Biohandel

Wissen. Was die Bio-Branche bewegt

Voelkel

„Der Klimawandel ist massive Bedrohung und Chance zugleich“

Die Saftmacher Boris, Jacob und Jurek Voelkel über Experimentierfreude, Innovation und welche Rolle die Branche spielen muss, damit noch viel mehr Bio auf den Markt kommt.

BioHandel: Herr Voelkel, ihr Unternehmen gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten Bio-Pionieren. Wie erklären Sie sich das?
Jacob Voelkel: Unsere wichtigste Strategie beruht darauf, dass wir ein seit Generationen handwerklich geprägter Familienbetrieb sind. Wir verteilen die Lasten auf viele Schultern. Jeder von uns kann etwas, das die anderen nicht können. Unser Rezept ist, dem jeweils Anderen die Möglichkeit zu geben, seine Talente frei zu entwickeln. Dieses Vertrauen gibt es wahrscheinlich nur in einem Familienbetrieb.

Wie experimentierfreudig sind die Voelkels?
Ausprobiert haben wir vieles. Wir bringen jedes Jahr bis zu 30 neue Produkte zur Marktreife. Durchschnittlich zehn verschwinden dann aber auch wieder. Darunter auch wirklich pionierhafte wie Biozisch Möhre, Spirulina- oder Rotkohlsaft. Ein jedes Ding hat seine Zeit, häufig waren wir wahrscheinlich einfach zu früh und vielleicht auch mal zu ungeduldig.

Mit welchem innovativen Produkt sind Sie das letzte Mal genau zur richtigen Zeit gekommen?
Unsere Haferdrinks in der Mehrwegflasche sind sicherlich aktuell das beste Beispiel für Pionierarbeit. Vor vier Jahren gab es keine Pflanzendrinks in der Mehrwegglasflasche. Weil die großen Konzerne es aus Kostengründen nicht wollten oder handwerklich schlichtweg nicht konnten. Wir haben damit ein völlig neues Segment geschaffen, und verkaufen mittlerweile fast 300.000 Flaschen Pflanzendrink-Produkte pro Monat.

Was braucht es aus Ihrer Sicht Für die Agrarwende, das Ziel, endlich einen höheren Anteil an ökologisch produzierten Lebensmitteln auf ökologisch bearbeiteten Flächen?
Boris Voelkel: Bio muss wachsen, darf dabei aber nicht den Fehler begehen, die gewalttätigen Marktmechanismen des konventionellen Marktes zu übernehmen. Wir müssen die zerstörerischen Spitzen des Marktes rausnehmen und den Landwirten und Landwirtinnen Planungssicherheit geben.

„Die Bio-Branche muss intensiv kommunizieren, worin der Mehrwert und der Mehraufwand von Bio begründet ist.“

Jurek Voelkel

Wie kann das funktionieren?
Dazu zählt auch, dass wir ihnen ermöglichen müssen, Anbaurisiken zu minimieren. Das heißt zum Beispiel, nicht alles auf eine Kultur zu setzen, sondern möglichst viele Kulturen anzubauen. Veredler wie wir, Handel und Verbraucher*innen müssen gemeinschaftlich den Landwirten finanzielle Sicherheit geben, damit diese nicht immer an der Insolvenz kratzen, sondern auch innovativ agieren können. Denn in Innovation und nicht in selbstmörderischen Dumpingpreisen muss die Zukunft liegen.

Geben Sie uns ein Beispiel?
Der Klimawandel ist eine massive Bedrohung für unserer Landwirtschaf. Er kann aber gleichzeitig auch Chance sein. Wir fördern zum Beispiel aktuell ein Projekt hier im Wendland für samenfeste Freiland-Tomaten. Die gibt es bislang nur in Italien und Spanien. Vielleicht machen die heißen Sommer es zukünftig möglich, dass wir dieses ertragsstarke Gemüse bald auch hier anbauen lassen können. Das können die Landwirte aber nicht allein finanzieren. Das geht nur gemeinsam. Öko statt Ego halt.

Was muss politisch passieren, damit Bio weiter wächst?
Jurek Voelkel: Ganz oben auf der Liste steht natürlich die Reform der EU Agrar-Subventionen. Es müsste endlich gelten: Klasse statt Masse, Bio statt konventionell, Kreislauf statt umweltpolitischer Amoklauf. Der Gesetzgeber beziehungsweise die öffentliche Hand muss die Umweltleistungen, die die Bio-Branche erbringt, endlich honorieren. Wir wirtschaften nach den Kriterien der Gemeinwohl-Ökonomie und machen dies mit der Gemeinwohl-Bilanz transparent und nachvollziehbar.

Unternehmen, die nachweislich gemeinwohl-orientiert agieren sollten bei öffentlichen Ausschreibungen bevorzugt werden, weniger Steuern zahlen und günstigere Kredite bekommen. Bislang haben die „Bösen“ den Vorteil, weil vor allem der günstige Preis im Regal entscheidet und nicht der Preis, den die Gesellschaft am Ende zu zahlen hat. Es wird Zeit, dass die öffentliche Hand hier echte monetäre Incentives für nachhaltiges Wirtschaften schafft.

Abgesehen von der Wirtschaftsweise und den Produkten – wie kann die Bio-Branche noch für mehr Bio sorgen?
Für die Bio-Branche geht es immer wieder darum, Bewusstsein bei mehr Menschen zu schaffen, dass sie mit Ihrem Geldbeutel über Strukturen in der Wirtschaft und Gesellschaft abstimmen. Dazu muss die Bio-Branche intensiv kommunizieren, worin der Mehrwert und der Mehraufwand von Bio begründet ist. Wir investieren darum viel Geld und Zeit in die Vermittlung von Hintergrundinfos zu unserer gesamten Lieferkette, um Botschafter für Bio zu gewinnen. Wenn wir mehr Menschen für Bio begeistern, gibt es auch wieder eine größere Zielgruppe der ganz überzeugten, die gezielt im Bio Laden einkaufen.

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