Wissen. Was die Branche bewegt
25 Prozent Bio-Landwirtschaft

Green Deal: Auch der Handel mit Bio muss neu gedacht werden

Die Bio-Branche hat viele Ansätze, die dazu beitragen können, dass die EU ihre Ziele aus dem Green Deal erreicht. Bei den Öko-Marketingtagen wurde aber auch diskutiert, was sie darüber hinaus noch besser machen kann.

16.11.2020 vonKatrin Muhl

Wurde für die Öko-Marketingtage zum Studio umfunktioniert: der Rittersaal im Schloss Kirchberg.

Die Bio-Branche hat viele Ansätze, die dazu beitragen können, dass die EU ihre Ziele aus dem Green Deal erreicht. Bei den Öko-Marketingtagen wurde aber auch diskutiert, was sie darüber hinaus noch besser machen kann.

Mit dem Green Deal hat sich die Europäische Union ambitionierte Ziele gesetzt. Dazu gehört es, den Anteil an ökologisch bewirtschafteter Fläche in der EU im Laufe der nächsten zehn Jahre auf 25 Prozent zu erhöhen. Um das zu erreichen, müssen Landwirte zum Umstellen bewegt und Verbraucher für den Konsum von Bio-Produkten begeistert werden. Welche Beiträge die Bio-Branche dazu leisten kann, hat sie bei den Öko-Marketingtagen diskutiert – und in etlichen Ansätzen gezeigt, dass sie ihrer Rolle als Vorreiter immer noch gerecht werden kann.

Ganzheitlich nachhaltig arbeiten wirklich wenige

Volker Krause, BÖLW und Bohlsener Mühle

Doch auch nach jahrzehntelanger Pionierarbeit muss sich die Naturkostbranche selbstkritisch eingestehen: „Ganzheitlich nachhaltig arbeiten wirklich wenige“, so Volker Krause, Vorstand im Bund ökologische Landwirtschaft (BÖLW). Auch die Bohlsener Mühle, der Krause als geschäftsführender Gesellschafter vorsteht, wirtschafte nicht klima- und ressourcenneutral. Bis dahin seien noch „mühsame Schritte“ zu gehen. Den Weg ebnen könnte seiner Ansicht nach eine Politik der wahren Kosten, die Wettbewerbsnachteile von ökologisch handelnden Unternehmen ausgleicht.

Landwirte brauchen stabile Rahmenbedingungen

Das Problem, das der Ausweitung des Öko-Landbaus entgegensteht, verdeutlichte Jan Plagge, Präsident der EU-Gruppe der Internationalen Vereinigung ökologischer Landbaubewegung (IFOAM EU) und des Bio-Anbauverbandes Bioland, mit der Frage: „Warum sollte ich umstellen, wenn ich es nicht honoriert bekomme?“ Bislang werden die Agrarsubventionen der EU überwiegend über pauschale Direktzahlungen pro Fläche ausgeschüttet. Dabei ist es unerheblich, ob die Flächen ökologisch bewirtschaftet werden, oder nicht. Bio-Landwirte erhalten zwar eine zusätzliche Förderung, diese reiche aber nicht aus, um den Mehraufwand und den Minderertrag der umweltverträglichen Produktion zu kompensieren, kritisieren Bio-Verbände immer wieder. Gegenüber Herstellern und Handel können die Bio-Landwirte die deshalb notwendigen höheren Bio-Preise oft nicht in der notwendigen Höhe durchsetzen.

In Deutschland werden 10,1 Prozent der landwirtschaftlichen Fächen ökologisch bewirtschaftet. So steht es im Branchenreport 2020 Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Bis 2030 strebt die Bundesregierung mit ihrer Zukunftsstrategie ökologischer Landbau eine Steigerung auf 20 Prozent an.

Es liege in der Verantwortung von Herstellern und Handel, „ruhige, stabile Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Landwirte ihre Aufgabe in Ruhe, Liebe und Achtsamkeit tun können“, so die Ansicht von Boris Voelkel, der seit April 2019 als Mitglied der Geschäftsführung die Geschicke der familieneigenen Naturkostsafterei mitbestimmt.

Um seinen Lieferanten das Auskommen zu sichern, zahlt Voelkel antizyklische Preise. Für Äpfel erhalten Obstbauern gut doppelt so viel als aufgrund der guten Ernte im deutschen Markt gerade üblich ist. Bei Holunderbeeren dagegen, deren Preise sich zuletzt vervielfacht haben, zahlt Voelkel dafür weniger. „Unsere Lieferanten haben den Preis um drei Cent erhöht, während der Weltmarkt komplett durchdreht“, berichtet Voelkel.

Im Einzelhandel kann sich Voelkel einen Preisaufschlag am Regal vorstellen, der vollständig an die Landwirte durchgereicht wird. Eine Summe von „fünf oder zehn Cent“ hält er dabei aus Endkundensicht für machbar. Probleme bei der Umsetzung sieht Voelkel vor allem in den bestehenden logistischen Strukturen: „Da kann das nicht durchgetragen werden bis zum Landwirt.“

Boris Voelkel kann sich einen Preisaufschlag am Regal vorstellen, der Landwirten zugute kommt.

Im Laden müssen Geschichten erzählt werden

Volker Krause sieht die Verantwortung bei der Politik, das Machtgefälle vom Handel zum Landwirt zu reduzieren, „das geht nicht durch Idealismus, das muss auch der Staat durch Handelsrecht steuern“. Im Laden und in den Medien müssten Geschichten erzählt werden, „nur darüber verbinden wir uns mit den Verbrauchern“. Die Bohlsener Mühle eröffnete im September einen Laden in Lüneburg, der nicht nur als Verkaufs-, sondern auch als Erfahrungsraum für Getreide, Verarbeitung und Backhandwerk dient.

Jan Plagge sprach sich ebenfalls für Begegnungsflächen im Einzelhandel aus, die Verbrauchern den Einstieg in ihren eigenen „Umstellungsprozess“ bieten. Noch mehr reine Information, könne nicht die Lösung sein, um den Bio-Konsum zu steigern, so der Bioland-Präsident, „da muss uns etwas Intelligenteres einfallen“. Dafür brauche es den Einzelhandel, denn der Ort, an dem die Menschen einkaufen, habe eine starke Lenkungsfunktion. Ein Beispiel, das Plagge nannte, ist die Aktion von Rewes Discount-Tochter Penny, die in einer Berliner Filiale für eine kurze Zeit „wahre Preise“ auswies, und laut Marcus Wewer, Referent für ökologischen Landbau bei der Rewe und Vorstand Handel im BÖLW, Verbraucher zur Diskussion anregte.

Blattfrisch-Gründer Georg Neubauer (auf dem Podium links) und digital zugeschaltet, BNN-Geschäftsführerin Kathrin Jäckel (auf dem Bildschirm rechts) und Marcus Wewer, Rewe-Referent und Handelsvorsitzender im BÖLW (auf dem Bildschirm mittig), mit den Moderatoren Wolfgang Köhler und Theresia Kübler.

Gerade mit Blick auf die junge Generation, die bei Fridays for Future auf die Straße geht, werde die Glaubwürdigkeit im Marketing immer wichtiger. Die „Generation Greta“ falle nicht mehr auf Greenwashing herein, sagte Robert Poschacher, Bereichsleiter Bio-Produkte, in der Edeka Zentrale. Für Blattfrisch-Gründer Neubauer bedeutet das „ich muss nach dem handeln, was ich kommuniziere.“ Das hält er für umso schwieriger je größer die Unternehmen sind. Neubauer: „Ich habe erlebt, dass gerade der Einkauf andere Ziele verfolgt als die Kommunikation, da war immer die erste Frage nach dem Preis, um ein Konzept ging es da nie, das ist nicht ganzheitlich.“

Der Fachhandel richtet sich seit Oktober 2019 mit der vom Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) gestarteten Kampagne „Öko statt Ego“ an die Verbraucher: analog mit Elementen in den Läden, und digital über Kanäle in den sozialen Netzwerken Facebook und Instagram. Ziel ist es, so BNN-Geschäftsführerin Kathrin Jäckel bei den Öko-Marketingtagen, „Einkaufsstätten, die 100 Prozent Bio anbieten, und sich darüber hinaus für Klimaschutz, Bodenschutz, Artenvielfalt und vieles mehr engagieren, zu stärken.“ Unterstützt wird die Kampagne laut Jäckel derzeit von rund 600 Partnerbetrieben, die auf der Webseite zu „Öko statt Ego“ auf einer interaktiven Karte abgebildet sind. Die ersten Reaktionen auf die Kampagne fielen branchenintern gut aus.

Landwege aus Lübeck gibt Verbrauchern die Möglichkeit, sich an dem Vollsortimenter mit fünf Filialen zu beteiligen. Wie Vorstandsmitglied Tina Andres berichtete, zählt die regionale Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft rund 1.000 genossenschaftliche Mitglieder, darunter 30 Landwirte mit Höfen im Umkreis von maximal 100 Kilometern, und findet immer mehr Anhänger unter „Verbrauchern, die ihr Geld bei uns arbeiten lassen wollen.“

Tina Andres stellt die Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft Landwege aus Lübeck vor.

3. Öko-Marketingtage digital

Aufgrund von Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie musste die Stiftung Haus der Bauern die dritte Auflage der Öko-Marketingtage ins Internet verlagern. Am ursprünglichen Veranstaltungsort, Schloss Kirchberg an der Jagst, wurde der Rittersaal zum Studio umgebaut. Nur wenige Mitwirkende waren vor Ort. Über den Live-Stream verfolgten 450 Teilnehmer die Beiträge. Anders als bei den bisherigen Präsenztagungen üblich gewesen, wurde für die digitale Variante keine Gebühr erhoben. Der Veranstalter bat stattdessen um einen freiwilligen Solidaritätsbeitrag.

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