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Nachhaltigkeitsperformance

267.818 Euro Gemeinwohlleistung: So funktioniert die Regionalwert-Leistungsrechnung

Bio-Landwirte und -Landwirtinnen erbringen Leistungen für Klimaschutz, Artenvielfalt und die Gesellschaft. Aber: Welchen Wert haben diese? Die Regionalwert-Leistungsrechnung hilft dabei, ihn zu bestimmen.

Laura Kulow ist Bio-Landwirtin in Sachsen-Anhalt. Ihr Biohof Ritzleben wurde kürzlich mit dem Bundespreis „Ökologischer Landbau 2023“ vom Bundeslandwirtschaftsministerium ausgezeichnet. Sie betreibt auf 500 Hektar Ackerbau und Grünlandwirtschaft und hält zudem Mastschweine. Neben der Kartoffel als Hauptkultur setzt ihr Betrieb auf eine vielgliedrige Fruchtfolge und sorgt durch Winterbegrünung für Erosionsschutz.

Die Landwirtin verzichtet auf einem Großteil der Fläche vollständig auf Pflanzenschutzmittel, und auch der Rest wird ohne synthetische Mittel behandelt. Durch die Verarbeitung regionaler, nicht vermarktungsfähiger Speisekartoffeln zu Bio-Stärke oder Flockenkartoffeln, stärkt sie regionale Wirtschaftskreisläufe. Sie setzt Nützlinge ein und achtet auf Pflanzenvielfalt für Bestäuber auf dem Acker. Das schont Boden und Grundwasser, dient dem Klimaschutz und der Artenvielfalt. All das sind Leistungen, die Laura Kulows Betrieb für die Gesellschaft erbringt.

Dank eines neuen Tools zur Nachhaltigkeitsbewertung konnte die Landwirtin nun konkret errechnen, welchen Wert sie durch ihre Bemühungen erbringt: 267.818 Euro pro Jahr. Gemeinwohlleistungen, die nicht vergütet werden.

Errechnet hat sie das anhand der Regionalwert-Leistungsrechnung. Der Öko-Großhändler Bodan hat 100 Lizenzen dieser Management-Software erworben, und sie Landwirten wie Laura Kulow über Hersteller-Partner wie beispielsweise die Bohlsener Mühle angeboten.

Doch was genau steckt hinter der Regionalwert-Leistungsrechnung? Vorreiter dieses Ansatzes ist Christian Hiß, Geschäftsführer der Regionalwert Leistungen GmbH. „Die Regionalwert-Leistungsrechnung ist ein betriebswirtschaftliches Managementtool zur Analyse und Bewertung der ökologischen, sozialen und regionalökonomischen Nachhaltigkeitsperformance von landwirtschaftlichen Betrieben“, erklärt er.

Anhand der Eingabe von zirca 300 Kennzahlen in den Online-Leistungsrechner kann jeder Betrieb konkret den finanziellen Wert seiner Maßnahmen für Ökosysteme, Soziales und Regional-Ökonomie errechnen.

Diesen Wert für das Gemeinwohl können Landwirtschaftsbetriebe, Händler und Verarbeiter dann an die Gesellschaft kommunizieren. Für Laura Kulow gab es gleich mehrere Gründe, warum sie das Tool ausprobieren wollte: Wir geben uns Mühe für Umwelt und Klima, für Boden und Biodiversität – um dieses Gefühl in Zahlen zu kriegen, um Fakten zu schaffen, um eine Grundlage zu haben, mit der man argumentieren kann und auch für mich selbst, um einordnen zu können, wo man sich in den verschiedenen Bereichen befindet.“

Schadensvermeidung ist günstiger als Schadensbehebung

Was Christian Hiß ganz besonders wichtig ist: die Kennzahlen wurden größtenteils gemeinsam mit Landwirtinnen und Landwirten in der Praxis entwickelt. Christian Hiß ist selbst in der ökologischen Landwirtschaft aufgewachsen. Mit zwanzig Jahren machte er sich als Öko-Landwirt selbstständig. Auf seinem vielfältigen Betrieb baute er 70 verschiedene Gemüsekulturen an, betrieb Viehwirtschaft und vermehrte Saatgut.

Doch musste er feststellen, dass all diese versteckten Mehrwerte für Umwelt, Klima und Ernährungssicherheit, nicht genügend in der betriebswirtschaftlichen Rechnung berücksichtigt wurden. Denn wer bezahlt den Zusatzaufwand, den Landwirtinnen und Landwirte für den Erhalt von Hamstern, Kornrade, Bodenfruchtbarkeit, regionalen Wirtschaftskreisläufen und Wissen leisten? „Die Bereitstellung dieser Leistungen durch die Landwirtschaft kostet immer Geld. Erhaltung von Bodenfruchtbarkeit ist in dem Sinne kein ideeller Wert, sondern wird sofort zu einem ökonomischen Wert, indem es Geld kostet, dass diese Leistungen und Maßnahmen getätigt werden“, erläutert Christian Hiß.

2006 gründete er die Regionalwert AG Freiburg, mit dem Ziel, Kapital für kleine, regionale Betriebe einzuwerben, bei dem die vielfältigen Nachhaltigkeitsleistungen der Landwirtinnen und Landwirte wirklich wertgeschätzt werden. Und das weckte großes Interesse. „Der Erfolg besteht in der Bewusstseinsbildung und der folgenden Akzeptanz bei den Beteiligten für die besonderen Leistungen der Landwirtschaft“, erläuter Hiß.

Aufbauend auf dieses Prinzip entwickelte er die Regionalwert-Leistungsrechnung. Anders als zum Beispiel das True Cost Accounting (Schadensbehebung), setzt die Regionalwert-Leistungsrechnung auf die Schadensvermeidung (True Welfare). Anstatt also die durch die Landwirtschaft entstandenen Schäden zu ermitteln, errechnet die Nachhaltigkeitsanalyse den monetären Wert der positiven Leistungen, die Landwirtinnen und Landwirte erbringen. „Am Ende des Tages ist die Schadensvermeidung sowohl nachhaltiger, als auch günstiger als die Schadensbehebung“, sagt Philip Luthardt, Leiter Nachhaltigkeit bei der Bohlsener Mühle, in einer Pressemitteilung.

Vor- und Nachteile der Regionalwert-Leistungsrechnung

Vorteile:

  • Relativ wenig Aufwand
  • Detaillierte Analyse der Nachhaltigkeitsperformance
  • Einfache Interpretation der Auswertung

Nachteile:

  • Keine Wirkungsmessung
  • Kann nicht auf einzelne Produkte heruntergerechnet werden

Nachhaltigkeitsleistungen werden sichtbar

Die Bohlsener Mühle ist eines der Unternehmen, das zehn seiner Erzeugerbetriebe die Regionalwert-Leistungsrechnung durchführen ließen. „Die Regionalwert-Leistungsrechnung macht es möglich, ganz konkret die Nachhaltigkeitsleistung von jedem einzelnen Landwirt, jeder einzelnen Landwirtin, sichtbar und nachvollziehbar zu machen, und daran auch einen Euro-Wert zu hängen“, nennt Philip Luthardt die Gründe, warum die Bohlsener Mühle sich für das Pilotprojekt entschlossen hat.

Die Ergebnisse können sich sehen lassen, wie das Beispiel Biohof Ritzleben mit 81 Prozent Nachhaltigkeitsgrad zeigt. Bei der Leistungsrechnung wird nicht nur der finanzielle Wert der Gemeinwohlleistungen jedes einzelnen Betriebes errechnet, sondern auch der Nachhaltigkeitsgrad ermittelt.

Erste Schlüsse konnte die Bohlsener Mühle schon aus den Ergebnissen ziehen: „Wir schauen jetzt, dass wir Weiterbildungen und Förderungen, die wir anbieten, eher auf die Bereiche lenken, in denen die Landwirte im Generellen noch Luft nach oben haben.“ Für die teilnehmenden Betriebe ist die Leistungsrechnung ein guter Spiegel: Wo steht mein Betrieb schon gut da, und in welchen Bereichen hat er noch Potenzial zur Weiterentwicklung?

Weitere Hersteller und Händler aus der Naturkostbranche, die den Einsatz der Regionalwert-Leistungsrechnung durch ihre Erzeugerbetriebe unterstützen, sind Neumarkter Lammsbräu, Huober, Barnhouse und Bodan. Der Demeter-Verband rief kürzlich seine 1.800 Betriebe dazu auf, die Nachhaltigkeitsanalyse bis September 2023 in Kooperation mit der Regionalwert Leistungen GmbH durchzuführen. Und ein Pilotprojekt der Regionalwert Research gGmbH und weiterer Projektpartner errechnete kürzlich, dass 40 Betriebe in Niedersachsen 5,8 Millionen Euro an Leistungen für Umwelt, Gesellschaft und regionale Resilienz erwirtschaftet haben. Insgesamt haben laut Hiß bisher über 500 Betriebe die Regionalwert Leistungsrechnung durchgeführt.

Landwirtin Laura Kulow begrüßt dieses innovative Tool und möchte es gerne mitgestalten: „Mir ist es wichtig, dass der Ökolandbau als Ganzes seinen Wert und seine Wertigkeit behält.“

Wie geht es weiter?

Die große Frage, die nun im Raum steht, ist die Finanzierung. Wie könnten Landwirtinnen und Landwirte nun tatsächlich für ihre unsichtbaren, bisher unbezahlten Leistungen kompensiert werden?

Erste Impulse kommen beispielsweise von Neumarkter Lammsbräu, die das Tool ab 2024 in ihre Vertragsgestaltung mit Erzeugerbetrieben einfließen lassen wollen. Auch die Bohlsener Mühle arbeite aktuell daran, wie sie die Nachhaltigkeitsleistungen ihrer Landwirte in ihre Zahlungen integrieren können, so Philip Luthardt.

Laut Christian Hiß beginnt nun eine breitere Diskussion darüber, wie die Nachhaltigkeitsleistungen für das Gemeinwohl angemessen honoriert werden können. Und dafür sind Ideen gefragt. Ein erster Schritt ist getan: den Geldwert der Leistungen der Landwirtschaft zu errechnen.

„Im Moment geht es um die Kommunikation der Gemeinwohlleistungen“

Christian Hiß, Gründer und Vorstand der Regionalwert AG Freiburg und Regionalwert Leistungen GmbH

Herr Hiß, warum haben Sie die Regionalwert-Leistungsrechnung entwickelt?
Die landwirtschaftlichen Betriebe brauchen ein praxistaugliches Instrument um ihre Nachhaltigkeitsperformance messen, bewerten, steuern und kommunizieren zu können. Die Methode muss an die gewöhnlichen betriebswirtschaftlichen Instrumente, wie die Buchhaltung und Rechnungslegung […] anschlussfähig sein. Die Auswertung nutzen sie für die Berichterstattung nach innen, also an ihr Management zur Steuerung, und sie können ihre Leistungen auch nach außen an ihre Anspruchsgruppen kommunizieren.

Inwieweit kann die Regionalwert-Leistungsrechnung dem Naturkostfachhandel dienen?
Was jetzt mit den Auswertungen möglich wird, ist, die Mehrwerte der Betriebe an die Gesellschaft zu kommunizieren. Und da ist der Fachhandel natürlich ein wichtiger Akteur gegenüber den Konsumentinnen und Konsumenten. Es ist auch denkbar, dass der Fachhandel beginnt, die Gemeinwohlleistungen der Produzenten als Zertifikate zu verkaufen. Wenn der Erzeugerbetrieb diese Gemeinwohlleistungen aus anderer Geldquelle bezahlt bekommen würde, würden die Produkte günstiger werden und hätten dann nochmal eine andere Wettbewerbschance.

Gibt es schon Initiativen dazu?
Es beginnt gerade, aber nicht im Fachhandel. Es gibt regionale Akteure, die beginnen, Regional-Zertifikate zu handeln.

Wie geht es in den nächsten Jahren mit der Regionalwert-Leistungsrechnung weiter?
Im Moment geht es um die Kommunikation der Gemeinwohlleistungen, aber zwangsläufig schließt sich sofort die Frage an: wie könnte man diese jetzt bezahlen? Ich habe immer versucht, den zweiten Schritt nicht vor dem ersten zu machen. Der aktuelle Schritt ist jetzt, möglichst viele Auswertungen vorliegen zu haben, damit man Erfahrung sammeln kann und sieht, um wieviel Geld es überhaupt geht. Und damit man sich dann gemeinsam auf den Weg macht und überlegt, wo dieses Geld herkommen könnte.

Nachhaltigkeit messen, kompensieren oder damit handeln

  • Klimazertifikate ermöglichen es, den Ausstoß einer bestimmten Menge an Treibhausgasemissionen an einem anderen Ort der Welt zu verhindern, beispielsweise durch das Finanzieren von Aufforstungsprojekte. Basis dafür ist die Kalkulation der durch bestimmte Aktivitäten entstandenen Treibhausgasemissionen.
  • Das Global Farm Metric Rahmenwerk ist eine Denk- und Lernmethode für die Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft. Entwickelt in Großbritannien, hilft es, anhand zwölf ökologischer, ökonomischer und sozialer Indikatoren, die Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Betriebe einheitlich zu bewerten.
  • Ökosystemdienstleistungen beschreiben den Nutzen von ökologischen Systemen für die Menschen. Die Regionalwert-Leistungsrechnung misst im mikroökonomischen (betriebswirtschaftlich) die Leistungen zum Schutz der Ökosysteme, während in der Makroökonomie für die gesamte Volkswirtschaft gemessen wird, was Ökosysteme leisten.

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