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Topas

„Jetzt müssen Junge ran!“

Klaus Gaiser hat gleich zwei vegane Bio-Startups zum Erfolg geführt. Jetzt legte er die Geschäftsführung bei Topas in andere Hände, um die eigenen wieder frei zu haben für Neues.

18.08.2018 vonGudrun Ambros

Die Etiketten der Topas-Marke Wheaty gibt es in 14 Sprachen.

Klaus Gaiser hat gleich zwei vegane Bio-Startups zum Erfolg geführt. Jetzt legte er die Geschäftsführung bei Topas in andere Hände, um die eigenen wieder frei zu haben für Neues.

Die Topas GmbH hat in Mössingen, einem Städtchen am Rande der Schwäbischen Alb ihren Platz gefunden. Wir sitzen im zweiten Stock des Gebäudes, in dem Versand und Verwaltung des Unternehmens untergebracht sind. Der Blick gleitet über das Auf und Ab des Albrands und bleibt am Rossbergturm hängen, ein Aussichtsturm, der gerne von Wanderern erklommen wird. Topas gehört zu den größten Seitan-Produzenten Europas. Firmengründer Klaus Gaiser, kariertes Hemd, Jeans und Vollbart seit eh und je, hat mit seinem Unternehmen Höhen und Tiefen durchschritten. Der 66-Jährige erzählt die Geschichte von Topas und die Geschichte des Vorgängers von Topas. Mit dabei, in lässiger Geschäftshose und Sweater, ist Charles-Henry Debal, Geschäftsführer und Schwiegersohn.

„Der Anfang war bitter“

Als Student lebte Klaus Gaiser eine Zeitlang in China und Japan. Er heiratete eine Frau aus Finnland, die kein Fleisch aß. Um die Familie zu ernähren, gründete er eine Firma mit etwas, was er in Ostasien gelernt hatte: Er produzierte Tofu. Die 500 Mark für die erste Kolloidmühle verdiente er sich als Möbelpacker, Einzelteile für den selbstgebauten Tofuherd besorgte er beim Schrotthändler.

„Der Anfang war bitter“, erinnert er sich. Chinaläden und chinesische Restaurants lobten Gaisers Tofu zwar für seine Qualität, aber er war den Asiaten einfach zu teuer. Den Deutschen war die Sojabohne, das asiatische „Fleisch des Feldes“ noch nicht vertraut. Ausdauer war nötig. Das Körnerstüble, der damalige Mössinger Naturkostladen, wurde zu einem seiner ersten Kunden, dann zog ein Stuttgarter Bio-Großhändler mit. Und plötzlich, Mitte der 80er Jahre, standen überall Wettbewerber in den Startlöchern. Das hätte das Ende der schwäbischen Bio-Tofuproduktion sein können. Doch das Gegenteil trat ein. Tofu wurde bekannt, die Umsätze stiegen. Die Atomkatastrophe von Tschernobyl schob das Geschäft weiter an. Dann kam ein lukratives Übernahmeangebot. Gaiser verkaufte. Und startete von neuem.

Mit Tofu keine Chance

Gemeinsam mit seiner Frau Sanni Ikola-Gaiser gründete der damals knapp über 40-Jährige die Topas GmbH. Tofu, asiatische Nudeln und Seitan sollten den Erfolg bringen. So einfach lief das aber nicht. „Mit Tofu hatten wir keine Chance mehr“ – davon stand schon genug in den Naturkostregalen. Asiatische Nudeln kannten die Deutschen nicht, Seitan ebenso wenig. Klaus Gaiser nahm die Perspektive potenzieller Kunden ein und dachte um.

Er begann in der heimischen Küche zu tüfteln und entwickelte Wurst- und Fleischalternativen nach deutschen, später europäischen Vorbildern auf der Grundlage von Seitan. „Das war völlig neu.“ Vorbilder kannte der schwäbische Tüftler damals nicht.

Damit gelang die asiatisch-europäische Integration und das Familienunternehmen blühte auf. Klaus Gaiser kreierte fleischfreie Fleisch- und Wurstvarianten und kümmerte sich um den Verkauf, seine Frau und Mitgesellschafterin Sanni übernahm den Vertrieb und hielt alles am Laufen. Heute wandern ökologisch-vegetarische Chorizo, Weenies, Frankenberger, Schnitzel, Braten, Gyros oder Kebap unter dem Markennamen Wheaty vom schwäbischen Mössingen aus in europäische Länder, demnächst auch nach Übersee.

Wheaty-Etiketten gibt es in 14 Sprachen.

Umsatzplus dank BSE

Ein typischer Bio-Coup: Die BSE-Krise 2001 wurde für das Unternehmen zum „BSE-Wunder“ – der Umsatz stieg in einem Jahr um 80 Prozent und ging danach nicht mehr zurück, sondern kletterte weiter. In den vergangenen Jahren ist die Gemeinde der Vegetarier und Veganer so rasant gewachsen, dass Klaus Gaiser schon davon träumte, im Nachbardorf Belsen eine vegane Metzgerei zu eröffnen und eine Zeitlang in der nahegelegenen Studentenstadt Tübingen einen veganen Imbiss unterhielt.

Größere Konkurrenz

Doch gerade der Veggie-Motor ist es, der jetzt den schwäbischen Erfolgsunternehmer ausbremst. Denn vegetarisch geht auch konventionell. Und ausgerechnet die Rügenwalder Mühle, eines der großen Fleischverarbeitungsunternehmen in Europa, roch den Braten und sprang Anfang 2015 auf den vegetarischen Erfolgszug auf. Innerhalb von eineinhalb Jahren investierte der Branchenriese 44 Millionen Euro allein in die Werbung für seine neuen vegetarischen Produkte. Andere große Fleischhersteller zogen nach. Mit Erfolg. Weil nicht alle Vegetarier und Veganer überzeugte Ökos sind, hatte Topas das Nachsehen. „Seit drei Jahren stagniert der Gesamtumsatz“, stellt Klaus Gaiser fest. Wenn er auf diesen Teil der Unternehmensgeschichte zu sprechen kommt, schleicht sich ein bisschen Zynismus in die Erzählung. Mit einem öffentlichkeitswirksamen Ausstieg aus dem Vegetarierbund machte er sich Luft. Denn der Vebu hatte die Rügenwalder unterstützt und damit in Kauf genommen, dass Vegetarier-Pionieren, die ihr Geschäft aus Überzeugung machen, das Wasser abgegraben wird.

Mit Export zum Erfolg

Zum Glück hatte der erfolgreiche Unternehmer, der von sich sagt, Marketing sei nicht sein Ding und ein guter Kaufmann sei er auch nicht gerade, schon vor fünf Jahren seinen Schwiegersohn Charles-Henry Debal nach Deutschland gerufen. Der Franzose hatte zuvor in seiner Heimat bei Metro gearbeitet, war dort „der jüngste Abteilungsleiter“, wie Gaiser stolz berichtet. Der heute 31jährige Debal leitet inzwischen Marketing, Verkauf und Vertrieb. „Henry hat Umsatzrückgänge über Exporte kompensiert!“, lobt sein Schwiegervater. „Wir sind klein, reaktiv und schnell“, beschreibt Debal sein neues Schaffensfeld, „kein schwerer unbeweglicher Tanker wie die großen Fleischkonzerne.“ Darauf setze er seine Hoffnung.

Insbesondere Frankreich entwickelte sich in kurzer Zeit zum wichtigsten Exportland. Passend dazu kreierte Klaus Gaiser eine Wheaty-Merguez nach französisch-nordafrikanischem Vorbild. Die wurde zum Renner und eroberte 2015 in Paris bei der größten Bio-Fachmesse Frankreichs, der Natexpo, den zweiten Platz für Innovationen. Innovation also ist ebenfalls ein Pfund, mit dem Topas wuchern kann. „Wir müssen eben immer ein oder zwei Schritte voraus sein“, sagt Debal.

Neue Geschäftsführer

Seit März 2017 ist Charles-Henry Debal Geschäftsführer bei Topas, im vergangenen Januar übernahm der 55jährige Torsten Kramer als weiterer Geschäftsführer die Verantwortung für die Produktion. Der gelernte Fleischermeister hat die Metzgerei seiner Eltern auf Bio umgestellt, in den USA Betriebswirtschaft studiert, im Ausland gearbeitet. „Jetzt müssen Junge ran“, sagt Gaiser. Er hat sich im vergangenen Dezember vom Geschäftsführerposten zurückgezogen und hofft mit dem Einsatz der Neuen die Professionalisierung seines Betriebs voranzutreiben. Außerdem meint er, es sei immer gut, für sich, den vorauspreschenden, immer nach Neuem suchenden Kreativ-Menschen Mitarbeiter zu finden, die einen Gegenpol bilden, sich um Kontinuität und Ordnung kümmern.

Kreativ, dazu passt offen und undogmatisch, experimentier- und risikofreudig: Klaus Gaiser unternimmt tatsächlich einen vorsichtigen Ausflug in die Welt der Konventionellen. Er führte eine vegane Produktlinie ohne Öko-Zeichen ein. Seine Hoffnung: „Mit vegan schone ich Tiere, Klima und Umwelt. Und die große Anzahl Flexitarier sind ein riesiges Potenzial.“ Schwiegersohn und Geschäftsführer Charles-Henry Debal sieht das anders. „Wir sind Bio-Pioniere, haben dafür gekämpft, haben unsere Kanäle, unseren Kundenstamm. Konventionell, das passt nicht zu Topas.“ Tatsächlich laufe die konventionelle Linie auf minimaler Sparflamme, räumt der Ältere ein.

Immer neue Produkte

Klaus Gaiser erfindet also nach wie vor neue vegane Wurst- oder Fleischalternativen, Ehefrau und Mitgesellschafterin Sanni Ikola-Gaiser, ein Jahr älter als ihr Mann, geht noch täglich in das Gebäude in der Mössinger Dreifürstensteinstraße und kümmert sich um die Auftragsabwicklung. Wie aber soll die Zukunft aussehen? „Das können wir noch nicht sicher sagen“, antwortet der Unternehmensgründer. Alle Kinder haben schon einmal im Betrieb hineingeschnuppert, die eine als Personalreferentin, der andere als Produktionsleiter. Der Älteste kümmert sich immer noch um Grafik und Werbung, eine Tochter springt gelegentlich ein, wenn jemand für einen Messestand benötigt wird. Doch alle führen ihr eigenes (Arbeits-)leben. Klar ist: Keiner soll in eine Rolle hineingezwungen werden.

So richtig beunruhigt wirkt Klaus Gaiser nicht bei der Frage nach dem hinterher. Er hat Lebenserfahrung, Erfahrung als Produktentwickler und Erfahrung als Unternehmer. Er weiß: Vorwärts kommt man mit einem Schritt nach dem anderen; es findet sich immer ein Weg. Und Rückschläge überlebt man.

3 Fragen an Topas-Gründer Klaus Gaiser

Foto: Topas-Gründer Klaus Gaiser und Schwiegersohn Charles-Henry Debal

Sie sind 66. Wann haben Sie genug vom Arbeitsleben?

Den Posten als Geschäftsführer habe ich im vergangenen Dezember an zwei Jüngere abgegeben. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, ab dem neuen Jahr nur vier Tage pro Woche zu arbeiten. Noch sind es fünfeinhalb. Aber das wird kommen.

Was wird in zehn Jahren sein?

Ich erwarte trotz aller Herausforderungen durch die großen Fleischkonzerne, dass es uns gelingen wird, Kapital ins Unternehmen einfließen zu lassen und Topas weiter zielstrebig auszubauen. Wir haben das Potenzial, in zehn Jahren einer der wichtigsten Vegan-Produzenten in Europa zu sein.

Und wie wird es überhaupt mit Topas weitergehen?

Dazu kann ich noch nichts sagen. An wen oder was wir das Unternehmen weitergeben oder vererben werden, daran knobeln wir noch.

Zahlen – Daten – Fakten

1993: Gründung der Topas GmbH
Sortiment Wheaty: über 35 Produkte wie Aufschnitt, Würste, Gyros, Roulade, Vesttagsbraten, Snackriegel, Käsealternativen
Anzahl Mitarbeiter: über 100
Tagesgewicht Seitan in der Produktion: 5 Tonnen Exporte europaweit; Wheaty-Etiketten gibt es in 14 Sprachen, Wheaty wird über Naturkostläden und Reformhäuser vertrieben
Firmenstandorte:Mössingen (Verwaltung und Vertrieb), Kernen (Produktion)
Geschäftsführer: Charles-Henry Debal, Torsten Kramer
Webseite: www.wheaty.de

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