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Fleischatlas 2021

Was Covid-19 mit dem Fleischkonsum zu tun hat

Die Forderung nach mehr Qualität und weniger Masse in der Fleischproduktion ist ungehört verhallt. Vielmehr hat sich der weltweite Fleischkonsum in den vergangenen 20 Jahren laut Fleischatlas verdoppelt und viele Krankheiten hervorgebracht.

27.01.2021 vonHorst Fiedler

Fleischregal in einem Supermarkt: NGOs und Wissenschaftler raten zu mehr Verzicht bei tierischen Produkten.

Die Forderung nach mehr Qualität und weniger Masse in der Fleischproduktion ist ungehört verhallt. Vielmehr hat sich der weltweite Fleischkonsum in den vergangenen 20 Jahren laut Fleischatlas verdoppelt und viele Krankheiten hervorgebracht.

„Viehzucht und Fleischverzehr sind Ursachen für den Ausbruch von Krankheiten, die von Wildtieren auf Menschen übergehen. Solche Zoonosen können katastrophal sein – wie im Fall von Covid-19“, heißt es im Fleischatlas 2021, der von der Heinrich Böll Stiftung herausgegeben wird. Und weiter: „Die internationale Organisation für Tiergesundheit (OIE) schätzt, dass 60 Prozent aller beim Menschen existierenden Infektionskrankheiten Zoonosen sind, also Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden und umgekehrt. Sie verursachen etwa 2,5 Milliarden Krankheitsfälle bei Menschen – von der Malaria- bis zur Covid-19-Infektion – und 2,7 Millionen Todesfälle jedes Jahr.“

Da immer mehr Flächen für die landwirtschaftliche Produktion genutzt und so die Lebensräume von Wildtieren zerstört würden, überschneiden sich die Lebensräume von Wildtieren und Menschen zunehmend, heißt im Fleischatlas weiter. So steige die Gefahr, sich bei infizierten Tieren anzustecken. Auch Zwischenwirte wie Zecken oder Mücken spielten eine Rolle. „Der Anteil von Zoonosen an menschlichen Krankheiten wird sich mit steigender Weltbevölkerung und veränderten Konsummustern hin zu mehr Fleisch noch erhöhen, wenn nicht politisch umgesteuert wird.“ Laut den Autoren hat sich der weltweite Fleischkonsum in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt.

Umdenken in Deutschland

Von einem politischen Umsteuern kann in Deutschland bislang keine Rede sein. Allerdings gibt es vor allem bei den jungen Menschen ein verändertes Essverhalten verglichen mit älteren Generationen. Für den Fleischatlas wurden 1.200 Menschen hierzu befragt. Ein Ergebnis: „Im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung ernähren sich doppelt so viele 15- bis 29-Jährige vegetarisch oder vegan. Für viele junge Erwachsene ist der Verzicht auf Fleisch ein politisches Statement.“ Zur Verringerung des Fleischkonsums trage auch der Anteil der Flexitarier und Flexitarierinnen bei, der bei den jungen Menschen rund 25 Prozent betrage.

Mit der Abkehr von Fleisch aus Tier- oder Klimaschutzgründen geht den Autoren des Fleischatlas zufolge ein hohes Wachstum von Fleischalternativen einher: „Fachleute sehen in den kommenden Jahren bei den pflanzenbasierten Alternativen weltweit eine jährliche Wachstumsrate von 20 bis 30 Prozent.“ 2017 habe der weltweite Absatzmarkt bereits 4,6 Milliarden US-Dollar betragen. Dies sei im Vergleich zu der rund eine Billion Dollar des globalen Fleischmarktes noch immer gering, auch wenn dieser weitaus weniger stark wachse und in einigen Ländern stagniere.

Zu den Alternativen gehört auch das sogenannte In-vitro-Fleisch: Ende 2019 seien bereits 55 Unternehmen damit befasst gewesen, im Labor künstlich erzeugte Fleischprodukte aus tierischen Stammzellen zu gewinnen. 20 von ihnen seien Neugründungen aus dem Jahr 2019. Der Fleischatlas gibt auch einen Überblick über die Aktivitäten von Konzernen in diesem Bereich.

Massive Verhaltensänderungen erforderlich

Der gesellschaftliche Wunsch nach einer klima- und umweltfreundlichen sowie artgerechten Tierhaltung erfordere eine weitreichende politische Neuausrichtung der Agrarpolitik, heißt es in dem Bericht. Die derzeitigen niedrigen Preise machten es den Bäuerinnen und Bauern schwer, auf die gestiegenen nationalen Anforderungen nach mehr Umweltschutz und mehr Tierwohl zu reagieren. Der Umbau müsse sowohl beim Konsum als auch bei der Produktion ansetzen und bedürfe einer umfassenden politischen Strategie.

„Als wichtigste Maßnahme schlagen Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaft vor, den Konsum tierischer Produkte bis 2050 zu halbieren“, so die Autoren. „Würde der Fleischverbrauch von etwa 1,1 Kilogramm auf 600 Gramm pro Woche reduziert, könnten die Schweine- und Mastgeflügelbestände um mehr als 40 Prozent verringert werden.“ Allerdings müssten solche Verhaltensänderungen in der Bevölkerung wohl gezielt gesteuert werden.

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