Wissen. Was die Branche bewegt
Basiswissen

Nahrungsergänzung: Eine extra Portion Nährstoffe

Biokunden ernähren sich gerne gesund und greifen dafür auch zu Säften, Pulvern und Pastillen. Diese haben im Biofachhandel eine besondere Qualität.

13.01.2018 vonLeo Frühschütz

Nahrungsergänzung: Die meisten Menschen wollen damit keinen Mangel bekämpfen, sondern sich etwas Gutes tun.

Biokunden ernähren sich gerne gesund und greifen dafür auch zu Säften, Pulvern und Pastillen. Diese haben im Biofachhandel eine besondere Qualität.

Gesundheit und Fitness stehen bei den Deutschen hoch im Kurs und sind ihnen noch wichtiger als gutes Aussehen. So steht es in der Wellcare-Studie 2017 der Unternehmensberater von PricewaterhouseCoopers (PwC). 45 Prozent der dafür befragten Frauen und 29 Prozent der Männer gaben an, Nahrungsergänzungsmittel (NEM) einzunehmen. Dabei predigen die Wissenschaftler der Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) seit Jahren: Wer sich gesund und vollwertig ernährt, braucht keine Vitamin-Pillen.

Prinzipiell stimmt das, doch selbst die DGE empfiehlt in zahlreichen Fällen, die Ernährung mit Kapseln oder Pillen zu ergänzen: Frauen mit Kinderwunsch sollen zusätzliche Folsäure zu sich nehmen, Schwangere und Stillende auf Eisen und Jod achten und Veganer brauchen eine Extra-Dosis Vitamin B12. Für Babys und Menschen, die wenig nach draußen kommen, empfiehlt die DGE die Einnahme von Vitamin D.

In all diesen Fällen gehen die Wissenschaftler von einem möglichen Mangel aus. „Hinzu kommt, dass der individuelle Nährstoffbedarf vom Lebensstil, der körperlichen und seelischen Belastung, von Erkrankungen, den Rauch- und Trinkgewohnheiten und Medikamenteneinnahmen abhängt“, so Susanne Arndt, Mitglied der Geschäftsleitung des Großhändlers Biogarten, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt.

Nahrungsergänzung aus dem Bioladen muss nicht bio sein

Doch die meisten Menschen, die NEM nehmen, wollen keinen Mangel bekämpfen, sondern sich etwas Gutes tun und sich vorbeugend schützen. Sie ernähren sich bewusst, sind sportlich aktiv und wollen sich optimal mit Nährstoffen versorgen – typische Bioladen-Kunden also, denen der Fachhandel durchaus etwas bieten kann.

Das Gesetz definiert NEM als Konzentrate „von Nährstoffen oder sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung“. Verkauft werden sie „in dosierter Form“, etwa als Kapseln, Pastillen oder Tabletten. Die meisten NEM in Drogerien und Apotheken enthalten Vitamine und Mineralstoffe, die synthetisch produziert wurden.

Einige Vitamine, etwa Vitamin C, werden mit Hilfe gentechnisch veränderter Organismen produziert. Die Hersteller von NEM im Bio-Laden haben den Anspruch, Nahrungsergänzung in einer möglichst natürlichen Form zur Verfügung zu stellen, wobei es qualitativ durchaus Unterschiede gibt:

NEM gelten rechtlich als Lebensmittel und dürfen das EU-Bio-Logo tragen – wenn die pflanzlichen Zutaten Bio sind und keine synthetischen Wirkstoffe zugesetzt wurden. Doch es gibt in den Gesundheitsregalen der Bio-Läden zahlreiche NEM ohne Bio-Siegel. Das hat zwei Gründe: Manche Substanzen lassen sich (noch) nicht in Bio-Qualität herstellen, etwa das Coenzym Q10. Hier müssen die Hersteller auf chemisch hergestellte Zutaten zurückgreifen, oder auf Produkte aus der Fermentation, bei der konventionelle pflanzliche Rohstoffe als Futter für die Mikroorganismen im Fermenter diente. Hinzu kommt, dass chemisch hergestellte Nährstoffe günstiger sind als pflanzliche Bio-Extrakte und sich einfacher dosieren lassen. Auch ist die Umstellung bewährter Rezepturen auf Bio-Zutaten aufwändig.

Richtlinie mit Mindeststandards

Sobald ein Produkt nicht zertifizierbare Zutaten enthält, darf es kein Bio-Logo und auch keine Hinweissternchen auf Zutaten aus Bio-Anbau enthalten. Tauchen im Zutatenverzeichnis Vitamine und Mineralstoffe mit ihrer chemischen Bezeichnung auf wie Ascorbinsäure oder Folsäure, ist das ein Hinweis darauf, dass es sich um zugesetzte Nicht-Bio-Zutaten handelt.

Die Sortimentsrichtlinie von BNN und Naturkost Süd hat für diese Nicht-Bio-NEM Mindeststandards festgelegt, die sie von den Angeboten in Apotheke und Drogeriemarkt absetzt. NEM in den nach der Richtlinie zertifizierten Läden dürfen keine chemisch-synthetischen Süßstoffe, Konservierungs- und Aromastoffe, keine gehärteten Fette und Paraffine und keine gentechnisch veränderten Zutaten enthalten. Die verwendeten Farbstoffe und Antioxidantien müssen auch in der Natur vorkommen. Zutaten durch Bestrahlung keimfrei zu machen, ist verboten.

Rund drei Dutzend Firmen bieten NEM an, die diesen Richtlinien entsprechen. Einige Hersteller bieten ein reines oder sehr weitgehendes Bio-Sortiment. Beispielhaft sind hier die Phyto Vitamins von GSE-Vertrieb. Aber auch die NEMs von Govinda, Hoyer, Raab Vitalfood und Sanatur weisen einen hohen Bio-Anteil auf. Bei anderen Anbietern wie Fitne ist er nicht so klar erkennbar oder wie bei Allcura eher Beiwerk.

Was Kunden wissen wollen

Ist das alles Bio?

Nur bei NEM mit Bio-Logo sind alle Zutaten Bio. Fehlt das Logo, hat der Anbieter entweder synthetisch hergestellte Nährstoffe zugesetzt und/oder einen konventionellen Pflanzenextrakt. Da hier nicht erkennbar ist, ob und welche Zutaten aus Bio-Anbau stammen, hilft nur Nachfragen beim Hersteller.

Helfen die auch?

Klinischen Studien können nicht belegen, dass NEM Beschwerden heilen. Denn in diesem Fall würde das Produkt mit der getesteten Dosis als Arzneimittel eingestuft. Beispiel Glucosamin: Der Gelenkschmierstoff gilt bei einer Tagesdosis von mehr als 1250 Milligramm als Arzneimittel. Nur Präparate mit geringerer Dosis werden als NEM verkauft. Wissenschaftlich belegt ist, dass zahlreiche Nähr- und Vitalstoffe Körperfunktionen unterstützen. Das kommt in den zugelassenen Health Claims zum Ausdruck. Die lauten etwa für Zink und Vitamin C „trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei“. Dazu gehört es, Schnupfenviren in Schach zu halten.

Haben die Nebenwirkungen?

Auf der Verpackung steht die empfohlene Verzehrsmenge mit dem Hinweis, dass diese nicht überschritten werden sollte. Denn bei einigen Stoffen kann das negative Folgen haben. Zuviel Magnesium etwa führt zu Durchfall. Grenzwerte für Vitamine und Spurenelemente gibt es keine, nur Leitlinien, etwa vom Bundesinstitut für Risikobewertung. Grundsätzlich gilt, dass Nebenwirkungen nur in Studien mit isolierten, synthetisch hergestellten Nährstoffen festgestellt wurden.

Ein Mittel für jeden Zweck

Algen

Mikroalgen wie Spirulina, Chlorella oder Afa weisen eine hohe Nährstoffdichte auf. Die Herkunft aus Bio-Aquakulturen sollte Standard sein. Chlorella und Afa liefern das für Veganer interessante Vitamin B12 in Mengen, die mit Health Claim bewerbbar sind.

Komplexmittel

Sie enthalten Wirkstoffe, die auf bestimmte Anwendungsbereiche hin zusammengestellt sind. Diese werden genannt – etwa Frauen, Nerven, Gelenke oder Immunsystem – und bieten so dem Kunden Orientierung. Sind nicht immer als Bio gekennzeichnet.

Pflanzenpulver

Angeboten werden vor allem pulverisierte Bio-Früchte, die reich an Antioxidantien sind und in dieser Form Müslis, Smoothies und anderen Lebensmitteln leicht zugefügt werden können. Beispiele sind Acerolakirsche, Acaibeere, aber auch Broccoli oder Gerstengras.

Pflanzensäfte

Pflanzenfrischsäfte von Aloe bis Zinnkraut sind ein Alleinstellungsmerkmal des Fachhandels. Zu beachten ist, dass viele der Produkte rechtlich als traditionelle Arzneimittel gelten und für den Verkauf ein Sachkundenachweis erforderlich ist.

Einzelstoffe

Zahlreiche Pflanzenextrakte werden als Tabletten oder Kapseln in leicht dosierbarer Form angeboten. Gesundheitliche Wirkungen können nur beworben werden, wenn ein Health Claim vorliegt, etwa für Vitamin C bei Acerola. Bio sollte Standard sein.

Kommentare

Schlagwörter

Das könnte interessant sein ...

Unsere Empfehlung

Ähnliche Beiträge