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Öko-Kontrollen

Warum Bio-Kleinbauern in Afrika die Hilfe ihrer (deutschen) Abnehmer brauchen

Für Kleinbauern in südlichen Ländern ist die Öko-Kontrolle nach den Regeln der EU eine Herausforderung. Nun hat Brüssel die Anforderungen nochmal verschärft. Damit die Bauern sie erfüllen können, brauchen sie die Unterstützung ihrer Abnehmer, die auch aus Deutschland kommen.

12.05.2021 vonLeo Frühschütz

Landwirt in Afrika: „Oft nicht den notwendigen Zugang zu Wissen und die Ressourcen, um erfolgreich am weltweiten Bio-Markt teilzunehmen.“

Für Kleinbauern in südlichen Ländern ist die Öko-Kontrolle nach den Regeln der EU eine Herausforderung. Nun hat Brüssel die Anforderungen nochmal verschärft. Damit die Bauern sie erfüllen können, brauchen sie die Unterstützung ihrer Abnehmer, die auch aus Deutschland kommen.

Für Kleinbauern im Süden war die Öko-Kontrolle nach den Regeln der EU schon bisher eine Herausforderung. Nun hat Brüssel die Anforderungen noch verschärft. Damit die Kleinbauern sie erfüllen können, brauchen sie die Hilfe ihrer Abnehmer.

Kakaobohnen, Bananen, Gewürze oder Kaffee in Bio-Qualität werden oft nicht auf Plantagen angebaut, sondern von Kleinbauern. Um einen Container für die Lieferung in die EU voll zu bekommen, wird die Ernte Hunderter, oft Tausender von Kleinbauern erfasst und zusammengeführt.

Jeder von ihnen muss bio-zertifiert sein, jährlich kontrolliert werden und diese Kontrolle muss auch bezahlt werden. Um den Aufwand dafür in Grenzen zu halten, erlaubt die EU-Öko-Verordnung eine Gruppenzertifizierung, wenn es ein internes Kontrollsystem (ICS) gibt. Doch im Zuge der Reform der Verordnung wurden die Anforderungen an die Gruppen und ihr ICS erstmals detailliert geregelt und damit gegenüber der bisherigen Kontrollpraxis verschärft.

So funktioniert die Gruppenzertifizierung

Die Kleinbauerngruppe hat eine feste Struktur, damit klar ist, wer dazu gehört. Oft sind solche Gruppen als Kooperativen organisiert oder sie haben sich rund um einen Verarbeiter oder Händler gebildet, den sie beliefern.

Die Gruppe baut ein internes Kontrollsystem (ICS) auf. Dieses ICS erfasst alle Mitglieder und dokumentiert alle angelieferten und verkauften Mengen. Es stellt sicher, dass die Mitglieder die Anbauregeln einhalten und einmal im Jahr von einem internen Kontrolleur besucht werden.

Bei der Bio-Zertifizierung muss die Öko-Kontrollstelle nicht mehr jeden einzelnen Kleinbauern besuchen. Sie überprüft, ob das ICS ordentlich arbeitet und alles nachvollziehbar dokumentiert wird. Nur eine kleine Stichprobe an Landwirten wird von den Kontrolleuren überprüft.

Nach diesem System werden in 58 Ländern des Südens rund 5.900 Gruppen mit 2,6 Millionen Bio-Kleinbauern kontrolliert, hat das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) ermittelt. Dabei variieren Gruppengröße und Organisationsformen beträchtlich.

Brüssel verschärft die Regeln

Weil es in sehr großen Gruppen öfter Probleme gab, beschränkt die neue EU-Öko-Verordnung 2021/279 die Zahl der Mitglieder einer Gruppe auf 2.000. Alle Gruppen die größer sind, müssen sich und ihr ICS bis Anfang 2025 für die Zertifizierung in 2.000er-Einheiten mit eigenen Rechtspersönlichkeiten umstrukturieren. Zudem müssen sie nachweisen, dass ihre Mitglieder mehr als zwei Prozent ihres Bio-Umsatzes für die Zertifizierung ausgeben und keiner mehr als fünf Hektar Land besitzt (Artikel 36 der neuen Öko-VO 848/2018).

Die Kommission hat zudem festgelegt, dass bei der jährlichen Kontrolle neben dem ICS mindestens fünf Prozent der Kleinbauern besucht werden müssen und bei zwei Prozent der Bauern Proben zu nehmen sind. Dadurch erhöhen sich insbesondere für größere Gruppen die Zertifizierungskosten deutlich.

„Die Wertschöpfung von Biobauern, die in ICS-Gruppen organisiert sind, würde sich durch die höheren ICS- und Kontrollkosten verschlechtern, wenn nicht gleichzeitig die Marktpreise steigen“, sagt FiBL-Projektleiter Toralf Richter. „Geschieht das nicht, ist mit einem Rückgang der Bio-Importe aus dem globalen Süden zu rechnen, da dann ökonomische Anreize fehlen würden, weiter Bio-Landwirtschaft zu betreiben.“

Mehr Beratung und bessere Preise

Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) hat – vor allem an Beispielen in Afrika – untersucht, was die Gruppen bräuchten, um ihr ICS zu stärken und die Bio-Qualität ihrer Erzeugnisse hochzuhalten:

  • Mehr Ausbildung und Training sowohl für die Landwirte als auch für die Kontrolleure und Berater im ICS
  • Mehr digitale Werkzeuge, um Felder und Daten genau zu erfassen und die Aufzeichnungen aktuell zu halten
  • Mehr Geld, sprich bessere Preise für die Erzeugnisse, um sich das alles, inklusive gut ausgebildeter Mitarbeiter, auch leisten zu können.

„Die Bio-Preise sind in vielen Fällen recht niedrig, da sie an das Auf und Ab der Weltmarktpreise gekoppelt sind“, berichtete Toralf Richter in einem Workshop auf der diesjährigen Biofach. Deshalb sei es für viele Gruppen herausfordernd, die Bauern zu motivieren, nach Bio-Standards zu produzieren und Gebühren für das ICS-Management zu zahlen.

Engagierte Unternehmen gesucht

Gefordert sind nicht nur die Kleinbauern im Süden, sondern auch die Importeure und Verarbeiter in Deutschland, die qualitativ hochwertige Bio-Ware erwarten. Es gibt Beispiele, in denen Importeure die Zertifizierungskosten übernehmen oder das ICS bei Beratung und Ausbildung unterstützen. Aber Bio-Alltag ist das nicht.

Der Bio-Dachverband BÖLW und die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) haben deshalb die Recherchen des FiBL in Afrika begleitet und wollen nun Bio-Importeure dafür gewinnen, die festgestellten Herausforderungen gemeinsam mit den Kleinbauerngruppen anzugehen. Hierfür wollen sie auch die Projekte, Erfahrungen und die Kooperation mit der GIZ nutzen, etwa das Knowledge Centre for Organic Agriculture in Africa (KCOA) oder die GIZ Sonderinitiative Ausbildung und Beschäftigung, die ein FiBL-Projekt dazu begleitete.

„Kleinbauern in Afrika haben oft nicht den notwendigen Zugang zu Wissen und die Ressourcen, um erfolgreich am weltweiten Bio-Markt teilzunehmen“, sagt Peter Röhrig, Geschäftsführer des BÖLW. Deutsche Bio-Unternehmen würden ihre Partner weltweit unterstützen, hätten oft aber keine ausreichenden Ressourcen, um die notwendigen Schulungen für die Kleinbauern durchzuführen.

„Eine Zusammenarbeit von Unternehmen mit der Entwicklungszusammenarbeit ist daher ein sinnvoller Ansatz, um den notwendigen Wissenstransfer zu ermöglichen und damit die Integrität und Qualität von Bio-Produkten zu sichern“, argumentiert Röhrig. So könnten auch Kleinbauern aus Entwicklungsländern, die oft besonders von Armut betroffen seien, am Wachstum des Bio-Marktes teilhaben und Bio-Unternehmen in Deutschland auf vorbildliche Weise Rohwaren sichern.

Mit Claude Blaschette als Business-Scout für Entwicklungszusammenarbeit der GIZ hat der BÖLW eine eigene Ansprechpartnerin für Bio-Unternehmen, die sich in Entwicklungs- und Schwellenländern engagieren wollen.

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