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Was LEH und Discount fürs Tierwohl tun – und was nicht

Wie steht es um das Engagement großer LEH-Ketten und Discounter beim Thema Tierhaltung? Die Albert Schweitzer Stiftung geht dieser Frage regelmäßig nach. In ihrem jüngsten Bericht sieht sie Verbesserungen, aber auch noch viele Mängel.

Die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt hat zum dritten Mal untersucht, wo die größten deutschen Supermärkte und Discounter beim Thema Tierschutz stehen. Dafür hat die Stiftung analysiert, welchen Richtlinien die Unternehmen beim Tierschutz folgen und welche Ziele sie sich gesetzt haben, um das Tierwohl in Deutschland zu fördern.

Grundlage für die Bewertung waren die öffentlichen Einkaufsrichtlinien der Einzelhändler. Die Stiftung suchte dort nach detaillierten Tierwohlvorgaben für die verschiedenen Tiergruppen. Ein wichtiger Aspekt war dabei, wie weit die Lebensmitteleinzelhändler bereits beim Ausstieg aus den „Haltungsform“-Stufen 1 und 2 sind. Ein weiterer Fokus lag darauf, welche Mindeststandards für Masthühner bei den Supermärkten und Discountern gelten.

Allgemeines Fazit der Albert Schweitzer Stiftung, deren ausgegebenes Ziel es ist, die Tierschutzstandards zu erhöhen und den Konsum von Tierprodukten zu reduzieren: „Wie schon 2020 können wir feststellen, dass die meisten Händler den Tierschutz im Blick haben und in einigen Bereichen fortschrittlich agieren. Doch weiterhin bleibt bei allen Unternehmen viel zu tun und die Umsetzung muss deutlich schneller vorangehen.“

Im aktuellen Tierwohl-Ranking schneiden Aldi Nord und Aldi Süd besser ab als die Konkurrenz. Sie erreichen mit 36 Prozent allerdings nur etwas mehr als ein Drittel der möglichen Punktzahl. Direkt dahinter folgen Tegut und Kaufland. Das Schlusslicht bilden Edeka, Netto Marken-Discount und Bela (Familia, Markant, Nah & Frisch). Die Ergebnisse im Detail:

Platz 1: Aldi Nord und Süd punkten mit Masthuhn-Initiative

Anders als vor vier Jahren, schaffen es die Aldi-Ketten dieses Mal im Albert-Schweitzer-Ranking auf den ersten Platz. Ein Grund ist deren Beitritt zur Europäischen Masthuhn-Initiative, die von der Albert Schweitzer Stiftung mitgegründet wurde und mit der eine entsprechende Umstellung der Lieferketten verbunden ist. Positiv bewertet die Albert Schweitzer Stiftung außerdem, dass die Discounter bei Legehennen, Junghennen und Küken ihre Eigenmarkenprodukte auf KAT-Standards umstellen und darüber transparent berichten.

Ebenfalls positiv bewertet die Stiftung, dass Aldi Süd und Nord angekündigt haben, bis 2030 komplett aus den besonders tierschutzproblematischen „Haltungsform“-Stufen 1 und 2 auszusteigen und bei der Umsetzung den gesetzten Zwischenzielen bereits voraus sind. Anfang April gab Aldi Süd bekannt, ab sofort nur noch Rindfrischfleisch aus den Haltungsformen 3 und 4 zu beziehen. Die Umstellung auf Putenfrischfleisch, das ausschließlich aus Haltungsform 3 und 4 sowie zu 100 Prozent aus Deutschland stammt, war für März 2024 angekündigt.

Nachholbedarf sieht die Albert Schweitzer Stiftung indes bei der Formulierung konkreter Ziele zur Reduktion tierischer Produkte sowie dem Ausbau und der Verbesserung des pflanzlichen Angebots (Protein-Diversifikation). Bei diesem Thema seien andere Händler im In- und Ausland schon deutlich besser aufgestellt als die Aldis.

Was ist KAT?

KAT ist ein Prüfsystem für Eier, das alle Produktionsstufen vom Mischfutterhersteller über Brüterei, Aufzucht bis zum Verkauf des fertigen Eiprodukts im Einzelhandel kontrolliert. Für die Teilnehmer am KAT-System gelten strengere Vorschriften als in den EU-Verordnungen und -Richtlinien festgelegt sind.

Platz 2: Tegut hat Spitzenplatz verloren

Auch bei Tegut lobt die Albert Schweitzer Stiftung das Engagement bei der Umsetzung der Europäischen Masthuhn-Initiative. Das Ziel der vollständigen Umsetzung bis 2025 bleibe realistisch. Eine Stärke des Unternehmens seien zudem „die teilweise umfassenden Vorgaben für einzelne Eigenmarken“. Tegut könne hier bei diversen Tiergruppen punkten, bei denen die Konkurrenz schwach aufgestellt sei. Abgeschwächt wird dieses Lob, weil diese Vorgaben häufig nur für einzelne Eigenmarken und Bio-Produkte gelten.

Bei Teguts Negativliste sieht die Stiftung „noch viel Luft nach oben“. Unter anderem fehle es an einem klaren Ausschluss des Kükentötens bei Schaleneiern und verarbeiteten Eiern in Eigenmarkenprodukten. Fortschrittlichkeit lasse das Unternehmen ebenfalls beim Umstieg auf KAT-Standards für seine Eigenmarkenprodukte vermissen. Außerdem fehle es an einem „konkreten, anspruchsvollen Ziel zur Protein-Diversifikation“, schreiben die Autoren. „Tegut ist damit im Ranking prozentual der größte Verlierer, hat seine Vorreiterrolle verloren und muss jetzt sogar aufpassen, nicht abgehängt zu werden.“

Platz 3: Kaufland verbessert sein Gesamtergebnis

Beim drittplatzierten Kaufland bewertet das Albert-Schweitzer-Ranking positiv, dass der Geltungsbereich bei vielen Haltungsvorgaben sehr weitreichend sei. Den größten Mangel sieht die Stiftung den „noch immer ausstehenden Beitritt zur Europäischen Masthuhn-Initiative.“ Was den Schutz von Fischen und anderen Wassertieren angehe, drohe Kaufland ebenfalls hinter die Konkurrenz zurückzufallen, obwohl sich die Lidl-Schwester von Anfang an beim Initiativkreis Tierschutzstandards Aquakultur (ITA) engagiert.

„Offensichtliche Schwachstellen“ sehen die Autoren außerdem bei der Umstellung der Eigenmarkenprodukte auf KAT-Standards und anspruchsvollen Zielsetzungen für die Protein-Diversifikation. Und: „Das Unternehmen ist zwar Teil des ,Haltungsform‘-Programms, fällt allerdings bei Zielsetzung und Umstellung auf die Stufen 3 auf 4 weitgehend hinter der Konkurrenz zurück“, so das Urteil der Stiftung.

Europäische Masthuhn-Initiative

  • Maximale Besatzdichte: 30 kg/m² (bis zu 20 Tiere/m²)
  • Anforderungen an Hühnerrassen: bestimmte Rassen vorgeschrieben (langsam wachsend, robust)
  • Tageslicht vorgeschrieben: Ja
  • Sitzstangen: 2 Meter pro 1.000 Tiere
  • Pickmöglichkeiten: 2 Gegenstände pro 1.000 Tiere
  • Besondere Futtermittelvorschriften: Keine
  • Auslauf an der frischen Luft: Nein
  • Kontrolle: Jährliche Audits durch Dritte
Quelle: Europäische Masthuhn-Initiative

Platz 4: Globus legt deutlich zu

Dank der erstmaligen Veröffentlichung von expliziten und gesonderten Tierschutz-Leitlinien, hat es Globus im aktuellen Albert-Schweitzer-Ranking auf den vierten Platz geschafft. Die Supermarktkette ist 2021 nach Aldi als zweiter deutscher Lebensmitteleinzelhändler der Europäischen Masthuhn-Initiative beigetreten und gehört der Albert Schweitzer Stiftung zufolge zu den Unternehmen, die die Umstellung auf bessere Haltungsbedingungen bereits seit mehreren Jahren voranbringen. Globus sei darüber hinaus eines der ersten Unternehmen in Deutschland gewesen, die Hühnereier aus Käfighaltung komplett ausgelistet haben.

Auch in fast allen sonstigen bewerteten Kategorien habe Globus deutlich zugelegt. Hohe Werte gab es beispielsweise für die Negativliste (71 Prozent). Die Autoren bemängeln aber auch, dass sich Globus keine Ziele gesetzt habe, sich von dem weniger weitreichenden gesetzlichen Tierwohl-Mindeststandard bei Eigenmarkenprodukten zu verabschieden. Des weiteren fehlt der Stiftung ein ambitionierter Schwenk in Richtung pflanzlicher Proteine.

Platz 4: Rewe – volle Unterstützung der Europäischen Masthuhn-Initiative

Kaum ein Lebensmittelhändler berichtet öfter über sein Nachhaltigkeits-Engagement wie die Rewe-Gruppe. Das Unternehmen teilt sich mit Globus den vierten Platz. Positiv beeinflusst wird die Tierwohlbilanz der Kölner aus Sicht der Albert Schweitzer Stiftung durch eine volle Unterstützung der Europäischen Masthuhn-Initiative und der Umstellung auf mit der Initiative konforme Produkte. „In den Tierschutzrichtlinien der Rewe Group stechen beispielsweise die recht hohen Werte bei den Milchkühen positiv hervor“, schreiben die Autoren. Rewe hat sich öffentlich das Ziel gesetzt, das bis Ende 2023 alle Milch- und Molkereiprodukte für die Eigenmarken von Tieren in den Haltungsstufen 3 und 4 kommen.

Negativ bewertet wurde unter anderem, dass es bei Rewe „noch am vollständigen und tierschutzfreundlichen Ausstieg aus dem Kükentöten (Schaleneier und verarbeitete Eier in Eigenmarken) mangelt“.

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Platz 5: Norma tut noch zu wenig

Norma hat gegenüber 2020 einen Platz im Albert-Schweitzer-Ranking gut gemacht und sein Ergebnis in der Gesamtwertung verdoppelt. Das Unternehmen sei sehr früh der Europäischen Masthuhn-Initiative beigetreten, teilt die Schweitzer Stiftung mit. Bei den Tierschutzrichtlinien für die meisten Tierarten komme Norma dagegen nur auf Werte im einstelligen Bereich.

Positiv heben sich laut Stiftung dabei die Richtlinien für Milchkühe und Kaninchen ab, wo es gegenüber 2020 starke Verbesserungen gegeben habe. Auch in den Bereichen „käfigfrei“ sowie Verzicht auf Schnabelkürzen und Kükentöten sei Norma vorne mit dabei.

Jedoch habe Norma keine Ziele zur Abkehr vom gesetzlichen Mindeststandard bei Eigenmarkenprodukten (vergleichbar mit einem Ausstieg aus den „Haltungsform“-Stufen 1 und 2) veröffentlicht. Viel Luft nach oben gebe es auch bei der Eigenmarkenumstellung auf KAT-Standards.

Platz 6: Lidl positioniert sich deutlich, rutscht aber ab

Lidl hat sein Ergebnis laut der Albert Schweitzer Stiftung verschlechtert, was den Discounter im Ranking mehrere Plätze nach unten rutschen ließ. Besonders kritisiert wird, dass das Unternehmen sich weiterhin weigere, der Europäischen Masthuhn-Initiative beizutreten.

Positiv wertet die Stiftung dagegen die fortschrittliche Strategie der Protein-Diversifikation, mit der sich das Unternehmen in diesem Bereich an die Spitze gesetzt habe. So solle der Anteil pflanzlicher Proteine bei dem Discounter bis 2030 auf 20 Prozent steigen. Die meisten pflanzlichen Produkte der Eigenmarke Vemondo würden zudem preislich den entsprechenden Tierprodukten angepasst.

Lidl ist laut der Stiftung wie Aldi Nord, Aldi Süd und Rewe beim Tierschutz in Aquakulturen weit vorangeschritten und positioniere sich deutlicher als andere Unternehmen. Von Lidl selbst ins Leben gerufen wurde das „Haltungsform“-Programm. Bisher habe der Discounter aber nur für Stufe 1 ein verbindliches Ziel formuliert, nicht für den Ausstieg aus Stufe 2 für alle Tierarten.

Die Stiftung bedauert dies, „da eine wirkliche Chance für die Anhebung der Mindeststandards nur gegeben ist, wenn die Händler mit allen Tierprodukten aus den beiden schlechtesten Stufen aussteigen“, heißt es im begleitenden Text zum Ranking. Nachholbedarf bestehe außerdem beim allgemeinen Ausschluss des Schnabelkürzens und der Eigenmarkenumstellung auf KAT-Standards.

Platz 7: Edeka zu wenig ambitioniert

Auf dem drittletzten Platz im Ranking landet Edeka. Trotz einer Verbesserung des Ergebnisses um gut sechs Prozentpunkte rutsche Edeka aus dem Mittelfeld um mehrere Plätze nach unten, heißt es von der Albert Schweitzer Stiftung. Entscheidend dazu beigetragen habe auch hier, dass der Einzelhändler noch nicht die Europäische Masthuhn-Initiative unterzeichnet hat – und dass die Konkurrenz auch bei anderen Themen deutlich ambitionierter vorangehe.

Das Unternehmen sei zwar Mitglied des „Haltungsform“-Programms, liege beim Ausstieg aus den problematischen Stufen aber noch weit zurück. Bei den Tierschutzrichtlinien reichen die Werte von 0 Prozent bei Mastgänsen und Mastenten bis zu 43 Prozent bei Milchkühen.

Der überwiegend geringe Geltungsbereich schränke Edekas Punkte ein: Oft biete Edeka nur lokal begrenzte Programme und Label an. Mehr Punkte könnte das Unternehmen sammeln, indem Vorgaben für die gesamte Sortimentsbreite, vor allem für alle Eigenmarken, gemacht werden.

Platz 8: Netto Marken-Discount hat „großen Nachholbedarf“

Beim letzten Ranking wurde Netto Marken-Discount insbesondere für fehlende aussagekräftige und vollständige Tierschutzrichtlinien kritisiert. Hier hat Netto laut der Albert Schweitzer Stiftung nur wenig nachgebessert. Als positive Ausnahme nennt sie die Richtlinien für Milchkühe. Leicht punkten könne Netto auch mit seiner Zielsetzung zum Ausstieg aus „Haltungsform“-Stufe 1, wobei der Discounter beim so wichtigen Ausstieg aus Stufe 2 deutlich schwächer aufgestellt sei als die Mitbewerber. Insgesamt gebe es bei Netto weiterhin großen Nachholbedarf. Das Gesamtergebnis sei „enttäuschend“.

Platz 9: Bela ohne Verbesserung

Das Schlusslicht des Rankings bildet die Bela-Gruppe. 2020 lag das Unternehmen, zu dem unter anderem 90 Famila-Warenhäuser und über 30 Markant-Supermärkte gehören, noch an vorletzter Stelle vor Globus. „Wir können gegenüber 2020 kaum Verbesserungen feststellen“, heißt es von der Albert Schweitzer Stiftung.

Das Unternehmen verfüge weiterhin über viel zu wenige konkrete und umfassende Vorgaben. Es nehme weder am „Haltungsform“-Programm teil, noch habe es äquivalente Ziele zur Abkehr vom gesetzlichen Mindeststandard bei Eigenmarkenprodukten formuliert. Auch bei der Negativliste stehe es mit Abstand an letzter Stelle. Das Fazit der Stiftung lautet: „Wirklich positive Aspekte können wir hier keine finden.“

Es fehlt nach wie vor an klaren Zielvorgaben

Das Fazit der Albert-Schweitzer Stiftung fällt nach dem aktuellen Auswertung gemischt aus: Zwar hätten seit letzten umfassenden Analyse im Jahr 2020 die meisten Unternehmen erkannt, wie wichtig es ist, ihre enorme Verantwortung für den Tierschutz wahrzunehmen.

Allerdings: „Leider spiegelt sich die mit der Größe des Einzelhändlers steigende Verantwortung in den Ergebnissen nicht in ausreichendem Maße wider.“ Insgesamt fehlten bei den Supermärkten und Discountern nach wie vor in vielen Bereichen klare Zielvorgaben. Und auch bei der verbindlichen Umsetzung bereits formulierter Ziele und Vereinbarungen hapere es.

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