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Kein Tabu mehr

Warum Monatshygiene-Produkte mehr Aufmerksamkeit brauchen

Ein Umdenken hat eingesetzt: Immer mehr Frauen suchen bei den regelmäßig benötigten Menstruationsprodukten nach nachhaltigen ökologischen Alternativen. Dafür ist oft eine umfassende Beratung nötig.

10.09.2021 vonBettina Pabel

Alternative Monatshygieneprodukte wie Menstruationstassen werden immer beliebter.

Ein Umdenken hat eingesetzt: Immer mehr Frauen suchen bei den regelmäßig benötigten Menstruationsprodukten nach nachhaltigen ökologischen Alternativen. Dafür ist oft eine umfassende Beratung nötig.

Etwa 500-mal beziehungsweise 35 bis etwa 40 Jahre lang hat eine Frau ihre Regel. Um das Sekret aufzufangen, nutzen die meisten Einwegprodukte wie Tampons, Binden und Slipeinlagen. Dadurch fallen riesige Mengen an kunststoffhaltigem Müll an, der nicht selten in der Umwelt landet.

Für immer mehr Frauen lässt sich das nicht mehr mit ihrem Umweltbewusstsein vereinbaren. Hinzu kommt die Überzeugung, dass in Produkten für den Intimbereich Plastik, chemische Bleichmittel und andere Schadstoffe nichts zu suchen haben. Das Interesse an Alternativen wächst daher beständig. Und das zur Verfügung stehende Angebot, das es nach dem Onlinehandel längst auch im stationären Handel gibt, deckt alle Vorlieben ab.

Natürliches hat bei Bio-Produkten Vorrang

Tampons, Binden und Slipeinlagen für den Einmalgebrauch zählen bei der ökologischen Monatshygiene zu den Vorreitern. Übliche Binden zum Beispiel setzen sich aus drei Lagen zusammen. Zwischen einer oberen Lage aus Baumwolle, Zellulose oder Synthesefasern und einer unteren Kunststoffabdichtung enthalten sie einen Kern mit Zellulose oder Kunststoffpolymerkugeln. Da diese eine große Menge Flüssigkeit aufnehmen können, werden sie auch als Superabsorber bezeichnet.

Bio-Anbieter verarbeiten stattdessen ökologisch angebaute, GVO-freie Baumwolle und verzichten in Zellulosefasern auf formaldehydhaltige Harze als Nassverfestiger, die dafür sorgen, dass die Fasern auch im Feuchten ihre Struktur behalten. Außen vor bleiben die biologisch nicht-abbaubaren Superabsorber. Falls doch etwas Kunststoff eingesetzt wird, dann überwiegend aus Maisstärke als nachwachsendem Rohstoff. Ebenfalls tabu sind chlorhaltige Bleichstoffe oder optische Aufheller und synthetische Duftstoffe.

Große Auswahl und ökologischer Mehrwert

Die Bio-Auswahl an Monatshygiene-Produkten umfasst jeweils unterschiedliche Stärken, wobei die Hersteller typische Wünsche aufgreifen. So hebt beispielsweise Einhorn bei ihren ‚Tam Tam Pons‘, deren Hypoallergenität hervor – das heißt, dass sie selbst bei erhöhter Neigung zu Kontaktallergien unbedenklich sind. Natracare mit Sitz in Großbritannien und Pionier bei Bio-Tampons betont bei seiner großen Auswahl an Slipeinlagen, dass sie atmungsaktiv sind. Die Binden, je nach Wunsch klassisch oder mit sichernden Seitenflügeln, sind unterschiedlich dick und damit saugstark. Das gilt genauso für die Produkte von Naty aus Schweden.

Beide Unternehmen stellen in der Kommunikation vor allem aber den ökologischen Mehrwert in den Vordergrund. Naty einerseits schon im Markennamen ‚Eco by Naty‘ und andererseits durch den Claim ‚No plastic on skin. No worries.‘, wobei die Produkte aus 100 Prozent kompostierbaren Materialien bestehen und das Naturtextil-Siegel GOTS (Global Organic Textile Standard) tragen. Nach dem Gebrauch müssten sie wegen des Blutes allerdings trotzdem in den Restmüll, weiß Verkaufsleiterin Maria Behn. Natracare macht in diesem Zusammenhang aktuell darauf aufmerksam, dass nach der neuen EU-Richtlinie gegen Einwegkunststoff kompostier- und biologisch abbaubare Binden und Einlagen trotzdem als plastikhaltig gekennzeichnet werden müssen.

Entspannte Tage mit alternativen Hygieneprodukten

Einhorn hat Damenhygieneartikel etwas später und nach Einführung von Öko-Kondomen ins Programm aufgenommen. Das junge Berliner Unternehmen setzt bei der Vermarktung auf die Kombination von Witz und Transparenz. So weist die freiwillige Inhaltsstoffliste aus, dass beispielsweise in den Flügel-Binden neben zertifizierter Bio-Baumwolle 17 Prozent Bio-Kunststoff aus Maisstärke verwendet wird. Dazu erklärt Elena Weidmann aus dem „Periodenteam“: „Die Produkte sollen anregen, sich über die Periode zu unterhalten und Tabus brechen.“ Soziales Engagement rundet das Spektrum ab: Die Hälfte der Gewinne gehen in Fairstainability-Projekte.

Wiederverwendbare Produkte als Alternativen

Nach Ansicht von Anna Spencer vom Natracare-Verkaufsteam entwickelt sich der Markt in Richtung komplett abfallfreie Periodenprodukte. Die Produkte des Unternehmens könnten die Kundinnen dabei unterstützen, zum Beispiel böten die Slipeinlagen zusätzlichen Schutz zu Cups oder Schwämmen und mit den spülfesten Feuchttüchern könnten sie unterwegs eine Menstruationstasse (siehe Galerie) reinigen.

Mit Menstruationstassen, Stoffbinden und Schwämmchen stehen auch wiederverwendbare Alternativen zur Auswahl. Das Interesse ist da − zugleich besteht hier ein größerer Erklärungsbedarf. Menstruationstassen, -kappen oder einfach Cups sehen aus wie kleine becherförmige Trichter und saugen das Sekret nicht -, sondern fangen es auf. Anbieter wie Einhorn, Lunette, Mooncup und Fair Squared geben auf Gebrauchsanweisungen sowie im Internet ausführliche Informationen zum Gebrauch – etwa, wie man die Tassen zum leichteren Einführen in die Vagina zusammenfaltet.

Die Idee wird auf ein Patent aus dem Jahr 1937 zurückgeführt, doch erst jetzt scheint die Gesellschaft reif dafür zu sein. Immerhin kann sie bei schwacher Blutung bis zu zwölf Stunden hintereinander getragen werden. Das macht sie unter anderem für Wanderungen und Bahnreisen interessant. Außerdem hält sie bei guter Pflege rund acht Jahre lang, was die Anschaffungskosten von 25 bis 30 Euro für Kundinnen relativiert.

Der Rat von Claudia Sievers

Ganzheitliches Frauenarzt-Zentrum München

Ich empfehle als Frauenärztin (und als Frau) gerne alternative Hygieneprodukte. Erstens aus Sicht der Nachhaltigkeit, zweitens aus Sicht der genitalen Gesundheit. Bei normalen Tampons besteht die Gefahr, die natürliche Vaginalflora so zu schwächen, dass eine verminderte Abwehrfähigkeit besteht. Auch manche Inhaltsstoffe können zur Vermehrung von Krankheitserregern beitragen. Wenn Tampons bei ganz leichter Blutung oder bei verstärktem Ausfluss angewendet werden, kommt das sozusagen einem „Trockenlegen“ der Vagina gleich.

In der Folge fehlt die gesunde Vaginalflüssigkeit, und Keime oder Bakterien aus dem äußeren Genitalbereich könnten sich in der Vagina leichter ausbreiten. Außerdem ist es möglich, dass die durch Tampons gereizte Haut mit verstärktem Ausfluss reagiert. Bei Frauen mit wiederkehrenden Pilzinfektionen mache ich die Erfahrung, dass der Umstieg auf Menstruationstassen vorteilhaft sein kann. Trauen sich Frauen die Anwendung der Tasse nicht zu, oder sehr jungen Mädchen rate ich dann beispielsweise zu Menstruationsunterwäsche.

Menstruationstassen: Größen und Materialien

Wieder können die Frauen zwischen großen und kleinen Modellen wählen. Lunette hat dazu einen Größenratgeber erstellt, wonach sich das kleinere Modell für eine leichte bis normale Blutung ideal für jüngere Frauen mit einer festeren Muskulatur oder bei einer empfindlichen Blase eignet. Das größere Modell aus festerem Silikon empfiehlt der finnische Hersteller für eine starke bis mittlere Blutung und für Frauen, die geboren haben. Angeboten werden sie einzeln oder im Doppelpack, farbig oder farblos. Wie bei mehreren Anbietern gibt es außerdem ein Aufbewahrungssäckchen.

Während die Lamazuna-Tassen und die Mooncups aus farblosem Silikon ebenfalls in zwei Größen erhältlich sind, führt Fair Squared vier Abstufungen. Größe S fasst acht Milliliter und dürfte die kleinste Tasse auf dem Markt sein. Der Hauptunterschied zu den Marktbegleitern liegt aber im Material: Während die meisten Produkte aus medizinischem Silikon bestehen, handelt es sich hier um weiches Naturlatex aus FSC-zertifizierter Waldwirtschaft in Sri Lanka und Fairem Handel. Produktion und damit die Wertschöpfung finden vor Ort statt.

Geschäftsführer Oliver Gothe nennt dann auch ethisch orientierte Konsumentinnen als Hauptzielgruppe. Den vergleichsweise niedrigen Preis führt er darauf zurück, dass Kautschuk preiswerter als medizinisches Silikon ist. Angeboten werden die Cups zusammen mit einem Baumwollsäckchen mit oder ohne Umkarton. Latexallergikerinnen sollten davon allerdings die Finger lassen.

Wissenslücken als größte Herausforderung

Lunette-Gründerin Heli Kurjanen stellt fest: „In den 16 Jahren, die wir im Geschäft sind, haben wir eine große Veränderung mit wiederverwendbaren Periodenprodukten erlebt.“ Zwar würden sie immer beliebter, speziell in Menstruationskappen stecke aber noch Potenzial. Die größte Herausforderung seien Wissenslücken.

Elena Weidmann bezeichnet die zwei Papperlacup-Menstruationstassen von Einhorn dagegen schon heute als die am meist gefragten Produkte unter ihren Periodenartikeln. Als Herausforderung nennt sie vor allem die Macht der Gewohnheit: „Was man einmal ausprobiert hat, wird oft nicht mehr geändert.“ Um endgültig aus der Nische herauszukommen, sollten die Alternativen verstärkt in das öffentliche Bewusstsein treten, zum Beispiel durch Aufklärungsunterricht in der Schule.

Die Öko-Alternativen können generell direkt vom Hersteller, teilweise über Biogarten und andere Großhändler oder im Online-Handel bezogen werden. Eine weitere Gemeinsamkeit liegt darin, dass Werbung und die Kommunikation mit den Kundinnen hauptsächlich über Social Media vom eigenen Blog bis zu Instagram laufen. Dem Handel bieten die Hersteller nicht nur individuelle und persönliche Beratung an, sondern auf Wunsch auch Muster sowie Info-Material.

Schwämmchen, waschbare Binden und Slipeinlagen

Nach Schwämmchen oder ‚Levantinern‘ als Mehrweg-Alternative fragen bislang erst wenige Kundinnen, wenn dann überwiegend in Unverpackt-Läden oder online. Die feinporigen Naturschwämmchen wachsen in nachhaltig bewirtschafteten Zuchtgärten an der levantinischen Küste, werden wie Tampons in die Vagina eingebracht und saugen das Blut auf. Zwar bieten sie weniger lange Schutz, doch können sie mehrfach wiederverwendet werden.

Eine weitere Möglichkeit stellen schließlich noch waschbare Stoffbinden und -slipeinlagen aus Bio-Baumwolle dar, die ihre Saugfähigkeit mehreren Stofflagen verdanken. Obwohl eigentlich eine naheliegende Idee und bereits seit rund 30 Jahren erhältlich, sind sie derzeit ebenfalls noch eher in Unverpackt-Läden zu finden. Petra Sood, Gründerin von Kulmine, stellt fest, dass auch Jugendliche ihre Produkte nutzten, genauso wie sie sie älteren Menschen bei leichter Blasenschwäche empfehlen könne.

Prima als Backup für Tassen und Tampons

Dafür gibt es eine breite Auswahl: Klassisch, mit Flügeln zum Zusammenknöpfen um den Slip-Steg, H-förmig zum Umklappen oder flexibel faltbar und mehr. Auch stehen die GOTS- und vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) zertifizierten Produkte in mehreren Farben zur Verfügung. Sood zufolge stören sie im Alltag überhaupt nicht. Und sie könnten normal mit der übrigen Wäsche gewaschen und getrocknet werden.

Durch den Einsatz hochwertiger Stoffe und die Herstellung in einer professionellen Näherei sollen sich die Kulmine-Binden jahrelang verwenden lassen. Die Haltbarkeit hebt auch Stefanie Wagner vom Onlineshop für alternative Monatshygiene, Almo, hervor, der dazu mit einer Näherei in Franken zusammenarbeitet.

Bei den farbenfrohen, samtigen Slipeinlagen und Binden umfasst die Auswahl einmal mehr unter anderem Modelle mit Flügeln, aber auch Tanga-Einlagen in Tropfenform. Der Auslaufschutz der dicken Binde aus Bio-Baumwolle ist hier dünn mit Polyurethan (PU) beschichtet. Hat ein Produkt kein GOTS-Zertifikat, darf PU im Restanteil (nicht bei den Bio-Fasern) verwendet werden. Diese Lösung findet sich auch bei den Periodenslips als von vielen Kundinnen gewünschtem Extra – prima als Backup für Tassen oder Tampons.

Tipps von der Kollegin

Marina Ostermann ist seit 15 Jahren Leiterin Naturkosmetik von Beauty & Nature, München. Monatshygiene gibt es hier von Anfang an, sie umfasst heute sieben Regalmeter.

  • Es fällt auf, dass die meisten Kundinnen schon sehr gut informiert sind. Trotzdem lohnt sich die Grundsatzfrage, ob sie das Blut außerhalb oder im Körper auffangen wollen – ein wichtiger Unterschied…
  • Bei uns geht es oft um konkrete Entscheidungen – zum Beispiel welche Tassengröße sich wann anbietet oder wie sich das Material unterscheidet.
  • Im Regal gehören die Produkte nicht mehr in die versteckte Tabuzone, sondern möglichst in Sichthöhe. Und mit Blick auf die Diskussion um Müllvermeidung bietet sich gerade jetzt gut ein Thementisch mit nachhaltigen Hygieneprodukten an.

Hersteller von Monatshygiene-Produkten

ALMO - A und O für Alternative Monatshygiene

Inhaberin: Stefanie Wagner
Kannenstrasse 16, D-91522 Ansbach
Tel.: 0981-97782222
Mobil: 0157-73873990
Mail: service@natuerlich-ALMO.de
Web: www.natuerlich-almo.de

Einhorn Products GmbH

Markus Wörner (M&PR), Elena Weidmann ((Periodenteam)
Skalitzerstr. 100, D-10997 Berlin
Tel: +49 30 69004669
Mail: markus@einhorn.my
Web: www.einhorn.my

Fair Squared GmbH

Oliver Gothe, Geschäftsführung
Hermann-Heinrich-Gossen-Str. 4, D-50858 Köln
Mail: gothe@fairsquared.com
Web: www.fairsquared.com

Kulmine e.K.

Petra Sood, Inhaberin
Stettiner Str. 5-6, D-49088 Osnabrück
Tel: 0541 1859 117
Mail: info@kulmine.de
Web: https://kulmine.de

Lunette / Lune Group Oy Ltd

Heli Kurjanen, Geschäftsführerin
#Hannele Pilzer, Menstrual Mentor
Kopsamontie 138, FIN-35540 Juupajoki
Tel: 00358 50 355 4064 (Pilzer: +43 664 64 91 451)
Mail: info.de@lunette.com
Web: www.lunette.com

Lamazuna / Wasserneutral GmbH

Luisenweg 109, D-20537 Hamburg
Tel: 040/ 6077836-0, B2B: -20
Mail: info@lamazuna.de
Web: www.lamazuna.de

Natracare House, Bodywise (UK) Ltd

Anna Spencer, Marketing and Sales Executive
19 Eagles Wood
Woodlands Lane, GB-Bristol, BS32 4EU
Tel: +44 (0) 1454 613347
Mail: info@natracare.com, annaspencer@natracare.com
Web: www.natracare.com

Naty AB

Maria Behn, Sales Europe
Swedenborgsgatan 20A, 118 27 Stockholm, Sweden
Mobil: +49 172 32 00 322
Mail: maria.behn@naty.com
Web: www.naty.com

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