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Ladenportrait

Ohne Verpackung – mit Perspektive

Weil ihr erster Unverpackt-Laden in Darmstadt gut läuft, haben Markus Dorner und Bettina Will in Aschaffenburg einen zweiten aufgemacht. Die Quereinsteiger haben damit nicht nur für sich eine Perspektive geschaffen, sondern auch für alle Müllvermeider.
12.07.2018 vonHorst Fiedler
Weil ihr erster Unverpackt-Laden in Darmstadt gut läuft, haben Markus Dorner und Bettina Will in Aschaffenburg einen zweiten aufgemacht. Die Quereinsteiger haben damit nicht nur für sich eine Perspektive geschaffen, sondern auch für alle Müllvermeider.

Die Idee, einen Laden ohne verpackte Produkte zu eröffnen, kam dem Ehepaar auf einer USA-Reise. Dort waren sie fasziniert von der Möglichkeit, bedarfsgerecht Lebensmittel einzukaufen, ohne gleich einen Müllberg zu produzieren. Bettina Will wollte nach 17-jähriger Tätigkeit im Büro eines mobilen Pflegedienstes ohnehin mal etwas Neues machen.

Und so nahmen die Ereignisse ihren Lauf: Wieder in Deutschland, kümmerten sie sich intensiv um die Verpackungsproblematik und nahmen Kontakt zu den ersten Unverpackt-Läden auf. Ein Seminar half ihnen, die Grundlagen für die Führung eines solchen Ladens zu erwerben. Ende Oktober 2016 eröffneten sie ihren ersten Laden in Darmstadt mit finanzieller Hilfe durch Crowdfunding. Auch für den zweiten Laden, der Anfang Juni 2018 in Aschaffenburg eröffnet wurde, erhielten sie Unterstützung in Form von Geldspenden und Krediten.

Markus Dorner - Busfahrer und Bio-Ladner

Markus Dorner ist Geschäftsführer der Filiale in Aschaffenburg mit über 60 Quadratmetern Verkaufsfläche. Der gelernte Busfahrer arbeitet noch zwei Stunden täglich in seinem alten Beruf, bis der Laden ausreichend bekannt ist. Die Werbung läuft über die sozialen Netzwerke, aber auch die örtliche Presse und das Lokalfernsehen haben über das Projekt berichtet und damit viele Neugierige zu einem Besuch im Laden animiert.

Dass lose Ware auch in Deutschland im Trend liegt, musste Dorner zunächst auf bittere Weise erfahren: Der Lieferant der Spender für Gertreide, Nüsse und weiterer Produkte war lange Zeit nicht lieferfähig und konnte nur durch einen Kraftakt am Eröffnungstag wenigsten einen Teil der Bestellung aushändigen.

Während des Ladenbesuchs konnte BioHandel Kunden fragen, warum sie bei Unverpackt einkaufen. Verpackung vermeiden, war der einhellige Tenor. Eher jüngere Menschen bevölkern den Laden, manche schauen auch nur. Zum Einkaufen muss man natürlich eigene Gefäße mitbringen oder kann Tüten oder mehrfach nutzbare Stoffbeutel kaufen: Größe 26 x 36 Zentimeter aus Bio-Baumwolle kostet vier Euro und kann bei 60 Grad gewaschen werden.

Zahnpasta als Tabletten, nicht in Tuben

Mit dem Laden in Aschaffenburg wollte das Ehepaar „den regionalen Kunden etwas entgegenkommen“, denn einige seien von weit her nach Darmstadt gefahren, um lose Ware zu kaufen. „Lange Anfahrten sind ja auch nicht ökologisch“, sagt Markus Dorner.

Das Gros der losen Ware liefert der Hamburger Spezialgroßhändler Naturkost Bode. Auch von Weiling bekommt Unverpackt Ware, Sonett liefert für die Waschmittel- und Seifenstation sogar direkt.

Wer bei den Drogerieartikeln Zahnpasta sucht, muss schon genau hinsehen, den die gewohnten Tuben fehlen. Vielmehr gibt es Zahnpastatabletten, eine Mischung aus Kieselerde und Minze, mit und ohne Flourid. Und die Zahnbürsten sind nicht aus Plastik, sondern aus Bambus mit einem Kopf aus Bambus-Viskose. Slip-Einlagen und Damenbinden können bei Unverpackt nach dem Waschen selbstverständlich wiederverwendet werden. Müll vermeiden, wo es geht, ist schließlich das Prinzip.

Etwa 400 Artikel werden im Aschaffenburger Markt bereits angeboten. Hinzukommen soll demnächst noch ein MoPro-Angebot und nur eine kleine Auswahl an Obst und Gemüse. Durch den nahen Aschaffenburger Wochenmarkt, der mittwochs und samstags stattfindet, sieht Dorner zu wenig Absatzchancen für grüne Frische – vor allem weil sein Laden nur von mittwochs bis samstags[nbsp] geöffnet hat, also zwei der vier Verkaufstage auch Markttage sind.

Bio ist Standard, außer beim Kaffee

Als Getränke-Sortiment bietet der Unverpackt-Inhaber Schlaraffenburg-Säfte hat. Die regionale Ware steht aber nur im Laden, weil der Landesverband für Vogelschutz aus dem Verkaufserlös Spenden für den Erhalt von Streuobstwiesen bekommt. Auch seinen Hafer, den er zurzeit noch aus Schweden bezieht, möchte er gern von einem Bauern um die Ecke geliefert bekommen.

Bio ist obligatorisch, nur beim Kaffee, der aus einer kleinen Rösterei in Darmstadt stammt, macht er eine Ausnahme. Markus Dorner will Bio und Regionalität eng verknüpfen und sucht deshalb weitere Hersteller aus der Umgebung.

Weil die Kunden ihre Ware selbst abfüllen müssen, bleibt es nicht aus, dass mal etwas daneben geht. Deshalb ist Markus Dorner ständig unterwegs, um alles sauber zu halten. „Der Besen ist mein bester Freund“, hatte ihm ein Unverpackt-Laden-Betreiber einmal offenbart, als er sich nach den Besonderheiten bei der Führung eines solchen Ladens erkundigte. Diesen Spruch hat er auf die Frage parat, was man in einem solchen Laden eigentlich macht, außer zu kassieren. Beratung gehört auch dazu, denn Verpackung, wo alles draufsteht, gibt es nicht.

Zahlen – Daten – Fakten

Adresse: Landingstraße 22, 63739 Aschaffenburg
Größe: 64 qm Fläche
Anzahl Mitarbeiter: keine Mitarbeiter
Produkte: 400 Produkte
Großhändler: Naturkost Bode, Weiling
Öffnungszeiten: Mi-Fr 10 - 19, Sa 8 - 14 Uhr
Webseite:
www.unverpacktdarmstadt.com

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