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GERECHTIGKEIT IM ÖKO-LANDBAU | TEIL 5

„Ich bevorzuge Produkte, die von kleineren Verarbeitern hergestellt werden“

Wie steht es um die Gerechtigkeit im Öko-Landbau? Trainees aus dem Programm Ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft haben sich dazu für BioHandel umgehört. Für den fünften und letzten Teil der Interview-Reihe haben sie mit Martina Sieber gesprochen. Die Reformhaus-Inhaberin legt Wert auf eine transparente Wertschöpfungskette. Doch die fehle bei größeren Herstellern häufig, sagt sie im Interview.

04.11.2021 vonLaura Kehl

Martina Sieber möchte ihren Kunden vermitteln, dass hinter jedem Verarbeiter ein individueller Mensch steckt.

Wie steht es um die Gerechtigkeit im Öko-Landbau? Trainees aus dem Programm Ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft haben sich dazu für BioHandel umgehört. Für den fünften und letzten Teil der Interview-Reihe haben sie mit Martina Sieber gesprochen. Die Reformhaus-Inhaberin legt Wert auf eine transparente Wertschöpfungskette. Doch die fehle bei größeren Herstellern häufig, sagt sie im Interview.

Was verstehen Sie unter Gerechtigkeit in der Öko-Branche?

Unter Gerechtigkeit in der Bio-Branche verstehe ich eine gerechte Entlohnung, die beim Produzenten anfängt. Es sollen faire Bedingungen für alle herrschen. Das Bio-Label ist kein dekorativer Schmuck, sondern bringt Verantwortung mit sich. Gerade bei größeren Handelsketten, die jetzt vermehrt Bio-Lebensmittel anbieten, sehe ich die Gefahr, dass Produzenten und Landwirte unter dem Preisdruck leiden.

Wo sehen Sie Brennpunkte innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette? Wo liegen die Herausforderungen auf Ihrer Stufe der Wertschöpfungskette?

Zum einen bei der Transparenz der Produktionsvorgänge seitens des Produzenten sowie der gerechten Entlohnung seiner Mitarbeiter. Zum anderen aber auch in der Bereitschaft des Endverbrauchers einen höheren und angemessenen Preis für sein Produkt in Kauf zu nehmen. Ich stehe hier als Handel in der Mitte und möchte die Möglichkeit haben, mit Produzenten in Kontakt zu treten, um den Verbrauchern zu kommunizieren, dass hinter jedem Verarbeiter ein Gesicht steckt und kein anonymer Produzent.

Die Herausforderung für mich als kleiner Einzelhandelsladen besteht genau aus dieser Kommunikation in beide Richtungen, um so zu einer größeren Transparenz für die Kunden beizutragen und ihnen Verfügbarkeiten von Produkten besser erklärbar zu machen. Wie zum Beispiel, dass in der Bio-Landwirtschaft keine Hochleistungskühe stehen und wieviel Milch tatsächlich für ein Stück Butter gebraucht wird. Ich möchte Produkte verkaufen, hinter denen ich stehen kann und Unternehmen unterstützen, die ich authentisch finde.

Was wären konkrete Lösungsansätze/vorschläge?

Ich denke eine Kommunikation auf Augenhöhe ist eine wichtige Lösung zwischen allen Parteien. Zudem bevorzuge ich Produkte, die von kleineren Verarbeitern hergestellt werden. Bei größeren Herstellern fehlt oft die Transparenz und die Möglichkeit des persönlichen Kontaktes. Deren Fokus richtet sich vermehrt nach Gewinnsteigerung, statt auf die Rückbesinnung ursprünglicher Werte und die Vertretung des Öko-Gedankens.

Endverbraucher müssen begreifen, welche Faktoren eine Lebensmittelherstellung bedingen und dass eine hohe Nachfrage nicht bedeutet, dass der Dinkel nun schneller wächst. Ebenso muss ein Umdenken der Kunden stattfinden, was den Verkaufspreis betrifft. Je niedriger dieser ist, desto schwerer kann eine Produktion unter fairen Bedingungen erfolgen. Als Ladnerin kann ich hier sehr nah an den Kunden herantreten und versuchen diese Informationen zu kommunizieren.

Durch positive Beispiele aus Firmen kann man Menschen überzeugen.

Wie kann die Öko-Branche eine Vorreiterrolle für andere Wirtschaftsformen einnehmen?

Die Öko-Branche kann zu einem gewissen Grad eine Vorbildfunktion einnehmen. Dennoch stellt sie nur einen kleinen Teil unseres derzeitigen Handels dar. Diese kleine Größe kann jedoch ein Vorteil sein. Ich sehe eher die Gefahr, dass sich manche Gesellschaftsschichten Bio nicht leisten können. Zum anderen gibt es Menschen, denen schlichtweg das Interesse an der Branche und den Themen fehlt, die die Bio-Branche beschäftigt und diese ausmacht. Die Umsetzung einer kompletten Umstellung auf biologische Landwirtschaft stelle ich mengenmäßig in Frage.

Was ist der wichtigste Hebel, um etwas zu verändern? Muss alles gesetzlich geregelt werden (z.B. Gesetz gegen den unlauteren Handelswettbewerb) oder welche anderen Wege sollten beschritten werden?

Einer gesetzlichen Verankerung stehe ich skeptisch gegenüber. Auch wenn vieles politisch regelbar ist, sehe ich beim Thema Gerechtigkeit geringe Chancen. Ich denke, wir sollten uns alle auf menschliche Tugenden, wie Moral und auf ein ethisches Verständnis zurückbesinnen und wegkommen von einem „Ich-Denken“.

Durch positive Beispiele aus Firmen und Aktionen, die für sich selbst sprechen, wie die Veranstaltung eines Aussaattages, kann man Menschen überzeugen und sensibilisieren. Sie können so besser verstehen, warum die biologische Landbewirtschaftung die sinnvollere ist und wir Rücksicht auf unsere Natur nehmen sollen. Viele Menschen haben den Bezug zur Landwirtschaft verloren. Auch das geläufige Image der Bio-Branche spielt bei manchen Verbrauchern eine Rolle. Die Branche hat sich mit der Zeit und durch den Generationenwechsel ganz gehörig bei vielen Sachen entstaubt und das ist, glaube ich, auch ein Weg, an dem man ansetzen kann und trotzdem seine Identität nicht verliert.

Als Geschäftsführerin ist mir die bewusste Auswahl meiner Hersteller sehr wichtig.

Wie können Öko-Prinzipien zu mehr Gerechtigkeit beitragen?

In unserer Bio-Branche kann ich mir die fehlende Umsetzung von Öko-Prinzipien nicht erklären. Im konventionellen Bereich sehe ich persönlichen Egoismus und Gewinnsucht als Grund für scheiternde gerechte Beziehungen.

Wo sehen Sie Möglichkeiten selbst (privat und beruflich) zur Gerechtigkeit im Öko-Landbau beizutragen?

Privat achte ich darauf vorwiegend Bio-Lebensmittel zu kaufen und einen öko-verträglichen Lebensstil zu führen. Als Geschäftsführerin ist mir die bewusste Auswahl meiner Hersteller sehr wichtig. Die Zusammenarbeit mit kleinen und regionalen Produzenten ermöglicht mir einen näheren Draht und erhöht die Kommunikation und den Austausch. Die Authentizität des Unternehmens steht für mich an vorderer Stelle.

Setzen Sie sich mit konkreten Handlungen aktiv für mehr Gerechtigkeit in der Öko-Branche ein?

Ich bin mir meiner Verantwortung als Privatperson und Geschäftsinhaberin bewusst. Eine gerechte Entlohnung sowie die Wertschätzung gegenüber meinen Mitarbeitern ist für mich selbstverständlich. Ich möchte selbst lieber mit gutem Beispiel vorangehen, anstatt mit dem Zeigefinger auf andere zu deuten, um so eine Veränderung in Gang zu bringen.

Die jüngere Generation reflektiert aktuell mehr und kritisiert bestehende Systeme und Missstände. Sie steht für ihre persönlichen Werte ein und nimmt persönliche Einschränkungen dafür in Kauf. Wir müssen uns als Gesellschaft auch eingestehen können, wenn etwas nicht so gut läuft. Ich finde es wichtig, den Egoismus in der Gesellschaft zu durchbrechen. Anstatt sich auf das Geld zu fokussieren, müssen wir wieder menschliche Beziehungen fördern und uns gegenseitig wertschätzend begegnen.

Hintergrund zur Interviewreihe

Im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts des 17. Traineeprogramms Ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft setzt sich ein fünfköpfiges Team (Raphael Pierro, Carla Proetzel, Cathrin Bardenheuer, Laura Kehl und Katharina Tietz) mit dem Thema Gerechtigkeit in der Biobranche auseinander. Hintergrund ist das starke und schnelle Wachstum der Biobranche in den vergangenen Jahren – von einer Nische hin zu einem beachtlichen Wirtschaftssektor. Findet sich der Ursprungsgedanke der Gerechtigkeit, wie in den IFOAM-Prinzipien verankert, trotz des Wandels in der Branche wieder? Um verschiedene Perspektiven und den nötigen Handlungsbedarf aufzuzeigen sowie konstruktive Lösungsvorschläge zu erarbeiten, hat das Trainee-Teams einige Akteure und Akteurinnen aus den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette befragt.

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