Biohandel

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Wegen Ukraine-Krieg

Leere Regale: Déjà-vu im Bio-Fachhandel

Was Lebensmittelhändler vor zwei Jahren schon einmal erlebten, facht wieder neu auf: Verbraucher bevorraten sich mit haltbaren Produkten. Das führt zu Lücken im Regal. Auch in Naturkostfachgeschäften.

Wenn Einzelhändler derzeit mit dem Bestellen kaum nachkommen und Kunden Grundnahrungsmittel nicht vom Einkaufszettel streichen können, weil sie akut ausverkauft sind, dürften sich viele an die Situation im Frühjahr 2020 erinnert fühlen. Damals standen viele Verbraucher schon einmal vor leeren Regalen: Vor allem Toilettenpapier, Nudeln oder Mehl waren oft schneller ausverkauft als Nachschub geliefert werden konnte. Aus Angst vor den Auswirkungen der Corona-Pandemie hatten etliche Kunden haltbare Trockenprodukte und Hygieneartikel auf Vorrat gekauft.

Hamstern. Ein Trend, den Lebensmittelhändler zwei Jahre später wieder erleben. Als Auslöser gilt der seit dem 24. Februar anhaltende Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, die für Deutschland zu den wichtigsten Importländern gehört. 51 Prozent der auf dem Weltmarkt zur Verfügung stehenden Menge an Sonnenblumenöl kommen laut des Verbandes der ölsaatverarbeiteten Industrie in Deutschland von dort.

Laut des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) war die Ukraine 2019 mengenmäßig der zweitgrößte Lieferant von ökologisch erzeugten Agrarprodukten in die Europäische Union. „Dabei handelt es sich hauptsächlich um Getreide, Ölsaaten und Ölpresskuchen“, schreibt das BMEL in seinem „Länderbericht Ukraine“ von Mai 2021.

Öl und Mehl sind besonders gefragt

Der Biomarkt-Verbund bezieht aus der Ukraine und Russland indirekt Rohwaren, die in Produkten verarbeitet sind. Ralf Schwarz, Leitung Warenmanagement, beobachtet eine erhöhte Nachfrage nach Bio-Rohwaren wie Nüsse, Hirse, Hülsenfrüchte oder Pilzen aus den beiden Ländern, was ihm zufolge „zum Teil auch auf erste Engpässe im konventionellen Handel zurückzuführen ist“.

In der Woche ab dem 7. März wurde in Deutschland 170 Prozent mehr Mehl gekauft als in der Vorjahreswoche. Das geht aus Daten des Marktforschungsinstituts IRI hervor, die dem BioHandel vorliegen. Bei Reis seien es 74 Prozent mehr gewesen, bei Speiseöl 99 Prozent. Viele Händler rationieren deswegen bestimmte Lebensmittel. „Wenn durch den russischen Überfall ein so wichtiger Rohstofflieferant ausfällt, kann das sicher nicht lange ohne Auswirkungen auf die Märkte bleiben“, teilt etwa die Supermarktkette Tegut mit, die rund 30,5 Prozent ihres Gesamtumsatzes mit Bio-Lebensmitteln macht.

In einigen Filialen rechnet das Unternehmen aus Fulda mit Engpässen in der Warenversorgung – in erster Linie bei Sonnenblumenöl. Tegut rationiert deshalb die Abgabemengen und ist damit nicht allein. Auch Rewe, Real, Aldi oder Lidl beschränken derzeit die Artikelanzahl pro Kunde bei stark nachgefragten Waren wie zum Beispiel Sonnenblumenöl.

Engpässe auch im Naturkosthandel

Auch Ralf Schwarz bestätigt ein erhöhtes Kaufinteresse von Kunden des Biomarkt-Verbunds bei Ölen, Mehlen, Saaten und Trockenfrüchten. Tageweise komme es zu Verzögerungen in der Warenversorgung. „Diese sind aber schnell wieder behoben“, versichert Schwarz. Die Ursachen dafür reichen ihm zufolge von Engpässen bei Verpackungen, Gläsern und Deckeln bis hin zu Personalausfällen aufgrund von Corona. „Generell ist die Warenversorgung aber gesichert und es besteht kein Grund für Hamsterkäufe“, so Schwarz.

Bei der Berliner Kette Bio Company liegen die Abverkäufe im März bei einigen Warengruppen deutlich über dem Vormonat: „Öle mit 91 Prozent, Fruchtnektare mit 71 Prozent, Mehl mit 38 Prozent, Getreide mit 30 Prozent, Olivenöle mit 27 Prozent“, teilt eine Sprecherin auf Nachfrage von BioHandel mit. Die Abgabe von Sonnenblumen-, Raps- und Bratölen hat die Bio Company auf zwei Flaschen pro Haushalt und Einkauf begrenzt.

„Wie überall im Einzelhandel erleben wir aktuell auch in den Alnatura-Märkten und bei unseren Handelspartnern eine erhöhte Nachfrage nach einzelnen Produkten“, teilt Stefanie Neumann, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Alnatura, mit. Insbesondere bei Sonnenblumenöl hat das Bio-Handelshaus zurzeit mit Engpässen zu tun. „Wir bemühen uns auf allen Ebenen, die Warenverfügbarkeit sicherzustellen. Unsere Kundinnen und Kunden informieren wir durch Aushänge am Regal, dass wir die Abgabe von beispielsweise Sonnenblumenöl auf haushaltsübliche Mengen begrenzen müssen“, so Neumann.

Die Bio-Supermarktkette Ebl Naturkost mit Sitz in Fürth kritisiert die „vorwegnehmenden Berichterstattungen der Medien über mögliche Verknappung oder Verteuerung von Lebensmitteln“. Hamsterkäufe würden dadurch eher gesteigert als gemindert. In den Ebl-Märkten sind dem Unternehmen zufolge Sonnenblumenöl, Getreide und Mehl, fertige Tomatensaucen und Konserven im März stärker nachgefragt. „Wir haben noch keine Schwierigkeiten in der Rohstoffbeschaffung und müssen bisher auch die Artikelanzahl pro Kunde nicht begrenzen“, teilt eine Sprecherin mit. Das Personal fülle die Regale lediglich häufiger auf als sonst.

Auch der inhabergeführte Bioladen Kornblume in Lingen verkauft derzeit größere Mengen Öl und Mehl als üblich. Bei den Konserven sei ebenfalls eine leichte Absatzerhöhung zu beobachten. „Diese Veränderungen sind eindeutig auf die Dynamik in der Ukraine zurückzuführen oder lassen sich zumindest zeitlich damit in Verbindung bringen“, so die Einschätzung von Simon Brinker, der mit seinem Bruder Vincent perspektivisch die Geschäftsführung des Familienbetriebs übernehmen wird.

Der Abokisten-Anbieter Ökodorf Brodowin bringt seinen Kunden in und um Berlin ebenfalls etwas mehr Mehl, Nudeln, Reis und andere klassische Trockenprodukte, die sich zur Bevorratung eignen, an die Haustür. „Aber wir werden nicht leergekauft. Anders als zu Beginn der Corona-Pandemie regulieren wir die Artikelanzahl pro Kunde daher nicht“, sagte Franziska Rutscher, die den Bereich Öffentlichkeitsarbeit verantwortet, dem BioHandel.

Vage Aussichten

Spontane Bevorratungskäufe wie sie der Handel derzeit wieder erlebt, stellen laut Bio Company „eine gewisse, aber vorübergehende Belastung für die liefernden Vorstufen dar“. Ein anhaltender Engpass lasse sich daraus nicht herleiten. Auch die Marktforschenden des IRI-Instituts rechnen damit, dass sich die Abverkäufe in den nächsten Wochen wieder normalisieren.

Unklar bleibt, wie sich der Ukraine-Krieg langfristig auf die Versorgung mit Getreide und Sonnenblumen auswirken wird. „Trotz möglicher Szenarien, auf die wir uns vorbereiten, lässt sich derzeit nicht genau absehen, wie sich die Situation in der Region fortsetzen wird und welche Auswirkungen damit verbunden sein werden“, teilt der Biomarkt-Verbund mit. „Voraussichtlich werden die weltweit zur Verfügung stehenden Mengen in 2022 und darüber hinaus durch Ernteausfälle und Handelsbeschränkungen geringer ausfallen als gewohnt“, befürchtet die Bio Company. Neben Preissteigerungen könnten Knappheiten in diesem Fall tatsächlich die Folge sein.

Jedoch wird die ökologische Lebensmittelwirtschaft von möglichen Knappheiten vermutlich weniger stark betroffen sein als die konventionelle. „Der Anteil an eingesetzten Roherzeugnissen aus den beiden genannten Ländern ist hier etwas geringer“, teilt etwa die Bio Company mit. Die Bio-Supermarktkette bezieht wie viele Naturkosthändler ihre Waren bevorzugt regional. Diese Wertschöpfungskreisläufe gelten als weniger anfällig für Lieferengpässe. Einer der Vorteile, die dem Naturkosthandel bereits in der Hochphase der Corona-Pandemie 2020 zugutekamen.

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