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LEH und Discount

Studie: Aldi, Rewe und Co. motivieren nicht genug zum nachhaltigen Einkaufen

Trotz vieler grüner Botschaften: Eine aktuelle Fibl-Studie attestiert Deutschlands umsatzstärksten Supermärkten Handlungsbedarf in Sachen ökologische Nachhaltigkeit. Die Forscher empfehlen der Politik, die Unternehmen hierbei zu unterstützen.

Deutschlands größte Lebensmitteleinzelhändler nutzen ihren Handlungsspielraum bisher nur unzureichend, um ihr Unternehmen und damit das Ernährungssystem umweltfreundlicher zu gestalten. Das zeigt eine aktuelle Studie des Forschungsinstitut ökologischer Landbau (Fibl) Schweiz im Auftrag des deutschen Umweltbundesamtes (UBA). „Zwar weisen einzelne Unternehmen besondere Leistungen in verschiedenen Handlungsfeldern auf. Diese sind jedoch nicht ausreichend, um ihren Beitrag zur notwendigen Transformation des Ernährungssystems zu leisten“, schreiben die Autoren.

Die Studie, deren Ergebnisse am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurden, hat die Umweltleistungen der acht umsatzstärksten Lebensmitteleinzelhändler Edeka und Netto Markendiscount (Edeka-Verbund), Rewe und Penny (Rewe-Group), Kaufland und Lidl (Schwarz-Gruppe) sowie Aldi Nord und Aldi Süd in den Bereichen Lieferkette, eigene Standorte und Konsum für das Jahr 2020 bewertet und miteinander verglichen. Laut des Fachmagazins „Lebensmittelpraxis“ wurden im vergangenen Jahr rund 75 Prozent des gesamten Umsatzes im Lebensmitteleinzelhandel in den Märkten der sogenannten „Big Four“ erwirtschaftet.

Zum methodischen Ansatz der Studie

Die Fibl-Studie hat untersucht, inwieweit die „Big Four“ des Lebensmitteleinzelhandels ihren Handlungsspielraum, sprich ihre Möglichkeiten ausschöpfen, um das Ernährungssystem nachhaltiger zu machen. Nicht gemessen wurde, ob beziehungsweise inwieweit Nachhaltigkeitsmaßnahmen der Lebensmitteleinzelhändler tatsächlich wirken. Die Forscher begründen ihren eher theoretischen Ansatz unter anderem damit, dass es für eine Bewertung der tatsächlichen Umweltauswirkungen keine ausreichende Datengrundlage und keine allgemein akzeptierten Quantifizierungsmethoden gäbe.

Der Fokus der Studie lag auf den Lebensmittel-Eigenmarken der Unternehmen. Den Anteil aller Handelsmarken am Lebensmittelgesamtumsatz beziffern Marktforscher wie Nielsen oder die GfK auf knapp 40 Prozent. Aufgrund der stark gestiegenen Lebensmittelpreise griffen Verbraucher zuletzt auch bei Bio-Produkten verstärkt zu den Eigenmarken der großen Händler.

Zahlreiche positive Ansätze im LEH und Discount

Das zentrale Ergebnis der Studie: Die LEH- und Discount-Ketten haben sich Umweltthemen wie etwa die Lebensmittelverschwendung auf einer strategischen Ebene angenommen und hier umfangreiche und teilweise ambitionierte Zielsetzungen ausgerufen. Andererseits lägen die so erzielten Veränderungen noch weit hinter dem, was für die Unternehmen möglich wäre, so die Autoren der Studie, der laut eigenen Aussagen die bislang umfassendste Zusammenstellung von Daten von Lebensmittelhändlern zu Grunde liegt.

In den Ergebnissen schneiden die Unternehmen vor allem bei der Berichterstattung zu Umweltzielen sowie bei Energieeffizienzsteigerungen in den Filialen und Produktionsstätten eher gut ab. Das Gleiche gilt für Umweltkampagnen und Sensibilisierungsmaßnahmen zum Thema Nachhaltigkeit.

Ebenfalls positiv bewerten die Studienautoren unter anderem das „große Angebot an Biolebensmitteln“ – 62 Prozent des Umsatzes mit Bio-Produkten werden im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel gemacht. Und auch Aktionen und Kampagnen zur Reduktion von Lebensmittelverschwendung – wie beispielsweise aktuell bei Edeka oder zuletzt bei Lidl – sowie Pilotprojekte zum Klima- und Umweltschutz, etwa zur Darstellung der Umweltkosten in den Verkaufspreisen, wie es Penny versuchsweise in einer Berliner Filiale bis August 2022 gemacht hat, wurden in der Studie positiv bewertet.

Nur wenig Werbung für umweltfreundliche Produkte

Insgesamt stellt die Studie Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Co. aber nur ein mäßiges Zeugnis in den Bereichen Lieferkette, eigene Standorte und Konsum aus. Dabei schnitten sie „in kommunikationsbezogenen Handlungsfeldern besser ab als in strategie- und umsetzungsbezogenen Handlungsfeldern“, heißt es in der Studie. Man könnte es auch so sagen: Ihren großen Nachhaltigkeitsversprechen haben die konventionellen Lebensmitteleinzelhändler bislang nicht in gleichem Umfang Taten folgen lassen.

Vor allem wenn es darum geht, Waren und Rohstoffe nachhaltig einzukaufen, nutzen die Unternehmen ihre Möglichkeiten überhaupt nicht oder nur unzureichend, schreiben die Studienautoren. Das Gleiche gelte für die Ladengestaltung, Produktplatzierung und Werbung, um Kundinnen und Kunden zu motivieren, umweltfreundlicher einzukaufen.

Der Studie zufolge ist Werbung für umweltfreundliche Produkte bei allen untersuchten Supermärkten anteilsmäßig unterrepräsentiert. Demnach machten Lebensmittel, die mit Nachhaltigkeitslabeln zertifiziert sind, in Wochenprospekten nur knapp sieben Prozent der beworbenen Nahrungsmittel aus. Darüber hinaus waren im Untersuchungszeitraum Lebensmittel tierischen Ursprung mit 46 Prozent deutlich häufiger vertreten als pflanzliche Ersatzprodukte mit nur zwei Prozent.

Nachhaltigkeit muss sich rechnen

Den Forschern zufolge begreifen die Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit als Wettbewerbsfaktor, mit dem sie sich gegenüber ihren Kunden positiv darstellen möchten. „Dies führt allerdings dazu, dass Maßnahmen zur Förderung der ökologischen Nachhaltigkeit aufgrund von betriebswirtschaftlichen Überlegungen, d.h. nach ihrem Kosten-Nutzen-Verhältnis für das Unternehmen, priorisiert werden“, schreiben die Autoren. Als Beispiel nennen sie Energieeinsparungen, die auch aus betriebswirtschaftlicher Perspektive sinnvoll sind. Auch den Ausbau von Premiummarken, etwa beim Bio-Sortiment, zählen die Autoren hierzu, „da eine zusätzliche Zahlungsbereitschaft abgeschöpft werden kann.“

Maßnahmen hingegen, die gut für die Umwelt, aber womöglich dem unternehmerischen Erfolg abträglich wären, werden der Studie zufolge „nur in geringem Ausmaß umgesetzt“. Oftmals seien es aber gerade diese Maßnahmen, die besonders effektiv wären, um Umweltziele zu erreichen. Als eine „technisch leicht umsetzbare Maßnahme“ nennt die Studie beispielsweise die Werbung für tierische Erzeugnisse oder außersaisonale Ware, die mitunter vom anderen Ende der Welt eingeflogen wird, zu reduzieren. „Die vorliegenden Ergebnisse zeigen aber, dass sie bei keinem der Unternehmen systematisch zu beobachten sind.“

Aufgrund der aktuellen Rahmenbedingungen mit zuletzt horrend gestiegenen Energie- und Rohstoffpreisen sowie schwindender Kaufkraft bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern gehen die Studienautoren davon aus, dass LEH und Discounter kaum umweltfreundliche Entscheidungen treffen werden, die für sie wirtschaftlich unvorteilhaft sind.

Neben Handlungsempfehlungen für die Unternehmen selbst, empfiehlt das Forscherteam die politischen Rahmenbedingungen so zu verändern, dass die LEH-Ketten und Discounter ihre Umweltleistungen verbessern können, ohne dadurch wesentliche Wettbewerbsnachteile zu erleiden. Hierzu brauche es einen komplexen Mix aus regulatorischen Maßnahmen und finanziellen Anreizen. „Der politische Umgang mit der Marktmacht des LEH bestimmt auch wesentlich die Strategie, das gesamte Ernährungssystem mittels politischer Maßnahmen nachhaltiger zu gestalten“, schreiben die Autoren.

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