Biohandel

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UV-Schutz

Wie Naturkosmetik die Haut vor Sonne schützt, ohne ihr zu schaden

Ob Nano-Teilchen, Titandioxid oder Korallensterben: Das Thema Sonnenschutz wirft viele Fragen auf. Was für Naturkosmetik gilt und Ihnen bei der Beratung hilft.

Wenn Stephanie Dedio vom Bioladen Paradieschen jemanden vor dem Regal mit der Sonnenkosmetik stehen sieht, spricht sie die Person direkt an. „Zum Sonnenschutz haben Kundinnen und Kunden erfahrungsgemäß immer Fragen“, sagt Dedio. Häufig gefragt werde etwa nach dem Unterschied zwischen konventionellen Sonnencremes und naturkosmetisch zertifizierten.

Wichtiges Merkmal sind die verschiedenen UV-Filter. Während Naturkosmetik mit den mineralischen Pigmenten Zinkoxid und Titandioxid vor UV-Strahlen schützt, basiert konventionelle Sonnencreme auf chemisch-synthetischen Filtersubstanzen. Deren Wirkweisen unterscheiden sich: Mineralische Filter legen sich wie ein Mantel auf die Haut und reflektieren die Sonnenstrahlen. Sie sind gut hautverträglich und wirken direkt nach dem Eincremen. Chemisch-synthetische Filter wandeln UV-Licht in der Haut in Wärme (Infrarotstrahlung) um. Bis sie wirken, dauert es 20 bis 30 Minuten. Die synthetischen Filterstoffe stehen seit Jahren in der Kritik wegen möglicher hormonähnlicher Wirkungen und wegen ihres Allergiepotenzials. Außerdem belasten einige nachweislich die Umwelt, insbesondere Wasserorganismen.

Wie sicher ist Titandioxid?

Noch vor wenigen Jahren war der Wissensdurst der Bio-Kundschaft beim Thema Sonnenschutz gestillt, wenn man die unterschiedlichen Wirkweisen erläuterte. „Heute haken viele nach“, sagt Stephanie Dedio. Sie fragen, ob Titandioxid oder Nanopartikel enthalten sind und ob diese Stoffe unbedenklich sind.

Das mineralische Pigment steht seit einigen Jahren in der Kritik, da es möglicherweise Krebs auslösen kann, wenn es in den Körper gelangt. Seit August 2022 ist Titandioxid daher in Lebensmitteln verboten. Kosmetik betrifft dieses Verbot bisher nicht. Denn zumindest über die Haut wird der Stoff nicht aufgenommen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) schreibt daher in einer Stellungnahme: „Es gibt aktuell keine Hinweise, dass bei Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben der Einsatz von Titandioxid in kosmetischen Mitteln für Verbraucherinnen und Verbraucher gesundheitsschädlich ist.“

So breit ist das Sortiment

Gleichwohl empfiehlt das BfR den europäischen Behörden zu prüfen, ob Titandioxid in Zahnpasta und Lippenstift unbedenklich ist. Denn beide kann man versehentlich verschlucken. Soweit zur Sicherheit von Sonnenschutzmitteln, nun zum Sortiment. In Bioläden findet die Kundschaft eine breite Auswahl an zertifiziertem UV-Schutz von mehr als einem Dutzend Marken, darunter viele Start-ups. Es gibt alles von Sonnencremes, -lotionen, -fluids, und -gels über Spray bis hin zu wasserfreien, festen Sonnensticks für Gesicht und Extremitäten oder den Körper. Die Lichtschutzfaktoren (LSF) des Sortiments erreichen Werte von 6 bis 50+.

Auch bei hohen Lichtschutz-Faktoren bekommen die meisten Naturkosmetik-Hersteller es mittlerweile recht gut in den Griff, dass die Produkte nicht so weißeln. Der technologische Fortschritt bei den Formulierungen macht das möglich. Farbige Pigmente helfen mit. Sie verleihen beispielsweise Sonnencreme fürs Gesicht eine dezente Tönung und sorgen für einen gleichmäßigen Teint. Sonnenkosmetik speziell fürs Gesicht ist stark im Kommen, da der UV-Schutz vorzeitiger Hautalterung vorbeugt. Hier kann Naturkosmetik doppelt punkten: mit natürlichen UV-Filtern und pflegenden Zutaten. Konventionelle Pendants bieten so gut wie keine Pflege.

Tipps von der Kollegin

Stephanie Dedio leitet die Naturkosmetik-Abteilung im Paradieschen in Linsengericht in Hessen.

  • Bieten Sie Auswahl mit vier bis fünf Marken im Sonnencreme-Sortiment. Machen Sie sich mit den Inhaltsstoffen vertraut, damit Sie zum Beispiel auf Nachfrage nanofreie Alternativen empfehlen können.
  • Manche Kunden sind verunsichert aufgrund der Diskussionen um Titandioxid oder Nanopartikel in Sonnenschutz. Bleiben Sie sachlich und neu­tral in der Beratung, berufen Sie sich auf den aktuellen Stand der Wissenschaft und die Vorgaben der Natur­kosmetik-Siegel. Tester sind unverzichtbar. Kundinnen und Kunden wollen ausprobieren, wie sich das Produkt auf der Haut verhält und ob es weißelt.
  • Positionieren Sie den UV-Schutz ab dem Frühjahr zusammen mit themenverwandten Produkten auf einem separaten Tisch, zum Beispiel mit Lippenpflege, After Sun-Kosmetik, Aloe vera-Produkten, Hydrolaten und Insektenschutz. Das generiert mehr Umsatz durch Mitnahme-Effekte.

Das spricht für Zinkoxid

Bei der Wahl der mineralischen UV-Filter gehen die Hersteller unterschiedliche Wege. Viele verwenden den seit Jahren bewährten Mix aus Titandioxid und Zinkoxid. Andere, wie Laboratoires de Biarritz, verlassen sich ausschließlich auf Titandioxid. Die junge Marke Das Boep formuliert ihren Sonnenschutz dagegen nur mit Zinkoxid. „In den letzten Jahren äußerten Kundinnen immer wieder Bedenken wegen Titandioxid und der Anreicherung im Gewebe – und wir waren immer froh, dass wir uns nicht erklären mussten“, sagt Geschäftsführerin Michaela Hagemann.

Auch Speick setzt Zinkoxid als alleinigen UV-Filter ein. „Es bietet einen sehr guten Schutz im UV-B- als auch im UV-A-Bereich und zeichnet sich durch eine sehr gute Hautverträglichkeit aus“, sagt Alice Geiger, die das Labor des Naturkosmetik-Unternehmens leitet. Mit Zinkoxid sei es zudem gelungen, eine Formulierung zu entwickeln, die nahezu keinen weißen Film auf der Haut hinterlässt. „Beides Punkte, weshalb wir uns für Zinkoxid als mineralischen Filter entschieden haben“, sagt Geiger.

Bei Eco Cosmetics testet man derzeit Titandioxid-freie Rezepturen. „Aber nicht, weil wir den Rohstoff für unsicher halten“, erklärt Rhea Tripp, Tochter des Geschäftsführers Dieter Sorge, „sondern weil die Kunden danach fragen.“ Noch dieses Jahr will das Unternehmen einen UV-Schutz für die Lippen ohne Titandioxid auf den Markt bringen. Denn das Thema des Verschluckens (siehe vorherige Seite) sei besonders sensibel. Ökotest etwa wertet Lippenstifte mit Titandioxid deshalb ab.

Auslobung: LSF und wasserfest

Gründlich cremen, das empfiehlt sich besonders bei heller Haut.

  • Immer wieder zweifeln Warentests den ausgelobten Lichtschutzfaktor, kurz LSF, naturkosmetischer Sonnencremes an. „Das Thema ist sehr komplex und ich bemühe mich seit einiger Zeit um einen wissenschaftlichen Austausch und Einsicht in die Testergebnisse – leider ohne Erfolg“, sagt Michaela Hagemann von Das Boep. Das füge der Branche hohen Schaden zu. Selbstverständlich würden alle Produkte regelmäßig getestet. „Wir dürften die Cremes nicht auf den Markt bringen, wenn die behördliche Sicherheitsbewertung sie nicht frei geben würde“, sagt Hagemann.
  • Unsicherheit gibt’s auch bei der Auslobung „wasserfest“. Das bedeutet lediglich, dass nach 2 x 20 Minuten im Wasser noch mindestens die Hälfte des ursprünglichen Lichtschutzes gegeben ist. Nach dem Bad oder starkem Schwitzen gilt daher auch hier: Bitte nachlegen.

Nano muss draufstehen

Titandioxid in Nanoform gilt in Sonnenschutzmitteln nach heutigem Wissensstand als unbedenklich – beim Aufbringen auf intakte wie auf sonnenverbrannte Haut. Nanokleine mineralische UV-Filter erlauben die anerkannten Naturkosmetik-Standards auch. Aber nur bei wenigen Marken der Bioläden, findet sich ein „nano“ in der Zutatenliste INCI. Dazu zählen Acorelle, We love the planet und Dr. Hauschka. Der Zusatz ist Pflicht, wenn die Hälfte der Pigmentpartikel kleiner als 100 Nanometer misst.

Auf der Internetseite von Dr. Hauschka heißt es dazu: „Nanopartikel haben sogar Vorteile, wenn es um die Wirkung von UV-Filtern geht. Je kleiner die Partikel, desto wirksamer ist ihr Lichtschutz auf der Haut. Außerdem lässt sich mineralische Sonnencreme mit Nanopartikeln besser verteilen, ohne zu weißeln.“

Sonderfall Sonnenöle

Ganz ohne mineralische Pigmente kommen einige Sonnenöle im Bioladen aus. Anbieter sind zum Beispiel Martina Gebhardt, Alva oder Pharmos Natur. Sie enthalten Sanddorn- und/oder Walnussöl sowie tropisches Karanja-, Kukuinuss- oder Achiote-Öl, die die Pigmentbildung in der Haut und damit ihren Eigenschutz steigern. Allerdings erreichen sie nur einen Lichtschutz zwischen Faktor 6 und 8. Das Bundesamt für Strahlenschutz hingegen empfiehlt einen LSF von mindestenes 30 für Kinder und 20 für Erwachsene. Vorteil der Sonnenöle: Sie sind reich an Antioxidantien.

Damit wirken sie gegen sogenannte freie Radikale, die bei starker UV-Strahlung entstehen und die Haut vorzeitig altern lassen. Außerdem liefern sie wertvolle Fettsäuren und versorgen die Haut mit Feuchtigkeit. Pflegewirkung, weiß Stephanie Dedio vom Paradieschen, wünschen sich Kundinnen und Kunden von ihrer Sonnencreme auch. Neben den pflanzlichen Ölen und Sheabutter dienen Aloe vera, pflanzliches Glycerin oder Hyaluronsäure dazu, die Wasserspeicher der Haut aufzufüllen und ihr Feuchthaltevermögen zu verbessern. (Heil-)Pflanzenauszüge wie Bisabolol aus der Kamille oder Wundklee beruhigen sonnengestresste Haut.

Künstliche Duftstoffe sind für Naturkosmetik tabu

Für Menschen, die sensibel auf natürliche Duftstoffe reagieren, bieten manche Naturkosmetik-Hersteller duftfreien Sonnenschutz an. Künstliche Duftstoffe kommen ihnen grundsätzlich nicht in Tube und Tiegel. Sie verzichten auch auf Emulgatoren wie PEG und PEG-Derivate, die die Hautbarriere schwächen können, sowie auf hautreizende Konservierer. Tabu sind ferner flüssige Kunststoffe wie Silikone oder Acrylate und erdölbasierte Paraffine. All diese Stoffe sind biologisch schwer oder gar nicht abbaubar und belasten die Gewässer.

Von der Haut ins Meer

Sonnencreme gilt es reichlich aufzutragen. Das Bundesamt für Strahlenschutz empfiehlt: Um den ausgewiesenen Lichtschutzfaktor zu erreichen, sollte ein Erwachsener vier gehäufte Esslöffel davon auf dem ganzen Körper verteilen. Reichlich ist leider auch die Menge, die mit dem Baden ins Meer gelangt. Um die 14.000 Tonnen Sonnencreme sind das jedes Jahr, schätzt die US-Meeresbehörde NOAA. UV-Filter finden sich sowohl in tropischen Korallenriffen wie auch im Arktischen Ozean und in der Ostsee.

Korallen in Gefahr

Die Korallenbleiche – das Absterben von Korallen – wird als mögliche Folge der Verschmutzung mit chemischen Substanzen diskutiert. Als problematisch gelten vor allem die zwei chemisch-synthetischen UV-Filter Octinoxat und Oxybenzon. 2021 verbot der US-Bundesstaat Hawaii den Verkauf von Sonnencremes mit diesen Filtern. Weitere Länder zogen nach.

Seit einiger Zeit tragen manche Sonnencremetuben einen Aufdruck wie korallenfreundlich, riffsicher oder Hawaii-Standard. Geschützt oder gesetzlich definiert ist der Begriff in der Regel nicht. Bei konventionellen Produkten weichen die Hersteller häufig schlicht auf einen Mix anderer chemisch-synthetischer Filterstoffe aus.

Mineralische Pigmente scheinen nach heutigem Wissensstand unbedenklich für Korallen zu sein – sofern es sich nicht um Nanopartikel handelt. Denn sie können Studien zufolge manchen Wasserlebewesen schaden.

Herstller und ihre Produkte

Das Boep
Sonnencreme Sensitiv LSF 30, Sonnencreme Familie LSF 30, Sonnencreme Sensitiv LSF 50, Lippenbalsam LSF20

Eco Cosmetics
Sonnenfluid 50, Sonnenfluid 50+ Kids, Sonnenfluid LSF 50 mit Q10, Sonnenfluid Sensitive LSF 30, Lippenpflegestift LSF 25, Sonnenmilch sensitive LSF 30, Sonnenmilch Sensitive LSF 20, Tattoo Sonnenlotion LSF 30, Sonnenmilch Sensitive LSF 50, Sonnenöl LSF 30,

Eubiona
Sonnenmilch LSF 50, Sonnenmilch LSF 30

Ey!
Summer Lips 20, Sunfluid Kids LSF 50+, Sunfluid LSF 50, Sunfluid LSF 30, Sunfluid LSF 20

i+m
Sunnenpflege Gesicht LSF 30, Sonnenspray LSF 50, Sonnencreme Gesicht LSF 30, Sonnenlotion LSF 30, Sonnenlotion Sensitiv LSF30

Laboratoires de Biarritz (Alga Maris)
Sonnencreme Baby& Kinder LSF 50+, Sonnencreme LSF 50+ Baby & Kind Sport, Sonnenmilch LSF 30, Sonnenmilch LSF 30 Sport, Sonnenmilch LSF 50, Sonnenmilch LSF50 Sport, Sonnenspray LSF30, Sonnenspray LSF50+, getönte Sonnencreme Gesicht LSF30, Getönte Sonnencreme Gesicht LSF50, Sonencreme Gesicht LSF30, Sonnencreme Gesicht LSF50, getönter Sonnenstick LSF50+, getönter Sonnenstick LSF 50+, Lippenbalsam LSF30 Meer&Berge, Lippenbalsam Meer und Berge LSF30

Lavera
Sensitiv Sonnencreme Anti-Age LSF 30, Sensitiv Sonnenlotion LSF 30, Sensitiv Sonnenlotion Kids LSF 50

Madara
Sonnencreme für das Gesicht LSF 30, Sonnenschutz LSF 50, Antioxidativer Sonnenschutz für den Körper LSF 30, Ultraleichte Sonnenmilch LSF 20

4peoplewhocare.de
Feste Sonnencreme LSF50

Rosenrot
Sun Stick LSF 30 parfümfrei, Sun Stick LSF 30 Coconut, Sun Stick LSF 20 pure duftfrei, Sun Stick LSF 20 Gentle Care, Sun Stick LSF 20 Monoi de Tahiti

Pharmos Natur
Body Protect Cream LSF 20, Face Protect Cream Gesicht LSF 30, Tanning Oil LSF 8

Speick
Sonnencreme LSF 30, Sonnencreme LSF 50+, Sonnenmilch 20, Sonnenmilch LSF 30

Welovetheplanet.de
Sonnenstick LSF 30, Sonnenstick LSF 20

Whamisa
Sun Cream SPF 50+, Liquid BB Cream LSF 50+

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