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Neue Bezahlsysteme

Investieren oder ignorieren?

Digitalisierung und Zahlungsanbieter jenseits von Banken treiben den Markt. Einzelhändler sollten analysieren, welche Zahlungsarten ihre Kunden als selbstverständlich voraussetzen und entsprechend reagieren. Viel hängt auch von der Lage der Läden ab.

31.03.2020 vonJochen Bettzieche

Ein kurzer Kontakt mit dem Smartphone erspart lästiges Kartenhandling und Münzenzählen

Das Zahlungsverhalten der Deutschen hat sich geändert. Das geht aus einer Untersuchung der Deutschen Bundesbank hervor. Demnach nutzen mittlerweile 32 Prozent der Besitzer von kontaktlosen Debitkarten die Möglichkeit, quasi im Vorbeigehen zu bezahlen. Allerdings besitzen derzeit lediglich 49 Prozent der Debitkarten eine Kontaktlosfunktion. Unterdessen ist Bargeld nach Angaben des Europäischem Handelsinstituts (EHI) weiter auf dem Rückzug: Im Jahr 2018 überrundete die Kartenzahlung 2018 erstmals die Bargeldtransaktion.

Klassische Einsteckkarte ist Auslaufmodell

Die Zukunft liegt beim kontaktlosen Bezahlen, da sind sich die Marktforscher des EHI sicher: „Die Karte in der klassischen Form, genutzt als Terminal-Stecklösung, wird sukzessive an Bedeutung verlieren.“ Die Umstellung sei nicht kompliziert, erklärt Ulrich Binnebößel, zuständig für Zahlungssysteme beim Handelsverband Deutschland (HDE), zumal die meisten Netzbetreiber ohnehin bereits keine Geräte ohne Kontaktlosfunktion mehr anböten: „Bei Neuanschaffungen sollte man allerdings gleich sicherstellen, dass eine Verbindung mit der Kasse möglich ist.“ Also abklären, ob die Schnittstellen kompatibel sind.

„10.000 Euro Mehrkosten pro Jahr“

Doch ganz so einfach und günstig ist die Umstellung dann doch nicht. So hat der Weilheimer Bio-Supermarkt Biomichl lediglich an Brot- und Imbisstheke Kontaktlos-Terminals, da dort in der Regel Beträge von weniger als 25 Euro anfallen. Für die sind beim kontaktlosen Bezahlen weder Unterschrift noch PIN erforderlich. „Würden wir an allen Kassen umstellen, wären das Mehrkosten von 10.000 Euro pro Jahr“, nennt Inhaber Michael Sendl den Grund, und die Kosten dürfe man nicht aus den Augen lassen. Ob es dabei bleibt, oder ob er an den anderen Kassen nachrüsten muss, ist noch nicht absehbar. Wettbewerber wie Denn’s und Alnatura, die Ende 2019 Märkte im 25 Kilometer entfernten Starnberg eröffnet haben, könnten ihn dazu veranlassen.

Alnatura akzeptiert kontaktloses Bezahlen. „Der Aufwand ist überschaubar, man braucht nicht mal eine neue Software“, sagt Alexander Hüge, Bereichsverantwortlicher SuperNaturMärkte. Zudem sei die Versorgung mit und die Entsorgung von Bargeld ebenfalls aufwendig und verursache Kosten.

Umsatz und Verhandlungsgeschick bestimmen Gebühren

Klar ist aber auch: Der Händler muss bei Kartenzahlungen Gebühren berappen, in Abhängigkeit vom Umsatz, aber auch in Abhängigkeit von seinem persönlichen Verhandlungsgeschick. Das EHI nennt folgende Durchschnittswerte in Prozent vom Umsatz:

  • Girocard: von 0,153 bis 0,203
  • Maestro: von 0,445 bis 0,665
  • V Pay: von 0,347 bis 0,545

Im Vergleich zu Kreditkarten ist das noch günstig. Dort schwankt die Bandbreite zwischen 0,58 und 2,46 Prozent. Aber Vorsicht: Da es sich um Durchschnittswerte handelt, kann der einzelne Händler deutlich mehr oder weniger bezahlen. Ein Beispiel: Ein Händler mit unter 10.000 Euro Mastercard-Umsatz jährlich zahlt durchschnittlich circa 1,75 Prozent des Umsatzes als Gebühr. Manche zahlen allerdings bis zu drei Prozent, andere nur 0,9 Prozent.

Mobile Lösungen: Smartphone und Zahl-Apps

Auch das Bezahlen per Smartphone an den Ladenkassen ist laut Bundesbank mittlerweile üblich. Insbesondere die mobilen Bezahllösungen der Sparkassen und genossenschaftlichen Institute sowie Payback Pay würden genutzt. Angebote wie Google Pay und Apple Pay seien zwar bekannt, kämen jedoch weniger zum Einsatz. 30 Prozent der Befragten im Alter von 25 bis 34 Jahre können sich allerdings vorstellen, ihr Konto statt bei einer Bank bei einem anderen Anbieter wie einem Internetkonzern zu führen.

Und dann sind da noch mobile Zahl-Apps, die von Banken angeboten werden. Zu den Vorreitern gehört das schwedische Swish, für das sich sechs Banken zusammengeschlossen haben. Ursprünglich war es für den Zahlungsverkehr zwischen Privatpersonen gedacht. Bald war es auch auf Flohmärkten und bei der Kirchenkollekte beliebt. Mittlerweile sind auch Zahlungen bei Einkäufen möglich. In Deutschland bieten Sparkassen, Genossenschaftsbanken und einige Privatbanken das vergleichbare Kwitt an. „Noch ist das zwar nicht für B2C-Anwendungen gedacht, die Institute könnten das Produkt aber dafür öffnen“, weiß Binnebößel.

Für Apps ist ein Scanner erforderlich

Die herkömmlichen Terminals funktionieren beim kontaktlosen Bezahlen allerdings nur in Verbindung mit einer Karte. Für Apps ist ein Scanner erforderlich, der einen QR-Code lesen kann. Ohne funktionieren Alipay, Apple Pay, Google Pay, Paypal Pay & Co. nicht. Alnatura hat entsprechend aufgerüstet. „Wir bieten diese Zahlweise unseren Kunden an, aber die Anzahl der Kunden, die das nutzen, ist überschaubar“, erläutert Hüge. Es ist eher eine Frage der Kundenfreundlichkeit. „Ein breites Portfolio sollte man als guten Service betrachten“, empfiehlt Carla Kirmis, Referentin für Handel und E-Commerce bei der IHK für München und Oberbayern.

Lage des Ladens mitentscheidend für Investitionen

Wichtig vor einer Entscheidung für die Ausweitung der Bezahlmöglichkeiten ist auch die Lage des Ladens. Insbesondere in touristisch geprägten Regionen sollten Einzelhändler die Situation genau analysieren. Wer chinesische Urlauber in seinem Laden haben wolle, käme beispielsweise an Alipay kaum noch vorbei, sagt Binnebößel: „Chinesen planen ihre Shoppingtouren in der zugehörigen App, die Geschäfte anzeigt, in denen sie mit dieser App bezahlen können.“ Stehen sie dann an der Kasse, und der Kassierer verlangt Bargeld oder eine Plastikkarte, stößt das auf Unverständnis. „Kunden, die mit den ihnen zur Verfügung stehenden Zahlungsmitteln nicht zahlen können, kaufen nicht und kommen nicht wieder“, sagt Kirmis.

Online-Käufer erwarten variantenreiches Angebot

Im Online-Handel erwarten Kunden eine breite Palette an Zahlungsmöglichkeiten. Die beliebtesten hat die Bundebank in einer Rangliste aufgeführt:

  1. Kauf auf Rechnung
  2. Paypal
  3. Lastschrift
  4. Sofortüberweisungen
  5. Kreditkarten

Immer öfter bieten Internet-Händler auch Klarna als Zahlungsart an. Dahinter steckt der gleichnamige schwedische Zahlungsanbieter. Das Prinzip ist quasi ein Factoring im B2C-Geschäft. Klarna überweist den Betrag – abzüglich einer Gebühr – dem Händler und schickt dem Kunden eine Rechnung. Dieser überweist dann an Klarna. Hier kam es in der Vergangenheit laut Medienberichten und Verbraucherschützern zu Beschwerden. Kunden erhielten die Rechnung bereits Tage, bevor die Ware bei ihnen eintraf. Oder sie schickten Produkte zurück und der Händler meldete das nicht umgehend an die Schweden, die daraufhin ein Mahnverfahren in Gang setzten. „Wer so eine Zahlungsart anbietet, muss das schon im Griff haben“, warnt Binnebößel. Denn den schlechten Eindruck beim Kunden hinterlassen nicht die Schweden.

Gerade Akteure im Biobereich sollten sich überlegen, ob so ein Angebot zur Firmenphilosophie passt. Auch Hüge hat sich das Verfahren angeschaut: „Wir können uns mit der Unternehmenspolitik von Klarna nicht identifizieren.“

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