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Unverpackt-Läden

Trotz vieler Schließungen: Unverpackt-Branche bleibt optimistisch

Allein in diesem Jahr haben in Deutschland bereits knapp 50 Unverpackt-Läden dicht gemacht. Die Herausforderungen sind vielfältig. Trotzdem gibt sich die Branche selbstbewusst, Neugründungen inklusive. Eine Bestandsaufnahme.

Wer an diesem Herbst-Nachmittag die Ladentür zum Schöneberger Unverpackt-Laden „Die Erbsenzählerei“ aufstößt, ist weit davon entfernt an eine Krise zu denken. Mehrere Kund:innen stehen Schlange, im Schlepptau kleine schwarze Zieh-Wägelchen auf vier Rädern vom Typ Servierwagen. Darauf: gefüllte Gläser mit Müsli, Waschmittel oder Nüssen. „Jetzt ist hier gerade echt Rush-Hour“, staunt auch Gründerin Berit Stehr und setzt schnell ein paar Deckel auf offene Gefäße, die daneben liegen.

Das ist allerdings nur der erste Blick. Auf den zweiten sieht es schon ganz anders aus. „Jetzt gerade kommen wieder etwas mehr Menschen. Aber: wir hatten eine richtige Delle im Frühjahr und auch eine große Sommerflaute. Seit dem Angriff auf die Ukraine und der Energiekrise sind viele Kund:innen weg geblieben.“ Die Folge: Stehr musste das Team von sieben Mitarbeitende auf drei verkleinern, Montag ist Ruhetag, um Gehalt und vor allem Energie zu sparen. „Deswegen haben wir auch die Kaffeemaschine wieder verkauft, weil die einfach zu viel Energie gefressen hat.“

Mitglieder-Modell schafft Planungssicherheit

Krisen ist Stehr eigentlich gewohnt. Mitten in der Pandemie hat sie ihren Unverpackt-Laden 2020 nahe der Julius-Leber-Brücke geöffnet, in ihrem langjährigen Wohn-Kiez. Rund 90 Prozent der Produkte sind Bio-zertifiziert, einige aus der Region. Schnell baut sie sich eine Stammkundschaft auf. Das Viertel ist offen für ökologisch-nachhaltige Konzepte und hat auch das nötige Einkommen.

Mit Stempelkarten und einem Newsletter schafft sie Kundenbindung. Seit Neuestem gibt es auch ein Mitgliedschafts-Modell. Für 144 Euro pro Jahr wird man Teil der „Erbsenzählerei“ und bekommt bei jedem Einkauf 10 Prozent. Das bringt auch Planungssicherheit fürs Team. 25 Mitglieder sind schon an Bord. Außerdem packen Stehr und ihre Kolleg:innen auf Wunsch Obst- und Gemüsekisten im Abo-System abholbereit zusammen.

„Wir entlasten unsere Kundschaft auch. Wer will kann uns morgens leere Gläser und Behälter mit einer Einkaufsliste vorbeibringen, wir befüllen alles und nach der Arbeit kann man es dann gemütlich abholen“, sagt Stehr. Dieser Service wird allerdings noch selten genutzt.

Trotz all dieser kreativen Ansätze ist die Lage gerade hart. „Wir merken die hohen Energiekosten natürlich auch, deswegen heizen wir auch gar nicht“, sagt Stehr. Die Entlastungspakete kommen bei mir bisher noch nicht an. Da erwarte ich auch mehr von der Politik!“

Viele Geschäftsaufgaben im Jahr 2022

Wie ernst es generell in der Unverpackt-Sparte ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Fast 320 Unverpackt-Läden sind offiziell in Deutschland beim Dachverband registriert. In diesem Jahr haben allerdings laut „Unverpackt e.V.“ fast fünfzig Läden dicht gemacht (Stand 1.11.2022). Das ist also durchaus eine handfeste Krise, wenngleich auch keine hausgemachte.

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„Aus Sicht des Verbandes sind die Unverpackt-Läden aktuell mit Herausforderungen konfrontiert, die auch andere Akteur:innen des stationären Einzelhandels sowie des Lebensmitteleinzelhandels spüren“, sagt Lisa Schulze von Unverpackt e.V. „Es handelt sich also nicht vornehmlich um eine Krise des Unverpackten Einkaufens. Die Verbraucherpreise im Lebensmittelbereich steigen derzeit. Konsument:innen reagieren mit den Strategien Kaufzurückhaltung oder -verzicht bei bestimmten Produktklassen.“

Vor allem bei Bio-Lebensmitteln und regionalen Produkten werde gespart, sagt Schulze. „Diese Kategorien sind in Unverpackt-Läden sehr stark vertreten.“ Außerdem stiegen die Umsätze bei Discountern, weil die Menschen verstärkt auf Sonderangebote achten würden. Wie sich das in den Läden selbst in einzelnen Produktgruppen äußere, sei schwer zu beurteilen, weil es dazu keine Zahlen gebe, so Schulze weiter.

Bei Bio Company läuft das Unverpackt-Sortiment

Eine weitere Entwicklung: große (Bio)-Supermärkte bauen verstärkt eigene Unverpackt-Ecken in die Läden ein. Bio Company hat bereits in 17 Filialen ein Unverpackt-Sortiment integriert, eine achtzehnte soll bald dazugekommen. Anne Schill, die bei Bio Company für das Trockensortiment zuständig ist, zieht eine positive Zwischenbilanz. „Das Angebot wird sehr gut angenommen.“ Während der Hochphase der Corona-Pandemie habe es Schwankungen gegeben, weil teilweise keine neuen Behälter und Schaufeln geliefert werden konnten.

Was besonders gut läuft, hängt laut Schill vom Standort ab. „In Dresden werden beispielsweise mehr Basics gekauft, wie Müsli, Haferflocken, Reis und Paniermehl. Hamburg greift mehr zu Nüssen und Kernen. Im Berliner Innenstadtraum ist die Nachfrage nach Süßigkeiten recht hoch wie Gummibärchen oder schokolierte Nüsse.“

Potentiale gebe es noch bei Wasch-, Putz-, und Reinigungsmitteln, so Schill. „Das haben wir bisher noch komplett ausgelassen, weil es aufwendig ist, die Stationen zu pflegen.“ Generell bräuchten die Unverpackt-Stationen jedes Jahr ein frisches Sortiments-Update. „Nur so bleibt das Angebot attraktiv und abwechslungsreich.“ Bei Neueröffnungen werde das Unverpackt-Sortiment bei Bio Company weiter ausgebaut, je nach Möglichkeit des jeweiligen Marktes.

Innenstädte kriseln – Online-Verkauf boomt

Neben der Konkurrenz durch größere Supermärkte, haben die inhabergeführten Unverpackt-Läden laut des Dachverbandes aber vor allem mit einem Problem zu kämpfen, das selbst Einzelhandelsgrößen wie Galeria Karstadt Kaufhof ins Straucheln bringt. „Die Innenstädte stehen derzeit vor großen Veränderungen“, sagt Lisa Schulze. „Die Lebendigkeit innerstädtischer Einkaufsstraßen nimmt ab. Ein Faktor dafür ist sicherlich die Verlagerung von Konsum in den Bereich des Online-Handels. Dies hat indirekt auch Auswirkungen auf das unverpackte Einkaufen, wird es doch oft mit dem Bummel durch die Stadt verbunden.“

Eine Lösungs-Strategie? Selbst ins Internetgeschäft einsteigen. So hat es „Unverpackt für alle“ getan. Das Start-up aus Berlins Speckgürtel verkauft ein breites Sortiment von Unverpackt-Produkten übers Netz. Die Ware kommt in Pfandbehältern wie etwa Joghurt-Gläsern, die über das bundesweite Pfandsystems zurückgegeben werden können. Die Idee: So werden nicht noch mehr Gefäße in den Umlauf gebracht und das Handling für die Kunden bleibt so einfach wie möglich. Die Deckel kommen aus dem eigenen Haus, um Weichmacher auszuschließen.

Die Idee hat „Unverpackt für alle“ schon reichlich Preise gebracht. Zuletzt gab’s den „Zukunftspreis Brandenburg“.

Optimistisch in die Zukunft

Trotz der aktuellen Krise: Es gibt weiterhin mutige Menschen, die genau jetzt neue, stationäre Unverpackt-Läden eröffnen. Dominic Scherner ist einer von ihnen. Er hat vor wenigen Monaten mit „Kaffee & Korn Unverpackt“ einen Unverpackt-Laden in Berlins Osten aufgemacht, im bei jungen Familien sehr beliebten Viertel Karlshorst. „Wir wollten unverpackt einkaufen und regional. Und zwar bei uns im Kiez. Die Idee ist vor zwei Jahren entstanden und jetzt sind wir hier“, sagt Scherner.

Die Lebensmittel sind zum großen Teil bio und regional, im Sortiment gibt es die Klassiker wie Müsli, Mehl, Nüsse oder Linsen. Dazu kommen Gewürze, Tomaten-Passata, Senf, Naturkosmetik und Reinigungsmittel. Für Spontan-Einkaufende gibt es kostenlose Gläser.

Eine Bilanz zu ziehen fällt Scherner so kurz nach dem Start noch schwer: „Leicht ist es nicht, aber ich glaube die Leute laufen mit offenen Augen durch die Gegend und nehmen das Konzept auch an. Es läuft aber echt noch von Tag zu Tag sehr unterschiedlich.“

Und Scherner nennt noch einen weiteren Vorteil von Unverpackt-Läden, der gerade bei Single-Haushalten greift. „Man kann Geld sparen. Viele Kunden sind erstaunt, wie günstig sie doch wegkommen, weil man einfach punktueller einkaufen kann, in geringeren Mengen.“

Diesen Optimismus teilt auch der Dachverband. „Unabhängig von der derzeitigen Lage sind wir davon überzeugt, dass das Konzept funktioniert, langfristig nachhaltig und zukunftsweisend ist. Da ,unverpackt‘ oft auch ,bio‘ und ,regional‘ heißt, blicken wir optimistisch in die Zukunft“, sagt Lisa Schulze. „So könnten sich steigende Energiekosten mittel- und langfristig sogar positiv auf die Branche auswirken, ist doch der Bedarf an chemischen Düngemitteln und Pestiziden geringer und Transportwege kürzer.“

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