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Corona-Thesen

Joseph Wilhelm ruft Empörung hervor

Mit eigenwilligen Thesen zur Corona-Pandemie hat Rapunzel-Chef Joseph Wilhelm viel Kritik geerntet und sich für manche in die Nähe von Verschwörungstheoretikern katapultiert. Die taz betitelt ihn als Märchenerzähler. Wilhelm weist Hauptpunkte der Kritik zurück. Lesen Sie auch die Kommentare.

19.05.2020 vonHorst Fiedler

In seinen Wochenbotschaften hatte der Bio-Pionier durchblicken lassen, dass die Corona-Toten im Verhältnis zur Zahl der weltweit auf andere Weise Sterbenden zu vernachlässigen sei. Auch zwölf Millionen Abtreibungen stellte er in Beziehung zu den im Verhältnis wenigen Menschen, die am neuartigen Virus bislang gestorben sind. Viren seien „Teil des biologischen Lebens und leisteten ihren Beitrag zur Weiterentwicklung desselbigen und der menschlichen Anatomie und Psyche“, so die Überzeugung des Impfgegners.

BÖLW: Keine Verschwörungstheorien zu Wissenschaft erklären

Die taz hat in ihrem Bericht „Der Märchenerzähler“ Thesen des Rapunzel- und Zwergenwiese-Chefs gesammelt und kommentiert. Sie hat auch den BÖLW gefragt, wie er zu den Einlassungen von Joseph Wilhelm steht. „Bio fußt auf demokratischen Prinzipien und wissenschaftlicher Erkenntnis und deswegen sind wir dagegen, irgendwelche Verschwörungstheorien zu Wissenschaft zu erklären“, zitiert die taz den Vorstandsvorsitzenden Felix Prinz zu Löwenstein.

Joseph Wilhelm: Keine Nähe zur rechten Szene

Joseph Wilhelm äußert sich auf der Rapunzel-Website zu der Kritik, die zunächst in den sozialen Netzwerken ihre Runde machte: „Besonders betroffen macht mich, dass ich als Verbreiter von Verschwörungstheorien genannt werde. Noch mehr Betroffenheit und Traurigkeit löst die in Umlauf gebrachte Unterstellung bei mir aus, dass es eine persönliche oder firmenbezogene Nähe zur rechten „Szene“ gäbe. An verschiedenen Stellen in unterschiedlichen Firmenpublikationen habe ich unsere massive Ablehnung gegenüber AfD und allen anderen rechten Gruppierungen zum Ausdruck gebracht.“

Rapunzel: Keine Unterstützung von Attila Hildmann

Auch Attila Hildmann, der als Verschwörungstheoretiker bei Demonstrationen gegen die Corona-Politik der Bundesregierung auftritt, spielt bei der Stellungnahme von Joseph Wilhelm eine Rolle: „Die Aussagen und Auftritte von Attila Hildmann teilen und unterstützen wir von Rapunzel in keinster Weise.“ Man habe nur bis 2015 mit dem Vegan-Koch zusammengearbeitet.

Kommentar: Zu viel Natur?

Natürlich ist es unpopulär, in diesen Zeiten, wo viele verängstigt in Quarantäne sitzen, dem Corona-Virus ein positives Antlitz zu verleihen. Aber warum sollte Joseph Wilhelm wegen der Pandemie seine Lebenseinstellung ändern? Für ihn ist es offenbar wichtig, der Natur freien Lauf zu lassen, mit allen Vor- und Nachteilen. So wie wir das von ökologischen Kreisläufen her kennen: fressen und gefressen werden.

Vor diesem Hintergrund hat das Virus für ihn nichts Böses. Im Gegenteil: Er gewinnt ihm steuernde Funktionen für die Entwicklung der Menschheit ab. Andere glauben, dass diese Funktion ein alter Mann mit weißem Bart erfüllt und zahlen dafür auch noch Kirchensteuer.

Nein, ein Verschwörungstheoretiker ist Joseph Wilhelm nicht. Er bemüht weder fremde Mächte, noch Merkel und Gates. Er gehört auch nicht in die rechte Ecke gestellt. Und wenn man die ethisch-moralischen Aspekte der Diskussion einmal ausblendet und nackte Zahlen sprechen lässt, dann ist auch seine Gegenüberstellung der Toten nicht zu beanstanden. Sie wirft ein Licht auf die Schizophrenie der Gesellschaft, die Tempo 130 nicht abschaffen will, um Unfalltote zu vermeiden, aber sofort zum Gewehr greift, wenn mal ein Wolf im Wald auftaucht.

Joseph Wilhelm ist Pionier und war seiner Zeit immer voraus. Zwar wünscht man sich das in diesem Fall nicht unbedingt, denn keiner weiß, was aus uns wird, wenn wir dem Virus freien Lauf lassen und aufs Impfen verzichten. Aber es ist ja auch keiner gezwungen, seine Meinung zu teilen und seinen Weg mitzugehen. Welcher Weg am Ende der bessere wäre, wird sich nie ergründen lassen. Horst Fiedler

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