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Neue Oxfam-Studie

Hungerlöhne für Ananas und Trauben

Auf Plantagen in Costa Rica und Südafrika arbeiten Menschen für niedrigste Löhnen und unter katastrophalen Bedingungen. Davon profitieren deutsche Supermärkte.

02.03.2022 vonLeo Frühschütz

Die Entwicklungsorganisation Oxfam hat die Lieferketten von Wein und Ananas zurückverfolgt.

Auf Plantagen in Costa Rica und Südafrika arbeiten Menschen für niedrigste Löhnen und unter katastrophalen Bedingungen. Davon profitieren deutsche Supermärkte.

Die Entwicklungsorganisation Oxfam hat die Lieferketten von Wein und Ananas zurückverfolgt – von den Regalen der großen deutschen Supermarktketten bis zu konkreten Farmen und Anbaugebieten. Dabei habe sie bei den Zulieferern aller großen deutschen Supermärkte Menschenrechtsverstöße nachweisen können, schrieb die Organisation in einer Pressemitteilung. Für die Studie „Grenzenlose Ausbeutung“ befragte Oxfam mit seinen Partnerorganisationen 130 Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Gewerkschaften und Aktivisten vor Ort.

Hungerlöhne und Missbrauch

Konkret berichtet die Organisation von Tageslöhnen von 4,50 Euro auf einer Edeka-Zulieferplantage in Costa Rica. In Südafrika hätte knapp die Hälfte der für die Studie befragten Arbeiterinnen weniger als den Mindestlohn von 194 Euro pro Monat verdient. In beiden Ländern sei Akkordarbeit mit mehr als zwölf Stunden an der Tagesordnung. Arbeiterinnen im südafrikanischen Traubenanbau hätten berichtet, dass sie zu sexuellen Handlungen genötigt würden, um eine Arbeitsstelle zu bekommen, schrieb Oxfam. Sie seien außerdem giftigen Pestiziden ausgesetzt und hätten während der Arbeit keinen Zugang zu Toiletten und Trinkwasser.

Wer sich beschwert, fliegt raus

Arbeiter, die sich über die Bedingungen beschweren, werden laut Oxfam massiv unter Druck gesetzt. So würden Gerichtsurteile aus Costa Rica die unrechtmäßige Entlassung von Gewerkschaftsmitgliedern auf Ananasplantagen belegen, die Rewe und Lidl beliefern. Auch seien Familienangehörige von Gewerkschaftsmitgliedern entlassen worden. „Besonders schwierig ist die Situation für migrantische Arbeitskräfte, die in ständiger Angst leben, abgeschoben zu werden und deshalb von Gewalt und Ausbeutung noch stärker betroffen sind“, berichtete Oxfam.

Die Entwicklungsorganisation macht dafür ausdrücklich die Marktmacht und den Preisdruck der vier großen deutschen Handelskonzerne Edeka, Rewe, Aldi und Lidl/Kaufland verantwortlich. „Nur wer im Einkauf billig ist, kommt ins Supermarktregal“, beschreibt Tim Zahn, Oxfam-Experte für Wirtschaft und Menschenrechte, die Politik der Konzerne. Die Folge: „Während Arbeiterinnen mit Hungerlöhnen abgespeist werden, machen die Supermärkte auf ihre Kosten satte Gewinne“. Oxfam rechnete vor, dass von einer Flasche Wein, die für drei Euro verkauft wird, nur circa drei Cent bei den Farmarbeiterinnen in Südafrika ankommen.

Das Jahreseinkommen eines Arbeiters auf einer Ananasplantage in Costa Rica verdient Dieter Schwarz in sechs Sekunden

Oxfam-Studie „Grenzenlose Ausbeutung“ über den EIgentümer von Lidl und Kaufland

Betroffene sollten klagen können

Oxfam forderte die Supermärkte auf, ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht für ihre gesamte Lieferkette umfassend nachzukommen – so wie es das Lieferkettengesetz von ihnen verlange. Wesentlich sei, dass die Konzerne ihren Zulieferern angemessene Preise zahlen und so Löhne ermöglichen, von denen die Arbeiterinnen sich und ihre Familien ernähren könnten. Die Bundesregierung müsse das deutsche Lieferkettengesetz ambitioniert umsetzen, verlangte Oxfam.

Zudem solle sie sich für ein EU- Lieferkettengesetz einsetzen, mit dem Betroffene von Menschenrechtsverletzungen Schadensersatz bei deutschen Gerichten einklagen können. Im deutschen Gesetz fehlt eine solche Möglichkeit. In seiner Studie veröffentlichte Oxfam auch Stellungnahmen der vier Konzerne, der Zulieferer und der Plantagen, die die Vorwürfe bestritten. Die meisten Plantagen waren von Rainforest Alliance und nach GlobalGAP-Standards zertifiziert. Rainforest Alliance kündigte an, die Vorwürfe zu untersuchen.

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