutzt den Nutri-Score

Zwergenwiese ist der erste Hersteller im Bio-Fachhandel, der begonnen hat, den Nutri-Score aufzudrucken, zunächst bei Kinderprodukten. So trägt die neue Zwergen-Sauce ein dunkelgrünes A, denn sie erhält ihre deutlich reduzierte Süße nur aus Tomaten, Äpfeln und Möhren. Salz- und Fettgehalt sind auf ein Minimum reduziert.

„Wir sehen den Nutri-Score in seiner aktuellen Form aber durchaus kritisch“, sagt Geschäftsleiter Jochen Walz. „Nachbesserungen erwarten wir bei weiteren ernährungsphysiologisch wertvollen Ölen, bei Saaten und ballaststoffreichen Zutaten. Und natürlich sollte auch eingerechnet werden, wenn ein Produkt ein Bio-Produkt ist, denn Bio-Produkte haben weitaus vorteilhaftere Grundeigenschaften als konventionelle.“

Zumindest bei den Ballaststoffen sehen die Wissenschaftler des Max-Rubner-Instituts „mittelfristig geringfügigen Optimierungsbedarf“. Im neuen wissenschaftlichen Gremium der bisher sieben Staaten, die den Nutri-Score verwenden oder einführen wollen, wirkt das Bundesinstitut an Vorschlägen für Anpassungen am Algorithmus mit.

Fachvertreter der Nutri-Score-Staaten Frankreich, Belgien, Deutschland, Niederlande, Spanien, Luxemburg und Schweiz haben zudem Anfang 2021 vereinbart, dass die Entscheidungen des gemeinsamen Lenkungsausschusses von der Markeninhaberin als Grundlage für Änderungen akzeptiert werden. Das ist wichtig, weil die Markenrechte derzeit noch bei Santé publique France liegen, einer Behörde des französischen Gesundheitsministeriums.

Der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) schlägt vor, die Zuständigkeit an eine übergeordnete europäische Behörde zu übertragen. „Der Nutri-Score kann aus unserer Sicht zur Verbrauchertäuschung führen“, sagt Geschäftsführerin Kathrin Jäckel im Interview mit BioHandel. Der BNN hat deshalb gerade erst eine Informationskampagne für den Bio-Fachhandel gestartet, mit der der Verband über die Defizite der Nährwertampel informieren möchte.

EU arbeitet an verpflichtender Nährwertangabe

Ob Nutri-Score oder eine andere Lösung: Bis Ende 2022 will die EU-Kommission ein verpflichtendes Nährwertkennzeichnungsmodell vorschlagen. Das ist festgelegt in der Farm-to-Fork-Strategie für eine nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft. Vorbereitend führt die EU-Kommission in diesem Jahr eine Folgenabschätzung durch, wobei sie verschiedene in der EU verwendete Modelle der erweiterten Nährwertkennzeichnungen untersucht.

Die Produkte vieler konventioneller Hersteller tragen den Nutri-Score bereits.

In Deutschland können Unternehmen den Nutri-Score seit Herbst 2020 rechtssicher auf ihre Produkte drucken – auf freiwilliger Basis. Unternehmen, die sich dafür entscheiden, müssen im Laufe von zwei Jahren alle Produkte auszeichnen, also auch solche, die eher rot als grün abschneiden. Hersteller mit mehreren Marken können auch nur einzelne davon kennzeichnen. Den Nutri-Score für jedes Produkt berechnen die Unternehmen selbst auf Grundlage der Markensatzung, der sie zustimmen müssen.

Hersteller wie Nestlé, Alpro, Iglo und Danone nutzen den Nutri-Score bereits, ebenso Aldi für ausgewählte und Rewe für alle Eigenmarken. Das bewerben sie auffällig – Rewe zum Beispiel mit Kundendurchsagen, Plakaten und einer App, mit der sich der Nutri-Score auch für Produkte ermitteln lässt, auf denen er noch fehlt. Aldi setzt besonders auf Social Media. Es könnte also durchaus sein, dass Kunden im Bio-Fachhandel eines Tages nach dem Nutri-Score fragen.

Gleichwohl ist das Vertrauen in den gesundheitlichen Wert von Bio hoch, wie eine aktuelle Online-Verbraucherumfrage des Lehrstuhls für Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte der Universität Göttingen zeigt. Rund 40 Prozent stimmten der Aussage zu „Ich denke, Bio-Lebensmittel sind gesünder, egal wie sie beim Nutri-Score bewertet sind“. Weitere rund 35 Prozent entschieden sich für die Antwort „teils/teils“. Im Umkehrschluss heißt das allerdings auch, dass etwa ein Viertel ins Grübeln kommen könnte, wenn ein Bio-Produkt mit einem roten D oder E gelabelt wäre.

Nutri-Score beeinflusst den Kauf von Bio-Produkten

So erklären sich vermutlich auch die Reaktionen auf die Aussage „Ich kaufe in Zukunft keine Bio-Lebensmittel mehr, wenn sie beim Nutri-Score schlechter abschneiden als konventionelle Lebensmittel.“ Gut 20 Prozent stimmten dem zu, weitere rund 35 Prozent sagten „teils/teils“.

Noch strenger urteilten die Befragten, wenn es um den Preis geht. Über die Hälfte unterstützt die Aussage „Wenn das Bio-Produkt beim Nutri-Score ungesünder ist, ist es seinen höheren Preis nicht mehr wert.“ Nur gut 15 Prozent waren überzeugt, dass ein Bio-Produkt trotz schlechterem Nutri-Score und höherem Preis sein Geld wert ist.

Tipps für Kundengespräche über den Nutri-Score

Warum gibt es den Nutri-Score?

Der Nutri-Score bietet Menschen, die sich wenig mit Ernährung auskennen, eine stark vereinfachte Orientierung beim Kauf von verarbeiteten Lebensmitteln. Er ermöglicht einen schnellen Vergleich von Produkten derselben Kategorie, etwa von Fertigpizzen, Müslis, oder Fruchtjogurts. Deshalb wird der Score grundsätzlich für 100 Gramm oder 100 Milliliter eines Produkts berechnet.

Wie aussagekräftig ist der Nutri-Score?

Der Nutri-Score schlüsselt Nährstoffe und Zutaten nicht auf. Wer bestimmte Inhaltstoffe meiden möchte, muss nach wie vor die Nährwerttabelle und/oder die Zutatenliste studieren. Auch der Anteil an Vitaminen, sekundären Pflanzenstoffen und Mineralstoffen fließt nicht in die Bewertung ein. Und er ist auch kein Gütesiegel: Wer sich ausschließlich mit Produkten der Kategorien A und B ernährt, isst noch lange nicht ausgewogen. 

Warum wird der Nutri-Score Bio-Produkten nicht gerecht?

Der Nutri-Score wird nicht schlechter, wenn umstrittene Zusatzstoffe wie Geschmacksverstärker oder synthetische Aromen enthalten sind, und er wird nicht besser bei einem hohen Gehalt an Ballaststoffen oder ungesättigten Fettsäuren.

Sagt der Nutri-Score etwas über die Herstellung aus?

Der Nutri-Score sagt nichts darüber aus, ob ein Produkt aus der Region stammt oder ökologisch erzeugt ist, Dafür stehen weiterhin das Bio-Siegel und die Label der Bio-Anbauverbände.

Die Umfrage wurde im Rahmen des vom Bundesernährungsministerium geförderten Projekts „ReformBIO – Reformulierungsstrategien für Bio-Lebensmittel“ durchgeführt, an dem die Universität Göttingen, die Hochschule Bremerhaven und der BNN beteiligt sind. Die ersten Ergebnisse basieren auf einer vorläufigen Datenanalyse für die BioFach 2021.

In der geplanten ausführlichen Auswertung wird es interessant sein zu sehen, ob Bio-Fachhandelskunden anders antworten als Menschen, die vor allem im Supermarkt oder Discounter einkaufen. Immerhin: 60 Prozent der Befragten halten Bio-Produkte grundsätzlich für gesünder als konventionelle. Bei Fragen nach Zusatzstoffen, künstlichen Aromen, Antibiotika-Rückständen und Gentechnikspuren waren 60 bis 75 Prozent überzeugt, dass Bio besser abschneidet. Beim Zuckergehalt waren es noch etwa 55 Prozent.

Zuckerreduktion ist eine schwierige Angelegenheit

„ReformBIO“ beschäftigt sich außerdem mit der Frage, wie sich der Gehalt an Zucker und Salz bei Bio-Produkten verringern lässt, ohne Konsumenten zu „vergraulen“. Denn die Erfahrung von Bio-Herstellern zeigt, dass zum Beispiel der Absatz bei Genuss-Produkten wie Keksen sinkt, wenn der Zuckergehalt deutlich reduziert wird.

Kirsten Buchecker, Lebensmitteltechnologin an der Hochschule Bremerhaven, sieht hier eine große Herausforderung für Bio-Hersteller: „Für Zucker und damit süß haben wir als Menschen eine angeborene Präferenz, die direkt über das Belohnungszentrum des Gehirns gesteuert wird. Zucker ist ein schneller Energielieferant, sehr wichtig zu Zeiten, wo sich die Menschen mehr bewegen mussten. Die Änderung der Lebensgewohnheiten führt nun dazu, dass Zucker eher zu Übergewicht führt – die Vorliebe ist aber geblieben.“

Bio-Unternehmen können und wollen Zucker nicht einfach durch Süßstoffe oder Aromen ersetzen, sie müssen daher innovative Ideen entwickeln. Die Süßschwelle lässt sich aber auch durch Gewöhnung verschieben – eine langsame Absenkung des Zuckeranteils wird laut Buchecker schon bei etlichen Produkten der Biobranche erprobt.

Nutri-Score ändert Essverhalten nicht

Zu süß, zu salzig, zu fettig: Eine vereinfachte Nährwertinformation wie der Nutri-Score allein kann das Ernährungsverhalten der Menschen nicht verändern. Denn da spielen neben angeborenen Vorlieben auch Routinen, Wissenslücken, Prägungen in der Kindheit und Bequemlichkeit eine Rolle. Zudem werden viele lose verkaufte Lebensmittel wie Gemüse, Obst oder Vollkornbrot trotz hervorragender Nährstoffqualität nie einen Nutri-Score tragen, da er nur für verpackte Lebensmittel mit Nährwerttabelle konzipiert ist.

Statt bunter Buchstaben braucht es bundesweit eine wirksame Ernährungsbildung mit Praxisbezug in Kitas, Schulen, Kureinrichtungen, am Arbeitsplatz, in Kantinen und in der Erwachsenenbildung.

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