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Transformation

Sind wir wirklich eine Branche?

Bio ist Mainstream geworden. In dieser neuen Biowelt suchen altgediente Bio-Pioniere ihre Rolle – und müssen ihr Verständnis für die Branche umdeuten.

06.09.2021 vonLeo Frühschütz

Innerhalb der Bio-Branche ziehen nicht immer alle Akteure an einem Strang.

Bio ist Mainstream geworden. In dieser neuen Biowelt suchen altgediente Bio-Pioniere ihre Rolle – und müssen ihr Verständnis für die Branche umdeuten.

Bis vor Kurzem hieß der größte Biohändler Deutschlands noch Aldi – zumindest was den Anteil des Discounters an den 15 Milliarden Euro angeht, die die Menschen in Deutschland 2020 für Bio-Lebensmittel ausgegeben haben. Inzwischen konnte Edeka dank guter Geschäfte Aldi vom Spitzenplatz beim Bio-Umsatz verdrängen. Aber sind Aldi und Edeka auch gemeint, wenn Marktteilnehmer, Journalisten oder Wissenschaftler von der „Bio-Branche“ sprechen?

Ja. Dort, wo es um die nackten Zahlen geht, um den bundesweiten Bio-Umsatz, den Anteil an der Bio-Fläche oder den Bio-Milchpreis, da zählen sie alle zur Bio-Branche. Alle 52.185 zertifizierten Bio-Erzeuger, Verarbeiter und Händler in Deutschland und auch diejenigen Händler und Gastronomen, die zwar mit Bio-Lebensmitteln Geld verdienen, sich aber bisher nicht haben zertifizieren lassen.

Bio-Branche ist Fiktion

Doch gibt es so etwas wie eine Bio-Branche jenseits dieser Zahlen? „DIE Bio-Branche gibt es nicht. Dafür agieren zu viele Unternehmen mit zu vielen Einzelinteressen“, sagt etwa Michael Radau, Vorstand der Superbiomarkt AG. „Das, was wir manchmal als Branche bezeichnen, ist und war in Wirklichkeit immer sehr heterogen“ erklärt Alex Beck, Geschäftsführer des Bio-Herstellerverbandes AöL. Trotzdem gibt es für alle Bios ein Dach, den Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Er definiert sich als „Spitzenverband landwirtschaftlicher Erzeuger, Verarbeiter und Händler ökologischer Lebensmittel“.

Aldi bezeichnet sich selbst als größten Biohändler Deutschlands.

Zu seinen 15 Mitgliedern zählen die neun Anbauverbände, die Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL), der Tee- und Kräuterteeverband, die Reformhaus eG, die Arbeitsgemeinschaft ökologisch engagierter Lebensmittelhändler und Drogisten (ÖLD) mit DM, Rewe, Tegut und Kaufland, die von Dennree initiierte Interessensgemeinschaft der Biomärkte (IGBM) sowie der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN). Letzterer vereint unter seinen 200 Mitgliedern Hersteller, Groß- und Einzelhändler, die für 100 Prozent Bio stehen – die meisten von ihnen schon ziemlich lange.

Das Dach der Bios „Der BÖLW bündelt die Interessen der Ökologischen Lebensmittelwirtschaft und vertritt diese mit einer Stimme gegenüber Politik und Gesellschaft“, beschreibt der Dachverband seine Aufgabe. Er stellt die Vorteile und Leistungen des Ökolandbaus heraus, arbeitet für gute rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen und stellt die jährlichen Branchenzahlen vor.

Essenz der Branche meint es ernst

„Wer Bio-Lebensmittel herstellt und verkauft gehört irgendwie zur Bio-Branche – selbst Unternehmen, denen wenig an ihren Ziele liegt“, sagt Felix Löwenstein, der langjährige Präsident des BÖLW – und fügt hinzu: „Die Essenz der Bio-Branche aber bilden die, die es ernst meinen: Bäuerinnen, Verarbeiter, Händlerinnen, die wirtschaftlichen Erfolg als Voraussetzung verstehen, das Agrar- und Ernährungssystem zu verändern“. Ihretwegen sei die Branche „mehr als die Summe der an Bio wirtschaftlich Interessierten. Sie ist Teil einer großen, in der ganzen Gesellschaft verwurzelten Transformations-Bewegung.“

„Die Branche ist mehr als die Summe der wirtschaftlichen Interessen.“

Felix Löwenstein, BÖLW

Eine Branche also, die sich über gemeinsame Werte und Ziele definiert, die das Agrar- und Ernährungssystem umbauen will und vielleicht sogar noch mehr. Aus diesem Blickwinkel lässt sich die zugespitzte Frage „Gehört Aldi da dazu?“ wohl eher vermeinen. Denn das System zu ändern, das seine Besitzer reich gemacht hat, gehört nicht zu den Herzensanliegen des Discounters. Auch wenn er derzeit, wie auch die Mitbewerber im LEH, ein Feuerwerk an Nachhaltigkeits-PR abbrennt und einige der angekündigten Maßnahmen sicher Schritte in die richtige Richtung sind.

„Angesichts der Aufgabe, vor der wir als Gesellschaft stehen, ist erst einmal jeder Schritt ein guter“, sagt BNN-Geschäftsführerin Kathrin Jäckel. Sie will raus aus dem ständigen Sich-Vergleichen zwischen LEH und Fachhandel. „2017/18 gab es angesichts der Stagnation viele Befürchtungen, die durch die Zusammenarbeit von Bioland und Lidl noch verstärkt wurden“, analysiert Jäckel. Doch diese Ängste, dass der LEH das Überleben des Fachhandels gefährde, hätten sich nicht bewahrheitet. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sei gewachsen. „Wir haben die Angst hinter uns gelassen und richten uns mutig neu aus. Unser Blick geht dabei auf die Lösung der großen Aufgabe, Lebensmittelwirtschaft neu zu gestalten“, beschreibt sie die Situation des Bio-Fachhandels.

Bewegung statt Branche

Auch Lukas Nossol, verantwortlich für die Kommunikation im Biomarkt Verbund, stellt den Weg in den Vordergrund und die Menschen, die sich auf den Weg machen, in Bewegung kommen. Bio-Bewegung ist ihm als Begriff sympathischer als Bio-Branche. Auch weil es die Individualität jedes Einzelnen betont. „Die letzten fünf Jahre haben die Unternehmen auf viele Proben gestellt. Die Integrität wird herausgefordert, man muss sich klar machen, wo steht man und wo will man hin“ (siehe Interview unten).

Als Leitplanken auf dem Weg nennt Nossol das Engagement für Gentechnikfreiheit und gegen Ackergifte sowie das 100-prozentige Bio-Sortiment. „Da tun sich andere schwer, die nur etwas Bio handeln.“ Georg Rieck führt seit den 80ern in Gießen den Bioladen Klatschmohn: „Wir sind angetreten, das System zu ändern und nicht nur die Logistik zu verbessern“, sagt der Pionier. Und das will er immer noch: „Wir haben den Kunden versprochen, es anders zu machen, darin liegt unsere Existenzberechtigung.“

Was ist eine Branche?

Das Wirtschaftslexikon beschreibt als Branche eine Gruppe von Unternehmen, welche ähnliche und damit auch weitgehend ersetzbare Dienstleistungen oder Produkte anbieten. Autohersteller oder Pharmaindustrie folgen dann gerne als Beispiele. Das setzt stillschweigend voraus, dass es sich um den Hauptzweck eines Unternehmens handelt. Niemand würde Google zur Automobilbranche zählen, auch wenn der Datensammler an autonomen Autos arbeitet. Ebenso gehört ein Hersteller oder Händler mit ein paar Prozent Bio-Umsatz noch lange nicht zur Bio-Branche.

Bio wurde zum Geschäft

Dieses „anders machen“ erklärt Rieck durchaus in Abgrenzung zum üblichen Handelsgebahren des LEH und dem dahinterstehenden kapitalistischen Gesellschaftsmodell. „Wo steht geschrieben, dass die Verbraucherpreise fix sind und alle an der Lebensmittelkette Beteiligten sich um diesen Betrag streiten müssen“, fragt er sich. Als Bild setzt er den ehrbaren Kaufmann dagegen und dessen Prinzip, dass jeder den Teil kriegt, den er braucht – und sich daraus der Preis bildet. Sorge macht ihm deshalb, dass das Handelsgebahren des LEH sich auch unter Biohändlern ausbreitet: „Das ist ein weißglühendes Eisen.“

Da schwingt mit, dass es unter den langjährigen 100-Prozent-Bios, den Bionieren, durchaus unterschiedliche Einschätzungen gibt, wer sich wie weit von den alten Idealen entfernt hat auf dem langen Marsch durch die Marktgesetze des Kapitalismus. Die in den 70er Jahren gestartete Bio-Bewegung hat viel erreicht. „Wir haben Bio in die Mitte der Gesellschaft gebracht“, bilanziert Hermann Heldberg, Geschäftsführer des Regionalgroßhändlers Naturkost Elkershausen: „Aber Bio wurde auch zum Geschäft. Es ging und geht in erster Linie um das Geld, und dem wurde vieles geopfert.“

Krankes Wirtschaften

Der harte Wettbewerb, nicht nur mit Bio im LEH sondern vor allem innerhalb des Bio-Fachhandels, hat Spuren hinterlassen, die die Rückbesinnung auf das gemeinsame Anliegen nicht einfach machen. Hinzu kam, dass viele Unternehmen damit ausgelastet waren, das ständige Wachstum organisatorisch zu verkraften und wenig Energie blieb für den Blick über den Tellerrand. Bei so manchem Bionier ist es jetzt die neue Generation, die sich mit diesem Blick an die Arbeit macht.

Die „krankhaften konventionellen Wirtschaftsmechanismen“ sind ein Lieblingsthema von Boris Voelkel. „Wenn wir diese Mechanismen weiter auf Bio übertragen, bekommen wir die gleichen Probleme wie im Konventionellen: Spezialisierung und Bauernsterben, riesige Äcker, die die Artenvielfalt gefährden, schwere Maschinen, die Böden verdichten.“

Um diese Mechanismen in seinem Bereich zu ändern, setzt der Einkaufsleiter der Naturkost-Safterei Voelkel auf antizyklische Preise. Er zahlt mehr, wenn die Preise wegen guter Ernten in den Keller sacken, geht dafür aber Preisspitzen bei knapper Ware nicht mit. „Wir haben da mit unseren Lieferanten eine gemeinsame Haltung entwickelt, die gerade bei jüngeren Landwirten gut ankommt“ sagt Voelkel. „Und ich wünsche mir, dass der Fachhandel so etwas mitträgt.“

Suche nach neuen Zielen

Haltung zeigen und anders handeln, die beiden Begriffe tauchen immer wieder auf, wenn es in Gesprächen um die Zukunft der Branche geht. Deutlich wird auch ein zunehmender Unwille, sich über Abgrenzungen und Gegensätze zu definieren oder eine Branche zu einigen, die immer diverser wird. Die Gespräche, etwa im Transformationsprozess „Viva Attacke“ des BNN oder in der Biomarkt-Verbundgruppe drehen sich eher darum, gemeinsame Ziele zu formulieren.

Bei der Zukunft der Bio-Bewegung sind gefragt: Handel, Hersteller und Verbände.

„Was sind unsere nächsten Schritte, damit wir wieder in die Pionierrolle kommen“, formuliert das Kathrin Jäckel. Die Herausforderung sieht sie darin, Themen herauszustellen, die noch nicht zu 100 Prozent umgesetzt sind. „Wir müssen uns wieder mit der Prozesshaftigkeit anfreunden, mit dem Auf-dem-Weg-Sein“. Dazu gehört es auch, einen vernünftigen Umgang zu finden mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf dem Weg – innerhalb des Fachhandels und der Bioniere.

Ein Wettbewerb- und PR-getriebenes „Ich bin der Schönste“ kann den Ehrgeiz anstacheln, aber auch für Missstimmung sorgen und ein möglichst breites, einheitliches Handeln verhindern. Andererseits gilt es, Lippenbekenntnisse und Trittbrettfahrerei, so sie denn vorkommen oder subjektiv wahrgenommen werden, auch zu benennen und zu bearbeiten.

Kodex ohne Wirkung

Denn ein Papier alleine wird es nicht richten. Das zeigt die Erfahrung mit dem 2008 erarbeiteten BNN-Kodex. Er war die Antwort auf die ersten Bio-Sortimente im Discount und die damals beginnende Nachhaltigkeits-PR des LEH. Doch die Wirkung blieb beschränkt, weil der Kodex lediglich eine Selbstvergewisserung erschrockener Bioniere war.

Weder gab es eine kritische Analyse der tatsächlichen Situation, noch setzte sich die Naturkostbranche im Kodex konkrete Ziele, um einen Prozess in Gang zu setzen. Mehr als die Botschaft: „Schaut her, wir sind doch toll“, war damals nicht drin. Dieses Mal könnte mehr drin sein – nicht nur bei Viva Attacke. Denn die Bioniere diskutieren nicht nur im BNN und im Bio-Fachhandel, sondern auch in der AöL, in den Anbauverbänden und darüber hinaus.

„Es gibt viel Aufbruch und neue Ideen.“

Alex Beck, AöL

„Es gibt viel Aufbruch und neue Ideen, junge Menschen stellen neue Fragen und verfolgen neue Ansätze“, freut sich Alex Beck und fordert den Abschied von alten Mustern: „Denn ‚unser’ Bio liefert zwar wichtige Bausteine für die Transformation des Ernährungssystems, aber die heute etablierten Bio-Konzepte reichen weder für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem noch zur Rettung der Welt.“

„Machen statt nur reden“

Lukas Nossol, Kommunikationsleiter des Biomarkt Verbundes, über die Intension der Interessensgemeinschaft der Biomärkte.

IGBM, Biomarkt Verbund: Macht Dennree sein eigenes Ding, ohne Blick auf den gesamten Fachhandel?

Sowohl die IGBM als auch der Biomarkt Verbund sind demokratische Strukturen, die aus einer Gemeinschaft heraus entwickelt wurden. Als Dennree Gruppe geben wir gerne Impulse, arbeiten aktiv mit und haben uns in den letzten Jahren stark vernetzt, sind z.B. bei BNN, Bioland, Demeter, IFOAM Organics Europe und Naturkost Süd vertreten.

Mit der Interessensgemeinschaft der Biomärkte (IGBM) als eigenem Branchenverband, war das notwendig?

Die IGBM entstand aus der Erfahrung heraus, dass bei der Neuverhandlung der EU-Öko-Verordnung in Brüssel niemand als Ansprechpartner des Facheinzelhandels da war. IGBM und Biomarkt Verbund sind keine Dennree-Institutionen, wir haben Ressourcen bereitgestellt, aber das Ruder aus der Hand gegeben. Im Verbund haben alle Denns Bio-Märkte zusammen eine Stimme.

Werden die Verbundmärkte sich gemeinsame Ziele setzen, etwa klimaneutral bis 2025?

Gemeinsame Ziele setzen, Energien freisetzen und vereinen. Wir können auch nur die Dinge glaubhaft kommunizieren, die wir uns vornehmen und verlangen. Das lässt sich aber oft nicht mit konkreten Zeitangaben verbinden. Bei Sorten aus Ökozüchtung etwa wissen wir nicht, bis wann eine neue Zuchtlinie wirklich Marktreife erreichen kann. Da kann ich kein Datum setzen, ab 2030 alles aus Ökozüchtung. Aber es braucht die Haltung und Integrität, das zu wollen und anzugehen.

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