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Betrug mit Bio-Baumwolle

Wenn das Bio-T-Shirt nicht so bio ist, wie man glaubt

Weltweit kommen weit mehr Textilien aus Bio-Baumwolle auf den Markt als Bio-Baumwolle wächst. Die Branche diskutiert das Dilemma intensiv – und hofft, dass die Maßnahmen der großen Standardorganisationen greifen. Im Mittelpunkt der Debatte steht Indien.

Im Februar 2022 erschien in der „New York Times“ ein Artikel über das große Wachstum von Bio-Textilien. Die Botschaft: „Dein Bio-T-Shirt ist nicht so bio wie Du glaubst“. Die Zeitung zitierte Crispin Argento, einen ausgewiesenen Bio-Baumwoll-Experten, mit der Schätzung, das 50 bis 80 Prozent der Bio-Baumwolle aus Indien nicht echt sei.

Weitere anonyme Quellen aus der Branche bestätigten der „New York Times“, dass Betrug bei Bio-Baumwolle in Indien weit verbreitet sei. Im April erschien im Fachblatt „Ecotextile“ dann eine umfassende Analyse des Baumwoll-Experten Simon Ferrigno mit klarer Ansage: „Die Integrität von Bio-Baumwolle ist in Gefahr“.

Stark wachsender Markt

Auf dem internationalen Markt für Öko-Textilien gibt es zwei private Standardorganisationen, die die textile Kette von der Rohfaser bis zum T-Shirt im Regal im Blick haben: Globale Organic Textile Standard (GOTS) und die US-Organisation Textile Exchange (TE) mit ihrem Organic Content Standard (OCS).

Die Zahl der zertifizierten Unternehmen hat sich von 2018 bis 2021 bei GOTS mehr als verdoppelt und bei TE nahezu verdreifacht. Dies zeigt, dass der Markt für Öko-Textilien sehr schnell gewachsen ist – und damit auch die Nachfrage nach Bio-Baumwolle. Die kam 2020 zur Hälfte aus Indien.

Bis 2020 verließen sich GOTS und TE weitgehend auf die Bio-Zertifikate der Baumwolle, die in den Entkörnungsmühlen, den Ginning Mills, angeliefert wurde. Im Oktober 2020 teilte GOTS mit, dass man einen groß angelegten Betrug mit Bio-Baumwolle in Indien aufgedeckt habe. 20.000 Tonnen waren betroffen, etwa ein Sechstel der offiziellen Ernte. Daraufhin verschärften GOTS und TE ihre Standards. So verlangt GOTS seitdem in der Entkörnung Tests auf gentechnische Verunreinigungen, denn 95 Prozent der Baumwolle in Indien ist gentechnisch verändert. Auch die indische Bio-Behörde APEDA achtete verstärkt auf Betrug – und wurde erneut fündig.

Betrug im großen Stil

Im Januar 2022 berichtete die indische Tageszeitung „The Hindu“, dass im indischen Verzeichnis der Bio-Erzeugergemeinschaften mehrere fiktive Gruppen von Bio-Baumwollerzeugern aufgeführt seien. Im August entzog laut „The Hindu“ APEDA drei heimischen Kontrollstellen die Lizenz, weil sie Bio-Baumwolle zertifiziert hatten, die es gar nicht gab. „Diese Firmen hatten weder Personal noch Infrastruktur für die Durchführung von Inspektionen“, berichtete die Zeitung. Von ihnen zertifizierte Erzeuger hätten gar nicht gewusst, dass sie Bio-Bauern seien und deshalb Pestizide eingesetzt.

Eine der Kontrollstellen namens Bhummatha Organic Certification Bureau (BOCB) hatte 900 Transaktionszertifikate für Bio-Baumwolllieferungen ausgestellt, konnte aber nur für 50 überhaupt Unterlagen vorlegen. Laut Bericht wechselten fiktive Bio-Erzeugergemeinschaften von der im Januar 2022 suspendierten Kontrollstelle TQ Cert einfach zu BOCB. Dadurch stieg deren zertifizierte Anbaufläche für Bio-Baumwolle laut The Hindu von 15 Hektar auf 283.000 Hektar.

Der Marktreport von TE gibt für das Wirtschaftsjahr 2020/2021 die gesamte indische Anbaufläche für Bio-Baumwolle inklusive Umstellern mit 500.000 Hektar an. Das macht die Dimension des Betrugs nur einer Kontrollstelle deutlich. BOCB wurde die Lizenz entzogen. In einem anderen Fall musste die Kontrollstelle Fair Cert Zertifikate für eine Lieferung von 16.100 Tonnen Bio-Baumwolle nach Bangladesh widerrufen. Sie wurde für sechs Monate suspendiert.

„In den meisten Lieferketten gibt es mehrere Kontrollstellen, die jeweils unterschiedliche Rückverfolgbarkeitssysteme haben. Es gibt keine durchgängige Rückverfolgung.“

Baumwoll-Experte Simon Ferrigno

Wenn die ADEPA Kontrollstellen schließt und Hunderte von Zertifikaten damit ungültig werden, müssten eigentlich als Folge auch die inzwischen aus dieser Fake-Baumwolle hergestellten Bio-Textilien ihr Logo verlieren. Doch bei der Rückverfolgbarkeit hapert es. „In den meisten Lieferketten gibt es mehrere Kontrollstellen, die jeweils unterschiedliche Rückverfolgbarkeitssysteme haben. Es gibt keine durchgängige Rückverfolgung“, schreibt Simon Ferrigno in seiner Analyse.

TE will 2023 ein elektronisches Trackingsystem einführen und alle Kontrollstellen einbinden, die für TE zertifizieren. Bei GOTS heißt es, man entwickle „derzeit eine zentrale Datenbank, die nicht nur die Herkunft von Bio-Baumwolle, sondern auch von anderen ökologischen Materialien erfasst“. Sie soll die gesamte GOTS-Kontrollkette, von den ersten Verarbeitungsschritten bis hin zu den Endprodukten abdecken.

Um die Schnittstelle zwischen Bauern und Entkörnung besser in den Griff zu bekommen, will GOTS ein verpflichtendes Register für alle Betriebe einführen, die Baumwolle an GOTS-zertifizierte Entkörnungsanlagen liefern. Diese dürfen Bio-Baumwolle nur noch im Umkreis von 500 Kilometern aufkaufen und müssen mit verstärkten Kontrollen rechnen.

Simon Ferrigno wertet diese Schritte als positiv, aber auch als längst überfällig. Allerdings mahnt er an, dass die ganzen Daten standardübergreifend offengelegt werden müssten. Ohne eine weitaus stärkere Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren werde das restliche Vertrauen des Marktes in Bio-Baumwolle zerbröseln.

Die Pioniere bleiben gelassen

Schon bevor sich vor 20 Jahren GOTS gründete, gab es den Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft, IVN. Dessen Geschäftsstellenleiterin Heike Hess sieht die IVN-Mitglieder was Fake-Baumwolle angeht nicht wirklich betroffen. Die Baumwolle würden sie zumeist aus Afrika oder der Türkei beziehen.

Eine Gentechnik-Kontrolle bei der Entkörnung sei schon lange Pflicht, so Hess und auch verlangt worden, wenn ein Hersteller GOTS-Baumwolle einsetzen wollte. Zudem würden die Mitgliedsunternehmen „überwiegend mit langjährigen Partnern und Projekten zusammenarbeiten, die sehr transparent sind“. Ein gewisses Risiko seien Lieferengpässe, die Unternehmen dazu zwingen könnten, auf andere Quellen zurückzugreifen.

Ulrich Küppers ist Abteilungsleiter Produkt bei Living Crafts. Das Unternehmen gehört zur Dennree-Gruppe und vertreibt seit 35 Jahren Öko-Textilien. Die Betrugsgeschichten wundern ihn nicht: „Die Nachfrage für Bio-Baumwolle war unglaublich hoch, vor allem von Betrieben, die GOTS wollten, aber nicht bereit waren, an ihren Eckpreisen groß etwas zu ändern“. Da werde der ein oder andere Lieferant eben kreativ.

„Ich frage mich bei so manchen Angeboten, wo diese Baumwolle wohl gewachsen ist“, so Küppers. 95 Prozent der GOTS-Baumwollprodukte beziehe Living Crafts von einem Partner in Indien, „mit dem wir seit langen zusammenarbeiten und der so tickt wie wir.“ Das Unternehmen habe eigene Baumwollanbauer. „Wir setzen auf solche vertikal aufgestellten Unternehmen, aber die sind selten.“

Gentechnisch veränderte Baumwolle

Zur Partnerschaft gehört für Küppers auch ein fairer Preis: „Wir akzeptieren die Preise, die unsere Lieferanten vorgeben und feilschen da nicht lange rum“. Drei bis vier Mal im Jahr sei er in Indien, meist zur Ernte auch auf den Feldern, wo er mit Bauern und Landarbeitern rede.

Stichproben der Textilien aus Indien lässt Küppers beim Institut Hohenstein auf gentechnisch veränderte Baumwolle untersuchen. Hohenstein ist eines von wenigen Laboren weltweit, die solche Untersuchungen nach internationalen Standards durchführen. Die Nachfrage nach solchen Analysen steige seit zwei Jahren kontinuierlich an, sagt Unternehmenssprecherin Alina Bartels.

In einer eigens von Hohenstein durchgeführten Marktstudie seien 17 Prozent der untersuchten als „Bio“ gekennzeichneten Produkte positiv auf gentechnisch veränderte Baumwolle getestet worden. Das zeigt, dass das Problem auch in deutschen Kleiderschränken angekommen ist.

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