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Vegane Kosmetik

So unterscheidet sich vegane Naturkosmetik von konventionellen Vegan-Produkten

Immer mehr junge Menschen kaufen vegane Pflege und Schminke. Das zeigt sich auch im Sortiment konventioneller Hersteller. Gut zu wissen also, wie sich vegane Naturkosmetik von deren Produkten abhebt.

Nach Angaben von Statista aus dem Jahr 2020 essen rund acht Millionen Deutsche kein Fleisch. Dazu gehören Vegetarier und auch die wachsende Gruppe der Veganer. Letztere verzichten nicht nur auf Fleisch, sondern meiden auch Produkte vom lebenden Tier wie Milch, Honig und Eier.

Die Gründe für eine pflanzenbasierte Ernährung sind vielfältig: Weil Pflanzenkost gesünder ist, besser fürs Klima, ressourcenschonender, ethisch korrekt und sich mit der Liebe zum Tier vereinen lässt. Vegan steht aber nicht nur für eine Ernährungsform, sondern für einen Lebensstil. Wer konsequent vegan lebt trägt zum Beispiel auch kein Leder und achtet bei Kosmetik darauf, dass sie keine tierischen Zutaten enthält.

Doch nicht nur Veganer kaufen solche Kosmetik. Laut einer Studie des V-Labels gehören „tierversuchsfrei“ und „vegan“ für junge Zielgruppen zu den wichtigsten Kriterien beim Kauf eines Kosmetikprodukts. „Die Generation Z (1996 bis 2009 Geborene) und die Millennials (1981 bis 1998 Geborene) haben eine andere Sichtweise auf Kosmetika – sie sind bewusster und fühlen sich für ihre Konsumgewohnheiten stärker verantwortlich“, zitiert das Onlineportal Vegconomist Alejandro Gómez Hombrados von V-Label.

Sortimente verändern sich

Das steigende Interesse spüren Naturkosmetik-Hersteller seit Jahren. „Die Nachfrage nach veganer Naturkosmetik und nachhaltigen Konzepten in der Kosmetikbranche ist ungebremst“, sagt Beate Kroissenbrunner von i+m Naturkosmetik. Seit dem Jahr 2000 ist das Sortiment des Unternehmens zu 100 Prozent vegan.

Auch Lavera ersetzt nach und nach tierische Rohstoffe durch pflanzliche Alternativen. „Die Verbraucherinnen und Verbraucher achten auf Produkte, die pflanzliche, nachwachsende Rohstoffe möglichst aus kontrolliert biologischem Anbau enthalten,“ sagt Sabine Kästner, die Pressesprecherin des Unternehmens. Vegan sei zum Standard geworden.

Der globale Markt für vegane Kosmetik lag 2021 bei geschätzten 15,17 Milliarden Dollar. Nach Angaben des Marktforschungsinstituts Grand View Research soll er sich bis 2025 auf rund 21 Milliarden Dollar belaufen.

Eine Handvoll Zutaten vom lebenden Tier sind erlaubt

Wichtig zu wissen: Vegane Kosmetik ist nicht gleich vegane Naturkosmetik. Zwar verwenden beide keine tierischen Inhaltsstoffe und Tierversuche sind tabu. Konventionelle Hersteller ersetzen tierische Stoffe allerdings häufig durch synthetische. Sie nehmen beispielsweise erdölbasierte Paraffine anstelle von Bienen- oder Wollwachs. Auch greifen sie zu synthetischen Azofarben fürs Lippenrot, von denen viele im Verdacht stehen, dass sie ein krebserzeugendes Potenzial haben.

Solche Zutaten sind für Naturkosmetik generell verboten. Ein weiterer Unterschied: Bio-Anbau und Fairer Handel spielen bei konventionellen Vegan-Marken kaum eine Rolle. Zertifizierte Naturkosmetik, die vegan ist, geht daher weit über Kosmetik ohne Tierleid hinaus. So verzichtet sie beispielsweise grundsätzlich auf Substanzen von toten Wirbeltieren. Naturkosmetik ist also quasi die natürliche Heimat der veganen Kosmetik.

Jedoch sind laut der Richtlinien anerkannter Siegel wie NaTrue und Cosmos in Naturkosmetik eine Handvoll Zutaten vom lebenden Tier erlaubt. Dazu zählen Honig, Woll- und Bienenwachs, Propolis, Seidenproteine oder Milch.

Auch bei Naturkosmetik gibt es Tierversuche

Ebenfalls in Naturkosmetik erlaubt sind Karmin und Schellack. Beide Rohstoffe stammen von Läusen. Karmin ist ein roter Farbstoff, der in Lippenstiften und Rouge zum Einsatz kommt. Schellack setzen die Hersteller etwa in Haarspray und Nagellack ein. Daher ist nicht jede Naturkosmetik vegan. Die Schnittmenge ist aber groß.

So weit zu den Zutaten. Was Tierversuche angeht, so dürfen seit dem Jahr 2009 keine Kosmetikprodukte in der EU mehr verkauft werden, deren Inhaltsstoffe an Tieren getestet wurden. Seit 2013 gilt dies Verbot auch, wenn die Tierversuche außerhalb der EU stattfanden.

Für Naturkosmetik ist das eine Selbstverständlichkeit, denn sie hat schon immer darauf verzichtet. Doch auch sie kann nicht verhindern, dass manche ihrer Zutaten an Tieren getestet werden. Ein Beispiel ist das milde Kokostensid Disodium Cocoyl Glutamate, das in vielen Shampoos steckt.

Der Hintergrund: Wenn der europäischen Chemikalienagentur ECHA Daten zur Sicherheit chemischer Stoffe nicht ausreichen, verlangt sie neue Studien von den Chemikalien-Herstellern. Das gilt auch für Stoffe, die ausschließlich in Kosmetika eingesetzt werden – trotz erkennendes Tierversuchs-Verbots. Die EU stellt hier das Chemikalien- über das Kosmetikrecht – und hebelt damit ihre eigenen Verbote aus.

Corona hat das Interesse an regionalen Kosmetikprodukten befeuert

Die Liste möglicher tierischer Rohstoffe in konventioneller Kosmetik ist hingegen lang. In Anti-Aging-Cremes können Kollagen, Elastin und der Emulgator Lecithin aus tierischem Gewebe stecken. Gelatine, gewonnen aus Knochen, Haut und Bändern von Säugetieren fungiert als Bindemittel und Guanin aus Fischschuppen lässt den Nagellack glänzend schimmern. Squalan, ein hautpflegender Stoff, stammt oft aus Haifisch-Leber und der Feuchtigkeitsspender Glycerin häufig aus Rindertalg. Das alles geht aus der INCI nicht hervor.

Doch vegan oder vegetarisch lebende Kunden sind gut informiert. Das erlebt Jamila Khaniha aus der Kosmetikabteilung im PurNatur in Kempten regelmäßig. „Sie sind durch Presse und Social Media bestens informiert und brauchen keine Beratung“, sagt sie. Viele Kunden hätten eine App wie CosmEthics, Peta Zwei oder Codecheck auf ihrem Mobiltelefon, mit der sie die Zutaten bzw. INCI-Angaben und tierleidfrei-Labels checken.

Information am Rande: Häufig wird die Fachverkäuferin hingegen gefragt, ob die Kosmetik aus der Region kommt. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Mintel hat die Pandemie das Interesse an regionalen Kosmetikprodukten befeuert. Ein Drittel der Deutschen gab in der Umfrage an, Kosmetika mit lokal bezogenen Inhaltsstoffen aus ihrer Region zu bevorzugen.

Wer vegane Naturkosmetik verwendet, muss beim Komfort und bei der Performance kaum Abstriche machen. Die Unternehmen haben Alternativen entwickelt, die ähnliche Eigenschaften wie die tierischen Inhaltsstoffe aufweisen.

Ohne Läuse geht es nicht

Lavera ersetzt beispielsweise das Wollwachs Lanolin schon seit Jahren in vielen Produkten durch eine Mischung pflanzlicher Bio-Öle, die ähnliche hautschützenden Eigenschaften besitzen. Im September dieses Jahres plant das Naturkosmetik-Unternehmen seinen Lippenbalsam, mit veganer Rezeptur ins Sortiment aufzunehmen. Das bislang enthaltene Bienenwachs ersetzen pflanzliche Wachse.

Bei der dekorativen Kosmetik setzt Lavera weiter auf den roten Farbstoff Karmin aus getrockneten Cochenille-Läusen. Pressesprecherin Kästner begründet: „Ein kräftiges Rot mit langer Haltbarkeit ist ohne Karmin in der Naturkosmetik nur schwer möglich.“ Pflanzlichen Farbstoffen wie dem Rot aus Paprika fehle die Beständigkeit.

Die vegane Marke Kia-Charlotta erzeugt mit hochpigmentierten Pflanzenextrakten etwa aus Süßkartoffel oder Radieschen nach eigener Aussage „intensivknallige Farben mit hoher Deckkraft". Ihr Nagellack funktioniert auch ohne Schellack und ist dabei 85 bis 90 Prozent natürlich, dennoch ohne Naturkosmetik-Siegel.

„Die Eigenschaften als Lack verlangen zwar eine flüssige Konsistenz im Flakon, jedoch ein schnelles Aushärten auf dem Nagel wie auch die dauerhafte Verbindung der Pigmente“, erklärt Viktoria Bokova, Produktmanagerin bei Kia Charlotta. Das seien Prozesse, die durch synthetische Hilfsstoffe unterstützt werden müssten. Im Haarspray hingegen lässt sich Schellack durch pflanzliche Wachse ersetzen. Ob Schellack oder Pflanzenwachs, so standhaft wie mit chemischen Filmbildnern ist die Frisur allerdings nicht.

Tipps von der Kollegin

Jamila Khaniha führt gemeinsam mit einer Kollegin die Naturkosmetik-Abteilung im PurNatur in Kempten mit 15 laufenden Regal-Metern. Zum Sortiment gehören um die zwanzig vegane Marken.

  • Viele Hersteller relaunchen das Sortiment und bringen neue vegane Produkte heraus. Halten Sie sich auf dem neuesten Stand mit dem Besuch von Messen. Pflegen Sie den Kontakt zum Außendienst und nutzen Sie (Online)-Schulungsangebote von Herstellern sowie Infomaterial des Großhandels.
  • Bestellen Sie neue Vegan-Produkte und testen Sie vor einer eventuellen Listung selbst, wie gut diese sind. So können Sie Kunden davon aus eigener Erfahrung erzählen.
  • Informieren Sie ihre Kunden digital über das Sortiment, Neuheiten und Unterschiede – zum Beispiel mit einem Newsletter und/oder über die Social-Media-Kanäle.
  • Fast alle Hersteller bieten gutes verkaufsförderndes Material an. Nutzen Sie dieses für wechselnde Sonderflächen zur Präsentation des veganen Sortiments.

Hersteller veganer Kosmetik

Rein vegane Marken mit Naturkosmetik-Siegel:

Die meisten Naturkosmetik-Hersteller bieten neben Produkten mit tierischen Zutaten auch viele vegane Produkte an. Mitunter sind sie im Menü der Website extra ausgewiesen. Ansonsten empfiehlt es sich, das Stichwort „vegan“ in die Suchmaske einzugeben. Hier ein paar Beispiele:

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