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Bio für den Export verfügbar

Ukraine: Hilfe durch Handel?

Trotz des russischen Angriffskrieges ruft die ukrainische Bio-Branche ihre internationalen Partner dazu auf, ihre Betriebe durch Handel zu unterstützen. Aber was ist in Kriegszeiten möglich – und was nicht?

Besetzte Gebiete, verminte Felder, zerstörte Farmen und Lagerhallen, zu wenig Kraftstoff, zu wenige Fahrzeuge, zu wenig Nachfrage nach Bio vor Ort. Seit der russischen Invasion im Februar haben viele ukrainische Bio-Landwirte nicht nur Angst um ihr Leben, sondern bangen auch ums Geschäft. Besonders in den letzten 20 Jahren hatte sich der ökologische Landbau in dem fruchtbaren Land rasant entwickelt und umfasste Ende letzten Jahres rund 460.000 Hektar. Zwar wurden die meisten Bio-Produkte für den Export produziert, doch auch der heimische Bio-Markt hatte sich bis vor Kriegsausbruch gut entwickelt. Nun, in Zeiten des Krieges, steht all das und vieles mehr auf dem Spiel: Innerhalb weniger Monate könnte der einst so dynamische und ertragreiche ukrainische Bio-Sektor zum Erliegen kommen. Unsere Autorin Ina Hiester hat nachgefragt, ob und unter welchen Bedingungen Handel jetzt helfen kann.

Ukrainische Bio-Produkte sind für den Export verfügbar

„Die Ukraine produziert viel mehr, als sie benötigt, um die heimische Nachfrage zu decken – sowohl konventionell als auch bio. Folglich haben wir Produkte für den Export verfügbar – und wir wollen sie verkaufen“, sagt Sergiy Galashevskiy. Er leitet die größte Bio-Zertifizierungsstelle der Ukraine, Organic Standard. In den besetzten Gebieten seien jedoch zahlreiche Lagerbestände von den russischen Streitkräften zerstört und geplündert worden. Außerdem wurde der Export einiger Produkte vom ukrainischen Landwirtschaftsministerium eingeschränkt oder ganz verboten.

Die Liste der Produkte, die vom Exportverbot betroffen sind, wird alle paar Wochen aktualisiert und umfasst derzeit Hafer, Roggen, Buchweizen, Speisesalz und Düngemittel. Hirse und Zucker wurden Anfang diesen Monats von der Liste gestrichen und können nun wieder exportiert werden. Obwohl Menschen weltweit wegen steigender Lebensmittelpreise und leerer Supermarktregale beunruhigt sind, gab es bisher keine Exportbeschränkungen bei Mais, Weizen oder Sonnenblumenprodukten. Sergiy erklärt: „Nationale Ausfuhrbeschränkungen sind unser geringstes Problem. Bei Bio-Produkten habe ich bislang von keinem Erzeuger gehört, der keine Exportgenehmigung erhalten hätte. Unsere größte Herausforderung ist es, die Waren aus dem Land zu schaffen.“

Export aus der Ukraine: Infrastruktur ist die größte Herausforderung

Die Besetzung und Zerstörung wichtiger Seehäfen, Straßen, Brücken, Ölreserven und Raffinerien behindern seit Kriegsbeginn sowohl den nationalen als auch den internationalen Transport. „Hinzu kommt ein Mangel an Fahrzeugen und Arbeitskräften für die Logistik, während gleichzeitig die Transportkosten steigen“, sagt Sergiy. Dies bestätigt auch Malin Hillebrandt, Produktmanager bei EgeSun, und ergänzt: „Transporte in und aus der Ukraine werden seit Mitte April 2022 zusätzlich durch den Ausfall der Transportversicherungen erschwert. Die Spediteure müssten demnach unversichert fahren, was nicht gemacht wird.“

Bislang können Frachten noch per Bahn von Odessa nach Konstanz an der rumänischen Küste und von dort aus weitergeliefert werden. Auch die Donauhäfen Reni und Izmail sind wichtige Umschlagsplätze, über die ukrainische Güter durch Rumänien und Serbien nach Österreich und Deutschland transportiert werden. Gleichzeitig wird immer mehr Fracht per Schiene zum Beispiel ins Baltikum transportiert, um von dort aus weiter exportiert werden zu können. Rapunzel erwartet derzeit die erste Leinsaat-Lieferung auf solchen Umwegen. „Normalerweise wird die Rohware aus der Ukraine direkt per LKW zu uns transportiert. Das ist in der aktuellen Lage nicht möglich. Daher hat unser Lieferant die Leinsaat in Container verladen und zu einem Bahnhof transportiert. Sobald die Ware die Grenze zur EU überschreitet, können wir sicher sein, dass sie auch bei uns ankommt“, erklärt Pressesprecherin Eva Kiene.

„Doch insbesondere bei konventionellen Produkten, die in der Regel mit großen Schiffen transportiert werden, reichen all diese Anstrengungen nicht aus. Bioprodukte hingegen, die in der Regel kleinere Ladungen umfassen, können eher auf alternativen Wegen das Land verlassen. Trotz aller Widrigkeiten haben unsere Biobetriebe seit Kriegsbeginn mehr als 12.000 Tonnen Bio-Ware exportiert – und hier spreche ich nur für die Unternehmen, die bei uns zertifiziert sind“, fügt Sergiy hinzu. Da die meisten Männer ihr Land verteidigen müssen und es daher nicht verlassen dürfen, werden händeringend Fahrerinnen und Fahrer gesucht. „Bereits heute transportieren einige Lastwagen, die Hilfsgüter in die Ukraine bringen, auf dem Rückweg ukrainische Produkte ins Ausland. Dennoch brauchen wir mehr logistische Unterstützung", sagt Sergiy.

EU plant Solidaritätskorridore und Aussetzung der Einfuhrzölle

Um sicherzustellen, dass die Ukraine weiterhin Waren importieren und exportieren kann, arbeitet die Europäische Kommission derzeit an einem Aktionsplan zur Einrichtung sogenannter Solidaritätskorridore. Hierfür sollen zusätzliche Fahrzeuge und Schiffe zur Verfügung gestellt und eine Koordinations-Plattform eingerichtet werden. Beim Schienenverkehr besteht eine große Herausforderung darin, dass ukrainische Waggons in der Regel nicht mit den Eisenbahnnetzen der EU kompatibel sind. Folglich müssen Güter auf LKWs oder EU-Standardwagen umgeladen werden – ein Problem, das nur mittel- bis langfristig gelöst werden kann. In der Zwischenzeit sollen landwirtschaftliche Exporte aus der Ukraine priorisiert werden. Das plant auch Malin Hillebrandt von EgeSun: „Bei uns ist die Rohwarenbeschaffung aus der Ukraine seit Kriegsbeginn leider vorläufig zum Erliegen gekommen. Wir werden jedoch, sobald es möglich wird, die Kontakte zu unseren ukrainischen Lieferanten wieder forcieren und diese bei Bestellungen bevorzugt behandeln.“

Seitens der EU sollen außerdem Einfuhrzölle auf ukrainische Ausfuhren ausgesetzt werden. Hierfür wurde am 27. April ein entsprechender Gesetzesvorschlag vorgelegt. Sobald dieser vom Europäischen Rat und vom Parlament verabschiedet sei, solle sie für alle EU-Mitgliedstaaten für ein Jahr lang verbindlich sein, teilte ein Sprecher der Kommission auf Anfrage mit.

Die ukrainische Bio-Branche braucht finanzielle und materielle Hilfe

Sergiy ist regelmäßig in Kontakt mit Bio-Produzenten in besetzten sowie unbesetzten Gebieten. Ihn beeindruckt ihr Mut und ihr Wille, weiterhin ökologisch zu produzieren und sich zertifizieren zu lassen. „Ich habe kürzlich mit zwei Bio-Produzenten gesprochen – einer von ihnen lebt in der Nähe von Mariupol, der andere ist aus Cherson. Für sie ist es keine Option, aufzugeben. Stattdessen treffen sie bereits Vorkehrungen, in unbesetztes Gebiet umzuziehen und dort wieder von vorne anzufangen. Für viele ukrainische Produzenten ist Bio mehr als nur Business!“

Um ukrainische Bio-Landwirte, Verarbeitungsbetriebe und Händler direkt zu unterstützen, wurde von Organic Initiative, einem Zusammenschluss ukrainischer Bio-Akteure, und Green Dossier, der ältesten ukrainischen Umwelt-NGO, ein Förderprogramm ins Leben gerufen. „Seit Kriegsbeginn haben wir bereits etwa 120.000 Hektar zertifizierte Bio-Fläche verloren, insbesondere in den Regionen Cherson und Zaporizhzhia. 30 Prozent unserer Bio-Betriebe mussten ihre Geschäftstätigkeit aussetzen, 70 Prozent benötigen zumindest finanzielle Unterstützung. Besonders kleine und mittelständische Produzenten können die Kosten für Zertifizierungen, Steuern, Gehälter und Betriebsmittel kaum aufbringen", sagt Kateryna Shor von Green Dossier, die Administration und Finanzen des Programms verantwortet. „Mit dem Förderprogramm wollen wir unsere Produzenten dabei unterstützen, in der Ukraine zu bleiben und weiterhin Bio-Lebensmittel zu produzieren. Viele von Ihnen haben Fürchterliches durchgemacht, einige mussten um ihr Leben bangen und haben ihre Betriebe verloren. Und natürlich sind es auch hier die kleinsten Betriebe, die es am härtesten trifft. Wir bitten unsere Europäischen Partner von Herzen, sich solidarisch zu zeigen und die ukrainische Bio-Branche in diesen Zeiten zu unterstützen", ergänzt Olena Deineko von Organic Initiative.

Wie Sie helfen können

Spendenkonto Förderprogramm „Support for the organic sector in Ukraine”: Green Dossier

Stichwort: Charitable Donation Organic Sector Ukraine

IBAN: UA793510050000026009357865200

SWIFT: KHABUA2K

Mehr Informationen

Ansprechpartnerin für weitere Unterstützungsmöglichkeiten der Bio-Branche in der Ukraine:

Olena Deineko, Organic Initiative

E-Mail: info@organicbusiness.ua

Telefon: +380 050 944 1242 / +380 067 103 9694 (WhatsApp, Viber, Telegram)

Spendenkonto Nothilfe Ukraine Ökolandbau der Zukunftsstiftung Landwirtschaft:

Stichwort: Ukraine

IBAN: DE50 4306 0967 0030 0054 13

BIC: GENODEM1GLS 

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