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Existenzsichernde Löhne

Lidl zahlt künftig Preisaufschlag für Bananen

Der Discounter will dazu beitragen, dass die Arbeiter auf den Bananen-Plantagen ein existenzsicherndes Einkommen erhalten. Partner bei der Umsetzung sind Fairtrade und der Zertifizierer Flocert.

05.05.2022 vonLeo Frühschütz

Bei der Umsetzung arbeitet Lidl mit Fairtrade und dem Zertifizierer Flocert zusammen.

Der Discounter will dazu beitragen, dass die Arbeiter auf den Bananen-Plantagen ein existenzsicherndes Einkommen erhalten. Partner bei der Umsetzung sind Fairtrade und der Zertifizierer Flocert.

Lidl hat angekündigt, einen Preisaufschlag für das gesamte Bananensortiment von Plantagen zu zahlen – sowohl für Fairtrade-zertifizierte Bio-Bananen, konventionelle Fairtrade-Bananen als auch für Bananen, die das Rainforest Alliance-Siegel tragen. Dabei soll der Verkaufspreis gleich bleiben. Gemeinsam mit den Lieferanten, Fairtrade und Flocert habe man ein „System entwickelt, um sicherzustellen, dass der erforderliche Preisaufschlag für existenzsichernde Löhne genau ermittelt und den Plantagen durch Lidl und seine Geschäftspartner gezahlt wird“, schreibt das Unternehmen: „In einem vierstufigen Prozess wird zunächst die Lohnsituation analysiert, der Referenzpreis für existenzsichernde Löhne ermittelt, stichprobenartig seine Zahlung bis zur Ebene der Plantage und die Weitergabe des Aufschlags an die Arbeiter unabhängig kontrolliert.“

Was sind Living Wages?

Dabei müssen Lidl und seine Partner das Rad nicht neu erfinden. Bereits vor über zehn Jahren entwickelten die Soziologen Richard and Martha Anker ein Modell, um regionale existenzsichernde Einkommen (Living Wages) in den Ländern des Südens zu berechnen – differenziert nach Land oder Stadt sowie verschiedenen Sektoren. Als existenzsichernd gilt ein Lohn laut Fairtrade Deutschland „erst dann, wenn er nicht nur die Kosten für Grundbedürfnisse wie Lebensmittel, Wasser und Wohnen abdeckt, sondern auch Ausgaben für Bildung, medizinische Versorgung, Beförderungsmittel, Kleidung sowie Rücklagen für Notsituationen ermöglicht“. Inzwischen sind eine Vielzahl von Studien entstanden, die solche Living Wages berechneten – und dabei zeigten, dass die jeweils geltenden staatlichen Mindestlöhne meist weit darunter lagen.

Das gilt auch für viele Löhne und Erzeugerpreise, die für Bio- und Fairtrade-Produkte gezahlt werden. Zwar widmet sich der niederländische Importeur für Bio-Obst und -Gemüse Eosta seit Jahren dem Thema. Darüber hinaus ist die Bio-Branche das Problem bisher kaum angegangen, während Fairtrade in den letzten Jahren entsprechende Schritte unternommen hat, um zu Living Wages zu kommen. Für den Bananensektor legte Fairtrade International im Dezember 2020 einen Basislohn für Plantagenarbeiter fest. Er trat im Juli 2021 in Kraft trat, beträgt mindestens 70 Prozent des regionalen Living Wage und soll schrittweise erhöht werden. In Ländern die weit unter diesem Basislohn liegen - wie etwa die Dominikanische Republik, wichtigster Lieferant für Bio-Bananen – bedeute das einen Anstieg von bis zu15 Prozent für die Arbeiter, schrieb Fairtrade International.

Nicht nur Lidl handelt

Lidl hat also mit seinem Vorgehen bei Fairtrade offene Türen eingerannt und wird entsprechend gelobt: „Als erster Händler unternimmt das Unternehmen damit weitreichende Schritte, um die Lohnsituation im Bananensektor zu verbessern“, schreibt Fairtrade Deutschland, schränkt aber ein: „Damit Beschäftigte auf Bananenplantagen tatsächlich einen existenzsichernden Lohn erhalten, müssten jedoch weitere Unternehmen mitziehen. Nur wenn jedes Unternehmen anteilig einen Preisaufschlag zahlt, kann die Erreichung eines existenzsichernden Lohnes sichergestellt werden“.

In den Niederlanden haben sich mehrere Supermarktketten zusammengetan, um zu Living Wages bei Bananen zu kommen. Die britische Handelskette Tesco zahlt bereits seit Januar 2022 für Bananen einen Aufschlag für Living Wages und hat angekündigt, ab Januar 2024 nur noch von Plantagen zu kaufen, die ihren Arbeitern nachweislich Living Wages zahlen.

Kommentar

Wieder mal verpennt
Im Bio-Fachhandel hatte Hermann Heldberg, Geschäftsführer von Naturkost Elkershausen im Frühjahr 2016 eine Debatte über existenzsichernde Löhne und Preise angestoßen und ein gemeinsames Vorgehen – auch bei Bananen – angemahnt. Entstanden ist daraus nichts. „Faire Löhne oder billige Preise? Im Prinzip ja, aber in der Praxis regiert auch bei Bio der freie Markt“, schrieb damals der BioHandel (Heft 10/2016, ab S.67). Daran hat sich bis heute wenig geändert. Der einzige Biohändler, der das Thema Living Wages aktiv bearbeitet und das auch kommuniziert, ist meines Wissens der niederländische Obst- und Gemüseimporteur Eosta. Dass viele Bio-Bananen im Fachhandel nicht von Plantagen sondern von Kleinbauernkooperativen stammen, ist übrigens kein Argument. Denn auch Kleinbauern brauchen ein existenzsicherndes Einkommen. Es wird Zeit, dass die Bio-Branche nicht nur davon redet, sondern die vorhandenen Berechnungen dafür endlich zur Kenntnis nimmt und umsetzt.

Leo Frühschütz

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