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Unverpackt weltweit

Einfacher, leichter, müllfrei einkaufen

Verpackungsmüllberge? Nein Danke! Nichts wegwerfen? Ja bitte! So lautet kurz gefasst das zentrale Ziel der Unverpackt-Läden, deren gesamtes Sortiment aus loser Ware besteht. Schon bald könnten sie auf dem ganzen Globus wie Pilze aus dem Boden sprießen.
15.05.2017 vonSylvia Meise
Verpackungsmüllberge? Nein Danke! Nichts wegwerfen? Ja bitte! So lautet kurz gefasst das zentrale Ziel der Unverpackt-Läden, deren gesamtes Sortiment aus loser Ware besteht. Schon bald könnten sie auf dem ganzen Globus wie Pilze aus dem Boden sprießen.

Verpackungsmüllberge? Nein Danke! Nichts wegwerfen? Ja bitte! So lautet kurz gefasst das zentrale Ziel der Unverpackt-Läden, deren gesamtes Sortiment aus loser Ware besteht. Schon bald könnten sie auf dem ganzen Globus wie Pilze aus dem Boden sprießen.

Oft sind es Gründerinnen, die solche Läden mit wenig Know-how im Einzelhandel, aber viel Engagement aus der Taufe heben. Was sie eint, ist der Kampf gegen ein Szenario, das jeder kennt: geradezu obszöne Mengen von Müll, die mit jedem Einkauf entstehen. Eine der ersten, die vor zehn Jahren ihren Frust in Energie verwandelte, war die Londonerin Catherine Conway. Nachdem sie trotz intensiver Suche keinen Laden mit loser Bio-Ware finden konnte, beschloss sie, selbst einen aufzumachen. Der Name war schnell gefunden: Unpackaged, unverpackt also, startete als (Bio-)Wochenmarktstand in der britischen Metropole.

Kundinnen nehmen Anstrengungen in Kauf

Ein Experiment: Würde die Idee attraktiv genug sein? Und wären die Kundinnen bereit, die wenig attraktiven Nebenwirkungen des Angebots mitzutragen? Also nicht nur vor jedem Einkauf daran zu denken, eine Tasche einzupacken, sondern auch noch Behälter oder Gläser mitzuschleppen? Die Antwort: [nbsp]Ja! Die ersten Kundinnen waren, um müllfrei einkaufen zu können, zu jeder Anstrengung bereit. Also wagte Conway den nächsten Schritt und mietete einen der typischen, kleinen und urigen Eckläden Londons.

Die Nachfrage war beeindruckend – der Mietpreis leider auch. Doch die kleine Verkaufsfläche ermöglichte nur kleine Umsätze, daher eröffnete die Ladnerin 2012 in einem anderen Stadtteil ein größeres Geschäft. Diesmal mit Bar und Bistro – in der Hoffnung, dem Unternehmen ein durchgängig profitables Zusatzeinkommen zu verschaffen. Doch dieser Plan ging nicht auf. Nach gut einem Jahr musste sie 2014 wieder schließen. Genauso erging es übrigens „The Dry Good Store“, dessen Inhaberin zeitgleich und ebenfalls in London mit demselben Konzept nach dreieinhalb Jahren aufgab. Rückblickend meint Conway: „Das Café-und-Bar-Konzept lenkte zu stark vom eigentlichen Business ab: dem Mehrwegprinzip durch den Verkauf loser Ware.“

Dabei hatte es die Nachfrage doch gegeben. Sie und ihr Team nahmen eine Auszeit und analysierten die Erfahrungen. 2015 waren sie wieder im Geschäft – und zwar als Shop in Shop. Conway gab die Unabhängigkeit auf und relaunchte in einem der sieben Standorte des Londoner Bio-Filialisten Planet Organic.

Der glänzt nun mit einem aus Erfahrung gut sortierten Angebot für die steigende Anhängerzahl des verpackungsfreien Einkaufens. Und profitierte doppelt: Denn sind die überzeugten Zero-Waster erstmal im Laden, greifen sie meist auch zu den anderen Produkten des Planet Organic-Sortiments. Unpackaged-Inhaberin Conway beschreibt die Zeit nach dem Relaunch als große Erleichterung: „Ich wusste, dass der inhabergeführte Biohandel nur 25 Prozent des gesamten Branchenumsatzes einbringt. Die anderen 75 Prozent laufen über Bio-Supermarktketten. Doch so lange wir alle Hände voll zu tun hatten, unseren kleinen Laden am Laufen zu halten, war an Expansion nicht zu denken." Ihr sei aber klar gewesen, dass sie mit den Filialisten zusammenarbeiten muss. "Nur so kann man in die Breite gehen und für die Zero-Waste-Sache werben.“

Unverpackt statt „Kauf zwei, zahl eins“

Nach Berichten der UN-Organisation FAO gehen jedes Jahr fast ein Drittel – etwa 1,3 Billionen Tonnen – der weltweit produzierten Lebensmittel verloren oder werden weggeworfen. Sie landen auf Mülldeponien und tragen damit wesentlich zu den CO2-Emissionen bei. Überdimensionierte Verpackungsgrößen oder Angebote wie „Kauf zwei, zahl eins“ sind mit dafür verantwortlich – das Prinzip „Unverpackt“ könnte helfen, dieses Problem anzugehen. Denn: Es lädt die Menschen ein, bewusster einzukaufen und nur so viele Nudeln, Bohnen oder Nüsse abzufüllen, wie sie wirklich brauchen.

Ein besseres Gefühl

Um herauszufinden, wie Zero-Waster ticken, führte Unpackaged 2008 eine Umfrage durch. Der zentrale Befund: Nachdem sie Kunden in dem Laden geworden waren, änderten 60 Prozent der Befragten ihr Einkaufsverhalten: „Sie denken mehr über Lebensmittelverpackungen nach, verursachen weniger Müll und kaufen insgesamt weniger stark verpackte Produkte ein“, so Conway. „Über 80 Prozent der Kunden betonten, dass sie sich besser fühlen und das Gefühl haben, wirklich etwas für die Umwelt zu tun.“

2015 bestätigte eine internationale Studie des Marktforschungsinstituts Global Data den Trend der Unpackaged-Umfrage: Demnach achten 50 Prozent der Befragten auf umweltfreundliche Verpackungen und 70 Prozent wollen, dass Verpackungsmüll reduziert wird. Andererseits gibt es eine starke Verpackungsindustrie, die ihre Anliegen mit viel Lobbyarbeit vorantreibt. Welche Probleme und Chancen es aktuell für die Zero-Waste-Bewegung gibt, analysiert ausführlich Alexia Smits Sandano in ihrer Master-Arbeit “Barriers and Incentives to Zero Packaging Food - Retail: A Global Stocktake”. Groß- und Einzelhändler finden darin diverse Punkte, die sie berücksichtigen können.

Minimalistisch einkaufen

Lebensmittelverschwendung, Umweltbelastung, Gefährdung der Tierwelt in den Ozeanen: Müll ist zu einem unausweichlichen Thema geworden – und Unverpackt-Läden sind wichtige Motoren der Gegenbewegung. Etwa 100 Läden gibt es aktuell, viele weitere sind auf dem Sprung, die meisten davon in Deutschland. Wenn alle, die derzeit planen, tatsächlich einen Laden eröffnen, könnten Unverpackt-Läden in den nächsten 12 Monaten weltweit wie Pilze aus dem Boden schießen. Das legt jedenfalls die offen zugängliche Statistik von Rutger Muller nahe. Der holländische Webdesigner hat mit der Website bepakt.com eine Plattform geschaffen, auf der eine stets aktualisierte Laden-Liste abrufbar ist.

Wie Catherine Conway geht es auch ihm darum, einen kulturellen Wandel voranzutreiben. Bei den Transportbehältern zeigten die Kunden viel Kreativität, hat er festgestellt. „Durch Online-Kundenbefragungen und Gespräche mit der Inhaberin des florierenden Zero-Waste-Shops Robuust im belgischen Antwerpen weiß ich, dass es für viele mittlerweile zur Gewohnheit geworden ist, Plastikgefäße, wiederschließbare Gefriertüten oder kleine Baumwolltaschen statt Schraubgläser mitzubringen. Ich wollte eigentlich weiterforschen, wie ideale Behälter aussehen könnten. Aber dann dachte ich, erstmal musst du überhaupt den Markt ausloten." Und der wächst ständig, so Designer Muller."

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