Biohandel

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Mitgliedschaft von Kaufland

Bio-Fachhandel fühlt sich von Demeter verraten

Die Aufnahme von Kaufland als Mitglied in den Bio-Anbauverband stößt der Bio-Branche übel auf. Das zeigt eine Leserumfrage von BioHandel.

Lebensmittelhändler Kaufland, der wie Discounter Lidl zur Schwarz-Gruppe gehört, ist kürzlich dem Demeter-Verband als neues Mitglied beigetreten. In der Bio-Branche hat der Abschluss des Markennutzungsvertrags unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Tendenziell scheint die Stimmung unter den Branchen-Akteuren besorgt.

Der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) äußerte in einer offiziellen Stellungnahme Bedenken, ob sich Kaufland langfristig wirklich an die mit Demeter vereinbarten Regeln für Qualität und Fairplay halten wird, und ob ein möglicher Verstoß Konsequenzen von Seiten des Verbands nach sich ziehen würde. „Ansonsten sind die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche und die Werte für die sie steht, gefährdet“, teilte Volkmar Spielberger in seiner Rolle als BNN-Vorstand mit. Demeter-Vorstand Johannes Kamps-Bender signalisierte Entwarnung.

In einer ersten Blitzumfrage von BioHandel gaben 78 Prozent der Teilnehmer an, dass Demeter der Bio-Branche mit der Aufnahme von Kaufland schade. Ein gegenteiliges Votum gaben 22 Prozent der Befragten ab.

Die Ergebnisse einer weiteren, nicht repräsentativen Umfrage von BioHandel ergeben ein ähnliches Bild. 161 Leser haben uns ihre Meinung anonym mitgeteilt. 76 Prozent finden die Demeter-Mitgliedschaft von Kaufland „gefährlich“, 14 Prozent bewerten sie mit „gut“, nur 10 Prozent ist die Sache egal.

Von den Befragungsteilnehmern, die die Partnerschaft gefährlich finden, bezweifeln etliche genau wie Spielberger, dass sich Kaufland an die Abmachungen mit Demeter halten wird. Viele fürchten, der Lebensmittelhändler könnte seine Marktmacht missbrauchen und sehen die Demeter-Grundsätze gefährdet.

Es fallen Begriffe wie „Preisdumping“ oder „Massenproduktion“. Einige erwarten einen langfristigen Schaden für Demeter. Die Kooperation sei „unüberlegt“ und „naiv“, für Kaufland nichts als „Schmuck“, finden mehrere Befragte – einer verwendet den Begriff „Greenwashing“.

Kaufland verramsche Bio, heißt es mehrfach, sowohl in Bezug auf den Gedanken, als auf die Produkte. „Gute Bio-Produkte werden inflationär“, schreibt ein Befragter. Das schade dem Image von Bio und der Fachhandel leide mit.

Für den Bioladner heißt das wieder Pionierarbeit

Befragungsteilnehmer

Gleich mehrere Fachhändler teilen mit, sie fühlten sich und die ursprüngliche Öko-Idee verraten. Einer schreibt: „Für den Bioladner heißt das wieder Pionierarbeit, und stärker regionale Strukturen aufzubauen, und dem Kunden erklären, dass die Produkte im Bioladen aus nachhaltigen kleineren Betrieben kommen (…) Die Bio-Branche muss sich deutlich und schnell davon absetzen und Bio 4.0 starten.“

Demeter begründete den Schritt damit, mehr Kunden erreichen zu wollen. Ein Befragter schreibt: „Aus Sicht von Kaufland und Demeter ist der Schritt folgerichtig, weil er zumindest mittelfristig beide Marken stärkt. Für den ethischen und den Qualitätsanspruch von Demeter ist es allerdings eine Infektion mit einer potentiell tödlichen Krankheit.“ Ein anderer teilt mit: „Öffnung ist gut, aber ich sehe wirklich nicht, wie Demeter und Kaufland zusammengehen sollen.“

Umdenken muss stattfinden

Wenige Befragungsteilnehmer finden die Kooperation dennoch gut. Sie mache Demeter-Produkte bekannter, loben sie. Es müsse ein Umdenken stattfinden, damit Bio von der Alternative zum Standard wird. Das funktioniere nach Meinung eines Befragten nur, „wenn auch große Handelsketten mitziehen“. Ein weiterer sieht als Vorteil der Kooperation: „So kann der Verband mitgestalten und Einfluss nehmen. Für mehr Menschen werden Demeter Produkte zugänglich.“

Anderer Umgang mit Demeter-Ware?

Ob sie mit Demeter-Ware aufgrund der Mitgliedschaft von Kaufland im Verband anders umgehen, wollte BioHandel noch von den Befragungsteilnehmern wissen. Das Ergebnis fällt gemischt aus: 33 Prozent sagen ja, 35 Prozent votieren mit nein, 32 Prozent lassen die Antwort offen.

Bleibt anzuwarten, wie sich die Situation entwickeln wird. BNN-Vorstand Spielberger sagte, der Demeter-Verband müsse sich daran messen lassen, ob Kaufland den gemeinsam getroffenen Vereinbarungen nachkommt.

Kommentare

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Susanne Kiebler

Sehr geehrter Herr Rieck, liebe Kommentatoren,
Sie haben recht: Die Gesellschaft befindet sich in einer Transformation. Ob Klimawandel, Ökologie, ein anderes, faireres soziales Wirtschaften – all diese Fragen sind lange nicht mehr so sehr – und ich möchte sagen: noch nie in dieser Breite – ins Bewusstsein der Menschen gerückt. Bio boomt und auch Demeter-Produkte erfahren eine große Nachfrage und Wertschätzung. Dabei geht es uns um drei Dinge:
- Wir wollen möglichst viel Landwirt*innen begeistern, ihre Höfe auf die Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise umzustellen.
- Wir wollen möglichst vielen Menschen ermöglichen, Demeter-Produkte kaufen und ihre besondere Qualität genießen zu können.
- Dabei stellen wir höchste Anforderungen an Qualität und ethische Maßstäbe über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg.
Deshalb können wir Ihre Bedenken verstehen und teilen ihre Sorgen. Genau vor diesem Hintergrund haben wir die Verhandlungen mit den Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels geführt. Wir haben namentlich mit Kaufland dazu einen intensiven zweijährigen Prozess durchlaufen und Erfahrungen gesammelt. Denn bereits in diesen zwei Jahren haben rund 30 Demeter-Mitglieder Kaufland mit ihren Produkten beliefert. Die Erfahrungen auf Seiten der Demeter-Hersteller und -Erzeuger waren überwiegend positiv. Wo es Probleme gab, wurden diese abgestellt. Aber nicht nur das: gerade die von Ihnen angesprochenen unlauteren Handelspraktiken sind zentraler Bestandteil unserer Vereinbarungen mit dem LEH.
Nicht nur mit Kaufland, sondern auch mit weiteren Handelspartnern schließt Demeter- Vereinbarungen zu Fairplay und mehr Transparenz in der Wertschöpfungskette.
Dennoch haben Sie auch hier recht: Auch wenn wir als Demeter dadurch mit dem LEH durchaus auf Augenhöhe zusammenarbeiten können, so ist es trotzdem richtig, dass sich die Rahmenbedingungen dringend verändern müssen: In Deutschland wie vielerorts in Europa hat sich aufgrund der von wenigen Händlern dominierten Marktstruktur ein ruinöser Preiswettbewerb als Normalität etabliert. Dieser macht letztlich Fairness entlang der Wertschöpfungskette unmöglich und vor allem die landwirtschaftlichen Erzeuger leiden darunter. Es ist allerhöchste Zeit, dass die Politik hier gegensteuert. Landwirtschaftsministerin Klöckner hat im Moment die Chance, mit einer effektiven Übersetzung der von Ihnen angesprochenen EU-Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken hier erheblichen Fortschritt zu schaffen. Leider sieht es aber aus als würde sie stattdessen ein vollständig ineffektives Gesetz verabschieden lassen wollen, das keines seiner Ziele erreichen wird. Wir als Demeter bringen uns gemeinsam mit Partnern intensiv in diesen politischen Prozess ein, um bessere Rahmenbedingungen im Lebensmittelhandel – und aktuell vor allem ein effektives Gesetz gegen unlautere Handelspraktiken – zu erreichen. Hier finden Sie unser gemeinsames Positionspapier: https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/ttip_und_ceta/handel_fairness_lebensmittelhandel.pdf
Wir sind der Auffassung, dass wir als Demeter-Gemeinschaft und -Bewegung viel einbringen können in diesen Prozess der Transformation und wir merken, dass wir auf eine Bereitschaft treffen, sich auf unsere Werte einzulassen und auf eine Bereitschaft hinzuzulernen – auch bei Playern außerhalb der traditionellen Bio-Branche. Deswegen haben wir uns entschlossen, die Chance zu ergreifen, als Demeter-Verband die Entwicklung der Lebensmittelbranche mitzuprägen hin zu einer, die fairer und nachhaltiger ist.
Gestatten Sie mir noch eine Bemerkung: Die Welt ist leider nicht mehr schwarz-weiß. So begegnen wir den von Ihnen angesprochenen Handelspraktiken leider vermehrt auch im Biofachhandel. Wir sind bereit und freuen uns, mit allen intensiv zusammenzuarbeiten, die sich auf unsere Werte und hohe Anforderungen einlassen, um mit dem biodynamischen Impuls die Land- und Ernährungswirtschaft in Anbau, Verarbeitung und Handel zu transformieren.
Unter diesem Aspekt kann man die Umfrage vom Biohandel auch genau umgekehrt lesen als es die tendenziöse Überschrift des Artikels vermuten lässt. In Deutschland gibt es ca. 2025 Biofachhandelsunternehmen mit 2600 Bioläden. An der Umfrage haben 166 Leser teilgenommen. Wären diese Leser alle Biofachhändler, wären es also Vertreter*innen von etwa 8 % der Bioläden in Deutschland. Davon wiederum will nur ein Drittel die Zusammenarbeit mit Demeter überdenken – das wären also knapp 3 % aller Ladner*innen. Und auch unsere Verbandszahlen sprechen eine andere Sprache: Ca. 340 Biofachhändler sind Demeter-Partner. Und ca. 500 Biofachhändler beteiligen sich an der Biofachhandels-Kampagne „Boden-Connection“ von Demeter. Die Kampagne schafft unmittelbar im Laden Bewusstsein für eine der wichtigsten Grundlagen des biodynamischen Landbaus: Gesunde Böden (http://www.bodenconnection.de/). Sie setzt damit auf die Stärken des Biofachhandel, die ihn zum Pionier gemacht haben.
Die Aufgabe, die wir alle zusammen haben, ist gewaltig. Lasst uns unsere Energie darauf verwenden, sie überall dort gemeinsam anzugehen und kraftvoll umzusetzen, wo wir Veränderung erreichen können, die unseren Werten entspricht. Je mehr Regalmeter wir in den Läden mit den entsprechenden Produkten besetzen, umso besser – egal ob im Biofachandel oder im LEH.

Mit besten Grüßen
Alexander Gerber, Demeter-Vorstand

Georg Rieck

- Demeter verhandelt mit den Zentralen des LEH“ LZ7/20-

Sehr geehrter Dr. Alexander Gerber,

„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten“ A.Einstein

Welches Ergebnis erwarten Sie, wenn Sie sich mit den LEH-Zentralen einlassen?
„Listungsgebühren entsprechen nicht unseren Vorstellungen von guten Handelsbeziehungen“ ...
Ich gehe davon aus, dass Sie den Einkauf des LEH kennen, die Erpressungs-methoden, die Gebührenschinderei, die Preisdrückerei und das ganze Arsenal des Grauens!?
Die Bluthunde des Einkaufs zu bändigen, versucht sogar die EU mit dem Gesetz gegen unlautere Handelspraktiken bisher vergeblich. Warum, glauben Sie, macht Frau Merkel das Thema am 3.2. zur Chefsache im Kanzleramt? Weil die Spitzen des LEH alle so brav am Kulturwandel arbeiten?
Sie wissen so gut wie ich, dass in 200 Jahren Kolonialgeschichte erlerntes Handeln tief drinsitzt, wie die Grundfärbung in der Wolle. Die werden immer das Gleiche weitermachen – die werden sich nicht wandeln, weil sie in diesem Fall ihre Macht aufgeben müssten.

Die Bio-Branche ist angetreten, weil das ökologische Desaster schon Anfang der 1970er sichtbar wurde – silent spring ... Die Bio-Branche hat den Menschen das Versprechen gegeben, es anders zu machen um zu anderen Ergebnissen zu kommen!

Im Angesicht der Dimension der Probleme heute, entspricht der radikale, ökologische Ansatz (demeter Richtlinien) zwar der Notwendigkeit einer schnellen Transformation und könnte eine Systemveränderung mit bewirken, würde dabei allerdings wahrscheinlich bei maximal 20% des Marktes bleiben – wär aber immer noch eine stattliche Expansion!
Wenn Sie aber – wie Bioland - umschwenken in Richtung Massenbio im Massenmarkt (viel, billig und bequem) wird der radikale Ansatz unterliegen und im Endeffekt nur ein Greening der industriellen Landwirtschaft dabei herauskommen.

Aber auch dieser kleine, langsame Fortschritt würde nicht erreicht, wenn wir nicht mit Authentizität, Glaubwürdigkeit und Sorgfalt das ökologische Produktionssystem vorleben würden. Fair zu Boden, Pflanze, Tier und Mensch geht nur, wenn jeder die Partner seiner Vorstufe hegt und pflegt.
Dem destruktiven Drucksystem des LEH wird das zarte Bio-Pflänzchen demeter nicht standhalten können!
Ich halte es für hellen Wahnsinn, wenn Sie das in 50 Jahren Erreichte genau in dem historischen Moment auf den Schlachtfeldern des LEH opfern, in dem Gesellschaft und Politik endlich anfangen die Probleme ernst zu nehmen.

Ja – Bio soll breiter werden, es soll organisch wachsen! Solange Sie mit Einzel-Kaufleuten der konventionellen Strukturen handeln, ist das zwar gefährlich, aber mit etwas Glück können Sie das überleben. Dem Drucksystem des Oligopols haben Sie aber nichts entgegenzusetzen. Wenn Sie sich mit den Zentralen des LEH einlassen, machen Sie das Gleiche, wie Alle, die vor Ihnen gefressen worden sind.

Ich appelliere öffentlich an Sie: Tun sie es nicht!

Gruß Georg Rieck

Brief an Alexander Gerber vom 28.2.20 – nie beantwortet.

Jens Groß

Ich frage mich erstens wie kann den ein Kaufland überhaupt demeter-Mitglied werden? Machen die jetzt plötzlich 20% Prozent Umsatz mit demeter-Artikeln? Für die ist demeter doch ein absolutes Randsortiment.
Aber zweitens bevor man jetzt über die Glaubwürdikeit einer Schwarz-Gruppe bezüglich der Einhaltung unserer kooperativen Handelsphilosophie spekuliert, sollten wir mal schauen, dass auch alle aktuellen EH-Akteure in der Biobranche hier auf dem richtigen Weg sind. Dumpingpreisangebote im Obst und Gemüse sind beispielsweise schon lange bei bestimmten Biofilialisten ganz normal und gehören zum täglichen Handelsgebaren. Und diese Händler sind auch noch Mitglied im BNN und fühlen sich berufen für die selbständigen Fachhändler zu sprechen.
Also erst mal vor der eigenen Tür kehren und dann kann man auch mal beim LEH vorbeischauen, ob es da was zu meckern gibt.

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