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Weiling stellt kleinen Läden Ultimatum

Der Großhändler hat Bioläden aufgefordert, sich wöchentlich zu einem Mindestbestellwert beliefern zu lassen. Kleine Läden, die weiterhin in größeren Abständen Waren ordern wollten, wurden aus dem Kundenkreis ausgeschlossen.

Für den Bioladen Naturkost Lindenhof in Bad Lippspringe gab es im Sommer eine böse Überraschung: Ohne vorherige Ankündigung erhielt Inhaberin Anne Bee-Kößmeier folgende Mitteilung des Großhändlers Weiling per E-Mail: „Aufgrund der hohen Logistikkosten müssen wir unsere Auslieferungen optimieren. Sollten Sie nicht einmal pro Woche, an einem festen Liefertag, bei uns für mindestens 750 Euro Nettolieferwert bestellen können, müssen wir die Zusammenarbeit leider ab sofort einstellen.“

Persönliche Gespräche im Vorfeld über die Änderung der Geschäftsbedingungen habe es nicht gegeben, beklagt sich die Ladnerin, die bislang nur einmal monatlich Waren bei Weiling bestellt hatte und dies auch beibehalten wollte. Nach rund 30 Jahren treuer Kundschaft sei das „ein Schlag ins Gesicht“ gewesen. Ein Anruf beim Großhändler änderte an der Entscheidung nichts: Sie sei raus, habe der Außendienst ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben und auf eine lange Liste weiterer betroffener Läden verwiesen, die noch zu bearbeiten sei.

Für Anne Bee-Kößmeier, die neben einem Hauptgroßhändler weitere Lieferanten für das individuelle Warenangebot hat, geht dadurch ein positives Branchenbild verloren: „Die Bio-Szene war in den Gründerjahren der frühen 80er-Jahre geprägt durch Kommunikation und gegenseitiger Unterstützung. Wir waren aufeinander angewiesen und hatten ein gemeinsames Ziel. Biobauern, Bäckereien, Mühlen, Molkereien, Gemüsebauern und natürlich auch die Großhändler zogen an einem Strang. Nur gemeinsam und mit gegenseitiger Wertschätzung konnte ein Netzwerk aufgebaut werden. Nun entsteht der Eindruck, dass die Aufbruchstimmung dem Umsatz- und Profitdenken gewichen ist.“

Die Ladnerin zeigt zwar Verständnis für mögliche wirtschaftliche Zwänge, die sich neben den umfangreichen Listungen von Bio-Produkten in Supermärkten und Handelsketten auch durch den Krieg in der Ukraine, die Energiekrise und die hohe Inflation verschärfen und auch die Umsätze der Bio-Großhändler schrumpfen ließe. Sie sagt aber mit Blick auf ihre 40-jährige Arbeit im Bio-Bereich, in der sie so manche Entwicklung und Veränderung mitgemacht habe, auch: „Solch eine negative Erfahrung ist bisher nicht vorgekommen“.

Für gekündigte Kunden gibt es Alternativen

Unter dem Aspekt „hoher Logistikkosten“ befremdet Weilings Wechsel von einem monatlichen zu einem wöchentlichen Lieferrhythmus zunächst. Aber das häufigere Anfahren der Läden rechnet sich für den Großhändler offenbar durch den Mindestbestellwert, der kleine Läden jedoch offenbar überfordern kann.

BioHandel hat bei der Firma Weiling angefragt, was die genauen Gründe für die geänderten Lieferbedingungen sind und warum die Läden vor vollendete Tatsachen gesetzt wurden. Auf mehrere detaillierte Fragen hierzu gab es die folgende Antwort:

„Weiling ist an erster Stelle Frische-Großhändler mit einem hohen Anteil an Obst & Gemüse, Käse, Fleisch und Wurst sowie Molkerei-Produkten. Diese Sortimente und ebenso die Trockenprodukte liefern wir täglich oder wöchentlich in unterschiedlichen Rhythmen je nach Kundenbedarf – logistisch und wirtschaftlich sinnvoll – aus. Damit ist und bleibt Weiling der Bio-Großhändler für die unterschiedlichsten Bedürfnisse des Bio-Fachhandels und dies nach wie vor für inhabergeführte Bioläden, Bio-Lieferdienste, Bio-Marktstände und Bio-Küchen.“

Aus dieser wenig konkreten Antwort lässt sich nur schließen, dass bei „logistisch und wirtschaftlich sinnvollem“ Handeln offenbar nicht mehr für alle Kunden Platz ist. Offen blieb auch, wo Weiling plötzlich Kosten entstanden sind, die es erforderlich machen, sich ohne Ankündigung von Kunden zu trennen.

Für die betroffenen Kunden gibt es jedoch Alternativen: Auf der BioNord erregte Jonathan Mesecke, Geschäftsführer des Naturkostgroßhändlers Elkershausen, mit seiner Aussage über zahlreiche Neukunden Aufsehen. Neue Kunden in Krisenzeiten? BioHandel fragte nach, ob auch ehemalige Weiling-Kunden darunter sind. „Das ist nicht der einzige Grund, aber das spielt natürlich mit rein“, sagte Mesecke. „Dazu kommt die Insolvenz von Biuno und damit haben wir des Rätsels Lösung zu 90 Prozent. Tatsächlich haben wir auch ein paar Neueröffnungen und viele Gastronomen, die ihre Affinität zu Bio entdecken.“

Anm. d. Red.: Bei der redaktionellen Arbeit ist uns ein Fehler unterlaufen. Weiling ist nicht Hauptlieferant, vielmehr muss es heißen: „Für Anne Bee-Kößmeier, die neben einem Hauptgroßhändler weitere Lieferanten für das individuelle Warenangebot hat, geht dadurch ein positives Branchenbild verloren:“

Wir haben das inzwischen im Text korrigiert.

Weil die meisten Kommentare auf Weiling als Hauptlieferant fußen, sind diese jetzt vielleicht anders einzuordnen.

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Kommentare

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Horst Fiedler

Auch wenn Weiling nur Zweitlieferant ist: Sollten kleine Läden nicht auch die Möglichkeit haben, „Rosinen-Picking“ zu betreiben wie die großen? Malte lässt sich laut BioMare-Web-Seite von Weiling mit überregionalen Bio-Produkten beliefern, von Naturkost Erfurt und regionalen Erzeugern mit weiteren Waren. Von Coesfeld oder Lonsee aus fährt Weiling jeweils etwa 500 Kilometer zu BioMare nach Leipzig. Würde Malte die überregionalen Waren bei Dennree in Töpen bestellen, wäre nur eine Strecke von 150 Kilometern zurückzulegen. Das wäre doch zumindest gut, um einen „miserablen ökologischen Fußabdruck“ zu vermeiden. Und vermutlich auch billiger.

Um den Bioladen Lindenhof in Bad Lippspringe zu beliefern, muss Weiling einen vermeintlichen Umweg von etwa 18 Kilometern fahren (der nächste größere Kunde ist in Paderborn) – einmal im Monat. Vielleicht hätte man sich auf Paketzusendung einigen können, wenn das Auftragsvolumen zu klein gewesen sein sollte. Eine konstruktive Kommunikation fand aber nicht statt.
Ob Logistik-Kosten tatsächlich eine Rolle spielen, ist zumindest zu bezweifeln. Denn Weiling hat seine Lkw-Flotte auf Bio-CNG umgestellt und profitiert damit von stabilen Preisen.

Zwar stand eine Preiserhöhung um 50 Prozent durch die geplante Gasumlage im Raum (deshalb wohl auch die hektische Kündigung kleiner Kunden im Sommer), aber bekanntlich wurde diese Umlage gekippt, so dass jetzt praktisch genauso günstig getankt werden kann wie noch Anfang des Jahres. Also könnte der Großhändler eigentlich alle aussortierten Kunden weiterbeliefern, wie den Lindenhof seit 30 Jahren. Wenn die Bundesregierung die Mehrwertsteuer auf Gas von 19 auf sieben Prozent senkt (wird gerade geprüft), wäre die Belieferung fast schon lukrativ. Also spielen wohl eher wegbrechende Umsätze in Läden eine Rolle bei der Bereinigung der Kundenkartei.

Bei den Kommentaren auf dieser Seite kann man den Eindruck gewinnen, dass der Ausschluss von Läden mit kleinen Bestellmengen die Logistikkostenprobleme der Naturkostbranche lösen könnte. Ursache ist vielmehr das Unvermögen der Branche, in der Logistik zusammenzuarbeiten. Seit Jahren steht diese Forderung im Raum und erweist sich in der jetzigen Krise, in der Kunden wegen geringerer Kaufkraft wegbleiben oder den LEH als Bio-Versorger wählen, als größtes Versäumnis. Wenn über 20 Großhändler mit teilweise gleichen Kunden in der Regel einzeln die jeweiligen Läden anfahren, über Hunderte Kilometer hinweg, dann kann die Rechnung nicht aufgehen. (Der Verfasser dieses Kommentars ist Autor des Artikels. Anm. d. Red.)

muehlexanten

Oh, das ist wohl Weiling-Stil! Wir waren jahrelang bei Weiling, dann kam auf einmal keine Lieferung mehr: also Bestellung (regelmäßig 2mal pro Woche) abgeschickt, keine Lieferung, keine Antwort, warten...nachfragen... warten und dann die Meldung: weil wir nicht nur zertifizierte Ware haben (auch regional vieles von Honig bis Privatgärten-Krams), passen wir nicht ins System. Das Problem der Logistik-Kosten ist nicht zu verleugnen, immer Verständnis. Aber die Art...

Thomas Wolff

Dem Fazit aus Malte Reupert´s Kommentar schließe ich mich an. Zudem verwundert mich die Berichterstattung vom BioVerlag. Ihr seid doch lange genug im Thema drin und solltet wissen, dass gerade ein Naturkost-Großhändler namens Weiling kein Player ohne Kommunikation und Ausrichtung zum Laden ist. Die Mindestbestellgrenze von 750€ ist doch auch kein Einzelfall. Die wirtschaftlich für uns alle angespannten Zeiten zwingen uns mehr denn je zum nachhaltigen Agieren, d.h. in diesem Fall Transporte bündeln und damit ökonomisch wie ökologisch unterwegs zu sein. Das ist bei aller Dramatik der Lage ein positiver Effekt. Neue Zeiten, neue Konzepte - die Transformation läuft auf vielen Ebenen und wir alle müssen uns neuen Herausforderungen stellen. Da hilft alles Klagen nichts. Ich wünsche dem Bioladen Lindenhof alles Gute und denke sie wird eine für sich geeignete Lösung finden.

wer wöchentlich keine 750 Euro Warenwert bestellen kann, bestellt entweder für den privaten Bedarf oder hat als kleiner Laden zu viele Lieferanten und das ist für alle wirtschaftlich ungünstig

Björn Tkocz

Die vorhandene Frische würde mich demnach auch einmal interessieren....

Malte Reupert

Die Überschrift ist schon sehr irreführend! Jeder noch so kleine Laden hat ein wöchentliches Einkaufsvolumen eines Mehrfachen der geforderten Liefer-Schwelle von wöchentlich 750€. Es kann also gar nicht um das Ausgrenzen von kleinen Läden gehen. Das Problem haben Händler mit Rosinenpicker-Mentalität: wer sich bei vielen Lieferanten jeweils nur die wenigen Rosinen herauspicken möchte, erzeugt nicht nur bei der vorgelagerten Wertschöpfungsstufe sehr hohe Kosten, sondern auch einen miserablen ökologischen Fussabdruck, der den Bioladen dann schon an den Rand zu schlechteren Alternative bringen kann. Besonders, wenn die KundInnen dann noch zum Großteil mit dem Auto angefahren kommen....
Der ganze Zusammenhang in einem Satz gefasst: Wer gute Partner möchte, muss sich auch selbst als guter Partner verhalten.

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