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Wartungsarbeiten an Pipeline

Wie Bio-Hersteller mit einem möglichen Gasmangel umgehen

Seit heute werden Wartungsarbeiten an der Pipeline Nordstream 1 durchgeführt. Ob die Versorgung mit russischem Gas anschließend wieder hochgefahren wird, ist ungewiss. Einem möglichen Gasnotstand stehen Bio-Hersteller unterschiedlich gegenüber.

Egal ob Bäckereibetrieb, Getreideverarbeiter, Aufstrichhersteller, Teeproduzent, oder Fleischverarbeiter: Die Naturkosthersteller wären von einem möglichen Gasnotstand in Deutschland ganz unterschiedlich betroffen.

„In der Produktion sind wir kaum vom Gas abhängig. Der Bedarf liegt bei deutlich unter zehn Prozent", teilt ein Hersteller auf BioHandel-Anfrage mit. Ganz anders ist die Lage bei einem weiteren Naturkostproduzenten: „Neben Strom benötigen wir in der Produktion große Wärmemengen, welche in unserem Fall mit Erdgas erzeugt werden. Aus diesem Grund verfolgen wir die aktuelle Lage beim Erdgas sehr genau. Das Thema hat derzeit eine hohe Priorität; sowohl auf der Geschäftsführungsebene als auch auf der Seite der Gesellschafter“, teilte der Hersteller, der ebenfalls anonym bleiben möchte, mit.

Seit diesem Montag, dem 11. Juli, steht die Gasversorgung über die Pipeline Nordstream 1 wegen angekündigter Wartungsarbeiten still. Zehn Tage soll die Überprüfung andauern. Russland führt solche Arbeiten regelmäßig durch. Doch dieses Mal kommen sie in einer angespannten Lage.

Schon vor dem Beginn der Wartung flossen nur noch etwa 40 Prozent der vereinbarten Gasmenge durch die Leitungen von Nordstream 1 nach Deutschland. Ob diese nach dem 21. Juli wieder geöffnet werden, ist unklar. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hatte im Vorfeld wiederholt geäußert, dass er über dieses Datum hinaus einen Lieferstopp durch Russland, das aufgrund seines Angriffs auf die Ukraine mit massiven wirtschaftlichen Sanktionen zu kämpfen hat, keinesfalls ausschließe.

Deutschland hat nach Kriegsbeginn zwar damit begonnen, sich durch alternative Gas-Importe aus anderen Ländern unabhängiger von der Versorgung aus Russland zu machen. Sollte dort jedoch der Gashahn dauerhaft zu bleiben, könnte das der Bundesnetzagentur zufolge im Winter unter Umständen zu einem Gasmangel in Deutschland führen. Und darunter könnten auch Teile der Lebensmittelbranche leiden.

„In kritischen Bereichen wie Teilen der Lebensmittel- und Pharmabranche müssen wir sehr vorsichtig sein. Dagegen wären Produkte und Angebote, die in den Freizeit- und Wohlfühlbereich fallen, eher nachrangig. Schwimmbäder gehören wohl nicht zum kritischen Bereich, genauso wie die Produktion von Schokoladenkeksen“, sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Die Maßnahmen der Naturkosthersteller bei einem Gasengpass sehen unterschiedlich aus: Da gibt es diejenigen, die bereits damit begonnen haben, sich unabhängiger von Erdgas zu machen: „Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, sind wir dabei, unsere Versorgung zweigleisig aufzustellen und schaffen die Option, den Brenner/Kessel zeitweise oder im schlimmsten Fall auch längerfristig mit Öl zu betreiben“, teilte ein Produzent mit. Außerdem habe man gerade erst einen neuen Backofen angeschafft, der mit Elektroenergie laufe. „Dafür werden wir einen alten, der mit Gas betrieben wurde, außer Betrieb nehmen.“

Ein anderer Hersteller versucht, falls nötig, Energie für die Produktion einzusparen: „Falls es zu einem Lieferengpass kommen sollte, haben wir geplant, zunächst die Raumheizungen auszuschalten, in dem die gesonderte Heizdampfversorgungsleitung verschlossen wird.“ Ein anderes Naturkostunternehmen wiederum will bei Gasknappheit nur noch die wichtigsten Produkte herstellen.

Andere Unternehmen, die nicht so schnell vom Gas wegkommen, hoffen derweil auf die Politik. Die Möglichkeit seiner Maßnahmen sei begrenzt, berichtet ein Hersteller, der Gas-intensiv produziert. „Insofern ist unser wichtigstes Instrument das Werben für unsere Interessen auf den unterschiedlichen politischen Ebenen.“

Wie genau eine mögliche staatliche Gaszuteilung im Ernstfall aussehen wird, ist unklar. In einem Schreiben an die Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AÖL) von Anfang Juni teilte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) mit, „keine abstrakte Priorisierungsreihenfolge in Bezug auf einzelne Verbraucher oder Branchen“ vorzubereiten. „Die in einer Gasmangellage zu treffenden Entscheidungen sind immer Einzelfallentscheidungen“, da diese von vielen verschiedenen Parametern abhingen wie etwa Gasspeicherfüllmenge, Witterungsbedingungen oder europäische Bedarfe“, so das BMEL.

Die AÖL hatte zuvor in einem Schreiben an das BMEL auf die „Dringlichkeit der Versorgung der Lebensmittelunternehmen mit ausreichend Gas“ hingewiesen. „Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln muss unbedingt sichergestellt werden. Wir bitten daher die Bundesregierung und Bundesnetzagentur darum, an der Priorisierung der Lebensmittelwirtschaft bei der Gasversorgung festzuhalten und die Ernährungsindustrie weiterhin als wichtig für die allgemeine Versorgung einzustufen“, so der Bio-Hersteller-Verbund.

Doch selbst wenn die Lebensmittelhersteller zur sogenannten „Kritischen Infrastruktur“ gezählt und damit bei der Gaszuteilung priorisiert behandelt werden, bleibt ein weiteres Problem: Was ist mit den Zulieferbetrieben der Bio-Hersteller? „Schon das Fehlen eines Teiles kann dazu führen, dass wir Produkte nicht mehr herstellen können“, teilte ein Produzent mit. „Beispiel Alu-Clips zum Verschließen der Wurst, Etiketten, ein undichtes Dampf-Sicherheits-Ventil … Ich könnte hier tausende Teile aufführen, wenn diese nicht mehr kurzfristig beschaffbar sind, dann stellen wir die Produktion ein.“

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