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Sortimentsgestaltung

Wie Nonfood das Einkaufserlebnis bereichern kann

Bienenwachstücher, plastikfreie Trinkflaschen und Co. bekommen immer häufiger Platz im Angebot von Naturkostläden. So profitieren Kunden und Ladner von der „Extraware“.

14.08.2020 vonGudrun Ambros

Naturbürsten und Schwämme können die übliche Produktauswahl im Naturkostgeschäft optimal ergänzen.

Bienenwachstücher, plastikfreie Trinkflaschen und Co. bekommen immer häufiger Platz im Angebot von Naturkostläden. So profitieren Kunden und Ladner von der „Extraware“.

Vor sieben Jahren hatte Roland Harter versucht, in Heilbronn ein Bio-Kaufhaus zu etablieren. Also einen Supermarkt, der nicht nur Bio-Lebensmittel, sondern auch ein möglichst umfassendes Sortiment an nachhaltigen Produkten wie Schreibwaren oder Kleidung präsentiert.

Das hatte damals nicht funktioniert. Ende des vergangenen Jahres nahm der Inhaber von sechs Biomammut-Filialen einen neuen Anlauf und richtete seinem Heilbronner Geschäft gut 40 Regalmeter für Nonfood ein. Seine Überzeugung: „Die Zeit ist reif.“

Nonfood in kleinem Rahmen sinnvoll

Sind Bio-Kunden bereit, nicht nur das Kernsortiment inklusive Naturkosmetik, WPR, Aromatherapie und Tiernahrung, sondern auch nachhaltige Nonfood-Artikel zu kaufen? Fabian Ganz, vom Marktforschungsunternehmen Biovista, findet in den Daten dazu zwar über 1.800 verschiedene Artikel, allerdings mit sehr geringen Umsätzen. Er vermutet, viele der Zusatzprodukte seien gar nicht erst mit einem Barcode versehen und würden daher nicht im Biovista-Panel erfasst.

Simon Döring, der mit Klaus Braun seit vielen Jahren Bio-Unternehmen berät, sagt aus der Erfahrung heraus, dass Zusatzsortimente aus wirtschaftlicher Sicht „eher ernüchternd“ seien. Kleidung etwa erweise sich als beratungsintensiv, erfordere Expertise und Investitionen und binde Kapital über Monate. „Wenn es Probleme gibt, fallen solche Sortimente als erstes weg.“

Im kleinen Rahmen – ein paar Bücher, Zeitschriften, Saatgut – kann er sich das aber vorstellen. „Das bringt Abwechslung und Spannung ins Sortiment.“ Außerdem diene es dazu, den Laden zu profilieren. „Kunden sehen, da steckt die Philosophie einer nachhaltigen Alternative dahinter. Für diese Botschaft eignet sich ein Zusatzsortiment prima.“

Welche Artikel laufen gut?

Philipp Landgraf, Vertriebsleiter beim Naturwaren-Großhandel Biogarten, beobachtet, dass der Markt für Zusatzsortimente wächst und findet auch ein Beispiel für richtig gute Umsätze. Edelstahltrinkflaschen hätten mit einem Verkaufspreis zwischen 20 und 50 Euro je Stück eine „attraktive Handelsspanne“.

Roland Harter hat für sein Nonfood-Programm sogar in neue Regalsysteme investiert: teilweise mit Loch-Rückwänden und Haken. Da hängen nun plastikfreie Spiel- und Haushaltswaren von Redecker, Kämme und Bürsten von Kost Kamm. Farben gibt es nicht mehr – „die waren zu beratungsintensiv und liefen nicht“. Zum neuen Sortiment gehören Schneidebretter aus Olivenholz, Eierbecher, Müslischalen, Bingenheimer Saatgut, Dünger, Pflanzenerde – Harter wagt es auch nochmal mit Schreibwaren.

Saisonal gibt es Palmblatt-Einweg-Geschirr sowie Schaschlikspieße und draußen vor dem Eingang Kräuter, Blumen und Tomatenpflanzen im fahrbaren CC-Container, die ein regionaler Gärtner liefert. „Man muss ein bisschen ausprobieren“, findet Harter.

Was Allround-Konzepte brauchen

Bei Naturata in Überlingen ist das Konzept seit jeher nicht nur auf Lebensmittel ausgerichtet. Beim Bau wurden Textil-, Spielzeug- und Buchabteilung mit eingeplant. Kunden können in der Umkleidekabine probieren und Gäste auf dem Weg zum angeschlossenen Restaurant schauen gerne bei den Büchern durch. „Wir wollen möglichst viele Bereiche abdecken“, erklärt Geschäftsführer Thilo Kauf.

Das ganzheitliche Konzept decke sich mit der Demeter-Philosophie, die Spielzeug-Auswahl orientiert sich an der Waldorf-Pädagogik. Auro-Farben und Pigmente sind eher Dienstleistung als Umsatzbringer, die Kunst-Postkarten von Taurus seien gut kalkulierbar und würden gerne mitgenommen.

Kunden finden auch Gärtöpfe für Sauerkraut, Getreidemühlen und -Flocker, Gläser und Gefäße für den Haushalt. Draußen im Innenhof ist Platz für Pflanzen – die Auswahl an Blumen, Setzlingen, Topfkräutern beeindruckend. „Sieben Sorten Salbei – das gibt’s in keinem Baumarkt“, sagt Thilo Kauf. Ihm macht es Spaß, so viel Verschiedenes anbieten zu können: „Das macht unseren Laden besonders.“ Hilfreich ist sicherlich, dass Naturata verkehrstechnisch gut zu erreichen ist und viele Parkplätze bietet.

Kleidung bindet Kapital

Der Vita Naturmarkt in Freiburg war jahrelang bekannt dafür, dass dort auch nachhaltige Kleider, Blusen, Pullis und Jeans zu finden waren. Jetzt hat sich Mitbegründerin Ursula Rieflin aus dem aktiven Bereich zurückgezogen und damit kam auch das Ende für die Modeabteilung. Textilien folgen einer anderen Verkaufslogik als Lebensmittel.

Geordert wird ein halbes Jahr vorher und das dauert, bis alles verkauft ist, zum Schluss zu deutlich reduzierten Preisen. Das muss einkalkuliert sein. Viel Kapital ist nötig, das lange gebunden ist „Es war jedes Jahr ein Wagnis“, erinnert sich Ursula Rieflin. Aber in Glanzzeiten setzte der Bio-Supermarkt mit Textilien im Jahr 150.000 Euro um.

Shop-in-Shop kann funktionieren

Eigentlich war die Modeabteilung "Della Donna" im Vita Naturmarkt fast so etwas wie ein Laden im Laden. Ähnlich verhält sich das auch beim Zauberberg im oberbayerischen Weilheim. Der Gründer wollte Anfang der 80er Jahre eher Bücher verkaufen und das kleine Naturkost-Sortiment sollte das Unternehmen absichern.

Heute ergänzen sich Buchangebot und Lebensmittel so, dass beide Standbeine voneinander profitieren. Was darüber hinaus richtig gut läuft, ist das Sortiment an Bingenheimer Saatgut. „Das wird sehr üppig nachgefragt“, berichtet Zauberberg-Geschäftsführer Klaus Schuster. Anziehungspunkt sind auch die 16 Kartenständer für Post- und Glückwunschkarten, die draußen vor der Buchladenseite positioniert sind.

Tipps fürs Nonfood-Sortiment

  • Plastikfreie Trinkflaschen
  • ToGo-Becher
  • Bienenwachstücher
  • Bürsten für Wellness und Reinigung
  • Frischhalteboxen aus Edelstahl
  • Obst- und Gemüsebeutel
  • Waschbeutel gegen Mikroplastik
  • waschbare Abschminkpads
  • Seifensäckchen
  • Keimschalen
  • Getreidemühlen
  • Getreideflocker
  • Kochutensilien aus Olivenholz
  • Geschenkartikel
  • beispielsweise Baby- oder Kleinkindspielzeug
  • Wärmeartikel wie Kirschkernkissen
  • Post- und Geschenkkarten
  • Gartenbedarf wie Pflanzerde oder Setzlinge
  • Bücher

BNN-Richtlinien für wirkliche Nachhaltigkeit

Orientierung für das Kernsortiment eines Bioladens geben die Sortimentsrichtlinien des Bundesverbands Naturkost Naturwaren (BNN). Die Richtlinien gehen weit über das geltende Recht hinaus. Die bisher erarbeiteten Sortimentsrichtlinien decken grundsätzlich Bio-Lebensmittel ab, aber auch Naturkosmetik, Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel und Heimtierfutter. Der gemeinsame Nenner ist nachhaltig, umweltschonend, bio. Das SRL-Lenkungsgremium, bestehend aus Einzelhandelsmitgliedern der Verbände BNN und Naturkost Süd, entwickelt die Richtlinien weiter und weitet sie auf andere Sortimentsbereiche aus. Anregungen dafür geben Hersteller und Händlerinnen. Qualitäts-Expertinnen des BNN und externe Experten unterstützen das Gremium.

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