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„Verrat an den Verbrauchern“

Insider bezweifelt Effizienz des Öko-Kontrollsystems

Das System der Öko-Kontrollen ist einmal mehr in die Kritik geraten. Der Vorwurf: Biobauern können sich ihre Kontrolleure selbst aussuchen. In der Tageszeitung „TAZ“ hat ein Insider mit Klarnamen berichtet, welche Folgen das haben kann.

Manfred Flegel heißt der Öko-Kontrolleur, den die Tageszeitung „TAZ“ in ihrem Bericht als Whistleblower bezeichnet. Flegel war vier Jahre für Abcert auf Bio-Höfen unterwegs. Er hatte einen Bauern „erwischt“, der nicht die erforderliche Zahl an Fressplätzen für seine Rinder vorhielt und dies seinem Arbeitgeber gemeldet. Ergebnis: Bei der nächsten Kontrolle sei auf Betreiben des Bio-Bauern ein anderer Kontrolleur eingesetzt worden. Einen Entzug des Siegels habe es nicht gegeben.

„Abcert will keine Kunden verlieren“, sagt Flegel der TAZ. Deshalb würden zu kritische Kontrolleure kaltgestellt, wenn sich die Betriebe beschweren. Außerdem bestrafe die Zentrale von den Kontrolleuren festgestellte Verstöße ­gegen das Bio-Recht oft zu lasch. Flegel ist Agraringenieur, er hat an der Uni Kassel/Witzenhausen studiert und selbst einen Biobetrieb gehabt.

Abmahnungen statt Aberkennung

Flegel schildert der TAZ auch einen Fall von Überdüngung: „Nach dem zweiten Verstoß hatte ich eigentlich damit gerechnet, dass der Betrieb mit Pauken und Trompeten aus dem Kontrollverfahren fliegt.“ Aber Abcert habe ihm nur eine weitere Abmahnung geschrieben. „Dann lernen die ja, dass sie eigentlich nichts beachten müssen.“ Abcert-Vorstandsvorsitzende Friedrich Lettenmeier bestreitet dem Bericht zufolge, dass der Betrieb das Bio-Siegel trotz zweier Abmahnungen wegen massiver Überdüngung bekommen hat. „Doch biozertifiziert ist das Unternehmen bis heute, wie eine Abfrage auf der Internetseite von Abcert zeigt“, schreibt die TAZ.

In dem ausführlichen Bericht werden weitere Verstöße geschildert und Stimmen zum deutschen Öko-Kontrollsystem eingeholt, Regelungen aus Dänemark und den Niederlanden als Alternativen genannt. Für Manfred Flegel sei das bestehende System „ein zunehmender Verrat an den Verbrauchern, den anständigen Biobauern, den betroffenen Tieren und der Umwelt“. Ihn habe dieses System so frustriert, dass er seinen Job kündigte. „Am Ende“, sagt Flegel der TAZ, „war es irgendwie egal, ob ich die Landwirte kontrolliere oder nur mit ihnen Kaffee trinke.“

Kommentare

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Harald Vienhues

Meine Wahrnehmung nach knapp 25 Jahren Biolandzugehörigkeit ist eine andere. Es wird überwiegend streng und zum Teil sehr pedantisch geprüft, jeder Unklarheit oder Veränderung im Betrieb wird nachgegangen. Nur zum Kaffee trinken war noch kein Prüfer da.

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