Biohandel

Wissen. Was die Branche bewegt

Kolumne

Verschlafene Bio-Pioniere

Die Naturkostbranche sieht sich gerne als Speerspitze der Bio-Bewegung – doch um aus der Nische herauszukommen, müsste sie sich zusammentun. Eine Chance dazu hat sie verpasst, meint unser Autor Leo Frühschütz.

So schnell kann’s gehen. Mitte März teilte Lidl mit, dass für seine deutschen Bio-Eier im 6er-Pack ab sofort die Bruderhähne mit aufgezogen werden. Bis Ende 2021 sollen auch die Bio-Eier im 10er-Pack umgestellt sein. Das macht der Händler ebenso wie seine Mitbewerber nicht freiwillig. Die Bundesregie­rung will das Kükentöten zum Jahreswechsel verbieten und es kann gut sein, dass der Bundestag den Gesetz­entwurf der Regierung noch vor der Sommerpause ver­abschiedet.

„Hallo Lidl, auch schon da!“, müsste die Na­turkostbranche jetzt eigent­lich rufen können. Kann sie aber nicht. Weil sie es verschlafen hat, als Branche vorbildlich und konsequent zu handeln. Dabei waren es Naturkostgroßhändler und ihre Eier-Lieferanten, die 2012 mit der Bruderhahn-Ini­tiative eine Alternative zum Kükentöten aufbauten. Parallel begann die Erzeuger­gemeinschaft Fürstenhof mit ihrem Haehnlein-Projekt.

Doch die Bruderhahn-Auf­zucht blieb eine Nische. An­fang 2020 waren höchstens fünf Prozent der deutschen Bio-Eier frei von Kükentod. Viele dieser Eier verkaufte der Biofachhandel, einzelne Unternehmen wie Alnatura stellten ihre Eier komplett um. Doch die Branche als Ganzes? Pustekuchen. Kei­ne gemeinsame Haltung, kein daraus resultierendes gemeinsames Handeln. Anscheinend reichte es, dass man auf schöne Projekte verweisen konnte.

Leider ist dieses Trauerspiel nicht das ein­zige.

Deshalb muss die Pionierbranche jetzt bei den Bruderhähnen Lidl & Co. hinterherhecheln und hoffen, dass ihre Eierlie­feranten das mit der Hähn­chenaufzucht jetzt schnell und gut hinkriegen. Denn auch die Anbauverbände haben es verschlafen, das Thema proaktiv zu gestalten und das Kükentöten frühzei­tig mit Zieltermin in ihren Richtlinien zu beenden. Jetzt erst fasst eine Delegiertenversammlung nach der anderen den Beschluss dazu – getrieben von Klöckners Gesetz und den Forderungen von Lidl & Co. Wer setzt da Standards?

Leider ist dieses Trauerspiel nicht das ein­zige. Egal ob es um samen­festes Gemüse, Zweinutzungshühner, regenerativen Bodenaufbau oder kuhge­bundene Kälberaufzucht geht. Es gibt im Fachhandel, bei Herstellern und Ver­bandsbauern tolle Projekte, Engagement, Herzblut und dafür reichlich Schulterklop­fen oder auch mal Förder­mittel. Doch diese Projekte bleiben selbst im Fachhandel Nischen und werden immer öfter von LEH-Ketten geka­pert. Sich mit Leuchtturmprojekten schmücken und so tun als würde man selber leuchten, das kann der LEH auch – und zwar werbewirk­samer.

Womöglich liegt das Problem tiefer – und ich mit meiner Philippika falsch: Die Naturkostbranche ist kein verschlafener Pionier, sondern eine Fata Morga­na. Die Spiegelung eines Wunschdenkens, die sich auflöst, sobald man genauer hinschaut?

Kommentare

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Malte Reupert

Danke, Leo, auch wenn über Einzelheiten sicher gestritten werden kann, der Kern ist richtig: Wir verschlafen selbstzufrieden und uns mit willkommenen (Ver-)Hinderungsargumenten à la "so einfach ist das nicht!" rechtfertigend (siehe Kommentare hier) unsere Pionierrolle - und die brauchen wir langfristig, um neben den Lidls, Edekas etc noch eine wesentlichere Rolle spielen zu können als der teurere Laden für die Schickeria und ein paar Fundis.
Am Anfang steht der charakterliche Mut zur Ehrlichkeit vor dem Spiegel: wer sich immer wieder selbst bestätigen muss, dass er der "Bessere Bio" und der "moralisch wertvollere Akteur" ist, vertut seine Zeit. Die braucht es, um neue Konzepte für die Zukunft unter den sich radikal ändernden Bedingungen zu entwickeln (Der Klimawandel wartet nicht, bis wir begriffen haben dass er auch uns und zB unsere veraltete Kältetechnik oder die ökologisch haarsträubend unsinnige Regional-Religion doch nicht so ganz zukunftsfähig sind).

Michael Radau

Lieber Leo Frühschütz,
genausowenig wie es DEN LEH gibt, gibt es auch nicht DIE Biobranche. Dafür agieren zu viele Unternehmen mit zu vielen Einzelinteressen. Dies wird sich auch nicht mehr fundamental ändern lassen. Was nicht bedeutet, dass es kluge und sinnvolle Zusammenschlüsse, Kooperationen und gemeinsames Handeln von Marktteilnehmern geben sollte und muss.

Georg Rieck

Werter Dottore Frühschütz,

das Bruderhahnkonzept ist allerhöchstens als "Brückentechnologie" zu werten, bis die Umstellung auf überzeugende Zweinutzungslinien gelungen ist. Deshalb ist es völlig fehl am Platze, uns Verschlafenheit vorzuwerfen. Wenn man eine fundierte Sachdiskussion führt ist man naturgemäß langsamer als die Marketingabteilung eines Konzerns, die mal schnell so einen Schuss raushaut - ob wahr, oder nicht! Diese "Bruderhähne" werden nicht mit Achtung geschlachtet, sondern getötet und dann durch den Separator geschickt. Der Brei, der da rauskommt wird mit Koagulantien zu den leckeren Katzenfutterbröckchen in Soße umgeformt.
Es gibt keinen Markt für dieses Fleisch - oder eben nur einen ganz kleinen - eben den der Bioläden. So ist das Lidl Konzept und auch andere kleinere Konzepte unserer Branche ein Fake.

Alleine diesen Punkt Ihrer "Philippika" halte ich für bedenkenswert: "Kei­ne gemeinsame Haltung, kein daraus resultierendes gemeinsames Handeln. "
Dieses Problem haben wir in der Tat! Und die Spaltung der Branche in diejenigen, die glauben, man müsse die Machenschaften des LEH nachahmen und denjenigen, die davon überzeugt sind, sich an die Spitze der Nachhaltigkeitsbewegung setzen zu müssen wird schwer zu überwinden sein. Aber so, wie Klöckners "Überraschung" mit dem Verbot des Kükentötens, wird es noch viel mehr politische Aktionen geben, die man gestern noch nicht für möglich hielt - wer weiß, ob die aktuell erstaunliche Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung uns nicht ganz schnell doch zusammen schweißt? Lidl hinterherzuhecheln wäre jedenfalls ungefähr das blödste, was man machen könnte, weil es keinen Sinn macht tote Gäule zu reiten. Wir erleben den Anfang einer Transformation ungeahnten Ausmaßes!
Aber bestimmt darf man sich als "Expionier", der 40 Jahre auf dem Knochen rumgekaut hat, ohne dass sich viel mehr bewegt hat, als die spöttischen Mundfältchen, ja schon mal erst den Schlaf aus den Augen reiben, bevor man Viva Attacke reitet - meine ich!

Frank R. Schneider

Iddealisten, das sind sie alle. Aber Profis sind nur wenige. Idealismuss überzeugt leise und langsam. Professionalität ist immer schnell und laut und am Ziel orientiert. Um wirksam zu überzeugen wäre eine Synthese ideal. Also lassen wir die Profis die Idealisen an die Hand nehmen. Spät aber nicht zu spät.

Stefan Mutter

Das Problem liegt tatsächlich tiefer. Und lieber Leo Frühschütz: Bei diesem Thema liegen darüber hinaus auch die Nerven blank!
Ich habe jetzt nicht die Zeit und die Muße, das alles hier in den Kommentar zu tippen. Das sollte man vielleicht mal telefonisch anfangen zu klären.
So viel soll aber doch gesagt werden: Der marketinggetriebene, dilettantische Ansatz, ganz schnell Schwesterhenneneier zu vermarkten ohne sich parallel über die Aufzucht der Bruderhähne, der Vermarktung des Fleisches, die Zukunft der Hähnchenmäster etcpp Gedanken zu machen ... ist das eigentliche Problem.
Dass Kükentöten nicht geht - absolut d'accord. Dass es aber ein vernünftiges Ausstiegsszenario dazu geben muss sollte dann auf der Hand liegen.
Dass die Bio-Branche da vermeintlich zögerlich war liegt daran, dass es Akteure gab, welche gute Argumente gegen den Schnellschuss vorgebracht haben.
Lidl und Co jetzt aus unserer Branche heraus für - ich sage mal - couragiertes Verhalten zu gratulieren ist falsch, unfair und kurzsichtig.
Denn in Deutschland Schwesterhenneneier zu verkaufen deren Brüder in eine ungewisse Zukunft gehen ist einfach - das Konzept und System aber so aufzustellen, dass es konsequent und durchgängig ist ist ungleich schwieriger.
Deshalb hilft uns diese Kolumne nicht.
Sie verklärt den angeblich richtigen Weg der Konventionellen ohne die Hintergründe der Bio-Branche zu kennen.
Der Bruderhahn kann nur eine Brücke hin zum ordentlichen Zweinutzungshuhn sein. Wer so tut, als wäre der Bruderhahn der Weisheit letzter Schluss hat noch nie eine betriebswirtschaftliche sowie die Nachhaltigkeit der Produktion einbeziehende Kalkulation dazu gesehen.
Wenn es doch nur so einfach wäre wie in Ihrem Wunschtraum - äh, Entschuldigung, Ihrer Strafpredigt geschrieben ...

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