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Klimabilanz

Vorbild „Landwege“ – die Wirtschaftsweise der Genossenschaft könnte die Erderwärmung senken

Die Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft macht offenbar vieles richtig, wenn es um klimafreundliches Wirtschaften geht. Ein Blick in die Bio-Branche zeigt: Landwege ist damit nicht allein.

Würden alle Unternehmen auf der Welt so wirtschaften wie die Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft Landwege, die globale Erwärmung läge unter dem Klimaziel von Paris. Das ist das Ergebnis einer True Cost-Analyse, die Tobias Bandel, Gründer des Beratungsunternehmens „Soil & More Impacts“ für den Bio-Nahversorger aus Lübeck durchgeführt hat.

Der Klimaeinfluss der bio-regionalen Kreislaufwirtschaft von Landwege liegt der Erhebung zufolge bei 1,3 Grad Celsius – „ganz ohne Kompensation“, wie Vorständin Tina Andres bei der Präsentation der Bilanz betonte. Die Berechnungsgrundlage bildet laut Angaben von Landwege der sogenannte „XCD Climate Impact Report“ von „Right. Based on Science“, einem Start-up, das den Beitrag von Unternehmen zur menschengemachten Klimaerwärmung ermittelt. Berücksichtigt werden dabei im Wesentlichen drei Punkte:

  • wie viele Emissionen ein Unternehmen benötigt, um eine Millionen Euro Bruttowertschöpfung zu generieren,
  • welche Menge an Emissionen in die Atmosphäre gelangen würden, wenn die ganze Welt so wirtschaften würde wie das betrachtete Unternehmen,
  • und welcher Grad an Erderwärmung dann bis 2050 zu erwarten wäre.

2015 hatten sich auf der Klimakonferenz in der französischen Hauptstadt alle Staaten darauf geeinigt, die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius und idealerweise auf 1,5 Grad zu begrenzen. Landwege bleibt 0,2 Grad unter dem Ideal – zumindest was den Bereich angeht, den die Genossenschaft selbst beeinflussen kann. Zum Beispiel wenn es um Kartoffeln geht, die auf einem Mitgliedshof angebaut werden, und in den fünf Filialen oder über den Lieferservice verkauft werden.

Landwege-Höfe binden mehr CO2 als sie ausstoßen

Beim True Cost Accounting, dem Ermitteln der wahren Preise, wird unter anderem darauf geschaut, wie sich die angewandte landwirtschaftliche Praxis auf Boden, Klima und Wasser auswirkt. Die zehn exemplarisch analysierten Höfe schneiden beim Ackerbau und Futtermittelanbau im Durchschnitt klimapositiv ab – binden also mehr CO2 als sie ausstoßen. Insgesamt zählt die Genossenschaft 30 Mitgliedshöfe. Alle betreiben Bio-Landwirtschaft und liegen in durchschnittlich 30 Kilometern um Lübeck.

Um den CO2-Einfluss zu ermitteln, wurden bei den zehn betrachteten Höfen die Treibhausgasemissionen mit der Kohlenstoffspeicherung im Boden ins Verhältnis gesetzt, erläutert Bandel. Pro Hektar Kartoffelanbau, der auf diese Weise auf den Landwege-Höfen betrieben wird, fallen für die Gesellschaft 31,39 Euro an Kosten an, hat Bandel ausgerechnet. Für dasselbe Hektar „Durchschnitts-Bio-Kartoffeln“ veranschlagt er 149 Euro und für ein Hektar konventionelle Kartoffeln 549 Euro. „Bei Landwege wird nicht nur der EU-Bio-Standard mit geringstem Aufwand eingehalten, sondern noch darüber hinausgegangen“, so Bandel.

Zwar nehme die Arbeit auf den Höfen den größten positiven Einfluss auf die Klimabilanz der Genossenschaft. CO2-neutrale Energiequellen und konsequentes Stromsparen würden aber ebenfalls erheblich dazu beitragen, die CO2-Emissionen zu senken, teilt eine Landwege-Sprecherin mit. „Das Ergebnis ist, dass uns auffallend geringe Emissionen durch Stromverbrauch attestiert wurden.“

Optimierungspotenzial sieht Landwege bei der Anlieferung von den Höfen und bei der Mitarbeiteranreise mit dem PKW. Darauf Einfluss nehmen kann die Genossenschaft nur bedingt, versucht aber zu verbessern, wo es geht: etwa durch das Zusammenlegen von Routen nicht weit voneinander entfernter Höfe oder durch finanzielle Anreize wie dem Jobrad für Mitarbeiter, so die Sprecherin.

Regionalität verbessert die Bilanz

Rechnet Landwege die vor- und nachgelagerten Lieferketten mit ein, kommt das Unternehmen beim Klimaeinfluss auf einen Wert von 1,9 Grad Celsius. Das ist etwa dann der Fall, wenn Waren anderer Bio-Hersteller über Großhändler in die Landwege-Märkte kommen. Kurze Wege und Klimafreundlichkeit sollen bei der Wahl der Zulieferer deshalb künftig noch wichtiger werden, teilt Landwege mit. „Wir optimieren unser Einkaufsverhalten auf Basis der Erkenntnisse in Richtung Regionalität.“

Den allgemeinen Klimaeinfluss des Wirtschaftsbereichs „Einzelhandels mit Waren verschiedener Art, Hauptrichtung Nahrungs- und Genussmittel, Getränke und Tabakwaren“ beziffern Fachleute von right.based on sciene in der Landwege-Klimabilanz auf durchschnittlich 2,4 Grad Celsius – ein Wert, der auf Basis von 239 Unternehmen weltweit ermittelt wurde. „Andere Betriebe können an uns erkennen, dass es sich lohnt, permanent an den einzelnen Stellschrauben entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu arbeiten“, teilt Landwege mit. „Was es jetzt braucht, sind politische Anreize, um ein Wirtschaften, wie wir es tun, auch wirtschaftlich attraktiver zu machen“, fordert Andres.

Auch andere Bio-Unternehmen sparen CO2

Landwege zeige, „je integrierter und vernetzter solche Projekte laufen, desto besser. Die Ökologisierung der Lebensmittelwirtschaft braucht einen integrativen Ansatz über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg – vom Acker bis zum Teller“, sagte BNN-Geschäftsführerin Kathrin Jäckel bei den Öko-Marketingtagen. Viele Mitgliedsunternehmen des BNN bilanzieren ihr zufolge seit Jahren ihren Einfluss auf das Klima. „Viele von ihnen wirtschaften bereits klimaneutral und sogar auch klimapositiv.“

Jan-Peter Bauck erläuterte bei der Tagung, zu der die Akademie Schloss Kirchberg am Mittwoch und Donnerstag eingeladen hatte, wie seine Mühle eine klimaneutrale Bilanz erreicht. Zu den Hebeln gehören demnach unter anderem die CO2-bindende Kompostierung von Dinkelspelz, wodurch gleichzeitig Hummus aufgebaut wird. Zusätzlich dazu trügen ein Elektrofuhrpark, eine Photovoltaikanlage und Homeoffice-Angebote für Mitarbeiter sowie Aufforstungsprojekte in der Region und in Nicaragua zur neutralen Bilanz bei, so Bauck.

Barbara Scheitz, Geschäftsführerin der Andechser Molkerei Scheitz, stellte das Projekt „Klima Bauern“ vor, das CO2 durch regionalen Hummusaufbau bindet, und Joachim Weckmann, Geschäftsführer der Bio-Bäckerei Märkisches Landbrot berichtete von „klimapositivem Brot“ aus seiner Backstube. Den Unternehmen gehe es dabei nicht in erster Linie um Marketing, sagte Jäckel dem BioHandel, sondern darum, „ihr eigenes Tun und Handeln permanent zu überprüfen und ihr ressourcenschonendes Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Das ist tatsächlich kein grünes Blättchen, sondern ein echter grüner Kern, wenn Sie so wollen.“

Weiterführende Links:

Klimabilanz von Landwege

Projekt „KlimaBauern“ der Andechser Molkerei Scheitz

Klimaneutrale Bauckhof-Mühle

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