Wissen. Was die Branche bewegt
Spielberger Mühle

Leucht­turm der Branche

„Einer der traditionellsten und konsequentesten Bio-Hersteller in Deutschland“ – so selbstbewusst präsentiert sich die Spielberger Mühle im Internet. Große Worte, die sich mit ehrgeizigen Zielen verbinden. Das zeigt ein Besuch in Brackenheim.

04.02.2020 vonGudrun Ambros

17.160 Tonnen Getreide verarbeitet die Spielberger Mühle jährlich.

„Einer der traditionellsten und konsequentesten Bio-Hersteller in Deutschland“ – so selbstbewusst präsentiert sich die Spielberger Mühle im Internet. Große Worte, die sich mit ehrgeizigen Zielen verbinden. Das zeigt ein Besuch in Brackenheim.

Die alte Mühle steht nicht mehr. Stattdessen: ein moderner Mühlenturm, um den sich Lager- und Produktionsbauten drängen. Die Verwaltung ist in einem Niedrigenergiehaus – ein kernsaniertes Wirtschaftsgebäude – untergebracht, das so oder so ähnlich auch vor 300 Jahren schon dort stand.

Oben im Seminarraum sitzt Volkmar Spielberger am Tisch: Sweatshirt, Fleeceweste, Cargohose. Wenn er spricht, baut er gelegentlich Pausen ein und sortiert seine Gedanken – damit das, was er sagt, unmissverständlich formuliert ist.

Die Geschichte der Mühle, erstmals erwähnt 1648, ist schnell erzählt. Seit 1989 leitet Volkmar Spielberger das Unternehmen in Brackenheim (Landkreis Heilbronn) in dritter Generation. Maßgebliche Akteure vor ihm waren sein Vater Hans und Großmutter Hermine, die 1930 die Mühle gekauft hatte.

1959 stellte Hans Spielberger die damals noch zur Mühle gehörenden Flächen auf Demeter-Anbau um. Nach und nach überzeugte er umliegende Landwirte von dieser Wirtschaftsweise. Seit den 80er Jahren verarbeitet die Mühle ausschließlich Bio-Getreide – einen Großteil davon in Demeter-Qualität. Heute engagiert sich Geschäftsführer Volkmar Spielberger vor allem für die Züchtung von biodynamischen Getreidesorten.

Eine Marke, sonst keine

Der Enkel der Gründerin übernahm einen Pionierbetrieb: „Das ist kein Adel, sondern eine Verpflichtung“, findet er. Und vielleicht ist das „Vorne mit dabei sein“ tatsächlich ein Markenzeichen der Demeter-​Mühle. Mitte der 1980er war sie eine der ersten, die auch Bio-Handelsmarken belieferte.

„Da waren neue Märkte entstanden und wir überlegten gar nicht, ob dieses Vertriebskonzept gut oder schlecht war“, erklärt Volkmar Spielberger. 2008 endete die Zusammenarbeit. Anders hätte sich eine Abhängigkeit nicht verhindern lassen. Keiner sollte die Möglichkeit bekommen, Mühlenbetreiber und Landwirte unter Druck zu setzen.

„So etwas endet nur mit längeren Zutatenlisten und geringeren Qualitäten“, argumentiert der Geschäftsführer und ergänzt: „Wir haben weder ein Tochterunternehmen, noch ein Private Label für den LEH. Unsere zweite Marke Burgermühle geht ebenfalls nur an den Fachhandel.“ Denn: „Weniger ist mehr.“ Der 54-Jährige vermutet: „Da sind wir die Ausnahme.“ Eine klare Position in Zeiten, in denen die Branche darüber streitet, ob es sinnvoll, vermeidbar oder unumgänglich ist, ureigene Bio-Marken über den konventionellen LEH zu vertreiben.

Packen von Aktionspaketen für die Kampagne "Der Sinn der Sache".

Verträge mit Großhändlern

Das Mühlenunternehmen ging sogar noch einen Schritt weiter. Es ließ Verträge entwickeln, die die Großhändler dazu verpflichten, ausschließlich den Bio-Fachhandel mit seinen Produkten zu beliefern. „Einige Großhändler gratulierten uns, andere wehrten sich“, berichtet der Geschäftsführer. Anfangs hätten mehrere Hersteller signalisiert, sie würden dieses Vertragskonzept gern übernehmen Tatsächlich gibt es bis heute keine Nachahmer, zumindest nicht offiziell.

„Manche verhalten sich so, auch ohne Vertrag“, räumt Spielberger ein, und er gibt zu, das Konzept stringent durchzuziehen, sei nicht immer einfach. „Doch jedem in der Branche ist jetzt klar: Ein selektiver Vertrieb ist möglich.“

Eigene Wege gehen

Ein Leuchtturm-Projekt – und nach Volkmar Spielbergers Überzeugung auch ein Erfolgsrezept: Ein ​​Unternehmen, das sich traut, authentisch zu agieren, wirke wie ein dynamisierendes Präparat in der biodynamischen Landwirtschaft: „Wir bekommen immer mehr Zuspruch, die Nachfrage steigt.“ Seit Jahren weise das Unternehmen höhere Wachstumsraten auf als die Branche.

Eigene Wege gehen, unabhängig sein – zwei Eigenschaften, die bei Spielberger groß geschrieben werden, auch wegen einer weiteren Erfahrung: 2002 hatte sich die Spielberger Mühle mit Naturata zu einer Aktiengesellschaft zusammengeschlossen in der Hoffnung, gemeinsam Kosten einzusparen und Synergieeffekte zu erzielen. Kein abwegiges Unterfangen, zumal Hans Spielberger Mitbegründer von Naturata war, das ursprünglich als Großhändler agierte. Die Hoffnungen zerschlugen sich, die AG löste sich 2008 wieder auf.

Im Bereich Finanzen will Volkmar Spielberger ebenfalls autark bleiben. „Wir finanzieren uns in der Regel bankenunabhängig“, erklärt er. Stattdessen setze man auf alternative Finanzierungsmodelle wie längerfristige Kredite durch private Kapitalgeber oder Genussrechte. Diese gibt es derzeit beispielsweise für den Neubau auf den Grundmauern der ursprünglichen Mühle. Die alte Mahlmühle soll als Schaumühle wieder aufgebaut werden. Außerdem geplant sind Veranstaltungsräume und ein Mühlenladen, der derzeit noch provisorisch in einem Container untergebracht ist.

Seit 30 Jahren leitet Volkmar Spielberger die gleichnamige Mühle.

Blick in die Zukunft

Für die Zukunft der Mühle sucht Volkmar Spielberger noch nach einer Unternehmensform, die Eigentum und Führung voneinander trennt: Momentan ginge das nur über eine Stiftung, aber „das funktioniert heute noch nicht ganz zufriedenstellend“, findet er.

Seiner Überzeugung nach sollte ein Unternehmen weder einer Familie, noch einem Konzern gehören, sondern nur seinem eigenen Zweck dienen. Niemand solle die Mühle mit ihren Werten an jemanden verkaufen können, der diese nicht unterstützt.

Drei Fragen an Volkmar Spielberger

Was macht Ihnen im Unternehmen zurzeit am meisten Freude?

Unsere gemeinsam mit dem Handel entwickelte Marketing-Aktion. 250 Läden machen mit. Wir bieten den Kunden keine billigen Aktionspreise, sondern zeigen ihnen den Mehrwert unserer Bio-Produkte. „Der Sinn der Sache“ heißt die Kampagne.

Sie engagieren sich auch im BNN. Was war dort Ihr erfolgreichstes Projekt in der letzten Zeit?

Der Biobranchen-Datenpool. Wir haben es geschafft, dass sich 630 Hersteller auf ein gemeinsames System zur Erfassung und Pflege der Branchendaten geeinigt haben. Da ziehen im Aufsichtsrat Menschen an einem Strang, die im Alltag Konkurrenten sind. Und das mit Erfolg und schon seit sechs Jahren.

Wie sehen Sie sich in der Branche?

Nicht als Missionar. Wir wollen und können nichts erzwingen. Eher als Leuchtturm, an dem sich andere orientieren können. Wir wollen authentisch sein, nehmen uns der Dinge umfänglich an. Das zeichnet uns aus. Und das führt zum Erfolg.

Zahlen – Daten – Fakten

Gründung 1930 durch Hermine und Fritz Spielberger

Standorte: Mehlmühle Brackenheim, Flockenmühle Würzburg

Sortiment: Getreide, Mehl, Flocken, Müsli, Flakes, Reis, Nudeln, Saaten, glutenfreies Sortiment; insgesamt 170 Produkte, über 90 Prozent in Demeter-Qualität

Marken: Spielberger und Burgermühle

Anzahl Mitarbeiter: 60, davon sind 16 Frauen; 3 Azubis

Produktion: Dreischichtbetrieb, Sechs-Tage-Woche; Die Mehlmühle verarbeitet 25 Tonnen Getreide am Tag, die Flockenmühle 30 Tonnen

Vertrieb: Naturkostfachhandel, Bäcker, Verarbeiter

Logistik: vier eigene LKW

Geschäftsführung: Volkmar Spielberger

Webseite: www.spielberger-muehle.de

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