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Kolumne

Verschlafene Bio-Pioniere

Die Naturkostbranche sieht sich gerne als Speerspitze der Bio-Bewegung – doch um aus der Nische herauszukommen, müsste sie sich zusammentun. Eine Chance dazu hat sie verpasst, meint unser Autor Leo Frühschütz.

09.06.2021 vonLeo Frühschütz

Obwohl viele Ideen ursprünglich aus der Biobranche kommen, werden sie oft werbewirksam durch konventionelle Unternehmen aufgegriffen und medial genutzt. In vielen Fällen wird die Chance, endlich aus der Nische zu treten, schlichtweg verschlafen.

Die Naturkostbranche sieht sich gerne als Speerspitze der Bio-Bewegung – doch um aus der Nische herauszukommen, müsste sie sich zusammentun. Eine Chance dazu hat sie verpasst, meint unser Autor Leo Frühschütz.

So schnell kann’s gehen. Mitte März teilte Lidl mit, dass für seine deutschen Bio-Eier im 6er-Pack ab sofort die Bruderhähne mit aufgezogen werden. Bis Ende 2021 sollen auch die Bio-Eier im 10er-Pack umgestellt sein. Das macht der Händler ebenso wie seine Mitbewerber nicht freiwillig. Die Bundesregie­rung will das Kükentöten zum Jahreswechsel verbieten und es kann gut sein, dass der Bundestag den Gesetz­entwurf der Regierung noch vor der Sommerpause ver­abschiedet.

„Hallo Lidl, auch schon da!“, müsste die Na­turkostbranche jetzt eigent­lich rufen können. Kann sie aber nicht. Weil sie es verschlafen hat, als Branche vorbildlich und konsequent zu handeln. Dabei waren es Naturkostgroßhändler und ihre Eier-Lieferanten, die 2012 mit der Bruderhahn-Ini­tiative eine Alternative zum Kükentöten aufbauten. Parallel begann die Erzeuger­gemeinschaft Fürstenhof mit ihrem Haehnlein-Projekt.

Doch die Bruderhahn-Auf­zucht blieb eine Nische. An­fang 2020 waren höchstens fünf Prozent der deutschen Bio-Eier frei von Kükentod. Viele dieser Eier verkaufte der Biofachhandel, einzelne Unternehmen wie Alnatura stellten ihre Eier komplett um. Doch die Branche als Ganzes? Pustekuchen. Kei­ne gemeinsame Haltung, kein daraus resultierendes gemeinsames Handeln. Anscheinend reichte es, dass man auf schöne Projekte verweisen konnte.

Leider ist dieses Trauerspiel nicht das ein­zige.

Deshalb muss die Pionierbranche jetzt bei den Bruderhähnen Lidl & Co. hinterherhecheln und hoffen, dass ihre Eierlie­feranten das mit der Hähn­chenaufzucht jetzt schnell und gut hinkriegen. Denn auch die Anbauverbände haben es verschlafen, das Thema proaktiv zu gestalten und das Kükentöten frühzei­tig mit Zieltermin in ihren Richtlinien zu beenden. Jetzt erst fasst eine Delegiertenversammlung nach der anderen den Beschluss dazu – getrieben von Klöckners Gesetz und den Forderungen von Lidl & Co. Wer setzt da Standards?

Leider ist dieses Trauerspiel nicht das ein­zige. Egal ob es um samen­festes Gemüse, Zweinutzungshühner, regenerativen Bodenaufbau oder kuhge­bundene Kälberaufzucht geht. Es gibt im Fachhandel, bei Herstellern und Ver­bandsbauern tolle Projekte, Engagement, Herzblut und dafür reichlich Schulterklop­fen oder auch mal Förder­mittel. Doch diese Projekte bleiben selbst im Fachhandel Nischen und werden immer öfter von LEH-Ketten geka­pert. Sich mit Leuchtturmprojekten schmücken und so tun als würde man selber leuchten, das kann der LEH auch – und zwar werbewirk­samer.

Womöglich liegt das Problem tiefer – und ich mit meiner Philippika falsch: Die Naturkostbranche ist kein verschlafener Pionier, sondern eine Fata Morga­na. Die Spiegelung eines Wunschdenkens, die sich auflöst, sobald man genauer hinschaut?

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